{"id":14422,"date":"2006-12-14T23:20:00","date_gmt":"2006-12-14T22:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/e-watch-und-controltainment\/"},"modified":"2006-12-14T12:00:00","modified_gmt":"2006-12-14T11:00:00","slug":"e-watch-und-controltainment","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungsberichte\/2006\/e-watch-und-controltainment\/","title":{"rendered":"E-Watch und Controltainment"},"content":{"rendered":"<p>Eine kleine Kriminologie der Kontrollkultur<\/p>\n<p>Mitteilungen Nr. 195, S. 14-15<\/p>\n<p>Der Landesverband Hamburg der Humanistischen Union hatte am 29. November 2006 zur Besichtigung des immer perfekteren \u00dcberwachungsstaates in Deutschland eingeladen. Die Kriminologin Dr. Kirsten Toepffer sprach zum Thema: &#8222;E-Watch und Controltainment. Eine kleine Kriminologie der Kontrollkultur.&#8220; Einleitend referierte Prof. Dr. jur. Sebastian Scheerer, Leiter des Instituts f\u00fcr kriminologische Sozialforschung an der Universit\u00e4t Hamburg, Assoziationen \u00fcber die historischen Ver\u00e4nderungen staatlicher Kontrolle der B\u00fcrger. Beobachtungen habe es immer schon gegeben, nur war das in fr\u00fcheren Zeiten eine recht schwierige Angelegenheit. Nicht nur, weil man dazu viele Personen brauchte, diese konnten zudem auch nur fragmentarisch und punktuell (zum Beispiel am Stadttor) beobachten. Heute geht es technisch-elektronisch, d.h. man hat Apparate, die &#8222;totalisiert&#8220; eingesetzt werden: an allen Orten (fl\u00e4chendeckend) werden alle Passanten erfasst, und das rund um die Uhr. Bekommt man eine andere Individualit\u00e4t, wenn man wei\u00df, dass man \u00fcberall beobachtet wird? Fr\u00fcher wurde Kontrolle \u00fcber direkten Zwang ausge\u00fcbt, sei es durch die B\u00fcrokratie oder andere Staatsorgane, heute werden wir geradezu verf\u00fchrt, selbst immer mehr Kontrolle zu wollen. Es ist mittlerweile an vielen Orten in der Gesellschaft eine Situation der Beobachtung und Kontrolle entstanden, wie sie fr\u00fcher nur in Haftanstalten \u00fcblich war und als erforderlich angesehen wurde. Insgesamt gibt es heute eine technische \u00dcberlegenheit des Staates, der durch Datenerfassung und Datenabgleich dem einfachen B\u00fcrger immer mehr die Furcht einfl\u00f6\u00dft, kriminalisiert zu werden. Dr. Toepffer erl\u00e4uterte einleitend die beiden Wortsch\u00f6pfungen: &#8222;E-Watch&#8220; ist in Anlehnung an die popul\u00e4re Fernsehserie &#8222;Baywatch&#8220; gebildet und meint all jene Kontrolltechnologien, die auf elektronischem Wege Personen, R\u00e4ume und\/oder Interaktionen akustisch, optisch und\/oder taktil durch Datenspeicherung und Datenabgleich \u00fcberwachen. &#8222;Controltainment&#8220; bezeichnet in der Wortzusammensetzung aus &#8222;Control&#8220; und &#8222;Entertainment&#8220; die Wechselwirkung aus Kontrolle und Unterhaltung, wobei vorwiegend das &#8217;sich selbst in Szene setzen&#8216; gemeint ist. Als erste These formulierte sie: &#8222;E-Watch und Controltainment bieten eine B\u00fchne f\u00fcr das Kontroll-, Sicherheits- und Zurschaustellungsbed\u00fcrfnis der Gesellschaft. Es entsteht eine Aufmerksamkeits- und Selbstkontrollgesellschaft, auf deren Daten &#150; erg\u00e4nzt durch eigene Erfassungs- bzw. Kon- trollinstrumente &#150; der Staat zur Kontrolle der Bev\u00f6lkerung zur\u00fcckgreifen kann. Der Einzelne wird damit zum &#8218;Kontrolleur seiner selbst&#8216;, der einen omnipr\u00e4senten, kontrollierenden Staat &#150; in Teilen &#150; \u00fcberfl\u00fcssig macht. Eine Kontrollkultur er- w\u00e4chst.&#8220; Die Implementation vollzieht sich sukzessive in verschiedenen Gesellschaftsbereichen und wird in ihrer Komplexit\u00e4t von dem Einzelnen nicht wahrgenommen. Kennzeichnendf\u00fcr diese Situation ist u.a., dass sich beinahe alle daran beteiligenund anstelle der klassischen Kontrolle des Einzelnennun eine Kontrolle im Rahmen des Kollektivs erfolgt. Ein normaler Bundesb\u00fcrger tr\u00e4gt heute wie selbstverst\u00e4ndlich eine ganze Reihe von Erfassungsmedien in seiner Kleidung mit sich herum. Das beginnt mit Kreditkarten (Geldbewegungen, Abhebungsorte), setzt sich fort mit diversen Kunden- und Bonuskarten (Konsumprofile, Lebensalter) und endet nicht bei der Handy-Ortung (Bewegungsprofile). An den Rabattmarken l\u00e4sst sich der historische Unterschied zu Bonus- und Kundenkarten verdeutlichen. Rabattmarken gab es anonym und man klebte sie in ein Heft, dass man &#150; wenn es vollgeklebt war &#150; anonym abgab und daf\u00fcr das &#8222;Rabattgeld&#8220; bekam. F\u00fcr eine Bonuskarte von Wirtschaftsunternehmen m\u00fcsse man normalerweise vorher Name, Geschlecht und Geburtsdatum angeben. Je h\u00f6her die \u00f6konomischen Anreize sind, desto mehr Alltags-Informationen werden vorher abverlangt. Menschen ohne Kreditkarten und ohne Handy gelten mittlerweile in weiten Bev\u00f6lkerungskreisen als anachronistisch, unmodern und r\u00fcckst\u00e4ndig bzw. zumindest leicht verschroben. Die zweite These lautete: &#8222;So genannte Outsider legitimieren umfassende Kontrollstrategien, die sich auf die gesamte Bev\u00f6lkerung beziehen.&#8220; Unter Outsidern sind &#8222;nicht erw\u00fcnschte&#8220; Personen zu verstehen, deren Aktivit\u00e4ten nurdadurch erfasst und kontrolliert werden k\u00f6nnten, dass alleB\u00fcrger kontrolliert werden. Das beginnt bei den Beobachtungskameras in Gesch\u00e4ften &#150; die alle K\u00e4ufer beobachten, um einzelne Ladendiebst\u00e4hle zu verhindern &#150;, und geht bis zur Video\u00fcberwachung von neuen &#8222;Shopping-Malls&#8220;, aus denen dann alle nicht erw\u00fcnschten, d.h. nicht konsumierenden Anwesenden umgehend entfernt werden, bis hin zu Videokameras und Videoaufzeichnungen in \u00f6ffentlichen Bahnen und Verkehrsmitteln. Also wenn sie mit &#8222;falschen Leuten&#8220; in der U-Bahn fahren oder wenn sie &#150; unwissentlich &#150; neben einer &#8222;nicht erw\u00fcnschten Person&#8220; stehen sollten, sind sie m\u00f6glicherweise bereits miterfasst. Die dritte These betont: &#8222;Unterschiedliche Kontrollstrategien oder Formen von E-Watch, die f\u00fcr die Herstellung von Sicherheit eingesetzt werden, lassen sich unterscheiden. Zum einen ist es die Video\u00fcberwachung, die auf eine kollektive (semi-)private und staatliche Kontrolle abzielt.&#8220; So gibt es bereits Eltern, die als weit entfernte, unsichtbare Beobachter,st\u00e4ndig ihre Kinder im Kindergarten in Echt-Zeit beobachten, aufzeichnen und die Aufzeichnungen wieder abrufen k\u00f6nnen. Beliebt ist auch die private Nutzung von \u00f6ffentlichen Web-Cams (Kameras im Internet), mit der Sie nach dem Wetter an der Nordsee oder in den Alpen schauen k\u00f6nnen. Es ist exakt dieses Wechselspiel aus verf\u00fcgbaren, \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Kontrolleinrichtungen und ihrer privaten Nutzung als Informations- oder Unterhaltungsmedium, das sowohl die Einf\u00fchrung wie die Ausweitung erleichtert und die Nachfrage steigert. &#8222;Zum anderen handelt es sich um Konzepte (semi-)privaterund staatlicher E-Watch von Einzelnen, die darauf abzielen,entweder so genannte &#8218;Outsider&#8216; zu kontrollieren oderdiese in der gro\u00dfen Masse zu identifizieren.&#8220; Dazu geh\u00f6rtbeispielsweise die &#8222;Biometrie&#8220; in Ausweispapieren, die beientsprechend gut aufl\u00f6senden Kameras einen schnellen Abgleich mit Personen in \u00f6ffentlichen R\u00e4umen erlaubt. Die vierte These: &#8222;Die M\u00f6glichkeiten, die die technischen Entwicklungen in dem Bereich von E-Watch bieten, dienendem Controltainment als eine wichtige Ressource. Gleichzeitig dienen die Entwicklungen auf dem Markt der Unterhaltung f\u00fcr die Implementierung von E-Watch dazu, eine positive Grundstimmung in der Gesellschaft zu erzeugen bzw. zu verst\u00e4rken.&#8220; Haben Sie auch Spa\u00df daran, Ihre privaten Fotografien im Internet bei &#8222;my space&#8220; kostenlos einbringen zu k\u00f6nnen oderbei &#8222;You tube&#8220; private Videos zu zeigen &#150; nur weiter so, Sie ersparen den Kontrolleuren viel M\u00fche, da Sie ja selber das Material erarbeiten und anliefern, was dann zu ihrer Kontrolle eingesetzt werden kann. Best\u00e4rkt werden diese &#8222;Harmlosigkeiten&#8220; der \u00f6ffentlichen Vorf\u00fchrung von Privatem von Fernsehformaten wie &#8222;Big Brother&#8220;, in denen Privatpersonen Intimes zur \u00f6ffentlichen Unterhaltung preisgeben. Bereits Kinder haben ihre Unterhaltung, wenn sie zuf\u00e4llig das Bild von sich selbst auf einem Monitor in einem \u00f6ffentlichen Raum sehen und sich selbst zuwinken oder fr\u00f6hlich rufen: &#8222;Schau Mama, ich kann uns sehen!&#8220; Es entsteht ein &#8222;Fun Factor&#8220;, so dass jegliche \u00c4ngste eines Missbrauchs dieser biometrischen und geographischen Informationen ausgeklammert bleiben. Die f\u00fcnfte und letzte These lautete: &#8222;Der &#8218;Fun-Faktor&#8216; des Regierens avanciert zu einer wichtigen Komponente der Kontrollkultur, die dieselbe zugleich erm\u00f6glicht und rechtfertigt.&#8220; Im Gegensatz von der Identit\u00e4t des Einzelnen und der individuellen Identifizierung durch den Staat verschieben sich die Machtverh\u00e4ltnisse des Zugriffs. Technisch sind bereits &#8222;Life-Logs&#8220; m\u00f6glich, mit Sensoren, die alles aufzeichnen (k\u00f6nnen), was ein Mensch &#8218;macht&#8216;. In der Diskussion wurden vielf\u00e4ltige Aspekte angesprochen: Etwa die Frage, wie dem zu begegnen sei und wann eine Datenmenge erreicht sei, die den Einzelnen aufgrund ihrer quantitativen Unauswertbarkeit dann wieder ins Verborgene sinken l\u00e4sst? Ob es eine M\u00f6glichkeit gibt, sich dem zu entziehen? Wie kann man dar\u00fcber aufkl\u00e4ren? Die Frage: &#8222;Warum soll ich als gesetzestreuer und sittenstrenger Mensch mich vor solchen Beobachtungen f\u00fcrchten?&#8220; verkennt zum einen, wie weit inzwischen diese \u00dcberwachung vonstatten geht, zum anderen, dass die Auffassung davon, was &#8222;gesetzestreu&#8220; oder &#8222;sittenstreng&#8220; sei, durchaus verschieden ist und nur der Schutz einer Intim- und Privatsph\u00e4re den Einzelnen vor Missbrauch bewahren kann. Man muss gelassen bleiben, um sich nicht \u00fcberall bereits beobachtet zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Carsten Frerk, Mitglied des Hamburger Landesverbandes<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[24,2634],"tags":[804,671],"autoren":[365],"class_list":["post-14422","termin","type-termin","status-publish","hentry","category-innere-sicherheit","category-veranstaltungsberichte","tag-hamburg-veranstaltungsberichte","tag-innere-sicherheit","autoren-carsten-frerk"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>E-Watch und Controltainment - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungsberichte\/2006\/e-watch-und-controltainment\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"E-Watch und Controltainment - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Eine kleine Kriminologie der Kontrollkultur Mitteilungen Nr. 195, S. 14-15 Der Landesverband Hamburg der Humanistischen Union hatte am 29. 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