{"id":14526,"date":"1998-01-01T09:56:00","date_gmt":"1998-01-01T08:56:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/fritz-bauer-stationen-eines-lebens\/"},"modified":"1998-01-01T12:00:00","modified_gmt":"1998-01-01T11:00:00","slug":"fritz-bauer-stationen-eines-lebens","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1998\/fritz-bauer-stationen-eines-lebens\/","title":{"rendered":"Fritz Bauer &#8211; Stationen eines Lebens"},"content":{"rendered":"<p>Lebensweg und -werk Fritz Bauers wurden von zwei Weltkriegen gepr\u00e4gt: Als Student in Heidelberg, M\u00fcnchen und T\u00fcbingen geh\u00f6rte er zur Nachkriegsjugend des Ersten Weltkriegs, die in der zweiten H\u00e4lfte der Weimarer Republik den Weg in ein aktives Berufsleben suchte. Als Remigrant, der als rassisch und politisch Verfolgter des NS-Regimes 1936 nach D\u00e4nemark und 1943 mit den d\u00e4nischen Juden nach Schweden fl\u00fcchten mu\u00dfte, z\u00e4hlte er nach 1949 zu der Minderheit politischer Fl\u00fcchtlinge, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der westdeutschen Nachkriegsjustiz am Neuaufbau eines demokratischen Rechtsstaats beteiligt waren.<\/p>\n<p>Fritz Bauer wurde am 16. Juli 1903 als Sohn des Textilgro\u00dfh\u00e4ndlers Ludwig Bauer und dessen Ehefrau Ella, geborene Hirsch, in Stuttgart geboren. Sein Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits, Gustav Hirsch, wurde 1848 als siebtes Kind von Leopold und Therese Hirsch in Wankheim geboren. Er stammte aus einem streng orthodoxen Elternhaus.<\/p>\n<p>Leopold Hirsch, Altwarenh\u00e4ndler und Kaufmann, seit 1837 Vorsteher der J\u00fcdischen Gemeinde, beantragte als erster seit der Vertreibung der T\u00fcbinger Juden in der Mitte des 15. Jahrhunderts die Aufnahme in den T\u00fcbinger B\u00fcrgerverband. Sein erfolgreicher Rechtsstreit wurde zum Pr\u00e4zedenzfall und Leopold Hirsch zum Vorreiter der Emanzipation in W\u00fcrttemberg.<\/p>\n<p>Gustav Hirsch ist es erspart geblieben, die Emigration seiner Tochter Ella, die 1902 den Kaufmann Ludwig Bauer in Stuttgart heiratete, und seiner Enkelkinder Margot und Fritz Bauer zu erleben. Die Familie v\u00e4terlicherseits spiegelt ebenso die Geschichte einer angestrebten, letztlich gescheiterten deutsch-j\u00fcdischen Assimilation. Ludwig Bauer, freiwilliger Grenadier des Regiments K\u00f6nigin Olga 1894\/95, Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkriegs 1914 bis 1918 und seit 1935 Ehrenkreuztr\u00e4ger, war mit seinen beiden Br\u00fcdern Besitzer einer Textilwarenhandlung in der Stuttgarter Innenstadt, die ebenso wie das eigene Haus &#8211; und das T\u00fcbinger Gesch\u00e4ft &#8211; 1938 unter Wert verkauft werden mu\u00dften. Ludwig und Ella Bauer emigrierten nach D\u00e4nemark.<\/p>\n<p>Von 1912 bis 1921 besuchte Fritz Bauer das Eberhard-Ludwig-Gymnasium in Stuttgart und begann nach dem Abitur ein Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in Heidelberg, M\u00fcnchen und T\u00fcbingen. Im Dezember 1924 legte er seine erste Juristische Staatspr\u00fcfung in T\u00fcbingen ab, trat im selben Monat sein Referendariat an und promovierte 1925 bei Karl Geiler in Heidelberg zum Dr. jur. mit einer Dissertation \u00fcber &#8222;Die rechtliche Struktur der Truste&#8220;.<\/p>\n<p>Begeistert las der Student Fritz Bauer in den W\u00e4ldern rings um das Heidelberger Schlo\u00df Gustav Radbruchs 1910 erschienene Einf\u00fchrung in die Rechtswissenschaft und machte dicke Unterstreichungen: &#8222;Der Neigung zur Reglementierung und Rationalisierung ein Gegengewicht zu bieten, ist die historische Aufgabe des Juristen aus Freiheitssinn, vom Amtsrichter, der \u00dcbergriffe der polizeilichen Verordnungsgewalt als solche kennzeichnet, bis zum Verteidiger, der die Kunst gegen unz\u00fcchtige Richter sch\u00fctzt. Diese Juristen sind die Vorposten des Rechtsstaats gegen unseren angeborenen Hang zum Polizeistaat.&#8220; &#8222;Ich habe gewu\u00dft, wohin ich geh\u00f6ren m\u00f6chte&#8220;, kommentierte Fritz Bauer sp\u00e4ter seine Erinnerungen. Die Verbindung von juristischer, auch richterlicher T\u00e4tigkeit betrachtete er schon in seiner Jugend als selbstverst\u00e4ndlich. Im Februar 1928 legte er seine zweite Juristische Staatspr\u00fcfung ab, wurde Gerichtsassessor bei der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Stuttgart und schlie\u00dflich im April 1930 beim Amtsgericht Stuttgart j\u00fcngster Amtsrichter Deutschlands. Fritz Bauer war Mitbegr\u00fcnder des Republikanischen Richterbunds in W\u00fcrttemberg, 1930 wurde er Vorsitzender der Ortsgruppe Stuttgart des &#8222;Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold&#8220;.<\/p>\n<p>Im April 1933 wurde Fritz Bauer aufgrund seiner politischen Aktivit\u00e4ten von der Gestapo verhaftet, in das KZ Heuberg und sp\u00e4ter in die Ulmer Strafanstalt verbracht, und erst Ende 1933 wieder entlassen. Er mu\u00dfte 1936 nach D\u00e4nemark fl\u00fcchten, wo er in Kopenhagen &#8211; wie auch 1943 im Exil in Schweden &#8211; in politischen Exilkreisen aktiv wurde. Gemeinsam mit Willy Brandt gr\u00fcndete er in Schweden die Sozialistische Trib\u00fcne als theoretisches Organ der sozialdemokratischen Partei im Exil. Von 1945 bis 1949 kehrte Fritz Bauer nach D\u00e4nemark zur\u00fcck, wo er vor\u00fcbergehend in der Wirtschafts- und Finanzverwaltung und vor allem in der Redaktion der Fl\u00fcchtlingszeitung Deutsche Nachrichten t\u00e4tig war.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr nach Deutschland fiel Fritz Bauer nicht leicht, doch in D\u00e4nemark fand er keine seinem juristischen und wirtschaftswissenschaftlichem Format angemessene Stellung. Drei Jahre bem\u00fchte er sich um eine R\u00fcckkehr, bis er 1949 zum Landgerichtsdirektor, dann zum Generalstaatsanwalt in Braunschweig berufen wurde. In der SPD und Gewerkschaftskreisen wurde er zu einer bedeutenden Gestalt und war Mitglied der &#8222;Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Juristen&#8220; und des &#8222;Rechtspolitischen Ausschusses&#8220; sowie Mitherausgeber der theoretischen Zeitschrift der SPD Die neue Gesellschaft. In Frankfurt am Main z\u00e4hlte er zu den Mitbegr\u00fcndern des Ortsverbandes der &#8222;Humanistischen Union&#8220;. Der Hessische Ministerpr\u00e4sident Georg August Zinn rief Fritz Bauer 1956 als Generalstaatsanwalt nach Frankfurt am Main, wo er bis zu seinem pl\u00f6tzlichen Tod im Jahr 1968 lebte.<\/p>\n<p>Fritz Bauer machte die Gedankenwelt des republikanischen Rechtsdenkens von Weimar, das er in der Emigration im Kampf gegen das NS-Regime aufrecht erhielt, f\u00fcr den Aufbau einer demokratischen Ordnung fruchtbar. Die Verfahren gegen die nationalsozialistischen Verbrecher waren f\u00fcr ihn Pr\u00fcfsteine der Herausbildung eines neuen Rechtsbewu\u00dftseins, verbunden mit der Aufforderung an die Gesellschaft zur Selbstaufkl\u00e4rung. Wie kaum ein anderer trieb er die juristische Aufarbeitung der Verbrechen des NS-Regimes voran. Zahlreiche B\u00fccher und Aufs\u00e4tze dokumentieren vor allem sein Engagement f\u00fcr die Begr\u00fcndung einer neuen Rechtsauffassung innerhalb der deutschen Nachkriegsjustiz der 50er und 60er Jahre. Die NS-Prozesse waren f\u00fcr ihn Bestandteile eines demokratischen Neubeginns, wobei die normative Abgrenzung vom NS-Unrechtsstaat verbunden war mit einer systematischen Interpretation des Widerstandsrechts und der Widerstandspflicht eines jeden gegen\u00fcber diktatorischer Staatsgewalt. Diese Auffassung vertrat er nicht nur in seinem Pl\u00e4doyer im &#8222;Remer-Proze\u00df&#8220; von 1952, sondern ebenso hinsichtlich der Beteiligung der deutschen Justiz an der NS-Euthanasie und der T\u00e4terschaft bei den Morden der Einsatzgruppen und in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern. Mit dem &#8222;Remer-Proze\u00df&#8220;, der in der bundesdeutschen \u00d6ffentlichkeit starke Resonanz fand, brachte er den spektakul\u00e4rsten Proze\u00df zur Wiederherstellung der Integrit\u00e4t der Widerstandsk\u00e4mpfer gegen das NS-Regime in Gang.<\/p>\n<p>Fritz Bauer pl\u00e4dierte f\u00fcr die Anerkennung formaler Demokratieprinzipien, f\u00fcr eine umfassende Reform des Strafrechts und Strafvollzugs. Bei der Bewertung der Gewaltverbrechen in den Konzentrationslagern insistierte er, da\u00df der Begriff des gesetzlichen Unrechts nicht nur die objektive Seite des Tatgeschehens bezeichnete, sondern auch die subjektive Tatseite einschlie\u00dfen m\u00fcsse, indem er fragte: &#8222;Sind diejenigen, die in Auschwitz waren, dabeigewesen, weil sie selber Nazis waren oder nicht?&#8220; Aus seiner Sicht mu\u00dfte &#8222;die Bejahung des durch keinen Gesetzgeber antastbaren Kernbereich des Rechts &#8211; ein Minimum an Menschenrechten wie das Recht auf Leben&#8220; auch die Bejahung eines &#8222;Kernbereichs an Rechts- und Unrechtsbewu\u00dftsein bei einem jeden nach sich ziehen&#8220;. Diese Sicht stand im Gegensatz zur Tendenz der zeitgen\u00f6ssischen Rechtsprechung, die Einsatzgruppenf\u00fchrer, administrative Leiter von Konzentrationslagern und am Anstaltsmord beteiligte \u00c4rzte, das ausf\u00fchrende Personal der Vernichtungslager als blo\u00dfe Gehilfen in einem ihnen fremden Geschehen zu qualifizieren.<\/p>\n<p>Neben zahlreichen anderen Nachforschungen \u00fcbernahm die Dienststelle Fritz Bauers 1959 die Ermittlungen gegen den &#8222;Euthanasie&#8220;-Professor Werner Heyde, dem die Ermordung von 100.000 behinderten und kranken Menschen angelastet wurde. Im Jahr 1960, die Vorbereitungen zum Auschwitz-Proze\u00df hatten bereits begonnen, wurde auf seinen Hinweis Adolf Eichmann in Argentinien gefa\u00dft und vom israelischen Geheimdienst nach Jerusalem gebracht. Ein Ermittlungsverfahren gegen Staatssekret\u00e4r Globke im Bonner Bundeskanzleramt, Kommentator der N\u00fcrnberger Rassegesetze, gegen den Beschuldigungen erhoben worden waren, an NS-Verbrechen in Griechenland beteiligt gewesen zu sein, brachte Fritz Bauer Kritik der Medien und der hessischen CDU ein, die sich wiederholen sollte. Man warf ihm eine Politisierung der Justiz vor; aber die hessische Landesregierung wehrte die Kritik ab und stellte sich hinter den Generalstaatsanwalt. So auch kurz vor der Er\u00f6ffnung des Auschwitz-Prozesses. [&#8230;]<\/p>\n<p>Der Auschwitz-Proze\u00df war eines der wichtigsten Anliegen Fritz Bauers. Im Februar 1959 stellte er den Antrag, der Bundesgerichtshof m\u00f6ge die Zust\u00e4ndigkeit des Landgerichts Frankfurt am Main f\u00fcr alle in Auschwitz begangenen Straftaten begr\u00fcnden. Am 20. Dezember 1963 begann im Frankfurter R\u00f6mer das Auschwitz-Verfahren &#8222;gegen Mulka und andere&#8220;. Unter den Augen von allein 20 000 Zuschauern im Gerichtssaal kam das in Auschwitz geschehene akribisch genau zur Sprache und fand in den Medien, in Ausstellungen und auf der B\u00fchne in Peter Weiss&#8216; Oratorium Die Ermittlung seinen Niederschlag. Erstmals gewann die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Deutschland eine \u00f6ffentliche Dimension.<\/p>\n<p>Der Auschwitz-Proze\u00df war noch nicht abgeschlossen, als die Voruntersuchung f\u00fcr einen neuen Proze\u00df begann, der sich gegen die Teilnehmer einer reichsweiten Justizkonferenz von 1941, die juristischen Erf\u00fcllungsgehilfen der &#8222;Euthanasie&#8220;-Morde richten sollte. Geplant war ein exemplarischer Proze\u00df gegen die in die Verbrechen verstrickte Justiz &#8211; doch der Proze\u00df fand nie statt. Zwei Jahre nach Fritz Bauers Tod wurde das Verfahren gegen die Justizelite wegen Beihilfe zum Anstaltsmord eingestellt, ohne da\u00df eine Auseinandersetzung mit der Anklageschrift Fritz Bauers stattgefunden h\u00e4tte. Die NS-Verbrecherprozesse hatten f\u00fcr Fritz Bauer \u00fcber die Selbstaufkl\u00e4rung der Gesellschaft hinaus einen demokratischen Sinn: Ihre entscheidende Lehre bestand in der Bereitschaft zu einem eindeutigen Nein gegen\u00fcber staatlichem Unrecht. In der Wahrnehmung des Widerstandes bestand f\u00fcr ihn die andere Handlungsm\u00f6glichkeit &#8211; im Gegensatz zu der Auffassung, die Individuen seien im NS-System zu willenlosen R\u00e4dchen einer ihnen \u00e4u\u00dferlichen Vernichtungsmaschinerie herabgesetzt worden. Die innere Beziehung von Unrechtsstaat und Widerstandsrecht arbeitete er in seinem Pl\u00e4doyer im Remer-Proze\u00df heraus: Gruppen der Arbeiterbewegung, der bekennenden Kirche, einzelne Vertreter der katholischen Kirche, der B\u00fcrokratie und der Wehrmacht hatten sie wahrgenommen. Fritz Bauer betrachtete dieses oppositionelle Handeln gegen den Unrechtsstaat als einen den demokratischen Rechtsstaat konstituierenden Akt. In der bundesrepublikanischen Justiz der 50er und fr\u00fchen 60er Jahre machte dieses Rechtsdenken ihn zum Au\u00dfenseiter. Zweifellos gilt es heute, die innerjuristischen und gesellschaftlichen Geltungs- und Blockierungsbedingungen eines humanen Rechts in den Blick zu nehmen, die dem Anliegen Fritz Bauers enge Grenzen setzten.<\/p>\n<p>Fritz Bauer starb in der Nacht vom 30. 6. auf den 1.7. 1968 in seiner Wohnung in Frankfurt\/Main.<\/p>\n<p><i>Dr. Irmtrud Wojak<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2663],"tags":[2525],"autoren":[2772],"class_list":["post-14526","termin","type-termin","status-publish","hentry","category-geschichte-und-hintergruende","tag-verband-hu-geschichte","autoren-dr-irmtrud-wojak"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Fritz Bauer - Stationen eines Lebens - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1998\/fritz-bauer-stationen-eines-lebens\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Fritz Bauer - Stationen eines Lebens - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Lebensweg und -werk Fritz Bauers wurden von zwei Weltkriegen gepr\u00e4gt: Als Student in Heidelberg, M\u00fcnchen und T\u00fcbingen geh\u00f6rte er zur Nachkriegsjugend des Ersten Weltkriegs, die in der zweiten H\u00e4lfte der Weimarer Republik den Weg in ein aktives Berufsleben suchte. 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