{"id":14215,"date":"2001-03-01T16:30:00","date_gmt":"2001-03-01T15:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/keinen-heiligenschein-aber-den-ingeborg-drewitz-preis\/"},"modified":"2021-09-04T00:09:00","modified_gmt":"2021-09-03T22:09:00","slug":"keinen-heiligenschein-aber-den-ingeborg-drewitz-preis","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/2001\/keinen-heiligenschein-aber-den-ingeborg-drewitz-preis\/","title":{"rendered":"Keinen Heiligenschein, aber den Ingeborg-Drewitz-Preis&#8230;"},"content":{"rendered":"<p><i>HU-Berlin w\u00fcrdigt Obdachlosenarbeit von Pfarrer Ritzkowsky<\/p>\n<p>\u00a0<br \/>\nMitteilung Nr. 173, S. 20-21<\/i><\/p>\n<p>F\u00fcr sein kontinuierliches Engagement in der Obdachlosenarbeit erhielt Dr. Joachim Ritzkowsky im Februar den Ingeborg-Drewitz-Preis. Mit dem Preis bedankt sich der Berliner Landesverband der HU seit 1987 bei BerlinerInnen, die sich in besonderer Weise f\u00fcr die Menschenw\u00fcrde eingesetzt haben. Gleichzeitig erinnert er an das politische Wirken der Berliner Schriftstellerin Ingeborg Drewitz, die sich bis zu ihrem Tod 1986 f\u00fcr Ausgegrenzte engagierte und viele Initiativen unterst\u00fctzte. <br \/>Auf den evangelischen Pfarrer Joachim Ritzkowsky wurde die Berliner HU erstmals im Fr\u00fchjahr 1999 aufmerksam, als sich die von ihm mitgegr\u00fcndete AG &#8218;Leben mit Obdachlosen&#8216; an dem b\u00fcrgerrechtlichen Protest gegen die Versch\u00e4rfung des Polizeigesetzes beteiligte. Die Gesetz\u00e4nderung erweiterte u.a. die M\u00f6glichkeiten der Polizei, Obdachlose von \u00f6ffentlichen Orten zu verbannen. Gegen die Verbringung von Obdachlosen an den Stadtrand hatte sich die AG bereits seit Jahren gewandt und mit entsprechender Lobbyarbeit bewirkt, dass das Abgeordnetenhaus eine Beendigung dieser Praxis empfahl. <br \/>Die AG &#8218;Leben mit Obdachlosen&#8216;, der inzwischen \u00fcber 70 Organisationen angeh\u00f6ren, und ihr Sprecher Ritzkowsky weisen immer wieder auf das Unrecht hin, das Obdachlosen widerf\u00e4hrt. Sie versuchen Hilfe zu organisieren, Beh\u00f6rden zu sensibilisieren, \u00d6ffentlichkeit zu schaffen f\u00fcr die Situation von Obdachlosen. Arme passen nicht zu dem Image, das die Hauptstadt Berlin sich geben will, und sie werden zunehmend ausgegrenzt. Wagenburgen werden ger\u00e4umt, der Verkauf von Obdachlosenzeitungen auf (ehemals) \u00f6ffentlichem Bahngel\u00e4nde behindert oder verboten. Ohne Wohnsitz und oft auch ohne Papiere greifen viele sozialstaatliche Instrumente nicht. Noch schlimmer: Nicht selten werden Obdachlose von rechten Schl\u00e4gern angegriffen &#8211; mit unter mit t\u00f6dlichen Folgen.<br \/>Gegen diese allt\u00e4glichen Skandale setzt sich Joachim Ritzkowsky seit Jahren beharrlich ein. Angefangen hat es mit einer W\u00e4rmestube, die er in der Kreuzberger Heilig-Kreuz-Kirche einrichtete und die Ausgangspunkt weiterer sozialer Projekte geworden ist. Wer den Pfarrer dort erlebt hat, bemerkt schnell, dass er Obdachlose nicht paternalistisch als Objekte von Mildt\u00e4tigkeit behandelt. F\u00fcr die Besucher der W\u00e4rmestube ist Dr. Ritzkowsky ganz unpr\u00e4tenti\u00f6s &#8222;der Achim&#8220;, der sie als Menschen annimmt, der sie nicht belehren, sondern eher von ihnen lernen m\u00f6chte. <br \/>\u00dcber die Einblicke, die er in seinem Leben mit Obdachlosen gewonnen hat, gibt Joachim Ritzkowsky in seinem soeben erschienenen Buch &#8218;Die Spinne auf der Haut&#8216; (s.u.) Auskunft. Schonungslos berichtet er in der Essaysammlung vom Sterben auf Berlins Stra\u00dfen, beschreibt einf\u00fchlsam die Symbole der Szene und analysiert die Ursachen von Obdachlosigkeit. Im Anhang findet sich zudem seine \u00e4u\u00dferst bemerkenswerte Verteidigungsrede vor dem Berliner Landgericht. Ritzkowsky war angezeigt worden, weil er einen Obdachlosen im Gemeindehaus angemeldet hatte, der f\u00fcr Krankenschein und Sozialunterst\u00fctzung eine Adresse brauchte. Das Landeseinwohneramt beschuldigte ihn der &#8222;mittelbaren Falschbe-urkundung&#8220;. Zu den kafkaesken Absurdit\u00e4ten des Prozesses geh\u00f6rt, dass Ritzkowsky den Obdachlosen ein zweites Mal anmelden musste, weil dieser sonst keine ladungsf\u00e4hige Adresse f\u00fcr seine Zeugenaussage gehabt h\u00e4tte. Erst die zweite Instanz f\u00fchrte zu einem Freispruch und zu einer rechtlichen Absicherung von Anmeldungen im Gemeindehaus. <br \/>Da ihm Medienrummel um seine Person zuwider ist, z\u00f6gerte Joachim Ritzkowsky zun\u00e4chst mit der Annahme des Ingeborg-Drewitz-Preises. Immer wieder ist er entt\u00e4uscht, wenn Journalisten ihn zu einer Art &#8222;Mutter Theresa der Obdachlosen&#8220; stilisieren wollen, statt sich mit der Situation von Obdachlosen zu besch\u00e4ftigen. In unseren Augen macht ihn aber gerade diese Einstellung zu einem geeigneten Tr\u00e4ger unseres unkonventionellen Preises, der von Anfang an kein Orden f\u00fcr eitle Gockel sein sollte. Auch die Namensgeberin des Preises hatte ja in ihrem politischen Engagement wenig Aufhebens um ihre Person gemacht. So entsprachen wir gerne der Bitte unseres Preistr\u00e4gers, Kameras von der Verleihungsfeier auszuschlie\u00dfen. <br \/>Das Medienecho war dennoch \u00fcberw\u00e4ltigend. Nachdem unsere Pressemitteilung von dpa, epd und kna aufgegriffen worden war, waren die vielen Intervieww\u00fcnsche kaum noch zu befriedigen. Sogar die Tagesthemen meldeten Interesse an, bestanden aber wie die anderen Fernsehsender auf Bildern und blieben daher au\u00dfen vor. Statt der Kamerateams kamen erfreulich viele Obdachlose zu der Preisverleihung. Um ihnen die Teilnahme zu erm\u00f6glichen, fand die Feier im Anschluss an die W\u00e4rmestube in der Heilig-Kreuz-Kirche statt. Mitglieder der HU hatten Kuchen gebacken und Obstteller bereitet, Ehrenamtliche von der W\u00e4rmestube schenkten Kaffee aus. Umrahmt von klassischer Musik gab es Ansprachen, an denen sich auch Obdachlose beteiligten (und uns aufforderten, uns auch \u00fcber diesen Tag hinaus mit dem Thema Obdachlosigkeit zu besch\u00e4ftigen) und schlie\u00dflich die \u00dcberreichung des Preises in Gestalt eines Plakats von Klaus Staeck (&#8222;W\u00fcrden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?&#8220;), das uns dieser freundlicherweise zur Verf\u00fcgung gestellt und f\u00fcr diesen Zweck personalisiert hatte. <br \/>Manches war ungew\u00f6hnlich an unserer Preisverleihung. Obwohl es in Berlin traditionell viele Verbindungen zwischen der HU und progressiven Protestanten gibt (bezeichnenderweise promovierte Joachim Ritzkowsky einst bei dem Theologen und HU-Beiratsmitglied Helmut Gollwitzer), ist eine Kirche auch in Berlin nicht gerade ein traditioneller Ort von HU-Veranstaltungen. &#8222;Die Kirchenkritischen ehren einen evangelischen Pfarrer und ausgerechnet ein katholischer Pastoralreferent spricht die Laudatio,&#8220; bemerkte Hans-Joachim Ditz von der katholischen St. Michael-Gemeinde gleich am Anfang seiner humorvollen Rede. Der scheinbare Widerspruch war nat\u00fcrlich schnell gel\u00f6st: Das Thema Obdachlosigkeit eint uns &#8222;auch wenn wir uns bei vielen Themen weiterhin &#8211; durchaus lustvoll &#8211; voneinander abgrenzen.&#8220; Hans-Joachim Ditz hatte die AG &#8218;Leben mit Obdachlosen&#8216; gemeinsam mit Joachim Ritzkowsky gegr\u00fcndet und war sofort begeistert gewesen, als er gebeten wurde, als Laudator an unserer Preisverleihung mitzuwirken: &#8222;Dann werden wir uns irgendwann revanchieren m\u00fcssen und einen von der Humanistischen Union heilig sprechen&#8220; Joachim Ritzkowsky ist vor diesem Hinter-grund froh, dass er &#8217;nur&#8216; den Ingeborg-Drewitz-Preis bekommen hat &#8211; und dass er den Presserummel \u00fcberstanden hat. <br \/>Joachim Ritzkowsky: Die Spinne auf der Haut. Leben mit Obdachlosen. Alektor-Verlag, <br \/>Berlin 2001. ISBN 3-88425-071-X. DM 18,50<br \/>Roland Otte, Vorsitzender LV-Berlin\u00a0<\/p>\n<p>Aus der Rede von Joachim Ritzkowsky bei der Preisverleihung: <br \/>&#8222;Der Witz dieser Veranstaltung ist, dass eine Institution, die sich in ihrer Gr\u00fcndungsschrift ausdr\u00fccklich gegen klerikale Bindungen ausspricht, heute hierher in die Kirche kommt, um einem Kleriker (das bin ich) einen Preis zu geben. Ich denke, das ehrt diese Institution. Es zeigt an, dass sie nicht ideologisch ist, dass sie ohne Vorurteil hinschaut &#8211; auch hinter die Mauern der Kirche. Was sehen Sie hier? Ein Geb\u00e4ude, das von innen aufgebrochen und aufges\u00e4gt worden ist, das seine ungute klerikale Vergangenheit zwar noch dokumentiert, aber zugleich \u00fcberwindet. Leider haben besagte Kleriker und hat der clerus der Kirche lange geglaubt, aus dem &#8218;Ausgelost-&#8218; oder &#8218;Auserw\u00e4hlt-Sein&#8216; eine Machtposition ableiten zu k\u00f6nnen, hat geglaubt, andere Menschen binden, beherrschen, drangsalieren und bevormunden zu d\u00fcrfen. Aber im Gr\u00fcndungs-dokument der Kirche steht nicht: &#8218;Bindet den Menschen!&#8216; sondern: &#8218;Macht los die Gebundenen!&#8216; (Jesaja 61,1). Uns geht es um \u00d6ffnung der Mauern, um Einbeziehung der Fremden, um Akzeptanz der Ausgegrenzten, um Weite des Blickes, um &#8218;Offene Kirche&#8216;. &#8222;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2641],"tags":[852,656],"autoren":[587],"class_list":["post-14215","termin","type-termin","status-publish","hentry","category-buergerrechtspreise","tag-berlin-drewitz-preis","tag-religion","autoren-roland-otte"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Keinen Heiligenschein, aber den Ingeborg-Drewitz-Preis... - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/2001\/keinen-heiligenschein-aber-den-ingeborg-drewitz-preis\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Keinen Heiligenschein, aber den Ingeborg-Drewitz-Preis... - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"HU-Berlin w\u00fcrdigt Obdachlosenarbeit von Pfarrer Ritzkowsky \u00a0 Mitteilung Nr. 173, S. 20-21 F\u00fcr sein kontinuierliches Engagement in der Obdachlosenarbeit erhielt Dr. Joachim Ritzkowsky im Februar den Ingeborg-Drewitz-Preis. 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