{"id":14541,"date":"2004-12-04T10:00:00","date_gmt":"2004-12-04T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/die-shoa-und-ihre-relativierer\/"},"modified":"2020-08-03T07:52:45","modified_gmt":"2020-08-03T05:52:45","slug":"die-shoa-und-ihre-relativierer","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/2004\/die-shoa-und-ihre-relativierer\/","title":{"rendered":"Die Shoa und ihre Relativierer"},"content":{"rendered":"<p>Joachim Perels<\/p>\n<p>Eine Betrachtung anl\u00e4sslich des 60. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz. aus: vorg\u00e4nge Nr. 168 (Heft 4\/2004) , S.101-106<\/p>\n<p>Auschwitz, vielfach zum schnellen Wort entleert, tritt in der Erinnerung der Opfer wahrheitsgenau ins Licht. Im Lager war die Zerst\u00f6rung der k\u00f6rperlichen Integrit\u00e4t und des Lebens der Juden, die Beseitigung des Gebots &#8211; &#132;Du sollst nicht t\u00f6ten&#8220; &#8211; zum Alltag von Millionen Menschen geworden. Die Abkehr von der schon im Alten Testament ausgebildeten Zivilisationsstufe der Achtung des individuellen Lebens war vollkommen.<\/p>\n<p>In ihren Erinnerungen schildert Ruth HI\u00fcger ihre Ankunft in Auschwitz: &#132;M\u00e4nner, die uns mit ihrem ,raus, raus aus dem Wagen&#8216; gezogen hatten und jetzt weiter trieben, waren wie tolle, bellende Hunde [&#8230;] Ich sollte diesen hasserf\u00fcllten Ton, der den Angesprochenen oder Angeschrienen menschlich vertreibt und ihn oder sie gleichzeitig wie ein Gegenstand festh\u00e4lt, in den n\u00e4chsten Wochen h\u00f6ren und kr\u00fcmmte mich immer neu davor. Das war ein Ton, der nur darauf gerichtet war, einzusch\u00fcchtern und dadurch zu bet\u00e4uben. Man merkt meist nicht, wieviel R\u00fccksicht im gew\u00f6hnlichen Gespr\u00e4chston liegt, und selbst noch im \u00c4rger, im Streit und sogar im Zorn. Man streitet mit seinesgleichen, wir waren nicht einmal Gegner. Das Autorit\u00e4tsgebahren in Auschwitz war stets auf Aberkennung gerichtet, Ablehnung der menschlichen Existenz des H\u00e4ftlings, seines oder ihres Rechts.&#8220; (Kl\u00fcger 1994: 112f.)<\/p>\n<p>Am 27. Januar 1945, vor sechzig Jahren, wurde das Vernichtungslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. Noch 7.000 H\u00e4ftlinge &#8211; so wenige &#8211; lebten. Die Anderen waren vergast und erschossen, dem Hungertod preis-gegeben. Ihr Leiden entzieht sich unserem Vorstellungsverm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Befreiung hie\u00df f\u00fcr die \u00dcberlebenden nicht, ins sogenannte normale Leben zur\u00fcckzukehren. Schon die Natur sperrte sich der Wahrnehmung. Selbst Regen, der in Auschwitz mit dem Rauch der Gas\u00f6fen kontaminiert gewesen war, mussten sich viele \u00dcberlebende als Erfahrung eines Naturelements neu aneignen. Die Verwandlung der Juden in rechtlose Exemplare hatte bei den \u00dcberlebenden tiefe Nachwirkungen. Rabbiner Max Eschelbacher dr\u00fcckte dies Ende der 1940er Jahre so aus: &#132;Das Erlittene (war) zu schwer sogar f\u00fcr Hass.&#8220; (Geis 2000: 214)<\/p>\n<p>Das Beschweigen und Negieren in den 1950er Jahren<\/p>\n<p>Lange Jahre schob sich in unserem Land ein Schleier des Vergessens vor den Verwaltungsmassenmord an den Juden. Viele Funktionstr\u00e4ger im Staats- und Justizapparat, in der Wirtschaft und in den Universit\u00e4ten, die f\u00fcr die Diskriminierungen und Aussonderungen der Juden mitverantwortlich waren, kehrten in ihre Stellungen zur\u00fcck. Hieraus entstand das m\u00e4chtige Interesse, die Wahrnehmung des gr\u00f6\u00dften Verbrechens der deutschen Geschichte aus dem Zentrum der \u00d6ffentlichkeit zu verbannen.<\/p>\n<p>Die radikalste Position bezog zu Beginn der 1950er Jahre der einstige Justitiar des Reichsicherheitshauptarnts, Werner Best, der die administrativen und ideologischen Instrumentarien zur Vernichtung der Juden ma\u00dfgeblich entwickelt hatte. Best war kein Au\u00dfenseiter, sondern juristischer Berater des f\u00fchrenden FDP-Abgeordneten Ernst Achenbach, dessen Partei mit der CDU koalierte. In einem 1952 verfassten Gutachten, das er an Vizekanzler Bl\u00fccher und an Justizminister Dehler &#8211; beide geh\u00f6rten der FDP an &#8211; adressierte, fordert Best eine Generalamnestie f\u00fcr die Staatsverbrechen des Dritten Reiches. Die &#132;Begr\u00fcndung&#8220; war dieselbe, mit der er seinerzeit die Ausrottung der Juden gerechtfertigt hatte: die Mordtaten seien, anders als bei gew\u00f6hnlichen Verbrechen, nicht aus pers\u00f6nlichen Motiven geschehen. Die T\u00f6tung der Juden figurierte als politische Tat, die, anders als gew\u00f6hnliche Kriminalit\u00e4t, keine Strafbarkeit begr\u00fcnde.<\/p>\n<p>Die Zerst\u00f6rung des Rechts der Gepeinigten sollte folgenlos bleiben &#8211; ausgerechnet in der rechtsstaatlichen Demokratie. Den Opfern sollte, auch durch den Verzicht auf ein Gerichtsverfahren, das Letzte genommen werden, was wir ihnen geben k\u00f6nnen: die Erinnerung, wie Adorno sagte. Die propagierte Amnestie bedeutet im Wortsinn nichts anderes als Vergessen.<\/p>\n<p>In den 1950er Jahren geht, offenbar mitbeeinflusst durch Bests Aufl\u00f6sung des Begriffs staatlicher Verbrechen, die rechtliche Aufarbeitung der NS-Gewaltverbrechen drastisch zur\u00fcck. Bis 1958 kommt es mit Ausnahme von KZ-Prozessen fast zu einem Stillstand der Rechtspflege, durch den das Legalit\u00e4tsprinzip f\u00fcr NS-T\u00e4ter weitgehend au\u00dfer Kraft gesetzt ist. Auch eine vom Bundestag 1954 erlassene Amnestie f\u00fcr Totschlagsdelikte der Gestapo in der Endphase des Hitler-Regimes bedient sich der von Best eingef\u00fchrten Exkulpationskategorie der politischen Straftat.<\/p>\n<p>Selbst unter den demokratischen Gr\u00fcndungsv\u00e4tern der Republik gab es Tendenzen, das Recht im Schatten der Verdr\u00e4ngung verschwinden zu lassen. Carlo Schmid, sozialdemokratischer Mitautor des Grundgesetzes und Vizepr\u00e4sident des Deutschen Bundestages, bedeutender Redner auf der Woche der Br\u00fcderlichkeit 1955, setzt sich Mitte der 1950er Jahre f\u00fcr die Begnadigung eines gro\u00dfen Judenm\u00f6rders, des Leiters der Einsatzgruppe a in Estland ein, der f\u00fcr den Tod von mindestens 350 Juden verantwortlich war, was er vor dem amerikanischen Milit\u00e4rgericht zugegeben hatte. Schmid attestiert dem promovierten, aus dem w\u00fcrttembergischen B\u00fcrgertum stammenden Juristen Martin Sandberger, der dem antisemitischen Wahn Wirksamkeit verschaffte, dass er kein &#132;blindw\u00fctiger Fanatiker gewesen&#8220; sei. Schmid postuliert, dass dieser Massenm\u00f6rder anders als gew\u00f6hnliche Kriminelle, sich &#132;au\u00dferhalb der Gef\u00e4ngnismauern&#8220; &#132;neu bew\u00e4hren&#8220; sollte: eine vollendete Suspension des Rechts und des Eingedenkens an die ermordeten Juden (zit. n. Frei 1996: 299f.).<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnlicher Blick auf die Verfolger der Juden findet sich bei Bundeskanzler Adenauer, der das Wiedergutmachungsabkommen mit Israel gegen starke Kr\u00e4fte der Regierungskoalition vor allem mit Hilfe der SPD durchgesetzt hatte. Zur Verteidigung seines Ministerialdirektors Hans Globke, der die N\u00fcrnberger Gesetze gegen die Juden vielfach extensiv interpretiert und sp\u00e4ter die Eintragung j\u00fcdischer Zwangsnamen in den Pass konzipiert hatte, gab Adenauer 1952 im Deutschen Bundestag, unter dem Beifall der Regierungsparteien, die Formel aus, &#132;mit der Naziriecherei Schluss zu machen&#8220;: als sei die Aufhellung der amtlichen Beteiligung an der Diskriminierung der Juden Schn\u00fcffelei im Privatleben (D\u00f6scher 1995: 347).<\/p>\n<p>Am Anfang der Erinnerung: Der Auschwitzprozess<\/p>\n<p>Die Ausl\u00f6schung der Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung der Juden gelingt am Ende nicht. Dies beruht in starkem Ma\u00dfe auf dem Engagement eines Einzelnen, dessen Denken und Handeln im Gegensatz zum <i>Mainstream <\/i>des Vergessens stand: Fritz Bauer. Er ist seit 1956 hessischer Generalstaatsanwalt, engagiert sich wie kein Anderer f\u00fcr die juristische Aufarbeitung des gr\u00f6\u00dften Staatsverbrechens der deutschen Geschichte. Schon als Sch\u00fcler in Stuttgart judenfeindlichen Anw\u00fcrfen ausgesetzt, 1933 ins KZ verbracht, exiliert nach D\u00e4nemark und Schweden, 1949 nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt, nachdem er schon in Stockholm rechtsstaatliche Instrumentarien zur Ahndung der nationalsozialistischen Massenverbrechen entwickelt hatte, verk\u00f6rpert er wie nur wenige die Gedankenwelt eines anderen Deutschland. Bauer initiiert den Prozess gegen Verantwortliche der gr\u00f6\u00dften Massenvernichtungsst\u00e4tte der deutschen Geschichte.<\/p>\n<p>Der Auschwitz-Prozess, dessen Beginn sich am 20. Dezember 2003 zum vierzigsten Mal j\u00e4hrte, erzielte in Zeitungen, in der Literatur &#8211; vor allem durch Peter Weiss&#8216; <i>Ermittlung &#8211; <\/i>im Film und im Fernsehen eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Wirkung. Nach den Regeln des Strafprozesses legte er die Mechanismen der Entw\u00fcrdigung der Juden in ihrem ganzen Ausma\u00df \u00f6ffentlich blo\u00df. Seine aufkl\u00e4rende Bedeutung lag weniger in der juristischen Einzelbewertung der T\u00e4ter, bei der das Frankfurter Schwurgericht auch zu fatalen, die T\u00e4terrolle minimierenden Ergebnissen kam, als in der Vergegenw\u00e4rtigung der Geschichte von Auschwitz. Die Zeugen durchbrachen jenes Schweigen \u00fcber die NS-Zeit, dem in der unkritischen Geschichtsschreibung der Bundesrepublik sogar eine heilende Wirkung zugesprochen wurde.<\/p>\n<p>Die in der <i>Frankfurter Allgemeinen Zeitung <\/i>regelm\u00e4\u00dfig publizierten, sachlich genauen, an viele Leser adressierten Prozessberichte Bernd<\/p>\n<p>Naumanns beendeten \u00f6ffentlichkeitswirksam die Nichtwahrnehmung von Auschwitz. Naumann schildert den Angeklagten Bogner, der sich mit den Worten rechtfertigte: &#132;Ich habe nicht totgeschlagen, ich habe Befehle ausgef\u00fchrt.&#8220; Treffend kommentiert Naumann: &#132;Die Folterungen, die Mordtaten will er ungem\u00fcnzt wissen in die Anerkenntnis der eigenen vorgeblich so ausweglosen Lage.&#8220; (Naumann 1968: 186)<\/p>\n<p>Den T\u00e4tern, die ihre vielfach sichtbare \u00dcbereinstimmung mit den nationalsozialistischen Befehlen leugneten, setzt Fritz Bauer in gro\u00dfartiger Unmittelbarkeit die unverbr\u00fcchliche Geltung humaner Normen entgegen, die auch den Widerstand gegen die rechtsfeindliche Despotie begr\u00fcndeten: &#132;Eine der wichtigsten Aufgaben dieser Prozesse ist es, nicht nur das furchtbare Tatsachenmaterial vorzuf\u00fchren, sondern eigentlich uns wieder etwas zu lehren, was wir in Deutschland im Laufe der vergangenen hundert Jahre v\u00f6llig vergessen haben [&#8230;]. Wenn etwas befohlen wird, was im Widerspruch steht zu den ehernen Geboten, etwa den Zehn Geboten, die eigentlich jedermann beherrschen sollte, dann musst du Nein sagen [&#8230;]. Wenn man Christentum und Recht ernst nimmt, dann ist man nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet Nein zu sagen zu dem Befehl, t\u00f6tet da und dort hunderttausend j\u00fcdische Kinder, Frauen und M\u00e4nner, ohne dass sie etwas getan haben.&#8220; (Bauer 1998: 113, 115)<\/p>\n<p>Strategien der Exkulpation in der Gegenwart<\/p>\n<p>Die Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Shoa ist kein linear fortschreitender Prozess. Gegenbewegungen aus dem nationalistischen Geist der Abwehr der Verantwortung f\u00fcr die staatlich initiierten Verbrechen treten periodisch immer wieder auf; in der Bev\u00f6lkerung haben sie, wie Meinungsumfragen zeigen, einen erheblichen R\u00fcckhalt. Sie nehmen unterschiedliche Gestalt an. Im sogenannten &#132;Historikerstreit&#8220; von 1986 deutete Ernst Nolte die Eiuiordung der Juden in eine Art Pr\u00e4ventivhandlung gegen\u00fcber dem Bolschewismus um. Die origin\u00e4ren Vernichtungsintentionen des nationalsozialistischen Staatsapparates verschwanden. Marcel Reich-Ranicki, dessen Eltern in Treblinka ermordet wurden, hat in zwei kurzen S\u00e4tzen die Position Noltes treffend charakterisiert: F\u00fcr Nolte ist der &#132;Holocaust die Folge, wenn nicht die Kopie der bolschewistischen Schreckensherrschaft. So wurde der Nationalsozialismus verteidigt und das deutsche Verbrechen bagatellisiert.&#8220; <i>(Frankfurter Allgemeine Zeitung <\/i>vom 20. Dezember 1999)<\/p>\n<p>Anders geht Horst M\u00f6ller, Direktor des Instituts f\u00fcr Zeitgeschichte in M\u00fcnchen, vor. Er reduziert die Verantwortung f\u00fcr die Shoa auf die Rolle der SS. Er l\u00f6st, in der Diskussion um die erste Wehrmachtsausstellung, die funktionale Beziehung von Wehrmacht und der f\u00fcr die Ermordung der Juden aufgestellten Einsatzgruppen interpretativ auf: &#132;Die Ausstellung unterscheidet nicht hinreichend zwischen der prinzipiellen Aufgabe der Wehrmacht, ihrem milit\u00e4rischen Auftrag und jenen speziell zur Massenvernichtung eingesetzten Organisation der SS, den Einsatzgruppen und Polizeieinheiten, die nun einmal nicht zur Wehrmacht geh\u00f6rten. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Massenmordaktion wurde von ihnen, nicht von Wehrmachtseinheiten begangen.&#8220; <i>(Frankfurter Allgemeine Zeitung <\/i>vom 3. Januar 2000) In dieser Darstellung verliert die Tatsache, dass das Oberkommando des Heeres und das Reichsicherheitshauptamt im Mai 1941 eine schriftlich fixierte Vereinbarung \u00fcber den milit\u00e4risch zu gew\u00e4hrleistenden Aktionsrahmen f\u00fcr die mobilen T\u00f6tungskommandos trafen, ihre konstitutive Bedeutung f\u00fcr die Organisation des Holocaust. Die Verantwortung des Milit\u00e4rs kann nicht auf die Einsatzgruppen abgeschoben werden, die den Mordauftrag ausf\u00fchrten. Dies zeigt besonders deutlich ein Befehl des Generalfeldmarschalls vom Manstein vom 20. November 1941, der Teil der Strategie des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion war: &#132;Das j\u00fcdisch-bolschewistische System muss ein f\u00fcr alle Mal ausgerottet werden [&#8230;]. Der deutsche Soldat hat nicht allein die Aufgabe, die milit\u00e4rischen Machtmittel dieses Systems zu zerschlagen. Er tritt auch als Tr\u00e4ger einer v\u00f6lkischen Idee [&#8230;] auf [&#8230;]. F\u00fcr die Notwendigkeit der harten S\u00fchne am Judentum, dem geistigen Tr\u00e4ger des bolschewistischen Terrors, muss der Soldat Verst\u00e4ndnis aufbringen.&#8220; (Poliakov\/Wulf 1978 [1956]: 451f.) Die Inkorporation der Wehrmacht in die Shoa r\u00fcckt M\u00f6ller an den Rand. So kann die Fiktion einer im Kern milit\u00e4risch korrekten, vom Vernichtungswahn der NS-F\u00fchrung unterschiedenen Funktion der Wehrmacht &#8211; ihr ideologisches Selbstbild &#8211; aufrecht erhalten werden.<\/p>\n<p>Eine Aufl\u00f6sung der Nazi-Wirklichkeit enth\u00e4lt der Bestseller <i>Der Brand <\/i>von J\u00f6rg Friedrich \u00fcber den Bombenkrieg der Alliierten. F\u00fcr dessen Beschreibung benutzt Friedrich nicht zuletzt Begriffe, die sich allein auf die T\u00f6tungspraxis in Auschwitz und auf die Mordverb\u00e4nde der Einsatzgruppen beziehen lassen. Hans-Ulrich Wehler hat dies scharfsichtig festgehalten: &#132;Wenn Friedrich schreibt, die Bomberflotten seien ,Einsatzgruppen`, brennende Luftschutzkeller ,Krematorien` und die Toten ,Ausgerottete`, dann hat man sprachlich die v\u00f6llige Gleichsetzung mit dem Holocaust.&#8220; <i>(Der Spiegel <\/i>2\/2003: 51) Das Besondere von Auschwitz verschwindet. Die T\u00f6tung von Menschen, die nicht einmal den Status eines Gegners hatten, sondern unentrinnbar als Feind definiert wurden, wird &#8211; in der Konsequenz dieser Begrifflichkeit &#8211; zu einer Kriegshandlung. In einer ungeheuerlichen Vertauschung wird der Mord an rassenideologisch bestimmten Objekten mit den Folgen des Bombenkriegs auf eine Stufe gestellt.<\/p>\n<p>Die falsche Gleichsetzung des Schreckens der Luftangriffe und der Vernichtung der Juden hat damit zu tun, dass Friedrich die nahe-liegende Frage, welche Haltung die Gegner der NS-Despotie zu den Bombardements ein-genommen haben, nicht aufwirft. F\u00fcr ihn ist das Volk eine regimetreue Einheit. Friedrich behauptet, dass vor &#132;lauter Vergeltungswut&#8220; gegen die Alliierten &#132;keine Wut&#8220; gegen die Regierung Hitler &#132;blieb&#8220; (Friedrich 2002: 486). Damit verdoppelt Friedrich die Sicht des Regimes. Ohne jegliche Distanz \u00fcbernimmt er, w\u00f6rtlich zitierend, die Position der geheimen Lageberichte des Sicherheitsdiensts der SS: &#132;Die Flugbl\u00e4tter ,St\u00fcrzt Hitler, dann habt ihr Frieden&#8216;, las man als ,dummen und bl\u00f6den Beeinflussungsversuch&#8216;.&#8220; (ebd.: 475)<\/p>\n<p>Die Haltung zum Bombenkrieg h\u00e4ngt je-doch von der politischen Stellung zum Regime, von dessen Unterst\u00fctzung oder Kritik ab. In moralisch gesch\u00e4rften Erinnerungen kommt dies bei Peter Wapnewski zum Ausdruck. Er berichtet \u00fcber andere als von der SS propagierten Einstellungen zum Bombenkrieg. Ohne dem Ausgeliefertsein an den Luftkrieg auch nur das geringste Gewicht zu nehmen, konstatiert Wapnewski: &#132;Die Angst lag als ein Mehltau \u00fcber uns, verdichtete sich zu stickiger Luft, zum Schneiden dick [&#8230;]. Man z\u00e4hlte die Einschl\u00e4ge, sch\u00e4tzte die Entfernung vom eigenen Ort, registrierte Bombenteppiche und benannte f\u00e4chm\u00e4nnisch das Bombenkaliber, duckte sich zusammen [&#8230;]. Und merkw\u00fcrdig, nicht einmal habe ich in diesen ungez\u00e4hlten &#8211; z\u00e4hlbaren &#8211; Stunden so etwas geh\u00f6rt wie aufbegehrende Verw\u00fcnschungen gegen die Feinde wie Fl\u00fcche der Emp\u00f6rung gegen England oder der Vereinigten Staaten [&#8230;]. Man f\u00fchlte sich ihnen ja in gewissem Sinne solidarisch verbunden, sie w\u00fcrden jenes System zerst\u00f6ren, das wir selbst errichtet hatten, und das zu erledigen uns die Kraft fehlte.&#8220; <i>(Frankfurter All-gemeine Zeitung <\/i>vom 3. Dezember 2002) Es liegt auf der Hand, dass es aus dieser Perspektive der Gegner Hitlers ausgeschlossen ist, den Bombenkrieg gegen das Regime auch nur sprachlich mit dem Verwaltungsmassenmord an den Juden in Eins zu setzen.<\/p>\n<p>Das Grundgesetz als Erinnerungszeichen<\/p>\n<p>Die Wiederkehrenden Widerst\u00e4nde gegen die Erinnerung an die Shoa beruhen im wesentlichen Ma\u00dfe auf einem fortwirkendenStruktur-defizit der Nachkriegsperiode. Der Nationalsozialismus ist &#8211; auch Hannah Arendt weist 1950 darauf hin &#8211; nicht durch eine von den Deutschen getragene Revolution \u00fcberwunden worden, die die Machtgrundlagen des alten Regimes und seine nationalistische Ideologie von Grund auf beseitigt h\u00e4tte (Arendt 1950: 59). Unterhalb der neuen demokratisch legitimierten politischen Spitze behielten verschiedene latente oder offene Teilrechtfertigungen f\u00fcr die untergegangene Diktatur ein starkes Gewicht bei gesellschaftlichen Machttr\u00e4gern. Die Legitimationslinien konvergieren in einem bis heute wirksamen Nationalismus, der die unverstellte Wahrnehmung der nationalsozialistischen Staatsverbrechen blockiert und durch die Gleichsetzung der Untaten der Nazis und der Kriegshandlungen der Alliierten die Schuldfrage entsch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Gegen die Einnebelung der NS-Herrschaft steht das Grundgesetz. Es negiert das NS-System in Kategorien des Rechts. Die Verfassung setzt ein un\u00fcbersehbares normatives Zeichen gegen die staatliche Marter- und T\u00f6tungsgewalt, die in der Shoa ihre furchtbarste Gestalt annahm. Im ersten Artikel des Grundgesetzes ist die Weisung niedergelegt, dass der Staat seine Rechtfertigung darin findet, dass er die W\u00fcrde des Menschen achtet und sch\u00fctzt. Dies ist die rechtliche Antwort auf die Erniedrigung und Ausl\u00f6schung der Individuen durch das System planm\u00e4\u00dfiger Willk\u00fcr. Dem Staat ist verwehrt, was zuvor sein Herrschaftsprinzip war: die schrankenlose Verf\u00fcgung \u00fcber die Existenz der Individuen. Daher ist die Todes-strafe abgeschafft. Der grundrechtliche Satz &#8211; &#132;Jeder hat das Recht auf Leben und k\u00f6rperliche Unversehrtheit&#8220; (Art. 2 II GG) -, bewahrt die Erinnerung an dessen systematische Beseitigung in der Shoa. Das Grundgesetz errichtet einen juristischen Wall gegen ein staatliches System der Rechtlosigkeit. Es h\u00e4lt, im Gegensatz zu halb-affirmativen Umdeutungen der NS-Herrschaft, die historische Wahrheit fest.<\/p>\n<p>Literatur<\/p>\n<p>Arendt, Hannah 1986: Besuch in Deutschland 1950. Die Nachwirkungen des Naziregimes; in: <i>Dies.: <\/i>Zur Zeit. Politische Essays, hg. v. Marie Luise Knott; Berlin<\/p>\n<p>Bauer, Fritz 1998: Die Humanit\u00e4t der Rechtsordnung, hg. v. Joachim Perels u. Irmtrud Wojak, Frankfurt\/Main<\/p>\n<p>D\u00f6scher, Hans-J\u00fcrgen 1995: Verschworene Gesellschaft. Das Ausw\u00e4rtige Amt unter Adenauer zwischen Neubeginn und Kontinuit\u00e4t, Berlin<\/p>\n<p>Frei, Norbert 1996: Vergangenheitspolitik. Die Anf\u00e4nge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Friedrich, J\u00f6rg 2002: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945, M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Geis, Jael 2000: \u00dcbrig sein &#8211; Leben &#132;danach&#8220;. Juden deutscher Herkunft in der britischen und amerikanischen Zone Deutschlands 1945-1949, Berlin<\/p>\n<p>Kl\u00fcger, Ruth 1994: weiter leben. Eine Jugend, M\u00fcnchen 1994<\/p>\n<p>Naumann, Bernd 1968: Auschwitz. Bericht \u00fcber die Strafsache gegen Mulka u.a. vor dem Schwurgericht Frankfurt am Main, Frankfurt\/Main<\/p>\n<p>Perels, Joachim 2004: Entsorgung der NS-Herrschaft? Konfliktlinien im Umgang mit dem Hitler-Regime, Hannover<\/p>\n<p>Poliakov, Leon \/ Wulf, Josef 1978 <i>[1956]: <\/i>Das Dritte Reich und seine Diener, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Kategorie: vorg\u00e4nge: Artikel<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2618,2645],"tags":[],"autoren":[],"class_list":["post-14541","termin","type-termin","status-publish","hentry","category-2618","category-fritz-bauer-preis"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Shoa und ihre Relativierer - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/2004\/die-shoa-und-ihre-relativierer\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Shoa und ihre Relativierer - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Joachim Perels Eine Betrachtung anl\u00e4sslich des 60. 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