{"id":14255,"date":"2012-07-11T17:30:00","date_gmt":"2012-07-11T15:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/stand-und-perspektiven-direkter-demokratie-in-deutschland-und-europa\/"},"modified":"2021-08-30T15:44:07","modified_gmt":"2021-08-30T13:44:07","slug":"stand-und-perspektiven-direkter-demokratie-in-deutschland-und-europa","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungsberichte\/2012\/stand-und-perspektiven-direkter-demokratie-in-deutschland-und-europa\/","title":{"rendered":"Stand und Perspektiven direkter Demokratie in Deutschland und Europa"},"content":{"rendered":"<p>Bericht vom 2. Gustav-Heinemann-Forum in Rastatt. Mitteilungen Nr. 217 (Heft 2\/2012), S. 18\/19<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausP5120764-1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3526 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausP5120764-1-600x300.jpg\" alt=\"Stand und Perspektiven direkter Demokratie in Deutschland und Europa\" width=\"600\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausP5120764-1-600x300.jpg 600w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausP5120764-1-768x384.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausP5120764-1-1000x501.jpg 1000w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausP5120764-1-1536x769.jpg 1536w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausP5120764-1-800x400.jpg 800w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausP5120764-1-450x225.jpg 450w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausP5120764-1-540x270.jpg 540w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausP5120764-1.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p>Wie steht es um direkte Demokratie in Deutschland und Europa? Diese Frage besch&auml;ftigte das 2. Gustav-Heinemann-Forum der Humanistischen Union in Rastatt am 11.\/12. Mai 2012. Das vor zwei Jahren in Rastatt neu geschaffene Format greift wichtige verfassungspolitische Fragen auf und will ihnen &Ouml;ffentlichkeit geben. Die Leiterin der Erinnerungsst&auml;tte f&uuml;r die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte, Frau Dr. Elisabeth Thalhofer, rief in ihrer Begr&uuml;&szlig;ung der G&auml;ste in Erinnerung, dass Gustav Heinemann seinerzeit mit der Einrichtung dieser besonderen Gedenkst&auml;tte der deutschen Freiheitstradition einen Ort lebendiger Begegnung geben wollte. Zu den G&auml;sten geh&ouml;rten auch Engagierte von &#8222;Mehr Demokratie&#8220;, die ebenso wie der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des F&ouml;rdervereins, Dr. Clemens Rehm, Gru&szlig;worte sprachen. Der F&ouml;rderverein richtete freundlicherweise den Er&ouml;ffnungs-Empfang am Freitagabend aus.<\/p>\n<p>Zum Auftakt der Tagung referierten Prof. Michael Th. Greven von der Universit&auml;t Hamburg und Prof. Rudolf Steinberg von der Goethe-Universit&auml;t Frankfurt\/M. &uuml;ber <i>&#8222;Die Mitwirkung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger an der Fortentwicklung der europ&auml;ischen Integration&#8220;. <\/i><\/p>\n<p>Greven, ein expliziter Anh&auml;nger der europ&auml;ischen Integration, wies darauf hin, dass die Europ&auml;ische Einigung von den B&uuml;rgern heute nicht mehr als das urspr&uuml;ngliche Friedensprojekt wahrgenommen wird. Sie sei auch nicht durch die Partizipation der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger getragen und weiterentwickelt worden, vielmehr sei sie ein Produkt der Regierungen und von Eliten.<\/p>\n<p>Die seit dem 1. April 2012 neu eingef&uuml;hrte Europ&auml;ische B&uuml;rgerinitiative (EBI) d&uuml;rfe als direktdemokratisches Instrument zur Herstellung von europ&auml;ischer &Ouml;ffentlichkeit nicht &uuml;bersch&auml;tzt werden. Mit der EBI k&ouml;nnen B&uuml;rgerinitiativen aus mindestens 7 EU-L&auml;ndern und einem relativ niedrigen Quorum von 1 Mio. Stimmen (europaweit) die EU-Kommission dazu bringen, sich mit ihrem Initiativ-Thema zu befassen. Letztlich sei auch die EBI nur ein weiteres Konsultativverfahren, durch das die Mitsprache der zahlreichen zivilgesellschaftlichen Organisationen und NGOs heutzutage gekennzeichnet sei. Insgesamt, so Greven, fehle eine Massenmobilisierung f&uuml;r eine b&uuml;rgerfreundliche Europ&auml;ische Union. Ohne diese aber bleibe es bei technokratischer Konsultativ-Politik.<\/p>\n<p>Schwang bei Prof. Greven schon Skepsis gegen die M&ouml;glichkeiten der direkten Demokratie in Europa mit, so konfrontierte Prof. Steinberg den Optimismus der Bef&uuml;rworter direktdemokratischer Verfahren &#8211; nicht nur auf europ&auml;ischer Ebene &#8211; mit einer Reihe von ern&uuml;chternden Gegenthesen. Dazu geh&ouml;rten u.a. der Hinweis auf die Missbrauchsanf&auml;lligkeit, die Mittelschicht-Dominanz sowie den Minderheiten-Charakter von Volksinitiativen. Internationale Vergleiche, die die Unterst&uuml;tzer direktdemokratischer Beteiligung anf&uuml;hrten, m&uuml;ssten kritisch beurteilt werden. Der Blick auf die negativen Folgen direkter Demokratie in Kalifornien, wo aufgrund immenser Verschuldung praktisch keine politischen Gestaltungsr&auml;ume mehr existieren, sei oft lehrreicher als das h&auml;ufig zitierte Modellbeispiel Schweiz.<\/p>\n<p>Sachfragen, so Prof. Steinberg, seien f&uuml;r direktdemokratische Verfahren besonders wenig geeignet, da sie nur Ja\/Nein-Entscheidungen zulie&szlig;en; diese seien eher auf kommunaler Ebene angebracht. Im Sinne von Dialog als Strategie m&uuml;sse die B&uuml;rgerbeteiligung bei Planfeststellungsverfahren fr&uuml;hzeitig und transparent erfolgen sowie auch ex post m&ouml;glich sein. Unabdingbar sei B&uuml;rgerbeteiligung bei verfassungswesentlichen Fragen, wie sie beispielsweise im Zusammenhang mit der deutschen Einheit auf der Tagesordnung standen. Insgesamt, so Steinberg, gehe es um die Verbesserung der repr&auml;sentativen Demokratie und nicht um direktdemokratische Verfahren auf allen politischen Ebenen.<\/p>\n<p>In der Diskussion der Beitr&auml;ge stand die f&uuml;r eine B&uuml;rgerrechtsorganisation sich aufdr&auml;ngende Frage im Vordergrund, welche Ans&auml;tze es denn f&uuml;r die Mobilisierung einer europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit gebe. L&auml;sst sich so etwas wie ein neues europ&auml;isches Narrativ schaffen, wenn das einst friedenspolitische Projekt in der jungen Generation nicht mehr greift?<\/p>\n<p>Der Vortrag von Prof. Beate Kohler-Koch am Samstagmorgen befasste sich eingehend mit den Problemen des Einflusses der zahlreichen Nichtregierungsorganisationen und zivilgesellschaftlichen Verb&auml;nde in der Europ&auml;ischen Union. Die exzellente Europa-Kennerin und seinerzeit erste weibliche Vorsitzende der Deutschen Vereinigung f&uuml;r Politische Wissenschaften stellte bereits im Titel einer ihrer j&uuml;ngsten Ver&ouml;ffentlichungen klar, wie die direktdemokratischen M&ouml;glichkeiten in der EU einzusch&auml;tzen sind. Er lautet:<i> &#8222;Die Entzauberung partizipativer Demokratie. Zur Rolle der Zivilgesellschaft bei der Demokratisierung von EU-Governance&#8220;<\/i> (2010). Die organisierte Zivilgesellschaft konnte trotz Beteiligung an der Politikgestaltung der EU die Distanz zwischen den Entscheidungsverfahren in Br&uuml;ssel und den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern in Europa kaum verringern. Eher w&uuml;rden Professionalisierungs- und Abkoppelungstendenzen der b&uuml;rgergesellschaftlichen Akteure in Br&uuml;ssel verst&auml;rkt und eine Fachelite gef&ouml;rdert. Besonders bedenklich sei die auch bei den zivilgesellschaftlichen Organisationen vorherrrschende Tendenz der Europa-Zentrierung von Sachfragen, die eigentlich sehr wohl im nationalen Rahmen geregelt werden k&ouml;nnten. In der Diskussion pl&auml;dierte Kohler-Koch f&uuml;r Referenden im Falle der geplanten Ausweitung von EU-Zust&auml;ndigkeiten; die Politik werde dadurch gezwungen, st&auml;rker zu begr&uuml;nden, weshalb mehr Europa notwendig sei.<\/p>\n<p>Wer angesichts von so viel Skepsis in den bisherigen Vortr&auml;gen gegen&uuml;ber direkt-demokratischer Partizipation allzu ern&uuml;chert war, d&uuml;rfte den Vortrag von Prof. Hans Meyer von der Humboldt-Universit&auml;t zu Berlin &uuml;ber<i> &#8222;Blockaden bei der Einf&uuml;hrung direkter Demokratieformen auf Bundesebene und die M&ouml;glichkeiten ihrer &Uuml;berwindung&#8220; <\/i>als &uuml;beraus erfrischenden Perspektiven-Wechsel wahrgenommen haben. Meyer wies auf Art. 20 GG hin, wonach die Staatsgewalt &#8222;vom Volke in Wahlen und Abstimmungen&#8220; ausge&uuml;bt werde. Im Gegensatz zum Wahlgesetz habe der Gesetzgeber aber bis heute kein Bundesabstimmungsgesetz verabschiedet, das &uuml;berf&auml;llig sei &#8211; mithin gebe es seit 60 Jahren eine <i>&#8222;verfassungsfeindliche Praxis des Grundgesetzes&#8220;.&nbsp; <\/i><\/p>\n<p>Als positive Charakteristika von Volksentscheidungen nannte Meyer ihre Korrektiv-Funktion, die besonders bei Schw&auml;chen des repr&auml;sentativen Systems zum Tragen k&auml;men &#8211; etwa dann, wenn Steuergesetze von den Eigeninteressen der Parlamentarier gepr&auml;gt seien. Volksentscheide auch auf Bundesebene h&auml;tte zudem eine prophylaktische Wirkung, da sie die Politik anspruchsvoller machten. In seiner Auseinandersetzung mit den Hauptargumenten der Skeptiker der direkten Demokratie griff Meyer u.a. den Vorwurf der Minderheitenbezogenheit von Volksabstimmungen auf und wies darauf hin, dass eine Analyse von Wahlen diesen Vorwurf ebenso rechtfertigen w&uuml;rde.<\/p>\n<p>In der anschlie&szlig;enden Diskussion wurden M&ouml;glichkeiten er&ouml;rtert, wie denn die beiden Legitimationsstr&auml;nge einer repr&auml;sentativ und einer direktdemokratisch zustande gekommenen Entscheidung kompatibel gemacht werden k&ouml;nnten. Soll die jeweils j&uuml;ngste Entscheidung gelten; sollen Karenzzeiten gelten, in denen keine &Auml;nderungen von repr&auml;sentativen oder direktdemokratischen Entscheidungen vorgenommen werden k&ouml;nnen?<\/p>\n<p>Die Humanistische Union wird die Vortr&auml;ge der Tagung wie bereits beim 1. Heinemann-Forum in einer eigenen Publikation dokumentieren. In Kooperation u.a. mit &#8222;Mehr Demokratie&#8220; werden wir die Thematik weiter verfolgen. Die von der Humanistischen Union herausgegebenen<i> vorg&auml;nge<\/i>. <i>Zeitschrift f&uuml;r B&uuml;rgerrechte und Gesellschaftspolitik<\/i> erscheinen im Herbst 2012 mit einem Schwerpunkt-Heft &#8222;Partizipation&#8220;. Gerade die Erinnerungsst&auml;tte in Rastatt lehrt uns, dass es oft eines langen Atems und sonderbarer Umwege bedarf, bis politische Ziele zum Durchbruch kommen.<\/p>\n<p><i>Werner Koep-Kerstin<\/i><\/p>\n<p>Eine Online-Dokumentation der Vortr&auml;ge des 2. Gustav-Heinemann-Forums erscheint in K&uuml;rze auf der Webseite der Humanistischen Union: <a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/shortcuts\/ghf\">www.humanistische-union.de\/shortcuts\/ghf<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":3526,"template":"","categories":[2634],"tags":[692,695],"autoren":[133],"class_list":["post-14255","termin","type-termin","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-veranstaltungsberichte","tag-ghf","tag-veranstaltungen-berichte","autoren-werner-koep-kerstin"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Stand und Perspektiven direkter Demokratie in Deutschland und Europa - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungsberichte\/2012\/stand-und-perspektiven-direkter-demokratie-in-deutschland-und-europa\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Stand und Perspektiven direkter Demokratie in Deutschland und Europa - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Bericht vom 2. 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