{"id":14254,"date":"2012-09-11T15:29:00","date_gmt":"2012-09-11T13:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/qualifizierte-kontroverse-zum-verfassungsschutz\/"},"modified":"2021-08-30T15:44:07","modified_gmt":"2021-08-30T13:44:07","slug":"qualifizierte-kontroverse-zum-verfassungsschutz","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungsberichte\/2012\/qualifizierte-kontroverse-zum-verfassungsschutz\/","title":{"rendered":"Qualifizierte Kontroverse zum Verfassungsschutz"},"content":{"rendered":"<p>Ein bestens besetztes Podium diskutierte in Frankfurt &uuml;ber den Sinn bzw. Unsinn des Verfassungsschutzes. Neben viel Kritik an der Arbeit der Schlapph&uuml;te gab es ein interessantes Gedankenexperiment: Was, wenn man den Verfassungsschutz einfach abschafft?<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/dsc_5688_ausschnitt.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-5931 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/dsc_5688_ausschnitt-600x332.jpg\" alt=\"Qualifizierte Kontroverse zum Verfassungsschutz\" width=\"600\" height=\"332\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/dsc_5688_ausschnitt-600x332.jpg 600w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/dsc_5688_ausschnitt-768x425.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/dsc_5688_ausschnitt-1000x553.jpg 1000w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/dsc_5688_ausschnitt-800x442.jpg 800w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/dsc_5688_ausschnitt-450x249.jpg 450w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/dsc_5688_ausschnitt.jpg 1478w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p>Peter Menne von der HU Frankfurt f&uuml;hrte in das Thema ein und stellte die Teilnehmer vor:<\/p>\n<ul>\n<li>Catrin Rieband, stellvertretende Pr&auml;sidentin des hessischen Verfassungsschutzes und Spezialistin f&uuml;r Rechtsextremismus;<\/li>\n<li>Dr. Rolf G&ouml;ssner, RA, Publizist, Geheimdienstkritiker &#8211; und jahrzehntelang rechtswidrig vom Verfassungsschutz ausspioniert worden; <\/li>\n<li>Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber von der FH des Bundes, zuvor Referatsleiter f&uuml;r Rechtsextremismus beim K&ouml;lner Bundesamt f&uuml;r Verfassungsschutz und <\/li>\n<li>Matthias Quent, Rechtsextremismus-Forscher an der Uni Jena und Sachverst&auml;ndiger beim Th&uuml;ringer Landtag.<\/li>\n<\/ul>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Die Teilnehmer\/innen des Podiums \/ Foto: Dennis Merbach, www.merbach.net\" border=\"1\" hspace=\"0\" alt=\"Die Teilnehmer\/innen des Podiums \/ Foto: Dennis Merbach, www.merbach.net\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/dsc_5687www.jpg\" width=\"380\" height=\"142\"><\/p>\n<p>Die Teilnehmer\/innen des Podiums \/ Foto: Dennis Merbach, <a href=\"http:\/\/www.merbach.net\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.merbach.net<\/a><\/p>\n<p>Menne grenzte das Thema darauf ein, was der Verfassungsschutz im Bereich Rechtsextremismus leistet bzw. nicht leistet. Viele andere Aspekte wie der Radikalenerlass von 1972 oder die aktuelle Steuergesetzgebung, wonach der Verfassungsschutz die Gemeinn&uuml;tzigkeit von Vereinen aufheben kann, sollten nicht nur oberfl&auml;chlich gestreift werden &#8211; weshalb Menne einen eigenen Abend hierf&uuml;r ank&uuml;ndigte. Die auf zweieinhalb Stunden ausgedehnte Debatte blieb dank souver&auml;ner Moderation von Peter Menne und Co-Moderator Volker Schmidt von der FR durchgehend spannend.<\/p>\n<p>Nach den Eingangsstatements aller Referenten beleuchtete das Podium drei Fragenkomplexe eingehend: Wer wird V-Mann, wie arbeiten diese? Wie l&auml;uft die Zusammenarbeit von Verfassungsschutz und Polizei? Und wie steht&#8217;s um die Analysef&auml;higkeit des Verfassungsschutzes? Die Einsch&auml;tzungen der Podiumsteilnehmer gingen &#8211; wie zu erwarten &#8211; weit auseinander: Die Frankfurter HU hatte die ganze Bandbreite in das FR-Foyer geholt.<\/p>\n<p>Rolf G&ouml;ssner erl&auml;uterte, warum der Verfassungsschutz Teil des Rechtsextremismus-Problems ist: ein guter Teil der Rechtsextremisten arbeitet zugleich als Spitzel. Das gilt nicht nur f&uuml;r mindestens ein Drittel der NPD-Bundesvorstandsmitglieder (weshalb das Verbotsverfahren vor dem Verfassungsgericht scheiterte). Tino Brand, der Chef des &#8222;Th&uuml;ringer Heimatschutzes&#8220; (THS), einer rechtsextremen Kampfgruppe, war eine der ergiebigsten Quellen des Th&uuml;ringer Verfassungsschutzes. Von den ca. 130 bis 160 Mitgliedern der Gruppe spitzelten mindestens 40 f&uuml;r den Verfassungsschutz! Nat&uuml;rlich sch&uuml;tzt der seine Quellen, doch das sind nur zu oft Kriminelle und Gewaltt&auml;ter bis hin zu verurteilten M&ouml;rdern wie Carsten Szczepanski, Deckname &#8222;Piato&#8220;. Damit solche Quellen weiter sprudeln, m&uuml;ssen sie schon mal vor Polizeima&szlig;nahmen gewarnt werden (so der Sch&auml;fer-Bericht). Die Spitzelhonorare flie&szlig;en zu einem guten Teil in den Aufbau der bespitzelten Organisation &#8211; der Verfassungsschutz wird damit zu einem Teil des Systems. Vor den Morden der NSU konnte er nicht warnen &#8211; mithin sei der Verfasssungsschutz-Etat ein Fall f&uuml;r den Rechnungshof.<\/p>\n<p>Matthias Quent erg&auml;nzte, wie rechtsextreme Gewaltt&auml;ter durch den Verfassungsschutz gesch&uuml;tzt werden: Gegen eine Th&uuml;ringer F&uuml;hrungsfigur liefen 35 Ermittlungsverfahren &#8211; wegen schwerwiegenderer Delikte als Hakenkreuz-Schmierereien. Doch alle 35 wurden eingestellt &#8230;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Moderator Peter Menne mit Catrin Rieband und Armin Pfahl-Traughber \/ Foto: Dennis Merbach, www.merbach.net\" border=\"1\" hspace=\"0\" alt=\"Moderator Peter Menne mit Catrin Rieband und Armin Pfahl-Traughber \/ Foto: Dennis Merbach, www.merbach.net\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/dsc_5742www.jpg\" width=\"380\" height=\"214\"><\/p>\n<p>Moderator Peter Menne mit Catrin Rieband und Armin Pfahl-Traughber \/ Foto: Dennis Merbach, <a href=\"http:\/\/www.merbach.net\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.merbach.net<\/a>&nbsp;<\/p>\n<h5>In Hessen ganz anders<\/h5>\n<p>Catrin Rieband konzedierte, dass es keine &#8222;einheitlichen Richtlinien&#8220; g&auml;be, wen man als V-Mann gewinnt. In ihrem Bereich seien es keine F&uuml;hrungspersonen der extremistischen Organisationen &#8211; und auch von Gewaltt&auml;tern trenne man sich schnell. Moderator Menne fragte nach, wie vielen V-Leuten denn im Schnitt von seiten des Amtes gek&uuml;ndigt werde? Doch &uuml;ber Zahlen wollte Frau Rieband schweigen. In Hessen laufe es eben anders, meinte sie auf den Vorhalt, dass in Th&uuml;ringen die Spitze des &#8222;THS&#8220;, in Brandenburg der NPD-Vorstand auf der Verfassungsschutz-Gehaltsliste standen. Gleiches gelte f&uuml;r Gewaltt&auml;ter: zwar nicht wegen jeder Hakenkreuz-Schmiererei, doch schon ab K&ouml;rperverletzungsdelikten trenne man sich hier von V-Leuten.<\/p>\n<h5>Infor&shy;ma&shy;ti&shy;o&shy;nelle Zusam&shy;me&shy;n&shy;a&shy;r&shy;beit von Polizei und Verfas&shy;sungs&shy;schutz<\/h5>\n<p>Das Stichwort &#8222;informationelle Zusammenarbeit&#8220; fiel schon in den Eingangsstatements. Peter Menne zitierte aus dem &#8222;Sch&auml;fer-Gutachten&#8220; des Freistaats Th&uuml;ringen, das die Informationspolitik des Th&uuml;ringer Verfassungsschutz vernichtend kritisierte, um seine G&auml;ste um Stellungnahmen hierzu zu bitten. Auch hier laufe es in Hessen ganz anders, so Catrin Rieband: man treffe sich t&auml;glich zum informellen Austausch mit der Polizei, zus&auml;tzlich zum &#8222;offiziellen&#8220; Austausch von Mitteilungen oder Aktenvermerken. Genau damit werde das Trennungsgebot von Geheimdienst und Polizei unterlaufen, das die Alliierten aus gutem Grund verordnet hatten, warf Rolf Goessner ein. Nach den Erfahrungen mit der allm&auml;chtigen Gestapo sollten Polizei und Geheimdienste zwei definitiv geschiedene Bereiche bleiben.<\/p>\n<p>Doch mit der Gestapo-Erfahrung ist das so eine Sache: Matthias Quent wies darauf hin, dass das Amt seine eigene Geschichte l&auml;ngst nicht aufgearbeitet hat. Es waren reichlich ehemalige SD- oder SS-Mitarbeiter oder andere alte Nazis, die den Verfassungsschutz aufgebaut und zun&auml;chst strikt antikommunistisch ausgerichtet hatten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Rolf G&ouml;ssner und Matthias Quent \/ Foto: Dennis Merbach, www.merbach.net\" border=\"1\" hspace=\"0\" alt=\"Rolf G&ouml;ssner und Matthias Quent \/ Foto: Dennis Merbach, www.merbach.net\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/dsc_5703www.jpg\" width=\"380\" height=\"227\"><\/p>\n<p>Rolf G&ouml;ssner und Matthias Quent \/ Foto: Dennis Merbach, <a class=\"moz-txt-link-abbreviated\" href=\"http:\/\/www.merbach.net\/\">www.merbach.net<\/a><\/p>\n<h5>Analysef&auml;higkeit<\/h5>\n<p>Armin Pfahl-Traughber vermi&szlig;te ausreichende Analysef&auml;higkeit beim Verfassungsschutz. Schon w&auml;hrend seiner Zeit beim K&ouml;lner Bundesamt hatte er daf&uuml;r gek&auml;mpft, dass es nicht darauf ankomme, m&ouml;glichst viele Informationen zu verwalten &#8211; sondern sie angemessen zu analysieren und die richtigen Schl&uuml;sse daraus zu ziehen.<\/p>\n<p>Catrin Rieband pflichtete ihm bei: Hier gebe es auch beim hessischen Verfassungsschutz noch Einiges zu tun. Sie pl&auml;dierte f&uuml;r eine verbesserte Weiterbildung des Personals: Manche Mitarbeiter durchliefen eine spezielle Agentenausbildung, andere kommen von der Polizei &#8211; doch wieder andere sind z.B. ehemalige Postbeamte. Da w&auml;re eine gr&uuml;ndlichere Weiterbildung als bislang angesagt.<\/p>\n<p>Zu den ehemaligen Postbeamten geh&ouml;rte auch der ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigte &#8222;kleine Adolf&#8220; Andreas T., der beim Kasseler &#8222;D&ouml;nermord&#8220; zugegen war &#8211; wie G&ouml;ssner und Quent anmerkten. Inzwischen hat sich der hessische Verfassungsschutz von ihm getrennt &#8211; doch hatte er die Sicherheits&uuml;berpr&uuml;fung der Stufe 3 bestanden, wie Frau Rieband ausf&uuml;hrte. Dabei wird nicht nur die Person selbst, sondern auch ihr Umfeld, ihre Freunde oder Nachbarn befragt. Dabei sei im Falle Andreas T. nichts Auff&auml;lliges bekanntgeworden. Es gebe eben kein hunderprozentig sicheres System &#8211; hier bildet Hessen dann doch keine Ausnahme.<\/p>\n<h5>Was ist ein V-Mann wert?<\/h5>\n<p>An den V-Leuten schieden sich die Geister. Mehrere Hundert Euro erhielten sie pro Monat f&uuml;r ihre Spitzeldienste &#8211; jedenfalls nicht so viel, dass man allein davon leben k&ouml;nne, so Frau Rieband. Tickt Hessen da anders? Im Nachbarland Th&uuml;ringen kassierte Tino Brand alias &#8222;Otto&#8220; 200.000 Euro (steuerfrei) in sechs Jahren und ex-NPD-Vorstandsmitglied Wolfgang Frenz (&#8222;Die Schlapphut-Aff&auml;re&#8220;) beteuert, stets die H&auml;lfte an die Parteikasse abgef&uuml;hrt zu haben.<\/p>\n<p>G&ouml;ssner wies darauf hin, dass das Spitzelwesen grunds&auml;tzlich nicht mit den demokratischen Prinzipien der Transparenz und &ouml;ffentlichen Kontrolle vereinbar ist. Pfahl-Traughber spielte ein Gedankenexperiment durch: Was w&auml;re, wenn man auf V-Leute verzichten w&uuml;rde? Die Skandale w&uuml;rden bekannt, nicht aber die Erfolge. So habe man ein Attentat auf die M&uuml;nchner Synagoge verhindern k&ouml;nnen &#8211; dank Hinweisen von V-Leuten. Wenn man auf die verzichte, dann m&uuml;sse man dazusagen, dass man solche Attentate wie das vereitelte in Kauf nehme. Doch der Widerspruch folgte umgehend: Gerade im Falle des NSU sei der Verfassungsschutz bestm&ouml;glich vernetzt gewesen &#8211; und habe vor nichts und niemandem gewarnt.<\/p>\n<p>Die Diskussion auf dem Podium dauerte weit &uuml;ber eine Stunde &#8211; und wurde keine Minute langweilig. Sehr sachlich verliefen auch die zwei Fragerunden, an denen sich u.a. der ehemalige hessische Justizminister Rupert von Plottnitz oder der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Partei &#8222;Die Partei&#8220; Jan Steffen beteiligten. Moderator Menne sorgte daf&uuml;r, dass jeder zu Wort kam, stets ausreden konnte. Mit rund 140 bis 150 G&auml;sten war das &#8222;Rundschau&#8220;-Foyer bestens besucht. Dank an die Sebastian-Cobler-Stiftung, die mit ihrer finanziellen Unterst&uuml;tzung eine solche Veranstaltung erm&ouml;glichte.<\/p>\n<p><i>Oliver Kalldewey<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":5931,"template":"","categories":[2634],"tags":[750],"autoren":[1584],"class_list":["post-14254","termin","type-termin","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-veranstaltungsberichte","tag-frankfurt-veranstaltungsberichte","autoren-oliver-kalldewey"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Qualifizierte Kontroverse zum Verfassungsschutz - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungsberichte\/2012\/qualifizierte-kontroverse-zum-verfassungsschutz\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Qualifizierte Kontroverse zum Verfassungsschutz - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein bestens besetztes Podium diskutierte in Frankfurt &uuml;ber den Sinn bzw. 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