{"id":9935,"date":"2000-03-01T17:30:00","date_gmt":"2000-03-01T16:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/moegliche-ursachen-von-jugendgewalt-eine-geschlechtsspezifische-betrachtung\/"},"modified":"2000-03-01T12:00:00","modified_gmt":"2000-03-01T11:00:00","slug":"moegliche-ursachen-von-jugendgewalt-eine-geschlechtsspezifische-betrachtung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/168\/publikation\/moegliche-ursachen-von-jugendgewalt-eine-geschlechtsspezifische-betrachtung\/","title":{"rendered":"M\u00f6gliche Ursachen von Jugendgewalt \u0096 eine geschlechtsspezifische Betrachtung"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilung Nr. 169, S. 15<\/p>\n<p>Immer wieder wird in der letzten Zeit \u00fcber Jugendgewalt gesprochen und es werden Diskussionen \u00fcber die Ursachen gef\u00fchrt. Als Ursache werden in der \u00f6ffentlichen Diskussion immer wieder gewaltt\u00e4tige Medieninhalte &#150; insbesondere vermittelt durch das Fernsehen und durch Computerspiele &#150; genannt. Gerade unter Laien scheint dieses Erkl\u00e4rungsmuster sehr popul\u00e4r sein, vielleicht deswegen, weil es dadurch m\u00f6glich ist, &#132;den Medien&#147; die Schuld in die Schuhe zu schieben, ohne sich n\u00e4her mit dem gesellschaftstrukturellen Hintergrund von Gewalt befassen zu m\u00fcssen. Selbst nach Professor Pfeiffer, Kriminologe in Hannover, kann Jugendgewalt nicht durch den Einfluss der Medien erkl\u00e4rt werden. Pfeiffer macht deutlich, dass gewaltt\u00e4tige Medieninhalte gewaltf\u00f6rdernd auf hierf\u00fcr gef\u00e4hrdete Jugendliche wirken k\u00f6nnen (siehe HU-Pressemitteilung: &#132;Die Gesellschaft als Geisel&#147; in den Mitteilungen Nr. 168, S. 101). Also muss selbst nach dieser Ansicht bereits eine anderweitige Gef\u00e4hrdung vorliegen. Dies liegt auch auf der Hand, kann doch eine gewaltt\u00e4tige Mediendarstellung beim Betrachtenden auch das Gegenteil zur Folge haben, n\u00e4mlich das Ausl\u00f6sen von Abscheu gegen diese Gewalt. M\u00f6gliche Gewaltursachen m\u00fcssen also anderswo gesucht werden:<br \/>In diesem Zusammenhang sollte einmal die Tatsache betrachtet werden, dass Gewaltdelikte Jugendlicher &#8211; und nicht nur Jugendlicher &#8211; fast ausschlie\u00dflich ein m\u00e4nnliches Problem sind; Jugendgewalt ist in den meisten F\u00e4llen Jungengewalt. Wer hier mit biologischen Argumenten kommt, verkennt, dass Gewalt ein soziales Konstrukt ist, Geschlechterverhalten ist antrainiertes Rollenverhalten. Ein typisches Rollenverhalten von Jungen ist nach wie vor eine starke Gef\u00fchlsnegierung. Dies kann man schon aus blo\u00dfer Beobachtung schlie\u00dfen: W\u00e4hrend sich jugendliche M\u00e4dchen etwa oftmals mit Umarmung und K\u00fcssen begr\u00fc\u00dfen, sieht man dies unter Jungen praktisch \u00fcberhaupt nicht. Letztlich erscheint es mir naheliegend, dass diese Erziehung der Jungen zur Gef\u00fchlsnegierung auch mangelndes Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen zur Folge hat und damit m\u00f6glicher Weise auch eine erh\u00f6hte Gewaltanwendung ausl\u00f6st. Wer hier erwidert, heutzutage w\u00fcrden Eltern ihre Kinder doch unabh\u00e4ngig vom Geschlecht gleich behandeln, \u00fcbersieht, dass Kinder nicht nur durch ihre Eltern sozialisiert werden. Im Fernsehen etwa werden Jungen oftmals als die wilden Draufg\u00e4nger dargestellt, w\u00e4hrend die M\u00e4dchen oftmals eine verantwortungsvollere, auch einf\u00fchlsamere Rolle darstellen. In diesem Zusammenhang einzuordnen ist auch das meiner Ansicht nach h\u00e4ufig biologistisch verknappte Sexualit\u00e4tsbild vieler Jungen. Sexualit\u00e4t wird oftmals als etwas rein technisches begriffen, sie wird reduziert auf den heterosexuellen Beischlaf zwischen Mann und Frau; dass Sexualit\u00e4t &#8211; auch zwischen Mann und Frau &#8211; mehr darstellt als nur Geschlechtsverkehr, scheint vielfach nicht bekannt zu sein. Diese Einstellung zur Sexualit\u00e4t f\u00fchrt zu einer k\u00fcnstlichen Zwangsheterosexualit\u00e4t, die alle anderen m\u00f6glichen Formen von Z\u00e4rtlichkeit, Erotik und Sexualit\u00e4t nicht zul\u00e4sst. Zur Folge hat dies, dass gerade unter m\u00e4nnlichen Jugendlichen Z\u00e4rtlichkeit und das Zeigen von Gef\u00fchlen untereinander verp\u00f6nt ist, was wiederum Gef\u00fchlsnegierung und m\u00f6glicher Weise Gewalt zur Folge hat.<br \/>Die Behauptung, Geschlechterrollen spielten heute keine Rolle mehr, ist einzuschr\u00e4nken: In den letzten Jahrzehnten liegt eine einseitige Aufhebung der Geschlechterrollen vor: Die traditionelle M\u00e4dchenrolle ist deutlich abgeschw\u00e4cht: Ein M\u00e4dchen, das in die traditionelle Jugendrolle strebt, sich etwa f\u00fcr Technik interessiert und gern Fu\u00dfball findet, wird in den meisten F\u00e4llen Anschluss finden und von ihrer Altersgruppe &#8211; aber auch insgesamt &#8211; akzeptiert werden. Auch Frauen haben heute in fr\u00fcher den M\u00e4nnern vorbehaltenen Berufen gute Chancen, etwa als Lokf\u00fchrerin, Busfahrerin oder Ingenieurin. Andererseits ist die Jungenrolle viel weniger stark aufgel\u00f6st: Ein Junge, der in die traditionelle M\u00e4dchenrolle strebt; etwa gef\u00fchlvoll ist und gern mit Puppen oder Pferden spielt, wird es wesentlich schwerer haben, akzeptiert zu werden. Dass die Geschlechterrollen nur einseitig aufgel\u00f6st sind, sieht man schon an einer \u00c4u\u00dferlichkeit: W\u00e4hrend M\u00e4dchen, die ehemals Jungen vorbehaltenen Hosen tragen, selbstverst\u00e4ndlich voll akzeptiert werden; w\u00fcrde der Junge mit M\u00e4dchenkleidern verspottet werden.<br \/>Die Aufl\u00f6sung der alten Frauenrolle hat im Laufe dieses Jahrhunderts dazu gef\u00fchrt, dass auch M\u00e4dchen Abitur machen und in die Arbeitswelt streben. Die freie Entfaltung der M\u00e4dchen und Frauen ist dadurch erst m\u00f6glich geworden. Jungen sind heute in gewisser Weise die Benachteiligten, weil sie noch immer viel st\u00e4rker an ihre Rolle gebunden sind. Woran liegt es wohl, dass heute etwa auf Hauptschulen deutlich mehr Jungen als M\u00e4dchen zu finden sind, dass auch bei denjenigen, die gar keinen Schulabschluss schaffen, die Jungen deutlich in der \u00dcberzahl sind? Liegt es nicht vielleicht daran, dass M\u00e4dchen von den f\u00fcr das Zurechtkommen in der Gesellschaft n\u00fctzlichen Teilen der alten M\u00e4dchenrolle &#8211; wie Verantwortungsbewusstsein und Geduld &#8211; weiterhin profitieren, w\u00e4hrend die sie ausgrenzenden Teile der alten M\u00e4dchenrolle &#8211; der Zwang zu Haus und Herd &#8211; verschwunden sind? Jungen dagegen bleiben in ihrer alten M\u00e4nnlichkeitsrolle des &#132;starken, gef\u00fchllosen&#147; Geschlechts gefangen und erlernen dadurch die sich aus dem gef\u00fchlvollen Umgang miteinander erschlie\u00dfenden Kompetenzen nicht &#8211; auch eine m\u00f6gliche Ursache von Gewalt.<br \/>Bezeichnender Weise richtet sich auch die geschlechtsspezifische Jugendarbeit in der Praxis in der \u00fcberwiegenden Mehrzahl an M\u00e4dchen. Schon bei Veranstaltungen f\u00fcr Kinder im Grundschulalter werden oftmals spezielle M\u00e4dchenangebote durchgef\u00fchrt, teilweise gibt es gar M\u00e4dchenspielpl\u00e4tze. Vergleichbare Angebote f\u00fcr Jungen bleiben dahinter deutlich zur\u00fcck. Sehr merkw\u00fcrdig auch die Begr\u00fcndungen f\u00fcr diese M\u00e4dchenprojekte: Es habe sich gezeigt, dass M\u00e4dchen durch das draufg\u00e4ngerische und von sich selbst eingenommene Verhalten der Jungen ihre eigene Pers\u00f6nlichkeit nicht angemessen entfalten k\u00f6nnten. Das mag ja sogar stimmen, aber die darauf folgende Reaktion kann man nur als verfehlt bezeichnen: Zum einen m\u00fcssen M\u00e4dchen auch im t\u00e4glichen Leben mit Jungen umgehen und m\u00fcssen sich auch als Erwachsene mit M\u00e4nnern auseinandersetzen, zum Anderen: Warum schafft man hier einen zweifelhaften Schutzraum f\u00fcr M\u00e4dchen, anstatt das Problem bei der Wurzel zu packen und sich daran zu machen, die Jungen aus ihrer Geschlechterrolle zu befreien. Es w\u00e4re ja auch im Sinne der Frauen: Letztlich w\u00e4re es f\u00fcr Frauen wesentlich leichter Familie und Beruf zu vereinen, wenn mehr M\u00e4nner die Kinderbetreuung \u00fcbernehmen w\u00fcrden; dass dies immer noch recht wenig sind, liegt auch an der im Jungenalter vermittelten M\u00e4nnlichkeitsrolle.<br \/>Zum Abschluss: Nach meiner Auffassung kann Ursache f\u00fcr Jungengewalt auch das fortdauernde Gefangensein in der m\u00e4nnlichen Geschlechterrolle sein. Wir sollten uns aber auch aus einem anderen viel wichtigeren Grund endlich daran machen, Jungen aus ihrer Geschlechterrolle zu befreien: Damit diese sich \u00e4hnlich frei entfalten k\u00f6nnen wie die M\u00e4dchen dies zumindest im europ\u00e4ischen Kulturkreis endlich tun k\u00f6nnen!<br \/>Zur Diskussion um Gewaltpr\u00e4vention sei abschlie\u00dfend noch angemerkt: Eine tats\u00e4chliche Steigerung der Jugendgewalt ist nicht feststellbar. Zudem w\u00e4re eine freiheitliche Gesellschaft ganz ohne Gewalt meines Erachtens nicht zu erreichen. Auch in einer Gesellschaft, in der sich alle Menschen wirklich frei entfalten k\u00f6nnen und es keine Rollenbilder g\u00e4be, g\u00e4be es F\u00e4lle von Gewalt. Wo sich Menschen entfalten, wird es stets zu Konflikten kommen, die in Gewalt m\u00fcnden k\u00f6nnen. Eine vollkommen gewaltlose Gesellschaft wird man nur um den Preis absoluter Konformit\u00e4t erreichen k\u00f6nnen &#150; ein Ziel, das kaum erstrebenswert sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Steve Schreiber<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[289],"publikationen":[966],"class_list":["post-9935","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-steve-schreiber","publikationen-966"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>M\u00f6gliche Ursachen von Jugendgewalt \u0096 eine geschlechtsspezifische Betrachtung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/168\/publikation\/moegliche-ursachen-von-jugendgewalt-eine-geschlechtsspezifische-betrachtung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"M\u00f6gliche Ursachen von Jugendgewalt \u0096 eine geschlechtsspezifische Betrachtung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilung Nr. 169, S. 15 Immer wieder wird in der letzten Zeit \u00fcber Jugendgewalt gesprochen und es werden Diskussionen \u00fcber die Ursachen gef\u00fchrt. 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