{"id":14307,"date":"2010-12-01T10:39:00","date_gmt":"2010-12-01T09:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/hessenpremiere-von-ilona-zioks-dokumentation-fritz-bauer-tod-auf-raten\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:59","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:59","slug":"hessenpremiere-von-ilona-zioks-dokumentation-fritz-bauer-tod-auf-raten","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungsberichte\/2010\/hessenpremiere-von-ilona-zioks-dokumentation-fritz-bauer-tod-auf-raten\/","title":{"rendered":"Hessenpremiere von Ilona Zioks Dokumentation &#8222;Fritz Bauer &#8211; Tod auf Raten&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Bei der Hessenpremiere von &#8222;Fritz Bauer &#8211; Tod auf Raten&#8220; im Frankfurter Naxos-Kino mussten viele Besucher wegen &Uuml;berf&uuml;llung abgewiesen werden: der Dokumentarfilm von Ilona Ziok weckte enormes Interesse beim Publikum, weitere Vorf&uuml;hrungen folgen.<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ffm02f_01.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-5958 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ffm02f_01-314x450.jpg\" alt=\"Hessenpremiere von Ilona Zioks Dokumentation \" width=\"314\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ffm02f_01-314x450.jpg 314w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ffm02f_01-523x750.jpg 523w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ffm02f_01-418x600.jpg 418w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ffm02f_01-235x337.jpg 235w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ffm02f_01.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 314px) 100vw, 314px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<p><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FfM_FB-Film2010-11-23.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-5959 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FfM_FB-Film2010-11-23-600x301.jpg\" alt=\"Hessenpremiere von Ilona Zioks Dokumentation \" width=\"600\" height=\"301\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FfM_FB-Film2010-11-23-600x301.jpg 600w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FfM_FB-Film2010-11-23-768x385.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FfM_FB-Film2010-11-23-800x401.jpg 800w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FfM_FB-Film2010-11-23-450x226.jpg 450w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FfM_FB-Film2010-11-23-540x270.jpg 540w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FfM_FB-Film2010-11-23.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p>Im Anschlu&szlig; an den Film lief eine lebendiges Filmgespr&auml;ch. Auf dem Podium sa&szlig;en die Regisseurin Ilona Ziok, Peter Menne von der <a href=\"http:\/\/frankfurt.humanistische-union.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Humanistischen Union Frankfurt<\/a> und der Berliner Rechtsanwalt Dr. Christian Hullmann. Anmoderiert wurde die Diskussion von Wolf Lindner vom Naxos Kino. Wer die lange Schlange an der Kasse &uuml;berstanden hatte, wurde im Foyer Premieren-angemessen begr&uuml;&szlig;t: die G&auml;ste wurden dank Unterst&uuml;tzung durch die <a href=\"http:\/\/ig-metall.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">IG Metall<\/a>&nbsp;mit Sekt und Canap&eacute;es empfangen. Deren Wissenschaftsstiftung <a href=\"http:\/\/www.otto-brenner-stiftung.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Otto Brenner Stiftung<\/a>&nbsp;hat den Film mit gef&ouml;rdert.<\/p>\n<p>Der 97-min&uuml;tige Film lief im trotz ausgeteilter Decken unterk&uuml;hlten Saal &#8211; passend zum Klima im Nachkriegsdeutschland, das Fritz Bauer umgab. Anschlie&szlig;end traf man sich im etwas besser beheizten Foyer zum Filmgespr&auml;ch.<\/p>\n<h5>Die Filmdo&shy;ku&shy;men&shy;ta&shy;tion &uuml;ber Fritz Bauer<\/h5>\n<p>Ilona Zioks Dokumentarfilm &uuml;ber den Ausnahmejuristen Dr. Fritz Bauer beginnt mit dessen W&uuml;nschen f&uuml;r ein besseres Nachkriegsdeutschland: schwarz-wei&szlig;-Ausschnitte aus einer alten Sendung des hr-Fernsehens. Die Regisseurin gruppiert Aussagen von Freunden, Kollegen und Zeitzeugen ganz bewu&szlig;t um Ausschnitte aus dem Gespr&auml;ch, das Fritz&nbsp; Bauer in den 60er Jahren mit jungen Frankfurtern im &#8222;Kellerklub&#8220; f&uuml;hrte und in dem er seine wichtigsten ethischen Maximen formulierte. Aus &uuml;ber 100 Stunden Interviews und Filmaufnahmen entwickelt Ziok eine Struktur, die keine biographische Aufarbeitung ist. Sondern mithilfe der zahlreichen Mosaiksteinchen gestaltet sie themenorientiert die wichtigsten Stationen von Fritz Bauers Werk. Trotz der beabsichtigten optischen Spr&ouml;de entsteht eine fesselnde Erz&auml;hlatmosph&auml;re. Der Zuschauer gewinnt ein lebendiges Bild vom Wirken Fritz Bauers, von seiner Person und von seiner Zeit.<\/p>\n<p>Am Anfang steht die Ergreifung Adolf Eichmanns im Mai 1960 in Argentinien &#8211; Bauer hatte dem israelischen Mossad einen entscheidenden Hinweis auf den Aufenthaltsort des Organisators des industrialisierten Massenmords in Auschwitz und anderen KZ&#8217;s gegeben. Zeitzeugen berichten, wie Fritz Bauer angesichts der Durchsetzung der deutschen Justiz mit ehemaligen Nazis f&uuml;rchtete, ein deutscher Auslieferungsantrag k&ouml;nne dem SS-Obersturmbannf&uuml;hrer verraten und ihm zur Flucht verholfen werden. Erschreckend die Filmausschnitte, auf denen Eichmann w&auml;hrend des Jerusalemer Prozesses 1961 jede Schuld bestreitet und behauptet, reiner Befehlsempf&auml;nger gewesen zu sein. Das Jerusalemer Gericht &uuml;berf&uuml;hrte ihn, wies seine aktive Rolle und seine wahre Haltung zur Judenvernichtung auch dank der Sassen-Protokolle nach.<\/p>\n<p>N&auml;chster Themenblock ist der Remer-Proze&szlig;: der Major Otto Ernst Remer leitete das Berliner Wachbataillion, das die Attent&auml;ter vom 20. Juli 1944 festnahm. In der Bundesrepublik baute Remer die SRP &#8211; Sozialistische Reichspartei &#8211; auf, die sp&auml;ter als verfassungswidrig verboten wurde. Remer verunglimpfte die Widerstandsk&auml;mpfer als Landesverr&auml;ter. In dem Braunschweiger Proze&szlig; 1952 argumentierte Fritz Bauer, da&szlig; es keinen Verrat gegen eine verbrecherische Regierung geben kann: Weil das Nazi-Regime ein Unrechtsregime war, war jeder Widerstand dagegen rechtm&auml;&szlig;ig. Bauer hatte Erfolg: zum ersten Mal in der Geschichte Nachkriegsdeutschlands wurde das NS-Regime gerichtlich zum Unrechtsstaat erkl&auml;rt, die Widerstandsk&auml;mpfer des 20. Juli offiziell rehabilitert und Remer wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener verurteilt. Freunde berichteten, da&szlig; es Bauer weniger auf die Verurteilung Remers ankam &#8211; in seinem Schlu&szlig;pl&auml;doyer habe er sogar vergessen, ein Strafma&szlig; zu fordern. Sondern entscheidend war ihm, da&szlig; das Gericht das Nazi-Regime als Unrechtsregime verurteilt. Auch sp&auml;ter forderte Bauer stets Anerkennung f&uuml;r das Nein-Sagen gegen&uuml;ber unrechten Befehlen.<\/p>\n<p>Ilona Ziok blendete einige Dokumente zu Fritz Bauers Herkunft, seinem Stuttgarter Elternhaus und seiner T&uuml;binger Studienzeit ein, um zum Auschwitz-Proze&szlig; 1963 &#8211; 65 &uuml;berzuleiten: dem ersten Verfahren gegen die ausf&uuml;hrenden M&ouml;rder. Fritz Bauer hatte das Verfahren organisiert, die Proze&szlig;f&uuml;hrung aber vier Mitarbeitern &uuml;bergeben. Zwei der damaligen Staatsanw&auml;lte wurden von Ilona Ziok interviewt. Die damalige Atmosph&auml;re dokumentierte sie &uuml;ber Wochenschau-Auschnitte, darunter, wie f&uuml;nf der angeklagten Massenm&ouml;rder in den Proze&szlig;pausen frei &uuml;ber die Zeil spazieren (in anderen Mordprozessen &#8211; z.B. sp&auml;ter gegen RAF-Terroristen &#8211; wird regelm&auml;&szlig;ig Untersuchungshaft wegen Fluchtgefahr verh&auml;ngt). Die Ehegattin eines der SS-Schergen berichtet, was f&uuml;r ein guter Familienvater der gewesen sei: sie k&ouml;nne sich &uuml;berhaupt nicht vorstellen, da&szlig; ihr Gatte Kindern ein Leid zugef&uuml;gt haben k&ouml;nnte &#8230; Ziok dokumentiert, wie die Nazi-Verbrechen systematisch verdr&auml;ngt wurden.<\/p>\n<p>Schlimmer noch: NS-T&auml;ter wurden gesch&uuml;tzt und gelangten wieder in f&uuml;hrende Positionen &#8211; nicht nur Hans Globke, der erst die N&uuml;rnberger Rassegesetze kommentierte und dann Staatssekret&auml;r von Kanzler Konrad Adenauer wurde. Dreher, ein anderer Nazi-Jurist, der im Nachkriegsdeutschland seine Karriere fortsetzen konnte, erarbeitete eine Strafrechts&auml;nderung, die die weitere Verfolgung von Nazi-Verbrechen erheblich erschwerte. So wurden von den 7.000 Mitarbeitern des RSHA &#8211; Reichssicherheitshauptamtes &#8211; keine 35 angeklagt. Mit haneb&uuml;chenen Urteilen wurden NS-M&ouml;rder vom Vorwurf des Mordes freigesprochen: so sei das Erschie&szlig;en polnischer H&auml;ftlinge in ihrer Zelle mit einer MP-Salve weder &#8222;heimt&uuml;ckisch&#8220; noch &#8222;grausam&#8220; gewesen &#8211; weshalb nur ein minderschwerer Fall von Totschlag vorliegen w&uuml;rde&#8230;<\/p>\n<p>Kein Wunder, wenn Fritz Bauer in solchem Umfeld &auml;u&szlig;erte, sobald er sein B&uuml;ro verlasse, betrete er &#8222;feindliches Ausland&#8220;. Bauer erhielt reichlich Drohanrufe und wurde angefeindet. Feindschaften aus dem Justizumfeld d&uuml;rften noch zugenommen haben, als Bauer sein n&auml;chstes Projekt anging: die Aufarbeitung der Euthanasie. Ein Zirkel von OLG-Richtern hatte eine Anweisung an nachgeordnete Instanzen entwickelt, wonach Anzeigen und Nachfragen nach dem Verbleib psychisch Kranker nicht bearbeitet werden sollten &#8211; um jegliche Unruhe in diesem Mordprogramm zu vermeiden. Bauer sah hier eine Tatbeteiligung am Mord. Die Psychiatrie in Hadamar hatte eifrig im Euthanasie-Programm mitgewirkt. Das Landgericht Limburg war hierf&uuml;r regional zust&auml;ndig &#8211; und der zust&auml;ndige Richter lie&szlig; Fritz Bauers Antr&auml;ge anderthalb Jahre unbearbeitet. Kurz nach Bauers Tod wurden die Ermittlungen mit neun d&uuml;rren Zeilen eingestellt.<\/p>\n<p>Fritz Bauer starb in der Badewanne: das Wasser bis zum Hals; im Blut ein hoher Promillegehalt &#8211; obwohl er sonst nie trank. Dazu einige Schlaftabletten im Magen &#8211; dennoch fand keine Obduktion nach der Strafproze&szlig;ordnung statt. Der 65-j&auml;hrige, der gerade erst erwirkt hatte, weiterarbeiten zu d&uuml;rfen, solle Selbstmord begangen haben &#8211; woran manche seiner Freunde zweifeln. Die ansonsten &uuml;blichen Untersuchungen fanden nicht statt.<\/p>\n<h5>Das Filmge&shy;spr&auml;ch zur Hessen&shy;pre&shy;miere<\/h5>\n<p>Das Podiumsgespr&auml;ch nach der Filmvorf&uuml;hrung er&ouml;ffnete Wolf Lindner mit der Frage an Ilona Ziok, wie sie zu ihrem Sujet gekommen sei? Als sie ihre Dokumentation &#8222;Der Junker und der Kommunist&#8220; drehte, bekam Ilona Ziok erste Hinweise auf Fritz Bauer, den sie zuvor nicht gekannt hatte: Obwohl sie in Frankfurt Abitur gemacht hatte, war sie keiner Erinnerungstafel oder nach ihm benannten Stra&szlig;e begegnet. Ziok bedauerte, da&szlig; Bauer weder zu Lebzeiten durch Bundesverdienstkreuz o.&auml;. noch nach seinem Tode durch Gedenktafel oder Stra&szlig;ennamen gew&uuml;rdigt wurde. Aus dem Publikum wurde darauf hingewiesen, da&szlig; es seit 1995 das Fritz Bauer Institut zur Erforschung von Geschichte und Wirkung des Holocaust gebe. Leider werde das Fritz Bauer Institut &#8211; so Stimmen aus dem Publikum &#8211; vorrangig im akademischen Bereich wahrgenommen, aber nicht gen&uuml;gend in der Breite. Gemeinsame Veranstaltungen mit der Humanistischen Union &#8211; wie die Diskussion zum NPD-Verbot oder der Kongre&szlig; &#8222;60 Jahre Grundgesetz &#8211; mehr Demokratie wagen!&#8220;, die Publizit&auml;t br&auml;chten, w&uuml;rden das Problem nicht grunds&auml;tzlich beheben.<\/p>\n<p>Im Film wurde deutlich, wie weit personelle Kontinuit&auml;ten reichten: zu viele Nazi-Juristen sprachen auch in der Bundesrepublik Recht oder wirkten an seiner Weiterentwicklung in Justizministerien mit. Die vom fr&uuml;heren Au&szlig;enminister Jockel Fischer in Auftrag gegebene Studie &uuml;ber personelle Kontinuit&auml;ten im Ausw&auml;rtigen Amt wurde thematisiert: jetzt erst w&uuml;rde erkannt, wie stark das Ausw&auml;rtige Amt in Nazi-Verbrechen verstrickt gewesen sei und wieviele Altnazis weiter Dienst tun konnten. &Auml;hnliche Erkenntnisse w&uuml;rden f&uuml;r die kommende Studie zum Finanzministerium erwartet.<\/p>\n<p>Peter Menne relativierte deren Neuigkeitswert: schon Anfang der 60er Jahre erschienen im &#8222;Braunbuch&#8220; Karten, in welchen L&auml;ndern Botschafter mit Nazi-Vergangenheit weiterarbeiteten &#8211; das waren die allermeisten. F&uuml;r das BKA hatte Dieter Schenck, ehemaliger dortiger Kriminaldirektor und Fritz-Bauer-Preistr&auml;ger, die braunen Wurzeln herausgearbeitet. Vor wenigen Jahren gab die Deutsche Bank sich &uuml;berrascht, wie stark sie in die Finanzierung der Nazis eingebunden gewesen sei. Menne verwies auf den OMGUS-Report (Overseas Military Government of the United States), der schon 1947 die massive Verstrickung der Deutschen Bank nachgewiesen und ihre Aufl&ouml;sung empfohlen hatte. Hans Magnus Enzensberger hatte 1985 eine deutsche &Uuml;bersetzung herausgebracht &#8211; daher sei es scheinheilig zu behaupten, man h&auml;tte das nicht fr&uuml;her gewu&szlig;t.<\/p>\n<p>Menne betonte, da&szlig; es gerade in der Justiz neben personellen noch weitere Kontinuit&auml;ten g&auml;be: gar manches Nazi-Gesetz gelte weiter. Die Bundesrepublik habe leider nicht s&auml;mtliche Nazi-Gesetze als Unrecht annulliert. So diente das Rechtsberatungsgesetz von 1935 dazu, den vom Anwaltsberuf ausgeschlossenen j&uuml;dischen Rechtsanw&auml;lten und entlassenen j&uuml;dischen Richtern etc. auch letzte Einkommenschancen &uuml;ber (nicht-anwaltliche) Rechtsberatung zu nehmen, indem es sie ausschlie&szlig;lich zugelassenen Anw&auml;lten vorbehielt. Das Gesetz blieb weiter in Kraft, bis der pensionierte Richter am OLG Braunschweig Dr. Helmut Kramer es vor dem Verfassungsgericht angriff &#8211; und das Nazi-Gesetz zu Fall brachte. Helmut Kramer befa&szlig;te sich schon lange mit der Aufarbeitung von NS-Unrecht und wurde daf&uuml;r im September 2010 von der Humanistischen Union mit dem Fritz-Bauer-Preis geehrt.<\/p>\n<p>Bauers Dictum &#8222;Nichts geh&ouml;rt der Vergangenheit an. Alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden&#8220; bezog Peter Menne nicht nur auf den Faschismus. Wenn man es auf Unrecht generell beziehe, gewinne der Film seine hohe Aktualit&auml;t. Da&szlig; es in der Justiz auch heute nicht immer zum Besten bestellt sei, zeige sich etwa am aktuellen Fall Buback: Michael Buback habe dank penetranter Nachforschungen aufgezeigt, da&szlig; f&uuml;r den Mord an seinem Vater Generalbundesanwalt Siegfried Buback wohl auch die Falschen verurteilt wurden. Manch&#8216; wahrer T&auml;ter h&auml;tte anscheinend mit dem Verfassungsschutz zusammengearbeitet &#8211; und sei im Gerichtsproze&szlig; verschont worden. Wichtige Indizien wie das Tatmotorrad seien inzwischen nicht mehr auffindbar. Ihm gehe es nicht darum, das rechtlich auseinanderzunehmen, so Menne. Vielmehr stelle sich die &#8211; politische &#8211; Frage: wer kontrolliert die Kontrolleure? Genau das bleibe auch heute aktuell.<\/p>\n<p>Dr. Christian Hullmann lobte die Schriften von Fritz Bauer. Seine Texte zeichneten sich durch eine sch&ouml;ne, dabei klare und leicht verst&auml;ndliche Sprache aus &#8211; was bei juristischen Texten nicht selbstverst&auml;ndlich sei, so der Berliner Anwalt. Leider seien manche B&uuml;cher Bauers vergriffen. Man solle sich darum bem&uuml;hen, da&szlig; sie bald wiederaufgelegt w&uuml;rden. Aus dem Publikum wurde darauf hingewiesen, da&szlig; es beim <a href=\"http:\/\/www.fritz-bauer-institut.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fritz-Bauer-Institut<\/a>&nbsp;eine Publikationsliste gebe &#8211; doch stehen die Texte nicht online zur Verf&uuml;gung. Hullmann erz&auml;hlte viele interessante Details &uuml;ber Bauer als Juristen und Humanisten. Er plant eine Ausstellung &uuml;ber den gro&szlig;en Demokraten in der Berliner Humboldt-Universit&auml;t.<\/p>\n<p>Zu Beginn des Films steht eine Szene, in der Fritz Bauer meint, die demokratischen Institutionen seien jetzt vorhanden &#8211; was es aber brauche, seien die Menschen, die Demokratie leben! Seinen Wunsch nach mehr gelebter Demokratie verlieh Bauer auch organisatorische Gestalt: Peter Menne verwies darauf, da&szlig; Fritz Bauer gemeinsam mit Gerhard Szczesny 1961 die Humanistische Union gr&uuml;ndete: eine B&uuml;rgerrechtsvereinigung, zu deren Zielen neben der Sicherung, besser noch Erweiterung der Grundrechte und der (l&auml;ngst &uuml;berf&auml;lligen) Trennung von Kirche und Staat auch ein sinnvoller Strafvollzug geh&ouml;rt. Fritz Bauer war gleicherma&szlig;en wichtig, da&szlig; T&auml;ter verfolgt werden wie auch, da&szlig; sie w&auml;hrend des Strafvollzugs ein Leben ohne erneute Straff&auml;lligkeit erlernen: er mahnte das Vollzugsziel einer Resozialisierung an.<\/p>\n<p>Ilona Ziok griff den Hinweis auf die Humanistische Union (HU) auf; bei einer Ver&ouml;ffentlichung des Films k&ouml;nne sie sich einen Hinweis auf die von Fritz Bauer mitgegr&uuml;ndete B&uuml;rgerrechtsorganisation vorstellen. Die Humanistische Union vergibt einen Preis f&uuml;r b&uuml;rgerrechtliches Engagement &#8211; der nach dem Gr&uuml;nder &#8222;Fritz-Bauer-Preis&#8220; benannt ist.<\/p>\n<h5>Erg&auml;nzungen &amp; Rezeption des Films<\/h5>\n<p>Fritz Bauers Verhalten im Fall Eichmann wirft gelegentlich Fragen auf: Durfte er das? W&auml;re er nicht verpflichtet gewesen, den Instanzenweg einzuhalten &#8211; selbst wenn absehbar war, da&szlig; der SS-Obersturmbannf&uuml;hrer Eichmann dann fl&uuml;chten w&uuml;rde?<\/p>\n<p>Jenseits juristischer Diskussionen ist zu beachten, da&szlig; ein auf effizientes Schaffen von Gerechtigkeit orientiertes Verhalten nicht ungew&ouml;hnlich ist: Erinnern wir uns nur an den Deutschen Herbst 1977: vier pal&auml;stinensische Terroristen entf&uuml;hrten die Lufthansa-Maschine &#8222;Landshut&#8220; nach Mogadischu, um RAF-Gefangene freizupressen. Die somalische Polizei verf&uuml;gte nicht &uuml;ber die n&ouml;tige Ausr&uuml;stung und das Know-how, um die Geiseln zu befreien &#8211; das &uuml;bernahm die Bundesgrenzschutz-Einheit GSG 9. Der &#8222;out of area&#8220;-Einsatz verlief erfolgreich, dennoch dankte Bundeskanzler Helmut Schmidt der deutschen Justiz, da&szlig; sie den Einsatz nicht verfassungsrechtlich untersucht hat. (Das Helmut Schmidt-Zitat steht im Vorspann von Fassbinders schwarzer Kom&ouml;die &#8222;Die dritte Generation&#8220;). Auch hier erforderte eine au&szlig;ergew&ouml;hnliche Situation au&szlig;ergew&ouml;hnliche Ma&szlig;nahmen. Im Interesse von Staatsraison und Geiseln wurden &Uuml;berlegungen zu Hoheits- und Einsatzgebiet zur&uuml;ckgestellt. Bauer hatte berechtigen Anla&szlig; zum Zweifel, ob ein deutsches Auslieferungsersuchen von Erfolg gekr&ouml;nt sein k&ouml;nnte &#8211; doch in au&szlig;ergew&ouml;hnlicher Situation fand auch er einen au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Weg, den Massenm&ouml;rder vor ein ordentliches Gericht (incl. Berufungsverhandlung) zu stellen.<\/p>\n<p>Ilona Zioks Dokumentarfilm &#8222;Fritz Bauer- Tod auf Raten&#8220; wurde zuerst auf der Berlinale gezeigt &#8211; mit Schlangen vor den Kinokassen: an allen drei Terminen mu&szlig;ten Interessenten wegen &Uuml;berf&uuml;llung nach Hause geschickt werden. Dasselbe passierte anl&auml;&szlig;lich der Deutschland-Premiere am 4. November 2010 im Berliner Zeughaus-Kino: mit dem Film wurde das Festival &#8222;&Uuml;ber Mut&#8220; der Aktion Mensch zusammen mit der Humanistischen Union als Filmpartner er&ouml;ffnet &#8211; und das Kino war wieder ausverkauft, wieder &uuml;berf&uuml;llt. Zioks Art der Dokumentation kommt beim Publikum an, wie auch die &uuml;berf&uuml;llte Hessenpremiere am 23. November 2010 im Frankfurter Naxos-Kino zeigte.<\/p>\n<p>An Fernseh-Formate gew&ouml;hnte Kritiker streiten &uuml;ber den Stil: Ziok arbeitet bei diesem Film ganz bewu&szlig;t mit &#8222;Talking Heads&#8220;, einer im Kino-Dokumentarfilm bekannten Form. Ilona Ziok hat die Form weiterentwickelt, ihr eine stringente Spielfilmdramaturgie unterlegt: dadurch und dank der aufwendigen Schnittechnik bleiben die Interviews durchgehend spannend. Kurt Zimmermann, Gr&uuml;nder von &#8222;Titel, Thesen, Temperamente&#8220; ist begeistert: anders als so manches kurzlebige Feature seien Zioks Filme langfristig wertvoll.<\/p>\n<p>W&auml;hrend das SWR-Fernsehen vom Biberacher Filmfestival &uuml;ber &#8222;Fritz Bauer &#8211; Tod auf Raten&#8220; berichtete und Klaus Maria Brandauer darin den Film begeistert kommentierte, gl&auml;nzte das HR-Fernsehen bei der Hessenpremiere durch Abwesenheit. Der Sender mit Sitz in Frankfurt: der letzten, langj&auml;hrigen Wirkungsst&auml;tte des geb&uuml;rtigen Schwaben Fritz Bauer, igoriert den Film. Den Verantwortlichen von &#8222;kultur aktuell&#8220; gef&auml;llt er einfach nicht &#8211; wie man der Regisseurin und der Produktionsfirma bereits w&auml;hrend der Berlinale mitteilte. Tats&auml;chlich geh&ouml;rt &#8222;Fritz Bauer &#8211; Tod auf Raten&#8220; zu den gro&szlig;en Erfolgen des Festivals. Wohin entwickelt sich das hessische Fernsehen, wenn es aufgrund pers&ouml;nlicher Vorlieben politisch relevante und brisante Inhalte unter den Tisch fallen l&auml;&szlig;t? Wo ist das aufkl&auml;rerische Interesse geblieben, f&uuml;r das auch Fritz Bauer stand?<\/p>\n","protected":false},"featured_media":5958,"template":"","categories":[2634],"tags":[750],"autoren":[321],"class_list":["post-14307","termin","type-termin","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-veranstaltungsberichte","tag-frankfurt-veranstaltungsberichte","autoren-peter-menne"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Hessenpremiere von Ilona Zioks Dokumentation &quot;Fritz Bauer - Tod auf Raten&quot; - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungsberichte\/2010\/hessenpremiere-von-ilona-zioks-dokumentation-fritz-bauer-tod-auf-raten\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Hessenpremiere von Ilona Zioks Dokumentation &quot;Fritz Bauer - Tod auf Raten&quot; - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Bei der Hessenpremiere von &#8222;Fritz Bauer &#8211; Tod auf Raten&#8220; im Frankfurter Naxos-Kino mussten viele Besucher wegen &Uuml;berf&uuml;llung abgewiesen werden: der Dokumentarfilm von Ilona Ziok weckte enormes Interesse beim Publikum, weitere Vorf&uuml;hrungen folgen. 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