{"id":14200,"date":"2003-08-19T17:50:00","date_gmt":"2003-08-19T15:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/laudatio-zur-verleihung-des-fritz-bauer-preises-an-dieter-schenk\/"},"modified":"2021-09-04T00:08:59","modified_gmt":"2021-09-03T22:08:59","slug":"laudatio-zur-verleihung-des-fritz-bauer-preises-an-dieter-schenk","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/2003\/laudatio-zur-verleihung-des-fritz-bauer-preises-an-dieter-schenk\/","title":{"rendered":"Laudatio zur Verleihung des Fritz-Bauer-Preises an Dieter Schenk"},"content":{"rendered":"<p><i>Mitteilungen Nr. 182, S.8<\/i><\/p>\n<p>Als ich die Laudatio f\u00fcr das heutige Fest vorbereitete, habe ich meine Jurastudenten an der Lodzer Universit\u00e4t gefragt, f\u00fcr die Dieter Schenk als Ehrenprofessor bereits seit 5 Jahren Vortr\u00e4ge \u00fcber die Geschichte des Nationalsozialismus h\u00e4lt: woran liegt es, dass sie alle so gern seine Vorlesungen besuchen und darauf immer wieder mit <i>standing ovations <\/i>reagieren ?<i> <\/i>Als Antwort bekam ich zu h\u00f6ren: &#8222;<i>Das <\/i>ist <i>eine strahlende Pers\u00f6nlichkeit&#8220;. <\/i>Dann, ein bisschen eifers\u00fcchtig, habe ich weiter gefragt: was <i>strahlt<\/i> denn aus dem Kollegen Professor Schenk? Und die Studenten haben mir geantwortet: &#8222;<i>Die Ehrlichkeit seiner Worte und die Ehrlichkeit der Art und Weise seiner \u00c4u\u00dferung<\/i>.&#8220; Diese Antwort meiner Studenten hat bewirkt, dass ich wieder eine ethische Formel gesucht habe, die ich hiermit gegen\u00fcber Dieter Schenk ausdr\u00fccken m\u00f6chte und die er jetzt best\u00e4tigt mit seinem Lebenslauf und mit seinem Schaffen.<\/p>\n<p>Diese ethische Formel m\u00f6chte ich &#8211; mit Ihrer, meine Damen und Herren, intellektuellen Teilnahme und Unterst\u00fctzung formulieren als eine Begr\u00fcndung f\u00fcr den Fritz-Bauer-Preis, welchen, in wenigen Momenten, der Held des heutigen Festes &#8211; Dieter Schenk erhalten wird.<\/p>\n<p>Die Analyse seines Lebens und seiner T\u00e4tigkeit f\u00fchrt mich zur tiefen \u00dcberzeugung, dass es nur eine Formel gibt, die das ganze Schaffen von Dieter Schenk mit seiner Schriftstellerei und mit seiner T\u00e4tigkeit enthalten w\u00fcrde, und sie lautet so: <i>der Gegensatz der Liebe ist nicht der Hass, sondern die Gleichg\u00fcltigkeit. Diese Gleichg\u00fcltigkeit macht uns Menschen zu blo\u00dfen Objekten und deswegen ist die Gleichg\u00fcltigkeit f\u00fcr B\u00f6se schlimmer als B\u00f6se in sich selbst.<\/i><\/p>\n<p>Die T\u00e4tigkeit und das Werk Dieter Schenks bildet ein edelm\u00fctiger, konsequenter und moralisch wie faktografisch begr\u00fcndeter Widerstand gegen dieses \u00dcbel. Dieter Schenk hat dieses \u00dcbel der Gegenwart sowohl in seiner T\u00e4tigkeit als Kriminalbeamter, als auch auf den Karten der Nazi-Geschichte als Schriftsteller und Publizist enth\u00fcllt und entdeckt. Nicht gleichg\u00fcltig bleiben und es anderen nicht erlauben, sich zu verstecken hinter einem Gleichg\u00fcltigkeitsvorhang gegen das B\u00f6se sowohl der Gegenwart als auch gegen das B\u00f6se der Nazi-Geschichte ist seine Mission. Dieses B\u00f6se verfolgt Dieter Schenk mit eine detektivischen Eindringlichkeit, und er ben\u00fctzt dabei die Werkzeuge seiner Forschungswerkstatt mit gro\u00dfer Perfektion. Er verwendet Werkzeuge aus verschiedenen Fachgebieten wie denen der Geschichte, der Psychologie, der Kriminologie, als auch des Rechts und der Ethik.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse der Verwendung aller dieser Werkzeuge finden wir in seiner reichen Schriftstellerei.<\/p>\n<p>Seine Ehrlichkeitsausstrahlung, \u00fcber die j\u00fcngere Zuh\u00f6rer seiner Vortr\u00e4ge an der Lodzer Universit\u00e4t berichtet haben, hat eine Quelle in der Sauberkeit seines Herzens, in der Weise seiner Einf\u00fchlung und in seiner Empfindlichkeit. Diese Empfindlichkeit macht aus ihm einen meisterhaften und empathief\u00e4higen Beobachter.<\/p>\n<p>Diese Eigenschaften finden wir in seinen B\u00fcchern &#8222;<i>Der Wind ist des Teufels Niesen. Die Geschichte eines jungen Zigeuners&#8220;<\/i> (1992) und &#8222;<i>Der weisse Elefant&#8220;<\/i> (1995).<\/p>\n<p>Diese edelm\u00fctigen Eigenschaften seiner Pers\u00f6nlichkeit bestimmten Dieter Schenk als Kriminalbeamter. Er war zw\u00f6lf Jahre beim Hessischen Landeskriminalamt, \u00fcberwiegend als Leiter der Rauschgiftzentralstelle, und insgesamt f\u00fcnf Jahre Leiter einer Kriminalpolizeidienststelle. 1981 wurde er Kriminaldirektor in der Stabstelle Interpol des Bundeskriminalamtes Wiesbaden. Er reiste in \u00fcber 60 Staaten auf allen Kontinenten, \u00fcberwiegend aber in die Dritte Welt und in Krisenl\u00e4nder. Das, was er dort erfuhr, erlebte, was die Seiten seiner Seele ber\u00fchrte, finden wir in literarischer Transformation in seinen B\u00fcchern &#8222;<i>Es geschah vor meinen Augen. Amnesty International Isabels Geschichte&#8220;<\/i> (1993) und &#8222;<i>BKA &#8211; Die Reise nach Beirut. Ein politischer Tatsachenroman&#8220;<\/i> (1995) wiedergegeben.<\/p>\n<p>Zeigend das B\u00f6se und seine Opfer studiert Dieter Schenk auch seine \u00c4tiologie. Dabei weist er nicht nur auf seine Mechanismen hin, sondern auch auf die Menschen, die daf\u00fcr verantwortlich sind nicht nur wegen der unmittelbaren T\u00e4terschaft, aber auch wegen der Gleichg\u00fcltigkeit, was unter anderem das Buch &#8222;<i>Tod einer Polizistin. Die Geschichte eines Skandals&#8220;<\/i> (2000) zeigt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Bek\u00e4mpfung der Pathologie in Gesellschaft und Wirtschaft ist es notwendig die vielseitige Natur der Ursachen zu verstehen, wovon das Buch &#8222;<i>Wirtschaftsverbrechen. Der innere Feind der freien Marktwirtschaft&#8220;<\/i> (1992), dessen Mitherausgeber Dieter Schenk ist, handelt.<\/p>\n<p>In seinen Untersuchungen will Dieter Schenk die Handlungsmotive der Menschen, \u00fcber die er schreibt, kennen lernen. Er sucht ihre Ratio zu egr\u00fcnden, untersucht ihre Denkungsweisen, er ist geduldiger Zuh\u00f6rer verschiedener Argumente, Rechte und sogar Vertraulichkeiten. Dank dieser Untersuchungsmethode entstand auch sein Buch &#8222;<i>Der Chef. Horst Herold und das BKA&#8220;<\/i> (1998).<\/p>\n<p>Den untersuchten Stand der Dinge beschreibend, stellt Dieter Schenk immer wieder die Frage: Warum geschah es so, wie war das m\u00f6glich? Suchend nach der Antwort auf diese Frage, untersucht er auch diejenige Vergangenheit, die so viele gerne vergessen m\u00f6chten. Er verfolgt und weist auf konkrete Personen als T\u00e4ter hin. Dabei weist er nachdr\u00fccklich darauf hin, dass die Tatsache, dass diese Personen sich aller Verantwortung entzogen haben, nicht nur die Vergangenheit und Gegenwart beeintr\u00e4chtigt und belastet, sondern auch unsere Zukunft. Diese Einsicht finden wir besonders in seinem Buch mit dem Titel: &#8222;<i>Auf dem rechten Auge blind. Die braunen Wurzeln des BKA<\/i>&#8220; (2001) dargelegt und entfaltet.<\/p>\n<p>Aus dem ganzen Schaffen von Dieter Schenk erfolgt f\u00fcr den Leser vor allem ein Gedanke: Gleichg\u00fcltigkeit gegen das B\u00f6se, das B\u00f6se der Vergangenheit und der Gegenwart macht uns f\u00fcr dieses B\u00f6se mitverantwortlich. Niemand kann uns von dieser Verantwortung befreien &#8211; nur wir selbst durch unsere eigenen Stellungnahmen im jeweiligen Wertesystem. Aber solche Selbstbestimmung im Wertesystem verpflichtet uns auch zum Ziehen der Konsequenzen im Verh\u00e4ltnis zu uns selber. Dieter Schenk hat den Mut, das alles, was er seinen Lesern \u00fcbermittelt und das, was er verk\u00fcndet, auch an sich zu wenden. 1990 beantragte er beim Bundeskriminalamt seine vorzeitige Versetzung in den Ruhestand. Aber dieser Schritt hatte keinen Einfluss auf die Entschlossenheit in der Erf\u00fcllung seiner Mission, weil diese Entscheidung Schenks innere Mission ganz offensichtlich best\u00e4tigte.<\/p>\n<p>Dieter Schenk, enth\u00fcllend das B\u00f6se, f\u00fchlt sich verantwortlich f\u00fcr das Schicksal der von dem B\u00f6sen getroffenen Opfer, und auch f\u00fcr das Schicksal ihrer Angeh\u00f6rigen. Mit seinem Verhalten lehrt er, dass so lange wie es uns nur m\u00f6glich ist, wir die Pflicht haben, geschehenes Unrecht wieder gut zu machen. Auch uns befreit nicht die Gnade der sp\u00e4ten Geburt von der Verpflichtung, das B\u00f6se der Vergangenheit mitzuempfinden und moralische Sch\u00e4den wieder gut zu machen.<\/p>\n<p>Nach der Ver\u00f6ffentlichung des Buches &#8222;<i>Die Post von Danzig. Geschichte eines deutschen Justizmords&#8220;<\/i> (1995), das zur Aufhebung des Unrechtsurteils des deutschen Gerichts gegen die Verteidiger der Polnischen Post gef\u00fchrt hat, beteiligte sich Dieter Schenk mit gro\u00dfem Einsatz an der Entsch\u00e4digung f\u00fcr lebende Familienmitglieder polnischer Postm\u00e4nner, die er pers\u00f6nlich kennen gelernt hat und f\u00fcr die er ein Symbol ist &#8211; ein Deutscher, der ihren Glauben an den Sinn der Geschichte und an den Sinn von Worten wie &#8222;Wahrheit&#8220; und &#8222;Gerechtigkeit&#8220; wiederherstellte. Die Einwohner von Danzig w\u00fcnschten sich, dass er einer von ihnen wird, indem sie ihm vor wenigen Monaten die Ehrenb\u00fcrgerschaft ihrer Stadt zuerkannt haben. Diese Entscheidung Danziger B\u00fcrger ist von gro\u00dfer Bedeutung, weil es sich in Danzig um eine immer noch lebendige Geschichte handelt, die am 1. September 1939 begann und die Dieter Schenk mit seiner Person und mit seinem, in diesen Tagen gerade erscheinenden Jugendbuch &#8222;<i>Wie ich Hitler Beine machte. Eine Danziger Polin im Wiederstand<\/i>&#8220; aufgreift und w\u00fcrdigt.<\/p>\n<p>Wir alle hier Anwesenden haben ein Gef\u00fchl f\u00fcr die symbolische Bedeutung, dass Dieter Schenk gerade heute den Fritz-Bauer-Preis erh\u00e4lt, am hundertsten Jahrestag der Geburt des Namenspatrons dieses Preises. Und wie viel diese beiden hervorragenden Pers\u00f6nlichkeiten miteinander verbindet.<\/p>\n<p>Wenn ich in der Hauptkommission zur Verfolgung von Verbrechen gegen die polnische Nation in Warschau die polnischen Unterlagen der Frankfurter Auschwitzprozesse geforscht habe, konnte ich nicht verstehen, warum erst in der 1. H\u00e4lfte der 60er Jahre die deutsche Justiz sich die M\u00fche gemacht hat, nach Auschwitz-Birkenau zum Lokaltermin zu kommen, um mit eigenen Augen diejenige Realit\u00e4t zu sehen, \u00fcber die die Anklageschrift gegen die angeklagten Naziverbrecher berichtete. Erst die Erkenntnis der Rolle, die der Staatsanwalt Fritz Bauer in Vorbereitung der Auschwitzprozesse gespielt hat, konnte mir verstehen, dass ohne die f\u00fchrende, edle, moralisch verpflichtende T\u00e4tigkeit dieser gro\u00dfen Person, deutsche Richter wahrscheinlich nie nach Auschwitz hinfahren wollten. Die Mission des Lebens von Fritz Bauer hat sich in vielen F\u00e4den der T\u00e4tigkeit und des Schaffens von Dieter Schenk fortgesetzt.<\/p>\n<p>Dieter Schenk begn\u00fcgt sich nicht mit der Enth\u00fcllung des Verbrechens, mit seiner pr\u00e4zisen Beschreibung, mit der Identifizierung der T\u00e4ter. Er stellt die Frage, warurn diese entlarvten T\u00e4ter nicht strafrechtlich zur Verantwortung gezogen worden sind. Er will die \u00c4tiologie der im Namen der nationalsozialistischen Ideologie begangenen Verbrechen zeigen, in allen historischen und politischen Kontexten die Nichtverfolgung der Nazit\u00e4ter in der Bundesrepublik Deutschland aufzeigen. Solch eine Untersuchung ist auch das Buch mit dem Titel &#8222;<i>Hitlers Mann in Danzig. Gauleiter Forster und die NS-Verbrechen in Danzig-Westpreussen<\/i>&#8220;. Sowohl zu der deutschen als auch zu der polnischen Ausgabe hatte ich die Ehre, das Vorwort zu schreiben. Mit Spannung beobachtete ich die Arbeit des Autors an diesem Buch und vor allem seine Studien zu Forsters Prozess vor dem polnischen Obersten Nationalgerichtshof, von dem der Gauleiter 1948 zur Todesstrafe verurteilt wurde. Der Professor der Lodzer Universit\u00e4t Mieczyslaw Siewierski, der Lehrer meines Lehrers, war der Ankl\u00e4ger in diesem Prozess. Ich stehe in der Tradition beider dieser Juristen. Deshalb war f\u00fcr mich die Beurteilung von Dieter Schenk so wichtig, ob der Prozess, in dem der Staatsanwalt M. Siewierski f\u00fcr die Todesstrafe pl\u00e4dierte, gerecht war, im Sinne des <i>fair trial<\/i>.<\/p>\n<p>Das war ein fairer Prozess schrieb Dieter Schenk in seinem Buch. Mit tiefer Genugtuung empfand ich diese Feststellung, die ich auch mit zahlreichen anderen polnischen Prozessen verbinde, von denen ich den gr\u00f6\u00dften Teil pers\u00f6nlich untersuchte. In diesen Prozessen wurden nach dem Krieg T\u00e4ter der Naziverbrechen verurteilt &#8211; fast f\u00fcnftausend Deutsche, \u00d6sterreicher und Volksdeutsche.<\/p>\n<p>In diesem zuletzt genannten Buch schrieb Dieter Schenk jedoch auch, dass der Prozess, in dem 1946 der Bischof von Danzig, Karl Maria Splett, wegen Zusammenarbeit und Unterordnung gegen\u00fcber Forster verurteilt wurde, ein stalinistischer Schauprozess war. Auch in diesem Fall hat der Autor Recht mit seiner Beurteilung des Prozesses. Zwar sollte man diesen Prozess als eine Ausnahme in der polnischen Justiz bezeichnen, jedoch die Feststellung von Schenk veranlasste mich zum Suchen nach der heute entsprechenden und notwendigen L\u00f6sung dieser Frage.<\/p>\n<p>Dem Helden dieser Laudatio verdanke ich mithin die Anregung, polnische Prozesse der T\u00e4ter von Naziverbrechen zu untersuchen, um die Antwort auf die Frage zu finden, ob Angeklagten in diesen Prozessen nur f\u00fcr eigene, von ihnen begangene Verbrechen verantwortlich gemacht wurden, ob bestrafende Urteile nicht m\u00f6glicherweise gegen den Grundsatz der individuellen Verantwortung f\u00fcr begangene Taten verstie\u00dfen. Ob diese Prozesse wom\u00f6glich gar mit der gemeinsamen Verantwortung aller vor den polnischen Gerichten stehenden Deutschen belastet waren.<\/p>\n<p>Um die Quelle solcher Gef\u00e4hrlichkeit zu verstehen, muss man an die abschlie\u00dfenden S\u00e4tze aus dem Tagebuch von Stephan Ernst erinnern. Das Tagebuch betitelte der Autor &#8222;<i>\u00dcber den Krieg Gro\u00dfdeutschlands gegen die Juden von Warschau in den Jahren 1939-1943&#8220;<\/i> und er unterbrach die Beschreibung \u00fcber das, was er im Warschauer Ghetto erlebte, unter dem Datum 28. Mai 1943 schreibend in den letzten S\u00e4tzen: &#8222;<i>Wir haben von den Deutschen den Grundsatz gemeinsamer (kollektiver) Verantwortung gelernt (&#8230;) sie haben uns wie eine Meute tollw\u00fctiger Hunde behandelt und wenn der Tag der Abrechnung kommt, wird es sich zeigen, dass wir flei\u00dfige und gelehrige Sch\u00fcler sind, weil wir verstanden haben, dass jeder Deutsche eine Bestie ist und der Strafe auf Grund des Grundsatzes der gemeinsamen (kollektiven) Verantwortung unterliegt<\/i>&#8220;.<\/p>\n<p>Das erste Werk, herausgegeben 1945, geschrieben vom Professor des Strafrechts der Lodzer Universit\u00e4t Emil Rappaport, hatte einen symbolischen Titel &#8222;<i>Das Volk Verbrecher &#8211; \u00fcber die gemeinsame Verantwortung des deutschen Volkes<\/i>&#8220;. In diesem Werk bezeichnete der Autor und begr\u00fcndete umfangreich dogmatische Grundlagen der strafrechtlichen Verantwortung jedes erwachsenen Deutschen f\u00fcr die Beihilfe durch passives Verhalten zu den im Namen des deutschen Volkes begangenen Verbrechen. Das Werk von Rappaport war eines der ersten meiner Lekt\u00fcren, die ich als Jurastudent gelesen habe. Ich musste alles das, was Dieter Schenk in seinen B\u00fcchern schrieb, aufmerksam lesen und lange Gespr\u00e4che mit dem Autor f\u00fchren, um das zu verstehen: dass das Unrecht keine Nationalit\u00e4t hat.<\/p>\n<p>Nur die T\u00e4ter dieser Verbrechen und ihre Opfer haben ihre Nationalit\u00e4t. Aber ein Unrecht an sich selbst hat keine Nationalit\u00e4t. Ich verstehe emotionell das, was Stephan Ernst empfand, ich verstehe auch die dogmatische Argumentation vom Professor Rappaport und ich bin stolz darauf, dass ich von dieser Stelle, als polnischer Staatsanwalt, sagen kann: Dank dem, was Fritz Bauer getan hat, dank dem, was Dieter Schenk geschaffen hat, haben wir alle hier Anwesenden das Gef\u00fchl, dass Unrecht einen eigenen und nicht blo\u00df nationalen Inhalt hat, so wie die Gerechtigkeit eine eigene und nicht blo\u00df eine nationale Gestalt hat. Und das best\u00e4tigt meine \u00dcberzeugung, sowohl die Reaktion der Studenten der Lodzer Universit\u00e4t auf die Vorlesungen von Dieter Schenk als auch die heutige Veranstaltung der Verleihung des Fritz-Bauers-Preises an Ihn. Diesen hervorragenden Personen, sowohl Fritz Bauer als auch Dieter Schenk verdanke ich auch meine eigenen \u00dcberzeugungen, die ich wagte und wage, mit Ihnen zu teilen. Dass das Unrecht an sich selbst keine Nationalit\u00e4t hat, ist zu meinem &#8211; in meiner Rolle als polnischer Staatsanwalt &#8211; Motto geworden und hat eine moralische Verpflichtung geschaffen, Strafverfahren auch in denjenigen Sachen zu f\u00fchren, in denen T\u00e4ter der Verbrechen w\u00e4hrend des Krieges und auch nach dem Krieg Polen waren, und denen sowohl Juden als auch Deutschen zum Opfer gefallen sind.<\/p>\n<p>Dieter Schenk zeigt, welch gro\u00dfe Bedrohung f\u00fcr Menschenrechte, f\u00fcr Demokratie und f\u00fcr axiologische Grunds\u00e4tze des Rechtsstaates die passive Einstellung gegen\u00fcber dem Unrecht gerade in den zum Schutz dieser Funktionen berufenen Institutionen, den zum Rechtsschutz der B\u00fcrger berufenenen Institutionen wie Polizei, Staatanwaltschaft und Justiz hat. Dieter Schenk deckt diese Mechanismen auf, zeigt gleichzeitig die Eigenschaften und Mentalit\u00e4t der Menschen, die daf\u00fcr verantwortlich sind, auf und, dass diese Mechanismen auch in einem Staat, der sich selbst als Rechtsstaat bezeichnet, funktionieren.<\/p>\n<p>Er bewahrt davor, dass &#8211; wenn ein Vertreter des Rechtsstaates ins Ausland reist, dorthin, wo Unrecht herrscht und Menschenrechte mit F\u00fc\u00dfen getreten werden, dieser sich selbst mitverantwortlich macht wegen einer passiven Einstellung gegen\u00fcber den Mechanismen der Macht, die aus den eigenen Staatsb\u00fcrgern Opfer von Staatsgewalt werden lassen. Wenn wir eine passive Einstellung gegen Unrecht des Staates hinnehmen, wenn wir gleichg\u00fcltig gegen das Leiden derjenigen Menschen sind, denen der eigene Staat die Menschen- und B\u00fcrgerrechte versagt, dann machen wir uns mitverantwortlich f\u00fcr dieses Unrecht.<\/p>\n<p>Dieter Schenk verk\u00fcndet, dass wir uns aus dieser Verantwortlichkeit nicht befreien k\u00f6nnen &#8211; sagend: Das ist kein Unrecht unseres Staates. Er best\u00e4tigt durch seine Schriftstellerei, T\u00e4tigkeit und sein Schaffen ethische Kodexnormen des Rechtsstaatsfunktion\u00e4rs. Diese Normen sind in Polizei, Staatsanwaltschaft und Justiz g\u00fcltig. Die Verletzung dieser Normen durch Passivit\u00e4t und Gleichg\u00fcltigkeit ist genau so sch\u00e4dlich f\u00fcr den Rechtsstaat wie die aktive Unterbrechung der Normen. Diese Passivit\u00e4t gegen Unrecht schafft M\u00f6glichkeiten, die zum Anstieg und zur Best\u00e4rkung des Unrechts f\u00fchren. Diese Passivit\u00e4t verursacht eine Atrophie unserer F\u00e4higkeit, die Wege des B\u00f6sen zu verstehen. Diese Passivit\u00e4t wird schlimmer als das B\u00f6se in sich selbst. Ohne diesen Grundsatz zu verstehen und im b\u00fcrgerlichen Leben zu verwirklichen, ist es nicht m\u00f6glich, im Rahmen des Rechtsstaates den Staat der B\u00fcrger zu errichten.<\/p>\n<p>Mit dem Fritz-Bauer-Preis f\u00fcr Dieter Schenk verbindet die Humanistische Union mit einem Bogen diese beiden hervorragenden Personen. Ich bedanke mich bei der Humanistischen Union, dass ich als polnischer Staatsanwalt heute neben dem Staatsanwalt Fritz Bauer stehen konnte, begr\u00fcndend in Form dieser Laudatio die Verleihung des Fritz-Bauer-Preises an Dieter Schenk.<\/p>\n<p>Vielen Dank f\u00fcr ihre Aufmerksamkeit!<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2641],"tags":[775],"autoren":[1648],"class_list":["post-14200","termin","type-termin","status-publish","hentry","category-buergerrechtspreise","tag-termine-fritz-bauer-preis","autoren-witold-kulesza"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Laudatio zur Verleihung des Fritz-Bauer-Preises an Dieter Schenk - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/2003\/laudatio-zur-verleihung-des-fritz-bauer-preises-an-dieter-schenk\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Laudatio zur Verleihung des Fritz-Bauer-Preises an Dieter Schenk - 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