{"id":14527,"date":"2016-09-17T20:00:00","date_gmt":"2016-09-17T18:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/soziale-verantwortung-hat-immer-etwas-mit-gruppenbelangen-zu-tun-1\/"},"modified":"2021-08-30T15:44:27","modified_gmt":"2021-08-30T13:44:27","slug":"soziale-verantwortung-hat-immer-etwas-mit-gruppenbelangen-zu-tun-1","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/2016\/soziale-verantwortung-hat-immer-etwas-mit-gruppenbelangen-zu-tun-1\/","title":{"rendered":"\u201eSoziale Verantwortung hat immer etwas mit Gruppenbelangen zu tun.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Kirstin Drenkhahn<\/p>\n<p>Die Berliner Strafrechtlerin und Kriminologin Kirstin Drenkhahn hielt die Laudatio zur Verleihung des Fritz-Bauer-Preises an die Gefangenen-Gewerkschaft \/ Bundesweite Organisation.<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/fbp2016-14drenkhahn.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-5546 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/fbp2016-14drenkhahn-600x400.jpg\" alt=\"&#8222;Soziale Verantwortung hat immer etwas mit Gruppenbelangen zu tun.&#8220;\" width=\"600\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/fbp2016-14drenkhahn-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/fbp2016-14drenkhahn-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/fbp2016-14drenkhahn-1000x667.jpg 1000w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/fbp2016-14drenkhahn-800x533.jpg 800w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/fbp2016-14drenkhahn-450x300.jpg 450w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/fbp2016-14drenkhahn.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p>Ich wei&szlig; leider nicht mehr, wann ich das erste Mal von der Gefangenen-Gewerkschaft geh&ouml;rt habe, aber ich wei&szlig; noch, dass ich das Ganze zuerst &uuml;berhaupt nicht ernst genommen habe: Ich h&auml;tte nicht gedacht, dass die Initiatoren durchhalten. Zum Gl&uuml;ck habe ich mich geirrt, und wir k&ouml;nnen heute den Fritz-Bauer-Preis an die Gefangenen-Gewerkschaft \/ Bundesweite Organisation (GG\/BO) verleihen, die durch ihren Sprecher Oliver Rast vertreten wird. Die GG\/BO hat sich gew&uuml;nscht, dass ich die Laudatio halten m&ouml;ge. Ich habe mich dar&uuml;ber sehr gefreut und erf&uuml;lle diesen Wunsch gerne.<br \/>Die Gefangenen-Gewerkschaft wurde im Mai 2014 in der JVA Tegel in Berlin von Oliver Rast und Mehmet Aykol gegr&uuml;ndet. W&auml;hrend Oliver Rast &uuml;ber viel Erfahrung mit der Organisation von Aktivismus verf&uuml;gt, hatte Mehmet Aykol sehr viel Zeit, Vollzugserfahrung und solide Rechtskenntnisse. Damit war die richtige Mischung aus Motivation und K&ouml;nnen beisammen, um diese Idee von einer Gewerkschaft in die Tat umzusetzen. Es hat sicher auch geholfen, dass Oliver Rast zwischenzeitlich aus der Haft entlassen wurde und die Organisation von au&szlig;erhalb pflegen und ausbauen kann, denn effektive Gewerkschaftsarbeit bedarf einer guten &Ouml;ffentlichkeitsarbeit &#8211; wenn keiner mitbekommt, was man &auml;ndern will, ist es kaum m&ouml;glich, etwas zu &auml;ndern. Das ist drau&szlig;en immer noch erheblich besser m&ouml;glich als drinnen, wo es an Ressourcen mangelt und der Zugang zu modernen Kommunikationsmitteln stark beschr&auml;nkt ist. Oliver Rast bastelt aber nicht nur Informationen ins Internet und telefoniert mit Journalisten und anderen interessierten Menschen, sondern er reist auch von einer Veranstaltung zur n&auml;chsten, um pers&ouml;nlich &uuml;ber die GG\/BO und ihre Ziele zu berichten. Bei einer solchen Veranstaltung haben wir uns letztes Jahr im Herbst in Jena kennengelernt.<\/p>\n<p>In den vergangenen zwei Jahren konnte die GG\/BO mehrere Hundert Mitglieder in Justizvollzugsanstalten in der ganzen Bundesrepublik werben &#8211; allein in Tegel sind es wohl 200. Au&szlig;erdem gibt es viel Unterst&uuml;tzung von au&szlig;erhalb durch ein Unterst&uuml;tzer-Netzwerk und ad hoc bei einzelnen Aktionen.<\/p>\n<p>W&auml;hrend es in der informellen Struktur im Vollzug heute sehr wichtig ist, einer Gruppe anzugeh&ouml;ren, die sich meist nach ethnischen oder landsmannschaftlichen Kriterien definiert und sich so von anderen Gruppen abgrenzt, steht die GG\/BO allen offen, die f&uuml;r die Ziele der Organisation eintreten wollen und die wesentlichen Leitlinien anerkennen, n&auml;mlich Solidarit&auml;t, Kollegialit&auml;t, Emanzipation, Autonomie und Sozialreform. Wie es auf der GG\/BO-Website hei&szlig;t, schlie&szlig;t das jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aus. Ich finde, dass bereits dies angesichts der Bildung von ethnisch definierten Gruppen, zu denen ich auch Nazi-Gruppen z&auml;hle, sowie der weitverbreiteten Homophobie im Vollzug eine bemerkenswerte Anforderung ist. Bevor ich dazu noch mehr sage, m&ouml;chte ich aber ein paar Gedanken zu den Zielen der GG\/BO mit Ihnen teilen.<br \/>Die GG\/BO hat den Anspruch, die soziale Frage hinter Gittern zu stellen &#8211; und das tut sie auch. Als Ziele benennt sie:<\/p>\n<ul>\n<li>Koalitionsfreiheit hinter Gittern,<\/li>\n<li>gesetzlicher Mindestlohn f&uuml;r Gefangenenarbeit und<\/li>\n<li>die volle Einbeziehung in die gesetzliche Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich m&ouml;chte mit dem letzten Punkt anfangen. Nachdem jahrzehntelang nicht ernsthaft &uuml;ber die Einbeziehung von gefangenen Arbeiterinnen und Arbeitern in die Renten- und Sozialversicherung gesprochen wurde, so wird jetzt wieder dar&uuml;ber diskutiert, was auch das Verdienst der GG\/BO ist. Anfang Juni hat die Justizministerkonferenz beschlossen, der Finanzminister- und der Arbeits- und Sozialministerkonferenz vorzuschlagen, verschiedene Modelle, die in einem Bericht des Strafvollzugsausschusses der L&auml;nder vorgestellt werden, gemeinsam zu pr&uuml;fen. Das h&ouml;rt sich erst einmal nicht nach viel an, aber damit sind die Bundesl&auml;nder weiter als jemals zuvor in den vergangenen vierzig Jahren seit Inkrafttreten des Strafvollzugsgesetzes. Der Bericht des Strafvollzugsausschusses liegt mir leider nicht vor, so dass ich mich zu den Modellen, die dort vorgeschlagen werden, nicht &auml;u&szlig;ern kann.<br \/>Diese Diskussion findet in einer ung&uuml;nstigen Gesetzgebungs-Situation statt &#8211; so viel kann ich auch ohne den Bericht sagen &#8211; denn das Strafvollzugsrecht und die Strafvollzugsverwaltung sind, wie wir wissen, L&auml;ndersache, w&auml;hrend die Gesetze, in denen die Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung geregelt sind (die Sozialgesetzb&uuml;cher V, VI und XI), Bundesgesetze sind. Die Bundesgesetzgebung ist also f&uuml;r den Strafvollzug an sich nicht mehr zust&auml;ndig, aber f&uuml;r die wesentlichen ungel&ouml;sten gesetzlichen Probleme des Strafvollzugs &#8211; finanziell w&auml;ren allerdings die Bundesl&auml;nder in der Pflicht. Bisher hat der Bundestag daher den Schwarzen Peter hier immer den L&auml;ndern zugeschoben, wie z.B. in der Bundestagsdebatte um den Antrag der LINKEN vom Herbst 2014 &uuml;ber die Aufnahme von Gefangenen in die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung.[1] Vielleicht kommt hier nun tats&auml;chlich mal ein bisschen Bewegung hinein, falls die Justizministerkonferenz, die eine Einrichtung der Bundesl&auml;nder ist, ihren Beschluss vom Juni ernst nimmt.<\/p>\n<p>Ein weiteres Problem ist aber bisher wohl nur von der GG\/BO angesprochen worden bzw. von ihr als erstes, n&auml;mlich die Einf&uuml;hrung des Mindestlohns f&uuml;r Gefangene. Auch hierbei handelt es sich um eine bundesgesetzliche Regelung, f&uuml;r die die Bundesl&auml;nder als Arbeitgeber die finanziellen Lasten tragen m&uuml;ssten. Nach &sect;&nbsp;1 Abs.&nbsp;1 des Gesetzes zur Regelung eines allgemeinen Mindestlohns vom 11.8.2014 hat jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer Anspruch auf Zahlung eines Arbeitsentgelts mindestens in H&ouml;he des Mindestlohns durch den Arbeitgeber. Zurzeit sind dies brutto 8,50 Euro pro Zeitstunde (&sect;&nbsp;1 Abs.&nbsp;2 Mindestlohngesetz), also sieben bis achtmal mehr als der Stundenlohn f&uuml;r arbeitende Gefangene. Da es sich beim Mindestlohn um einen Bruttolohn handelt, w&uuml;rde seine Einf&uuml;hrung f&uuml;r Gefangene, die der Anstalt arbeiten und nicht im Freigang in einem &#8222;freien Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnis&#8220;, auch das Problem mit der Sozial- und Rentenversicherung l&ouml;sen, denn es m&uuml;ssten Sozialabgaben gezahlt werden. Auf diesen Lohn entfallen &uuml;brigens auch grunds&auml;tzlich Steuern, also Einnahmen f&uuml;r den Staat.<\/p>\n<p>Diese Frage nach der Einf&uuml;hrung des Mindestlohns h&auml;ngt interessanterweise auch mit dem rechtlichen Status der GG\/BO zusammen. Nur weil ich meinen Verein &#8222;Gewerkschaft&#8220; nenne, muss es noch kein Zusammenschluss im Sinne von Art.&nbsp;9 Abs.&nbsp;3 GG sein, der &#8222;jedermann&#8220; (also nicht nur Deutschen) und f&uuml;r alle Berufe &#8222;das Recht, zur Wahrung und F&ouml;rderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden, [&#8230;] gew&auml;hrleistet. Abreden, die dieses Recht einschr&auml;nken oder zu behindern suchen, sind nichtig, hierauf gerichtete Ma&szlig;nahmen sind rechtswidrig.&#8220;<\/p>\n<p>Der Begriff &#8222;Arbeitnehmer&#8220; kommt in dieser Norm nicht vor, trotzdem war genau dies, die Eigenschaft als Arbeitnehmer bzw. ihr Fehlen, die tragende Begr&uuml;ndung des Beschlusses des Kammergerichts Berlin vom Juni 2015[2], mit der Gefangenen der JVA Tegel die Koalitionsfreiheit, also das Recht, sich in einer Gewerkschaft zu organisieren und z.B. Mitglieder zu werben, abgesprochen wurde. Die Argumentation ist im Einzelnen m.E. recht abenteuerlich. Es wird beispielsweise angef&uuml;hrt, dass es sich bei der Gefangenenarbeit im Vollzug nicht um ein privatrechtliches Arbeitsverh&auml;ltnis, sondern ein &ouml;ffentlich-rechtliches handele und die Anstaltsleitung ein Direktionsrecht habe. Das ist zwar richtig, hat aber nicht notwendig etwas mit der Koalitionsfreiheit zu tun. Bei Beamten verh&auml;lt es sich n&auml;mlich &auml;hnlich &#8211; man wird ernannt und schlie&szlig;t keinen privatrechtlichen Arbeitsvertrag ab, der Dienstvorgesetzte hat bei den meisten Beamten ein Weisungsrecht (Ausnahmen: Richter und Hochschullehrer). Trotzdem hat das Bundesverfassungsgericht Beamten schon 1965 Rechte aus Art.&nbsp;9 Abs.&nbsp;3 GG zugebilligt.[3] Im &Uuml;brigen w&uuml;rde der Abschluss privatrechtlicher Arbeitsvertr&auml;ge vermutlich die Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen der gefangenen Arbeiterinnen und Arbeiter verbessern, das Hinwirken darauf entspricht also der Zweckbestimmung in Art.&nbsp;9 Abs. 3 GG.<\/p>\n<p>Wirklich erstaunlich finde ich aber das Argument, dass die Koalitionsfreiheit nicht f&uuml;r Gefangene gelte, weil &#8222;die Gefangenenarbeit zudem nicht nur eine resozialisierungsorientierte Behandlungsma&szlig;nahme [sei], sondern auch als Zwangsmittel zu dem durch die Freiheitsstrafe auferlegten Straf&uuml;bel geh&ouml;ren [k&ouml;nne].&#8220; Ich dachte, das h&auml;tten wir hinter uns gelassen, obwohl Gefangenenarbeit auch heute noch h&auml;ufig eint&ouml;nig und &ouml;de ist. Aber anscheinend haben es die Europ&auml;ischen Strafvollzugsgrunds&auml;tze von 2006[4] in den vergangenen zehn Jahren nicht von Stra&szlig;burg nach Berlin geschafft. Dort, in den Strafvollzugsgrunds&auml;tzen, hei&szlig;t es n&auml;mlich in Nr. 26.1, &#8222;Gefangenenarbeit ist als ein positiver Bestandteil des Strafvollzugs zu betrachten und darf nie zur Bestrafung eingesetzt werden.&#8220;<br \/>Obwohl es sich bei dieser Regel um soft law handelt, das auch in den Mitgliedstaaten des Europarats, der f&uuml;r diese Regeln zust&auml;ndig ist, nicht unmittelbar gilt, so ist sie doch ein internationaler Standard mit Menschenrechtsbezug. Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Erfordernis einer gesetzlichen Grundlage f&uuml;r den Jugendstrafvollzug im Jahr 2006 dienen solche internationalen Standards als Ma&szlig;stab f&uuml;r die Verfassungsm&auml;&szlig;igkeit deutschen Strafvollzugsrechts.[5] Einem Gefangenen eine Gew&auml;hrleistung des GG mit dem Gegenteil des internationalen Standards zu verweigern, also hier mit der Behauptung, Arbeit im Vollzug diene auch der Strafe, ist ein echt starkes St&uuml;ck. Es ist im &Uuml;brigen auch in sich nicht logisch. Wenn man nicht an schwarze P&auml;dagogik &agrave; la Struwwelpeter glaubt, kann Gefangenenarbeit nicht gleichzeitig sowohl resozialisierend den Wert von ordentlicher Arbeit vermitteln als auch strafen &#8211; entweder Arbeit ist als gut oder als schlecht konnotiert, beides zusammen geht nicht.<\/p>\n<p>Ein kleines bisschen Verst&auml;ndnis kann man aber vielleicht doch haben, wenn gerade ein Berliner Gericht arbeitenden Gefangenen bzw. gefangenen Arbeitern und Arbeiterinnen die Arbeitnehmereigenschaft abspricht. Daran ist eben der Mindestlohn gekn&uuml;pft, und Berlin hat kein Geld. Wie der Streit um die Koalitionsfreiheit von Gefangenen ausgeht, ist noch offen, denn zumindest das Oberlandesgericht Hamm meint, dass die Koalitionsfreiheit grunds&auml;tzlich auch f&uuml;r Gefangene gelte.[6] Das Bundesverfassungsgericht hat dar&uuml;ber in der Sache noch nicht entschieden.<\/p>\n<p>Ich habe vorhin versprochen, dass ich noch ein paar Worte zu den Leitlinien der GG\/BO sage: Solidarit&auml;t, Kollegialit&auml;t, Emanzipation, Autonomie, Sozialreform und Ablehnung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Eigentlich m&uuml;ssten das alle, die sich mit dem Strafvollzug besch&auml;ftigen, gro&szlig;artig finden.<\/p>\n<p>Auch wenn es in vielen Landesstrafvollzugsgesetzen anders formuliert ist, so ist doch das verfassungsrechtlich vorgegebene Ziel nach wie vor, Gefangene zu bef&auml;higen, &#8222;k&uuml;nftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu f&uuml;hren&#8220;. Hier st&uuml;rzen sich alle auf das Ende des Satzes, also die Vermeidung von R&uuml;ckf&auml;llen, aber der Ausdruck &#8222;soziale Verantwortung&#8220; ist eine Chiffre f&uuml;r ein legitimes und normkonformes Lebensziel und damit als Voraussetzung f&uuml;r die R&uuml;ckfallfreiheit enorm wichtig. Es wird viel Wert daraufgelegt, dass die Gefangenen an der Realisierung des Vollzugsziels &#8222;mitwirken&#8220;. In einigen Jugendstrafvollzugsgesetzen gibt es sogar eine Mitwirkungspflicht. Was ist aber, wenn die Gefangenen auf eigene Faust darauf hinwirken und dazu gar nicht Hilfe von spezialisiertem Anstaltspersonal in Anspruch nehmen wollen?<\/p>\n<p>Ich behaupte einfach mal, dass Gewerkschaftsarbeit etwas mit der &Uuml;bernahme von sozialer Verantwortung zu tun hat &#8211; f&uuml;r die Gewerkschaften au&szlig;erhalb des Vollzugs scheint mir das anerkannt zu sein. Nicht einmal die Arbeitgeberverb&auml;nde werfen dem DGB ernsthaft vor, die Gesellschaft durch egoistische Forderungen zerst&ouml;ren zu wollen oder Sicherheit und Ordnung zu gef&auml;hrden.<\/p>\n<p>Wenn ich mir also w&uuml;nsche, dass Gefangene w&auml;hrend des Vollzugs der Freiheitsstrafe lernen, soziale Verantwortung zu &uuml;bernehmen, dann kann mir im Hinblick auf das Resozialisierungsziel kaum etwas Besseres passieren, als dass sie sich politisch f&uuml;r Gruppeninteressen engagieren, ihre Grundrechte wahrnehmen und den Bezug zwischen ihrer Situation und aktuellen Fragen herstellen. Das Problem angemessen bezahlter Arbeit und sozialer Sicherung haben n&auml;mlich nicht nur Gefangene, sondern auch viele Menschen drau&szlig;en (Stichwort: Projektarbeit, hochqualifizierte Praktikanten).<\/p>\n<p>Mir ist nat&uuml;rlich klar, dass es anstrengend ist, sich als Strafvollzugsverwaltung und als Anstaltsleitung pl&ouml;tzlich mit einer gut organisierten Gefangenengruppe auseinandersetzen zu m&uuml;ssen, die so weitreichende Forderungen aufstellt wie die GG\/BO &#8211; insbesondere wenn man die Forderungen eigentlich nicht so einfach als Nonsens wegwischen kann. Aber man kann nicht auf der einen Seite verlangen, dass Menschen f&uuml;r ihre eigenen Belange verantwortlich sein und Verantwortung &uuml;bernehmen sollen, und auf der anderen Seite, dass sie das sch&ouml;n einzeln f&uuml;r sich allein machen sollen. Soziale Verantwortung hat immer etwas mit Gruppenbelangen zu tun und die versucht man am besten auch mit einer Gruppe durchzusetzen.<\/p>\n<p>Mir scheint aber hinter dem Problem der Anerkennung der GG\/BO als &#8222;richtige&#8220; Gewerkschaft noch etwas Anderes zu stehen, dass mit der sozialen Verantwortung zu tun hat, n&auml;mlich die Grundrechtsf&auml;higkeit von Gefangenen. Auch dies ist, wie die Frage, ob Gefangenenarbeit Strafe sein darf, lange gekl&auml;rt: Gefangene Menschen sind Grundrechtstr&auml;ger, genau wie die Menschen au&szlig;erhalb des Strafvollzugs. Ich glaube aber, dass diese rechtliche Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus den 1970er Jahren immer noch nicht wirklich kognitiv verarbeitet wurde. Nach wie vor herrscht &#8211; von einigen sogar ausdr&uuml;cklich ausgesprochen &#8211; die &Uuml;berzeugung vor, dass Gefangenen die Wahrnehmung von Grundrechten zugestanden wird, sofern es den Bed&uuml;rfnissen des Strafvollzugs nach Sicherheit und Ordnung nicht entgegensteht. Hier steht also an erster Stelle der Staat, dann kommen die B&uuml;rger, die sich zufrieden geben m&uuml;ssen mit dem, was man ihnen gibt. Au&szlig;erdem klingt hier an, dass &#8222;die&#8220; das eigentlich gar nicht verdienen. Nach dem Grundrechtsverst&auml;ndnis f&uuml;r Menschen au&szlig;erhalb des Strafvollzugs haben alle Grundrechte &#8211; ob man sie verdient, ist v&ouml;llig irrelevant &#8211; und jede Einschr&auml;nkung durch staatliche Eingriffe muss im Einzelnen begr&uuml;ndet werden. Es l&auml;uft also genau andersherum.<\/p>\n<p>Wenn die GG\/BO jetzt ein Grundrecht f&uuml;r sich und ihre Mitglieder in Anspruch nimmt, dass bisher im Strafvollzug in Deutschland keine Rolle gespielt hat, ist der nat&uuml;rliche Reflex des Strafvollzugs Abwehr, denn daran hat der Staat bisher noch nicht gedacht und also noch nicht &uuml;berlegt, ob man das erlauben kann. Das ist aber die falsche Denkrichtung: Man kann allenfalls &uuml;berlegen, ob die Aus&uuml;bung des Grundrechts eingeschr&auml;nkt werden kann &#8211; was bei Art. 9 Abs. 3 GG gar nicht so einfach ist.<\/p>\n<p>Um es abschlie&szlig;end noch einmal auf den Punkt zu bringen: Die GG\/BO bringt endlich Dynamik in die Diskussion um die Einbeziehung von Gefangenen in die Sozial- und Rentenversicherung, sie bietet Gefangenen die M&ouml;glichkeit der &Uuml;bernahme sozialer Verantwortung schon w&auml;hrend der Strafvollstreckung und sie legt den Finger in eine wirklich unangenehme Wunde, n&auml;mlich das Grundrechtsverst&auml;ndnis im Strafvollzug. Daf&uuml;r hat die Gefangenen-Gewerkschaft \/ Bundesweite Organisation den Fritz-Bauer-Preis 2016 verdient und ich bin froh, dass sie ihn heute auch bekommt.<\/p>\n<p><b>Anmerkungen:<\/b><\/p>\n<p>[1] BT-Drs. 18\/2606, 18\/2784 und Plenarprotokoll vom 18.12.2014.<\/p>\n<p>[2] Beschl. v. 29.6.2015, Forum Strafvollzug 2015, 280-283.<\/p>\n<p>[3] BVerfGE 19, 303-323, Beschl. v. 30.11.1965.<\/p>\n<p>[4] Rec (2006) 2 on the European Prison Rules by the Committee of Ministers of the Council of Europe to Member States.<\/p>\n<p>[5] BVerfGE 116, 69-95, Urt. v. 31.5.2006, Rn. 63.<\/p>\n<p>[6] Beschl. v. 2.6.2015, Forum Strafvollzug 2016, 77.<\/p>\n<p>Kategorie: Verband: Fritz-Bauer-Preis<\/p>\n","protected":false},"featured_media":5546,"template":"","categories":[2621,2645],"tags":[],"autoren":[],"class_list":["post-14527","termin","type-termin","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-2621","category-fritz-bauer-preis"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>\u201eSoziale Verantwortung hat immer etwas mit Gruppenbelangen zu tun.\u201c - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/2016\/soziale-verantwortung-hat-immer-etwas-mit-gruppenbelangen-zu-tun-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"\u201eSoziale Verantwortung hat immer etwas mit Gruppenbelangen zu tun.\u201c - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Kirstin Drenkhahn Die Berliner Strafrechtlerin und Kriminologin Kirstin Drenkhahn hielt die Laudatio zur Verleihung des Fritz-Bauer-Preises an die Gefangenen-Gewerkschaft \/ Bundesweite Organisation. 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