{"id":9978,"date":"1999-06-01T19:20:00","date_gmt":"1999-06-01T17:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ansprache-des-hu-bundesvorsitzenden-dr-till-mueller-heidelberg\/"},"modified":"1999-06-01T12:00:00","modified_gmt":"1999-06-01T10:00:00","slug":"ansprache-des-hu-bundesvorsitzenden-dr-till-mueller-heidelberg","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/166\/publikation\/ansprache-des-hu-bundesvorsitzenden-dr-till-mueller-heidelberg\/","title":{"rendered":"Ansprache des HU-Bundesvorsitzenden Dr. Till M\u00fcller-Heidelberg"},"content":{"rendered":"<p>Die Humanistische Union verleiht den Fritz-Bauer-Preis:<\/p>\n<p>Mitteilungen Nr. 166, S. 38<\/p>\n<p>&#8230; ich begr\u00fc\u00dfe Sie alle ganz herzlich zur \u00dcbergabe des Fritz-Bauer-Preises der Humanistischen Union 1999 und darf mich zun\u00e4chst bei der Pr\u00e4sidentin des Bundesverfassungsgerichts, Frau Limbach, ebenso herzlich bedanken f\u00fcr ihre Begr\u00fc\u00dfungsworte und f\u00fcr die M\u00f6glichkeit, da\u00df wir diese Preisverleihung heute im Bundesverfassungsgericht, am &#132;Sitz des Rechts&#147; vornehmen k\u00f6nnen, was f\u00fcr eine B\u00fcrgerrechtsorganisation, die seit bald 40 Jahren f\u00fcr die Einhaltung und den Ausbau der Grundrechte und des Rechtsstaates k\u00e4mpft, von besonderer Bedeutung und Symbolkraft ist.<br \/>Die Humanistische Union, die \u00e4lteste B\u00fcrgerrechtsorganisation Deutschlands, verleiht heute den Fritz-Bauer-Preis an Frau Helga Seibert. Leider kann ich den Preis heute Frau Seibert nicht pers\u00f6nlich \u00fcberreichen. Mir ist aber nachdr\u00fccklich von mehreren Seiten versichert worden, wie sehr Frau Seibert, die so ganz unpr\u00e4tenti\u00f6se Verfassungsrichterin, sich gefreut hat, als ich ihr im Februar dieses Jahres als Bundesvorsitzender der Humanistischen Union den Fritz-Bauer-Preis angetragen und sie gebeten habe, ihn anzunehmen. Deshalb haben wir uns im Einvernehmen mit ihrer Familie und ihrem beruflichen Umfeld, insbesondere des Bundesverfassungsgerichts und seiner Pr\u00e4sidentin Frau Limbach, entschlossen, dennoch heute diese Preisverleihung vorzunehmen und den Preis ihrem Bruder, Herrn Dr. Gerhard Seibert, zu \u00fcberreichen.<br \/>Der &#150; ideelle &#150; Preis ist benannt nach Fritz Bauer, dem fr\u00fcheren hessischen Generalstaatsanwalt, und wird verliehen an Frauen und M\u00e4nner, die sich besonders f\u00fcr Gerechtigkeit und Menschlichkeit eingesetzt haben. Wieso ist ein solcher Preis benannt nach einem Generalstaatsanwalt? Wieso wird er heute &#150; erstmals &#150; an eine ehemalige Bundesverfassungsrichterin verliehen? Was hat die heutige Preistr\u00e4gerin gemeinsam mit ihren Vorg\u00e4ngerinnen und Vorg\u00e4ngern.<br \/>Fritz Bauer wurde 1933 als j\u00fcngster Richter in Deutschland wegen seiner Nazigegnerschaft aus dem Justizdienst entlassen, w\u00e4hrend die gro\u00dfe Masse der deutschen Richterschaft mit den neuen Machthabern gut zurecht kam. Fritz Bauer fiel aus dem Rahmen. Als er 1961 als hessischer Generalstaatsanwalt zu den Mitgr\u00fcndern der ersten B\u00fcrgerrechtsorganisation in Deutschland, der Humanistischen Union, geh\u00f6rte, war auch das nicht typisch f\u00fcr einen deutschen Staatsanwalt. Und als er mit Energie und gegen viele Widerst\u00e4nde in Frankfurt den Auschwitz-Proze\u00df durchsetzte, ging es ihm in erster Linie darum, dieses Schandmal nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, es allen bewu\u00dft zu machen, aufzukl\u00e4ren. Ein Strafproze\u00df als Instrument der Aufkl\u00e4rung, der gesellschaftlichen Entwicklung, und nicht in erster Linie zum Zwecke der Bestrafung &#150; auch das war ungew\u00f6hnlich. Die H\u00f6he der Bestrafung war Fritz Bauer relativ gleichg\u00fcltig. Eher im Gegenteil. In seiner Amtszeit war ein Schwerpunkt seiner T\u00e4tigkeit als Generalstaatsanwalt die Humanisierung des Strafvollzugs.<br \/>Deshalb verleiht die Humanistische Union den Fritz-Bauer-Preis an Frauen und M\u00e4nner, die aus dem Rahmen fallen, die gegen den Strich b\u00fcrsten, die sich f\u00fcr Gerechtigkeit und Menschlichkeit einsetzen &#150; schlimm genug, da\u00df letzteres h\u00e4ufig schon automatisch als aus dem Rahmen fallend gilt.<br \/>Wenn sich heute mit Frau Seibert erstmals eine Bundesverfassungsrichterin in die Liste der Fritz-Bauer-Preistr\u00e4ger einreiht, so stellt sich die Frage, was verbindet sie? Das Verbindende ist &#150; wie schon eben beim Namensgeber des Preises gezeigt &#150; das Handeln gegen den Trend, der Einsatz f\u00fcr Menschlichkeit und Gerechtigkeit, f\u00fcr Minderheitsgruppen, f\u00fcr die Schwachen. Wie ich es bei den letzten Preisverleihungen formuliert habe und heute schon aus Gr\u00fcnden der Kontinuit\u00e4t wiederholen m\u00f6chte: &#132;Das Gemeinsame ist das Streben, eine gerechte menschliche Gesellschaft zu schaffen.&#147;<br \/>Hier reiht sich die heutige Preistr\u00e4gerin w\u00fcrdig ein. Im einzelnen wird dies die Laudatorin, Frau Leutheusser-Schnarrenberger, darstellen. Dies ist immer die schwierige Abgrenzung zwischen Laudatio und Preisbegr\u00fcndung. Aber eins l\u00e4\u00dft sich schon jetzt feststellen: W\u00e4hrend sich seit langem, von den B\u00fcrgerrechtsorganisationen \u00fcberwiegend vergeblich bek\u00e4mpft, ein Trend zum Abbau und zur Einschr\u00e4nkung von Grundrechten feststellen l\u00e4\u00dft, hat Frau Seibert in ihrem Arbeitsgebiet &#150; Familienrecht, Kindschaftsrecht, Gleichstellung &#150; gegen diesen allgemeinen Trend einen Ausbau und eine Vertiefung der Grundrechte erreicht. Und dabei hat sie sich nicht nur auf Artikel, Paragraphen und Dogmatik gest\u00fctzt, sondern die soziale Wirklichkeit in den Blick genommen, weil es bei Rechtsprechung eben um Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu gehen hat. In meinem Brief an Frau Seibert mit der Bitte, den Fritz-Bauer-Preis anzunehmen, habe ich geschrieben: &#132;Diese mit Ihrer Rechtsprechung erzielte Wirkung der Reformen im Ehe- und Kindschaftsrecht stellt f\u00fcr uns B\u00fcrgerrechtsarbeit im besten Sinne dar.&#147;<br \/>Deshalb \u00fcberreicht die Humanistische Union heute stellvertretend f\u00fcr die Preistr\u00e4gerin an ihren Bruder Dr. Gerhard Seibert den Fritz-Bauer-Preis, und wenn ich Ihnen nunmehr das Bildnis von Fritz Bauer und die Preismedaille \u00fcberreiche, so m\u00f6chte ich das darauf eingravierte Zitat von Fritz Bauer verlesen:<\/p>\n<p>Gesetze sind nicht auf Pergament, sondern auf empfindliche<br \/>Menschenhaut geschrieben.<\/p>\n<p>(Fritz Bauer, 1903 &#150; 1968)<\/p>\n<p>Ein Satz, den jeder Gesetzgeber und jeder Richter permanent bedenken sollte, wie es Frau Seibert vorbildhaft und preisw\u00fcrdig getan hat.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[775],"autoren":[],"publikationen":[968],"class_list":["post-9978","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-termine-fritz-bauer-preis","publikationen-968"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - 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