{"id":9994,"date":"1999-06-01T16:40:00","date_gmt":"1999-06-01T14:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/mehr-oder-weniger-transparenz-in-bruessel\/"},"modified":"2021-08-31T10:13:51","modified_gmt":"2021-08-31T08:13:51","slug":"mehr-oder-weniger-transparenz-in-bruessel","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/166\/publikation\/mehr-oder-weniger-transparenz-in-bruessel\/","title":{"rendered":"Mehr oder weniger Transparenz in Br\u00fcssel"},"content":{"rendered":"<p>Konferenz debattierte &uuml;ber neue Regeln f&uuml;r Zugang zu Akten europ&auml;ischer Beh&ouml;rden:<\/p>\n<p>Mitteilungen Nr. 166, S. 54<\/p>\n<p>Rat und Kommission verfolgten bei der Frage nach der Transparenz ihrer eigenen Arbeit bisher eine eher restriktive Politik: An Dokumente, die sich im Besitz der beiden Institutionen befinden, ist nur schwer heranzukommen. Au&szlig;erdem spielt sich der Gesetzgebungsvorgang, immerhin der zentrale Proze&szlig; f&uuml;r Ver&auml;nderungen in einer Demokratie, hinter verschlossenen T&uuml;ren ab. Neue Vorschl&auml;ge und die Tagesordnungen der Sitzungen sind h&ouml;chstens f&uuml;r erfahrene Lobbyisten in Erfahrung zu bringen. Im Bereich der Legislative sind au&szlig;erdem &uuml;ber 500 kleine Aussch&uuml;sse beteiligt, die auf unklarer gesetzlicher Grundlage arbeiten und jeweils nur Spezialisten bekannt sind. <br \/>Abhilfe kann nur eine gr&ouml;&szlig;ere Transparenz der Arbeit durch &ouml;ffentliche Sitzungen und ein allgemeines Akteneinsichtsrecht f&uuml;r den B&uuml;rger gew&auml;hrleisten &ndash; dies war die zentrale Forderung des Kongresses &bdquo;Opening doors for democracy in Europe &ndash; Conference on transparency and access to documents&ldquo; Ende April in Br&uuml;ssel, dessen Hauptorganisatoren die Gruppe der Gr&uuml;nen im Europ&auml;ischen Parlament und die englische B&uuml;rgerrechtsorganisation statewatch waren.<br \/>Hauptanla&szlig; f&uuml;r die Konferenz, auf der sich rund hundert Journalisten, Juristen und Politiker trafen, ist eine neue Bestimmung im Amsterdamer Vertrag, der nun am 1. Mai in Kraft trat. Nach diesem neuen Artikel 255 EG-Vertrag hat nun jeder B&uuml;rger das Recht auf Akteneinsicht. Der neue Artikel lautet:<\/p>\n<p>(1) Jeder Unionsb&uuml;rger sowie jede nat&uuml;rliche oder juristische Person mit Wohnsitz oder Sitz in einem Mitgliedstaat hat das Recht auf Zugang zu Dokumenten des Europ&auml;ischen Parlaments, des Rates und der Kommission vorbehaltlich der Grunds&auml;tze und Bedingungen, die nach den Abs&auml;tzen 2 und 3 festzulegen sind.<br \/>(2) Die allgemeinen Grunds&auml;tze und die aufgrund &ouml;ffentlicher oder privater Interessen geltenden Einschr&auml;nkungen f&uuml;r die Aus&uuml;bung dieses Rechts auf Zugang zu Dokumenten werden vom Rat binnen zwei Jahren nach Inkrafttreten des Vertrags von Amsterdam gem&auml;&szlig; dem Verfahren des Artikels 251 festgelegt.<br \/>(3) Jedes der vorgenannten Organe legt in seiner Gesch&auml;ftsordnung Sonderbestimmungen hinsichtlich des Zugangs zu seinen Dokumenten fest.<\/p>\n<p>Die neue Bestimmung ist zwar ohne Zweifel ein Fortschritt, doch werden die entscheidenden Weichen in der Verordnung nach Absatz 2 getroffen. Wichtig w&auml;re zum Beispiel die Frage, was unter den Begriff &bdquo;Dokument&ldquo; f&auml;llt: Alle Akten, die die Institution besitzt oder nur alle, von denen sie Autor ist? Wie ist bez&uuml;glich Dokumenten f&uuml;r den internen Dienstgebrauch zu entscheiden? Unklar ist au&szlig;erdem, f&uuml;r welche Institutionen die neue Verordnung gilt, da der Artikel im EG-Vertrag nur Rat, Kommission und Parlament nennt, aber mehr Transparenz zum Beispiel auch f&uuml;r den Europ&auml;ischen Gerichtshof oder den Ausschu&szlig; der Regionen w&uuml;nschenswert w&auml;re. <br \/>F&uuml;r die Verordnung hat die Kommission das Vorschlagsrecht, von dem sie wahrscheinlich im Herbst Gebrauch machen wird. Gro&szlig; war deshalb auf dem Kongre&szlig; die Spannung, wie sich die Vertreterin der Kommission, Mary Preston, pr&auml;sentieren w&uuml;rde. Der Kommission eilt schlie&szlig;lich der Ruf voraus, gr&ouml;&szlig;ter Widersacher gegen mehr Transparenz zu sein und leider hat sich dies best&auml;tigt. Preston &uuml;berraschte zun&auml;chst mit der Mitteilung, da&szlig; es ein neues internes Diskussionspapier der Kommission gebe, wie die neue Verordnung aussehen k&ouml;nnte. Leider w&auml;re sie &bdquo;nicht darauf gekommen, das Papier f&uuml;r diese Konferenz zu kopieren&ldquo;. Ein Konferenzteilnehmer urteilte anschlie&szlig;end s&uuml;ffisant, da&szlig; man &bdquo;darauf erst einmal kommen mu&szlig;, darauf nicht zu kommen&ldquo;. <br \/>Als das Papier nach Protesten schlie&szlig;lich doch vorlag, wurde auch klar, warum Preston es lieber nicht auf der Konferenz diskutieren wollte. Vorgeschlagen wurde zum Beispiel, das neue Zugangsrecht nicht auf &bdquo;interne Akten&ldquo; zu beziehen, welche alle die sein sollen, die nicht &bdquo;legislative&ldquo; Akten sind. Nach Sch&auml;tzungen w&uuml;rde diese Regelung &uuml;ber die H&auml;lfte aller EU-Akten, von vornherein dem Zugriff interessierter B&uuml;rger entziehen. Damit w&auml;re sogar ein R&uuml;ckschritt zur heutigen Rechtslage zu beklagen, wo im Prinzip f&uuml;r alle Akten angefragt werden kann, obgleich die Institution dieselben wegen der fehlenden gesetzlichen Verpflichtung nur selten herausgeben mu&szlig;.<br \/>In einem anderen Passus des Papiers der Kommission war mit erstaunlicher Offenheit von einem &bdquo;Embargo-System&ldquo;, mit der man Dokumente der &Ouml;ffentlichkeit vorenthalten solle, die Rede. Der Herausgeber des englischen Magazins statewatch und europaweit bekannter Feind von Heimlichkeit in der B&uuml;rokratie, Tony Bunyan, urteilte daher: &bdquo;Diese &Uuml;berlegungen w&uuml;rden die Uhr zur&uuml;cksetzen auf die Zeit vor dem Maastricht-Vertrag.&ldquo; <br \/>Da die neue Verordnung jedoch nicht von der Kommission alleine beschlossen wird, sondern auch der Rat und das Europ&auml;ische Parlament zustimmen m&uuml;ssen, waren die Konferenzteilnehmer besonders an der Position der finnischen Regierung interessiert. Finnland wird schlie&szlig;lich im Herbst die Ratspr&auml;sidentschaft innehaben, wenn die Kommission ihren ersten Vorschlag pr&auml;sentiert. Die finnische Vertreterin Tiina Astola machte einen progressiven Eindruck und legte Wert auf die Feststellung, da&szlig; man jetzt die Kommission nicht unter Zeitdruck setzen d&uuml;rfe, damit es im Herbst einen guten, also sich von dem aktuellen Papier unterscheidenden Vorschlag gebe. Andere Konferenzteilnehmer meinten hingegen, da&szlig; die Kommission jetzt erst recht unter &ndash; politischen &ndash; Druck gesetzt werden m&uuml;sse. Nach den ersten &Auml;u&szlig;erungen des neuen Kommissionspr&auml;sidenten Romano Prodi erscheint es allerdings wahrscheinlich, da&szlig; Prodi selbst innerhalb der Kommission f&uuml;r eine progressivere Sichtweise sorgen wird.<br \/>Durch die aktuellen Entwicklungen gerieten die &uuml;brigen Diskussionspunkte auf der Konferenz ein wenig in den Hintergrund. So wurde die Rechtsprechung des Gerichtshofes und die Einlassungen des Ombudsmanns Jakob S&ouml;dermann analysiert. F&uuml;r die Humanistische Union berichtete Achim Berge von der Klage, die gegen die Kommission 1997 erfolgreich gef&uuml;hrt wurde. Der damalige Hauptstreitpunkt, n&auml;mlich die Meinung von Rat und Kommission, zu einer schriftlichen Anwort mit Begr&uuml;ndung bei Aktenanfragen von B&uuml;rgern nicht verpflichtet zu sein, ist jedoch nach wie vor aktuell: In dem umstrittenen Diskussionspapier vertritt die Kommission weiterhin ihre Ansicht. <br \/>Im &uuml;brigen fiel auf der Konferenz auf, da&szlig; das Interesse an dem Thema Akteneinsichtsrecht nach S&uuml;den in Europa hin abnimmt. W&auml;hrend schwedisch neben englisch als Konferenzsprache bezeichnet werden konnte, waren die Vertreter aus S&uuml;deuropa an einer Hand abzuz&auml;hlen. Neben dem Vertreter der Humanistischen Union kam mit einer Vertreterin der Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung nur eine weitere Person aus Deutschland. Dieses Interesse ist um so bedauerlicher, als das Thema &bdquo;Zugang der &Ouml;ffentlichkeit zu Beh&ouml;rdenakten&ldquo; demn&auml;chst in Deutschland sehr aktuell werden wird. Schlie&szlig;lich arbeitet das Innenministerium bereits an einem Entwurf f&uuml;r das im Koalitionsvertrag vereinbarte Informationsfreiheitsgesetz, mit dem erstmals bundesweit die Beh&ouml;rden f&uuml;r die B&uuml;rger ge&ouml;ffnet werden sollen.<\/p>\n<p>Achim Berge (<a href=\"mailto:aberge%40hotmail.com\">aberge@hotmail.com<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[21,69,31],"tags":[682,663,688],"autoren":[293],"publikationen":[968],"class_list":["post-9994","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-demokratisierung","category-europa","category-informationsfreiheit","tag-demokratisierung","tag-europa","tag-informationsfreiheit","autoren-achim-berge","publikationen-968"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Mehr oder weniger Transparenz in Br\u00fcssel - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/166\/publikation\/mehr-oder-weniger-transparenz-in-bruessel\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Mehr oder weniger Transparenz in Br\u00fcssel - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Konferenz debattierte &uuml;ber neue Regeln f&uuml;r Zugang zu Akten europ&auml;ischer Beh&ouml;rden: Mitteilungen Nr. 166, S. 54 Rat und Kommission verfolgten bei der Frage nach der Transparenz ihrer eigenen Arbeit bisher eine eher restriktive Politik: An Dokumente, die sich im Besitz der beiden Institutionen befinden, ist nur schwer heranzukommen. 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