{"id":14546,"date":"1996-09-25T13:30:00","date_gmt":"1996-09-25T11:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/theologie-des-widerstandes-dietrich-bonhoeffer\/"},"modified":"2020-08-03T07:52:45","modified_gmt":"2020-08-03T05:52:45","slug":"theologie-des-widerstandes-dietrich-bonhoeffer","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1996\/theologie-des-widerstandes-dietrich-bonhoeffer\/","title":{"rendered":"Theologie des Widerstandes: Dietrich Bonhoeffer"},"content":{"rendered":"<p>Joachim Perels<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 133 ( Heft 1 \/ 1996), S. 51-62<\/p>\n<p>Dietrich Bonhoeffer ist in seiner Kirche ein Au\u00dfenseiter. In Gottfried Arnolds vor \u00fcber 200 Jahren erschienenen &#132;Unparteiischen Kirchen- und Ketzerhistorie&#8220;[1] sind solche Konstellationen am umfassendsten beleuchtet worden. Dies Buch, das der gro\u00dfe christliche Aufkl\u00e4rer Thomasius das &#132;beste Buch n\u00e4chst der Bibel&#8220; nannte, ist leider weniger bekannt. Gottfried Arnold stellt die These auf, die man in gewisser Weise auch auf Bonhoeffer \u00fcbertragen kann, da\u00df die Ketzer, die die verweltlichte Kirche anklagen, die die Gleichordnung von Staat und Kirche kritisieren, die wirklichen Christen sind, w\u00e4hrend die Vertreter des religi\u00f6sen Apparats den christlichen Glauben verraten. Gottfried Arnold spricht von den sogenannten &#132;Maulchristen&#8220;[2], die nur \u00e4u\u00dferlich, nicht aber im praktischen Tun Christen sind.<\/p>\n<p>Dietrich Bonhoeffer ist zun\u00e4chst kein Au\u00dfenseiter. Er w\u00e4chst in einem gro\u00dfb\u00fcrgerlichen und liberalen Elternhaus auf. Der Vater ist Professor f\u00fcr Psychiatrie an der Berliner Universit\u00e4t, die Kinder erfahren vor allem durch Hausangestellte mit den unter-schiedlichsten Aufgaben Zuwendung und F\u00f6rderung. Die geistige Entfaltungsfreiheit, die die Eltern vermitteln, hat eine gro\u00dfe Rolle f\u00fcr die Entwicklung von Bonhoeffer gespielt. Im Hause Bonhoeffer wird die Vossische Zeitung gelesen, nicht etwa die Deutsche Allgemeine Zeitung, also keine konservative, sondern eine liberale b\u00fcrgerliche Zeitung mit einem breiten Spektrum von Positionen. Sie tritt f\u00fcr die Republik ein.[3]<\/p>\n<p>Au\u00dferhalb der Mauern traditioneller Theologie<\/p>\n<p>Schon vor der nationalsozialistischen Macht\u00fcbernahme entwickelt der junge Bonhoeffer Elemente eines lebendigen Christentums, das sich dem Bannkreis traditioneller Kirchlichkeit, die sich im alten \u00c4on eine Nische eingerichtet hat, entgegenstellt. Bonhoeffer tritt fr\u00fch, als dies in der Kirche &#8211; von kleinen Gruppen abgesehen &#8211; un\u00fcblich war, f\u00fcr ein pazifistisches Verst\u00e4ndnis des Christentums ein. Das h\u00e4ngt damit zusammen, da\u00df er bei seinen vielen Reisen Impulse von bedeutenden nichtkonformistischen Theologen aufnimmt. Der Theologe, der die wichtigste Rolle f\u00fcr seine Hinwendung zur Ablehnung des Krieges gespielt hat, der darauf insistierte, das T\u00f6tungsverbot auch in zwischenstaatlichen Beziehungen einzuhalten, ist Jean Lasserre[4]; sein Buch &#132;Der Krieg und das Evangelium&#8220; ist 1956 auf deutsch erschien.[5] Schon in den fr\u00fchen drei\u00dfiger Jahren aber hat er die Gedankenwelt eines biblisch fundierten Pazifismus begr\u00fcndet. Der wesentliche Punkt bei Lasserre ist, da\u00df er Krieg zwischen Nationen, die aus christlichen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern bestehen, als einen Angriff auf den Leib Christi ansieht, dem auch die Soldaten zugeh\u00f6ren. Sobald sie anfangen, sich gegenseitig umzubringen, zerst\u00f6ren sie den Leib Christi. In einem Referat vor Studenten gibt Bonhoeffer 1932 diesen Gedanken anschaulich Ausdruck: &#132;Die Liebe kann unm\u00f6glich das Schwert gegen einen Christen richten, weil sie es mit ihm auf Christus richtet.&#8220;[6] Und in einem Katechismus von 1931 konstatiert er mit Entschiedenheit: &#132;(Die Kirche) wei\u00df &#8230; nichts von der Heiligkeit des Krieges. Hier wird mit entmenschten Mitteln der Kampf ums Dasein gef\u00fchrt.&#8220;[7]<\/p>\n<p>Der andere Theologe, der auf Bonhoeffers Entwicklung einen besonderen Einflu\u00df aus\u00fcbt, ist Karl Barth. Wichtig wird vor allem seine kompromi\u00dflose Kritik der Religion.[8] Religion ist f\u00fcr ihn so etwas wie eine selbstgemachte Beziehung zu einem jenseitigen Wesen. In diesem Sinne hat sie eigentlich mit Gott nichts zu tun, sondern ist eine menschliche Konstruktion, w\u00e4hrend die wirkliche Beziehung zu Christus, wie der junge Barth sich ausdr\u00fcckt, &#132;senkrecht von oben&#8220; durch Gott selber konstitutiert wird. Durch Gott wird der Mensch unmittelbar anger\u00fchrt, er besitzt \u00fcber ihn aber keine Verf\u00fcgungsmacht.<\/p>\n<p>Diesen Impuls, nicht aber das theologische System Karl Barths, nimmt der junge Bonhoeffer auf. Es ist lebensgeschichtlich kein Zufall, da\u00df Bonhoeffer, als er im Oktober 1933 als Pfarrer nach London geht und sich aus Deutschland zur\u00fcckzieht, vorher mit Karl Barth korrespondiert. Es ihm wichtig, ob Barth diesen Schritt akzeptiert.[9] Das zeigt, wie sehr Barth, der \u00fcberragende theoretische Kopf der Bekennenden Kirche in der Auseinandersetzung mit dem NS-Staat, f\u00fcr Bonhoeffer leitbildhafte Bedeutung hat.<\/p>\n<p>Zwei Elemente sind f\u00fcr Bonhoeffers Denken vor 1933 bestimmend: die Friedensbotschaft Jesu und die gesamte Bergpredigt. Gegen\u00fcber der kulturprotestantischen Einbindung der Religion in die Struktur dieser Welt insistiert Bonhoeffer schon in seinen Briefen der fr\u00fchen drei\u00dfiger Jahre darauf, die Bergpredigt ernst zu nehmen.[10] Die Bergpredigt wird nicht als eine exterritoriale, in dieser Welt nicht praktizierbare Botschaft angesehen, sondern an der Stellung zu ihr entscheidet sich, ob ein Mensch tats\u00e4chlich Christ ist oder nicht.<\/p>\n<p>Wenn man die fr\u00fchen Richtpunkte zusammenf\u00fcgt, zeigt sich, da\u00df Bonhoeffer schon vor 1933 eine gewisse Abwehr des Universalanspruchs des Staates auf Bestimmung \u00fcber alle gesellschaftlichen Lebensbereiche formuliert. Es geht nicht an, da\u00df der Staat im Krieg das T\u00f6tungsverbot suspendiert, da\u00df er die Postulate der Bergpredigt in den privaten Bereich abdr\u00e4ngt. Insofern war Bonhoeffer wie nur wenige Theologen ger\u00fcstet, den Versuchungen des NS-Regimes zu widerstehen, weil er f\u00fcr die K\u00f6nigsherrschaft Christi in der Welt prinzipiell keine Schranken anerkannte.<\/p>\n<p>Theologisches Nein zum NS-Staat<\/p>\n<p>Fr\u00fcher als viele Vertreter der Bekennenden Kirche, die das NS-Regimes politisch zu-n\u00e4chst oftmals unterst\u00fctzen, setzt Bonhoeffer Gegen-Positionen zum totalit\u00e4ren Anspruch der systematischen Diskriminierung der Juden auf staatlichem und kirchlichem Gebiet.<\/p>\n<p>Die staatliche Entrechtung der Juden erreicht ihren ersten H\u00f6hepunkt im Boykott j\u00fcdischer Gesch\u00e4fte durch die Nationalsozialisten am 1. April 1933. Dieser ber\u00fcchtigte antij\u00fcdische Boykott &#8211; &#132;Kauft nicht bei Juden!&#8220; stand auf vielen Schildern &#8211; wird von wichtigen Repr\u00e4sentanten der evangelischen Kirche als eine Aktion begr\u00fc\u00dft, in der sich das Volk zurecht gegen den j\u00fcdischen Einflu\u00df wendet. In diesem Sinne \u00e4u\u00dfert sich der damalige Generalsuperintendent Otto Dibelius in Berlin, sp\u00e4ter ein wichtiger Vertreter der Bekennenden Kirche.[11] Auch in der akademischen Theologie wird die Ausschaltung der Juden gefordert. Der renommierte Neutestamentler Gerhard Kittel, der 1933 &#132;dem Kampf gegen das Judentum eine christliche Sinndeutung zu geben&#8220; sucht, verlangt von den Juden, &#132;alle Anspr\u00fcche auf staatsb\u00fcrgerliche Gleichberechtigung&#8220; aufzugeben&#8220;.[12]<\/p>\n<p>In dieser Situation, in der die Kirche sich daran beteiligt, den staatlichen Antisemitismus ,theologisch` nachzuvollziehen, schreibt Bonhoeffer wenige Tage nach dem antij\u00fcdischen Boykott- zwischen dem 7. April und dem 14. April 1933 &#8211; einen hellsichtigen, ber\u00fchmt gewordenen Aufsatz: &#132;Die Kirche vor der Judenfrage&#8220;.[13] Dieser Aufsatz &#8211; das soll man nicht verschweigen &#8211; enth\u00e4lt durchaus noch Elemente unkritischer lutherischer Staatstheologie. Bonhoeffer sagt n\u00e4mlich, die Gesetze, die der Staat mache, k\u00f6nne man als Christ letztendlich nicht beurteilen. Das sei allein Sache der \u00f6ffentlichen Gewalt.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite aber widersetzt sich Bonhoeffer bereits im April 1933 der \u00dcbertragung der staatlichen Gesetzgebung gegen die Juden auf den kirchlichen Bereich mit aller Entschiedenheit, lange bevor der Pfarrernotbund im September 1933 zur Abwehr des Arierparagraphen gegr\u00fcndet wird. Bonhoeffer \u00e4u\u00dfert sich in einer christlichen und humanen Radikalit\u00e4t, in der sein sp\u00e4teres Handeln schon vorgezeichnet ist: Die Kirche habe an der Seite der Opfer jeder Gesellschaftsordnung zu stehen, der diskriminierten Juden in der Kirche bzw. jener Juden, die nicht mehr Pfarrer in der Kirche sein sollten. Die Kirche d\u00fcrfe nicht lediglich die Opfer verbinden, sondern m\u00fcsse &#8211; und hier w\u00e4hlt er eine au\u00dferordentlich weitreichende Formulierung &#8211; &#132;dem Rad selbst in die Speichen fallen&#8220;, Das ist eine gegen die Diktatur gerichtete Formel, die sich von allem unterscheidet, was 1933 von kirchlichen Kritikern des NS-Regimes, auch von Karl Barth, der von der Notwendigkeit theologischer Existenz heute sprach, ge\u00e4u\u00dfert wird.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcndung des Pfarrernotbundes ist bereits erw\u00e4hnt worden: Martin Niem\u00f6ller ist derjenige, der dazu die Initiative ergriffen hat. Aber Niem\u00f6ller steht nicht allein. Eine der wichtigsten Gr\u00fcndungsurkunden des Pfarrernotbundes ist gemeinsam von Bonhoeffer und Niem\u00f6ller formuliert worden. Es ist ein Protestschreiben vom 7. September 1933 an die Kirchenregierung, in dem die Differenz zwischen christlichem Glauben und &#132;Arierparagraph&#8220;, also der Geltung der Judendiskriminierung auf kirchlichem Gebiet, scharf herausgestellt wird.[14]<\/p>\n<p>Die eigentliche Bedrohung f\u00fcr eine unverf\u00e4lschte christliche Existenz erblickt Bonhoeffer nicht in der Deutschen (Nazi-)Kirche, die ohnehin keine Kirche mehr ist. Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr die Substanz des christlichen Glaubens liegt f\u00fcr ihn in der Orthodoxie, jenem Teil der Kirche, der f\u00fcr sich die rechte Lehre reklamiert und es damit genug sein l\u00e4\u00dft. In einem Brief an Reinhold Niebuhr, einem bekannten amerikanischen Theologen, markiert Bonhoeffer bereits 1934 diese Position: &#132;Die Gefahr eines orthodoxen, ,Intakten` Kirchenk\u00f6rpers ist im Westen sehr gro\u00df. Und ich halte es f\u00fcr sehr wohl m\u00f6glich, da\u00df eines Tages der Staat in dieser Art Kirche wirklich noch seinen besten Bundesgenossen finden wird. Eine ,orthodoxe` Kirche ist f\u00fcr den nationalsozialistischen Staat ganz gewi\u00df noch eine viel sicherere Garantie als die M\u00fcller-Kirche.&#8220;[15] Die Orthodoxie ist viel gef\u00e4hrlicher f\u00fcr die Aufl\u00f6sung des christlichen Glaubens als die ohnehin glaubenslose Kirche des Reichsbischofs M\u00fcller. Diese Position hatte gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr die weiteren Auseinandersetzungen der Bekennenden Kirche mit dem NS-Staat.<\/p>\n<p>1935 beginnt das Nazi-Regime eine Umorganisation seiner Kirchenpolitik. Es installiert einen Kirchenminister. Er versucht, die Bekennende Kirche staatlichen Zielen zu unterwerfen: durch die Schaffung sogenannter, von der Regierung mit kirchlichen Repr\u00e4sentanten besetzten Reichskirchen-Aussch\u00fcssen. Die Reichskirchen-Aussch\u00fcsse sollten das kirchliche Binnenleben mitbestimmen. Zentral ist die Verordnung vom 2. Dezember 1935, die der Kirchenminister Kerrl erl\u00e4\u00dft. In dieser Verordnung wird festgelegt, da\u00df die Selbstverwaltung der Kirche zur Disposition gestellt wird und der Staat das Recht haben sollte, in Fragen der Ordination, des Bekenntnisses, der Bezahlung der Pfarrer von sich aus t\u00e4tig zu werden.[16]<\/p>\n<p>Bonhoeffer hat die Kooperation mit dem NS-Staat vermittels der Reichskirchen-Aussch\u00fcsse, wie sie insbesondere von den Landeskirchen Hannovers, W\u00fcrttembergs, Bayerns betrieben wird, grunds\u00e4tzlich kritisiert. Er ist inzwischen der Leiter des Predigerseminars in Finkenwalde. Dort hat er eine Stellungnahme zur Akzeptanz staatlich eingesetzter Kirchenaussch\u00fcsse abgegeben, die genau in der Linie der schon erw\u00e4hnten Kritik an der Orthodoxie liegt. Bonhoeffer sagt: &#132;Die Sorge um den Bestand der Volkskirche hat praktisch bereits die Sorge um das \u00f6ffentliche Wort der Wahrheit \u00fcberlagert. [17]<\/p>\n<p>Der Reichskirchen-Ausschu\u00df affirmiert den Antisemitismus und den Antibolschewismus, er \u00fcbernimmt in gro\u00dfen Teilen die NS-Ideologie und versucht, sie auf den kirchlichen Bereich zu \u00fcbertragen.[18] Bonhoeffer fordert stattdessen: &#132;Nun mu\u00df eine dritte Synode &#8230; der Zersetzung der Kirche durch die Welt wehren, welche jetzt als der nationalsozialistische Staat eingreift mit seinen Finanzabteilungen, der Beschlu\u00dfstelle &#8211; und den Aussch\u00fcssen und der nun die Kirche der Bekennenden in Gruppen zerrei\u00dft.&#8220;[19]<\/p>\n<p>Bonhoeffer betreibt aber nicht nur Kirchenpolitik. Er arbeitet theologisch intensiv weiter. Er bildet in Finkenwalde nicht allein Pfarrer f\u00fcr die Bekennende Kirche aus, dazu geh\u00f6ren Eberhard Bethge, Werner Koch, Albrecht Sch\u00f6nherr oder Wolf-Dieter Zimmermann. In dieser Zeit schreibt Bonhoeffer sein Buch &#132;Nachfolge&#8220;. Der Titel sagt schon viel. Da ist nicht einfach von &#132;Glauben&#8220;, sondern von &#132;Nachfolge&#8220; die Rede. Glauben kann ja, falsch verstanden, auch rein kontemplativ aufgefa\u00dft werden. &#132;Nachfolge&#8220; ist ein Wort, das ein Handlungsmoment enth\u00e4lt, und so ist das Buch auch intendiert. Es erscheint 1937 im Christian Kaiser Verlag in M\u00fcnchen und zieht die erste theologische Summe der Erfahrung Bonhoeffers mit dem Dritten Reich und seiner Kirche.<\/p>\n<p>Das Buch setzt ein mit einer fundamentalen Kritik an dem, was er &#132;billige Gnade&#8220; nennt. Damit meint er: Vergebung hei\u00dft nicht, da\u00df damit derjenige, dem die Vergebung zuteil wird, dem die S\u00fcnde vergeben wird, nun frei ist, gewisserma\u00dfen weiter zu s\u00fcndigen. Das w\u00e4re eine billige Gnade, die den Menschen in seinen bisherigen Zustand bel\u00e4\u00dft. Gnade ohne Nachfolge, ohne ein Tun, das den Weisungen Jesu zu entsprechen sucht, ist keine Gnade, ist lediglich billige Gnade.[20]<\/p>\n<p>In diese Interpretation sind die Erfahrungen eingegangen, die Bonhoeffer mit der Einbindung der lutherischen Landeskirchen in den NS-Staat gemacht hat. Bonhoeffer schreibt: &#132;Ist der Preis, den wir heute mit dem Zusammenbruch der organisierten Kirchen &#8230; zu zahlen haben, etwas anderes als eine notwendige Folge der zu billig erworbenen Gnade? Man gab die Verk\u00fcndigung und die Sakramente billig. Man taufte, man konfirmierte, man absolvierte ein ganzes Volk ungefragt und bedingungslos &#8230; Man spendete Gnadenstr\u00f6me ohne Ende, aber der Ruf in die strenge Nachfolge Christi wurde seltener geh\u00f6rt.&#8220;[21]<\/p>\n<p>Was Nachfolge Christi konkret hei\u00dft, zeigt Bonhoeffer in einer eingehenden Auslegung der Bergpredigt. Sie ist f\u00fcr ihn das handlungsfordernde Zentrum der Botschaft Christi. Die Weisung der Bergpredigt -&#132;Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!&#8220; (Mt. 5,7) &#8211; interpretiert Bonhoeffer so: &#132;Diese Besitzlosen, diese Fremdlinge, diese Ohnm\u00e4chtigen, diese S\u00fcnder, diese Nachfolger Jesu &#8230; sind barmherzig. Sie haben eine unwiderstehliche Liebe zu den Geringen, Kranken, Elenden, zu den Erniedrigten und Vergewaltigten, zu den Unrecht Leidenden und zu den Ausgesto\u00dfenen.&#8220;[22] Die Herausforderung der vielf\u00e4ltigen, zumal \u00f6ffentlichen Formen von Unbarmherzigkeit erschlie\u00dft sich auf dem zeitgen\u00f6ssischen Hintergrund. Die Unbarmherzigkeit, das Gegenbild zu den Weisungen der Bergpredigt, liegt vor aller Augen. Ein Staat, der Kommunisten, Sozialdemokraten, vor allem aber Juden verfolgt, entrechtet und ins Konzentrationslager sperrt, erzeugt jene un\u00fcbersehbare Zahl von Menschen, die der Barmherzigkeit bed\u00fcrftig sind. Bonhoeffers Auslegung hat nicht allein eine private, sondern eine unmittelbar politische Dimension: die &#132;Erniedrigten und Vergewaltigten&#8220;, die dem Terror des Regimes ausgeliefert sind, n\u00f6tigen die Christen, an ihre Seite zu treten. Barmherzigkeit erweitert sich zum \u00f6ffentlichen Handlungsgebot gegen\u00fcber den Herren dieser Welt.<\/p>\n<p>Christliche Motive f\u00fcr politischen Widerstand<\/p>\n<p>Bonhoeffers theologische Haltung, wie sie in der gegen die Unrechtsverh\u00e4ltnisse der Welt gerichteten Vergegenw\u00e4rtigung der Bergpredigt zum Ausdruck kommt, aber auch die Erfahrungen mit dem Versagen seiner Kirche gegen\u00fcber dem gro\u00dfen Mordregime, sind Faktoren, die ihn dazu bringen, von 1938 an politischen Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten. Das ist ein entscheidender Einschnitt.[23] Man kann Bonhoeffer ja nicht mehr selber zu seinen Motiven befragen, man kann sie zum Teil nur erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Und manches hat er wohl f\u00fcr sich behalten, weil es viel zu gef\u00e4hrlich gewesen w\u00e4re, in eine Er\u00f6rterung der Gr\u00fcnde f\u00fcr die Mitwirkung an der Konspiration gegen Hitler einzutreten. So hat die Frage, wie es zu Bonhoeffers politischem Widerstand kommt, teilweise auch etwas Spekulatives.<\/p>\n<p>Bonhoeffers &#132;Ethik&#8220;, die aber im Dritten Reich nicht mehr erscheinen kann, gibt ein St\u00fcck weit Auskunft \u00fcber die Gr\u00fcnde, die ihn zum Widerstandsk\u00e4mpfer werden lassen. Das fragmentarische Buch ist von 1940 bis 1943 geschrieben worden, als er in der Ab-wehr als Mann des Widerstands arbeitet. Mit prophetischer Deutlichkeit gei\u00dfelt Bonhoeffer das Versagen seiner Kirche. Daraus ergibt sich &#8211; so w\u00fcrde ich interpretieren &#8211; die praktische Schlu\u00dffolgerung: Wenn die Kirche in der Reichspogromnacht von 1938 schweigt, wenn sie die Verfolgung der Juden &#8211; abgesehen von wenigen Ausnahmen &#8211; hinnimmt, dann mu\u00df man stellvertretend mit Hilfe Gleichgesinnter, die nicht unbedingt Christen sein m\u00fcssen, versuchen, dem Wagen in die Speichen zu fallen.<\/p>\n<p>Bonhoeffer bezeichnet die Schuld der Kirche sehr viel konkreter als dies dann 1945 in der Stuttgarter Schulderkl\u00e4rung des Rates der EKD geschehen ist. Schon 1934 hat er, in einem Brief an Erwin Sutz, die Richtung angegeben: &#132;Es mu\u00df &#8230; endlich mit der theologisch begr\u00fcndeten Zur\u00fcckhaltung gegen\u00fcber dem Tun des Staates gebrochen werden.&#8220;[24] 1940 &#8211; die Entrechtung der Juden ist bis ins letzte Detail durchgesetzt &#8211; versch\u00e4rft Bonhoeffer diese staatskritische Perspektive und fa\u00dft sie zugleich konkreter. Sie f\u00e4llt zusammen mit dem Versagen der Kirche gegen\u00fcber dem furchtbarsten Schreckensregiment der deutschen Geschichte: &#132;Sie (die Kirche) hat den Ausgesto\u00dfenen und Verachteten die schuldige Barmherzigkeit oftmals verweigert. Sie war stumm, wo sie h\u00e4tte schreien m\u00fcssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie. Sie hat das rechte Wort in rechter Weise zur rechten Zeit nicht gefunden &#8230; Die Kirche bekennt die willk\u00fcrliche Anwendung brutaler Gewalt, die leiblichen und seelischen Leiden Unschuldiger, Unterdr\u00fcckung, Ha\u00df und Mord gesehen zu haben, ohne ihre Stimme f\u00fcr sie zu erheben, ohne Wege gefunden zu haben, ihnen zu Hilfe zu eilen. Sie ist schuldig geworden am Leben der schw\u00e4chsten und wehrlosesten Br\u00fcder Jesu Christi.&#8220;[25]<\/p>\n<p>Am Ende nimmt Bonhoeffer seine Kritik der Orthodoxie und der lutherischen Landeskirchen, die ihre Institution um den Preis einer weltabgewandten Verk\u00fcrzung der christlichen Botschaft stabilisierten, noch einmal auf: &#132;Durfte denn die Kirche ihr Letztes, ihre Gottesdienste, ihr Gemeindeleben gef\u00e4hrden, indem sie den Kampf mit den antichristlichen Gewalten aufnahm? So spricht der Unglaube, der im Bekenntnis der Schuld nicht die Wiedergewinnung der Gestalt Jesu Christi, der die S\u00fcnde der Welt trug, bekennt. Das freie Schuldbekenntnis ist ja nicht etwas, das man tun oder lassen k\u00f6nnte, sondern ist der Durchbruch der Gestalt Jesu Christi in der Kirche.&#8220;[26]<\/p>\n<p>Ein zus\u00e4tzlicher Antrieb f\u00fcr Bonhoeffers politischen Kampf gegen das NS-Regime ergibt sich aus seiner damaligen Lekt\u00fcre. Bonhoeffer rezipiert die wichtige Schrift Karl Barths &#132;Rechtfertigung und Recht&#8220; von 1938[27], die in un\u00fcberbietbarer Konsequenz die theologische Entlegitimierung der Tyrannis betreibt. In dieser Schrift &#8211; Barth war nach seiner vom NS-Staat verf\u00fcgten Entlassung aus dem Professorenamt in die Schweiz zu-r\u00fcckgekehrt &#8211; findet sich ein dem staatlichen System unbedingten Gehorsams widersprechender Gedanke, der dann in der &#132;Ethik&#8220; wieder auftaucht. Karl Barth sagt: &#132;Die grundlegende Belehrung der Kirche \u00fcber ihr Verh\u00e4ltnis zum Staat ist ,das grelle Bild der Hinrichtung Jesu Christi durch seine Beh\u00f6rde`.&#8220;[28] Das hei\u00dft: Der Staat ist bei der Entstehung des Christentums eine durch und durch negative Gr\u00f6\u00dfe gewesen. Daher ist es f\u00fcr einen Christen geboten, dem Staat jede Weihe, jede \u00dcberh\u00f6hung abzusprechen.<\/p>\n<p>Diesen Gedanken einer Entmythologisierung des Staates greift Bonhoeffer in seiner &#132;Ethik&#8220; auf, die zugleich der Obrigkeitsergebenheit der lutherischen Landeskirchen im Nationalsozialismus die Legitimationsgrundlage entzieht: &#132;Da Jesus alle Gewalt im Himmel und auf Erden hat, ist er auch Herr der Obrigkeit.&#8220;[29] Er ist ihr \u00fcbergeordnet. Bonhoeffer f\u00e4hrt fort: &#132;Jesus ist unter Zulassung der Obrigkeit gekreuzigt worden. Die Obrigkeit, die die Unschuld Jesu erkannte und offen bezeugte, hat damit ihr eigentliches Wesen bekundet.&#8220;[30] Die Obrigkeit verliert ihre Rechtfertigung, sie mu\u00df sich messen lassen an dem Geiste der Weisungen Christi. Des Justizmords an dem Sohne Gottes schuldig, hat sie keinen Anspruch auf bedingungslose Unterwerfung. Paulus bekanntes Wort im R\u00f6merbrief Kap. 13,1 -&#132;Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt \u00fcber ihn hat&#8220; &#8211; darf nicht verabsolutiert und auf einen tyrannischen Staat \u00fcbertragen werden, der die Gebote Christi, vor allem das Verbot zu t\u00f6ten, mit F\u00fc\u00dfen tritt. &#132;Seine Gehorsamspflicht bindet ihn solange, bis die Obrigkeit ihn direkt zum Versto\u00df gegen<\/p>\n<p>das \u00f6ffentliche Gebot zwingt &#8230;&#8220;[31]<\/p>\n<p>Die theologische Entlegitimierung eines Terror-Staates hat angesichts der engen pers\u00f6nliche Beziehung, die Bonhoeffer zu Hans von Dohnanyi, einem der Mitverschw\u00f6rer, der mit seiner Schwester Christine verheiratet ist, eine noch konkretere Bedeutung.[32] Dohnanyi ist pers\u00f6nlicher Referent des Reichsjustizministers G\u00fcrtner. Seit 1933 hat er eine Skandalchronik zusammengestellt, in der die Einzelverbrechen der Nationalsozialisten notifiziert werden, um nach einem gelingenden Umsturz gegen\u00fcber dem eigenen Volk und dem Ausland zu demonstrieren, da\u00df die Opposition Hitler von Anfang an entgegengetreten ist. F\u00fcr Bonhoeffer war Dohnanyi jener Gespr\u00e4chspartner, der \u00fcber die Rechtsverletzungen des Regimes am genauesten Bescheid wu\u00dfte, weil er unter den Verschw\u00f6rern den Apparat von innen her am besten kannte. Die durch Dohnanyi vermittelte Kenntnis der ma\u00dfnahmenstaatlichen Struktur des Regimes, das die Rechtsgarantien f\u00fcr die Individuen vollst\u00e4ndig aufhebt, bildet einen wesentlichen Antrieb f\u00fcr Bonhoeffers Kampf gegen das NS-Regime.<\/p>\n<p>Im Gefolge der \u00dcberwindung einer unbiblischen Verkl\u00e4rung des Staates nimmt der politische Widerstand konkrete Formen an. Als im Oktober 1941 die ersten Deportationen der Juden in allen St\u00e4dten Deutschlands in Gang gesetzt werden, verfa\u00dft Bonhoeffer zusammen mit Friedrich Justus Perels eine Denkschrift von wenigen Seiten, in der die Deportation der Juden angeprangert und die seelischen Qualen, der die Opfer ausgesetzt werden, geschildert werden. Diese Denkschrift &#8211; es ist die erste Intervention des Widerstands, die in dieser Weise f\u00fcr die Juden eintritt &#8211; richtet sich an die Mitverschw\u00f6rer im Milit\u00e4r, vor allem an den Oberst Beck, den f\u00fchrenden Kopf des milit\u00e4rischen Widerstands. Das Ziel ist, die Milit\u00e4rs dazu zu bringen, Hitler aus dem Regierungsamt zu entfernen, wenn er Verbrechen wie die Deportation der Juden begeht.[33]<\/p>\n<p>Im Gef\u00e4ngnis: Theologie der Diesseitigkeit<\/p>\n<p>Bonhoeffer wird zusammen mit anderen Widerstandsk\u00e4mpfern 1943 verhaftet und in das Gef\u00e4ngnis in Berlin Tegel gebracht. In dieser Zeit entstehen die ber\u00fchmten Texte, die unter dem Titel &#132;Widerstand und Ergebung&#8220; von Eberhard Bethge nach 1945 ver\u00f6ffentlicht worden sind. Auch diese Texte mu\u00df man aus dem Zeitzusammenhang heraus verstehen. Es sind keine heiligen, von der Geschichte unber\u00fchrten Schriften. Sie sind im Handgemenge, in der Auseinandersetzung mit theologischen Irrt\u00fcmern und Fehlhaltungen entstanden, mit denen Bonhoeffer unmittelbar konfrontiert ist. Die fragmentarische Theologie des gefangenen christlichen Widerstandsk\u00e4mpfers Dietrich Bonhoeffer l\u00f6st sich vollst\u00e4ndig von der traditionellen Kirche, um eine neue Selbstbegr\u00fcndung f\u00fcr den christlichen Glauben, der die Wirklichkeit Jesu in allen Bereichen lebt, zu finden.<\/p>\n<p>Bonhoeffer grenzt sich in bestimmtem Sinne auch von seiner eigenen Bekennenden Kirche ab, f\u00fcr die er Pfarrer ausgebildet hat, f\u00fcr die er gepredigt und geschrieben hat. Er w\u00e4hlt ein scharf &#8211; kritisches Wort und spricht mit Blick auf seine Kirche von einer &#132;konservativen Restauration&#8220;.[34] Das bedeutet, da\u00df in der kirchlichen Lehre nach wie vor das Richtige gesagt wird, da\u00df es aber an christlichem Handeln unter den Wolfsgesetzen der Nazi-Welt mangelt. Entsprechend hei\u00dft es: &#132;Allgemein in der Bekennende Kirche: Eintreten f\u00fcr die ,Sache` der Kirche etc., aber wenig pers\u00f6nlicher Christusglaube. Jesus ,entschwindet` dem Blick. Soziologisch: keine Wirkung auf die breiten Massen; Sache der Klein- und Gro\u00dfb\u00fcrger.&#8220;[35] Seinen theologischen Lehrer Karl Barth zeiht Bonhoeffer des &#132;Offenbarungspositivismus&#8220;.[36] Das Wort zielt auf eine zu gro\u00dfe, kontemplative Sicherheit, was es mit der Menschwerdung Christi auf sich habe.<\/p>\n<p>Bonhoeffer besch\u00e4ftigt sich \u00fcberhaupt nicht mit den Deutschen Christen. Sie kommen gar nicht vor. Das interessiert ihn nicht, sondern seine eigene, Bekennende Kirche und ihre Theologie treiben ihn um. Sie ist der eigentliche Adressat seiner Briefe und Aufzeichnungen.<\/p>\n<p>Bonhoeffer zielt auf einen Perspektivwechsel der Theologie, die nicht mehr lediglich die existenziellen Fragen einer gebildeten Oberschicht reflektiert, sondern die Not der erniedrigten Unterschichten theologisch ernst nimmt. Bonhoeffer spricht fast wie sp\u00e4ter Ernst Bloch von der Notwendigkeit eines &#132;Blicks von unten&#8220;: &#132;Es bleibt ein Erlebnis von unvergleichlichem Wert, wenn wir die gro\u00dfen Ereignisse der Weltgeschichte einmal von unten, aus der Perspektive der Ausgeschalteten, Beargw\u00f6hnten, schlecht Behandelten, Machtlosen, Unterdr\u00fcckten und Verh\u00f6hnten, kurz der Leidenden sehen gelernt haben.&#8220;[37]<\/p>\n<p>In scharfer Abgrenzung gegen die antijudaistischen, bis in die lutherischen Landeskirchen hineinwirkenden Tendenzen, bringt Bonhoeffer das Alte Testament als Grundlage f\u00fcr gemeinsames christliches Handeln in den Unrechtsverh\u00e4ltnissen der Welt neu zum Leuchten. Obgleich als Gefangener isoliert, ist er dem gesellschaftlichen Leben als Feld christlicher Existenz verpflichtet: &#132;Gibt es im Alten Testament die Frage nach dem Seelenheil \u00fcberhaupt? Ist nicht die Gerechtigkeit und das Reich Gottes auf Erden der Mittelpunkt allem? Und ist nicht auch R\u00f6mer 3, 24ff. das Ziel des Gedankens, da\u00df Gott allein gerecht sei und nicht eine individualistische Heilslehre? Nicht um das Jenseits, sondern um diese Welt, wie sie geschaffen, erhalten, in Gesetze gefa\u00dft, vers\u00f6hnt und erneuert wird, geht es doch. Was \u00fcber diese Welt hinaus ist, wird im Evangelium f\u00fcr diese Welt da sein.&#8220;[38]<\/p>\n<p>Die auf soziales Handeln zielende Lesart des Alten Testaments ist bezeichnender Weise Thema in dem Brief, den Bonhoeffer am 21. Juli 1944, einen Tag nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler, schreibt. In ihm findet sich das gegen die Weltflucht der institutionellen Kirche gerichtete Wort von der notwendigen Diesseitigkeit des Glaubens an Jesus Christus: &#132;Ich habe in den letzten Jahren mehr und mehr die tiefe Diesseitigkeit des Christentums kennen- und verstehengelernt; nicht ein homo religiosus, sondern ein Mensch schlechthin ist der Christ, wie Jesus &#8230; Mensch war.&#8220;[39] Was Diesseitigkeit konkret hei\u00dft, wird an anderer Stelle erl\u00e4utert: &#132;Das ,F\u00fcr-andere-dasein` Jesu ist die Transzendenzerfahrung! &#8230; Unser Verh\u00e4ltnis zu Gott ist kein ,religi\u00f6ses` zu einem denkbar h\u00f6chstem, m\u00e4chtigsten, besten Wesen &#8211; dies ist keine Transzendenz -, sondern unser Verh\u00e4ltnis zu Gott ist ein neues Leben im ,Dasein f\u00fcr andere`, in der Teilnahme am Sein Jesu.&#8220;[40]<\/p>\n<p>Kirchliche und staatliche Ausgrenzung<\/p>\n<p>Fast zeitgleich mit Bonhoeffers auf den 20. Juli 1944 antwortenden Brief, der den Gedanken eines den N\u00f6ten der Welt zugewandten Christentums ausdr\u00fcckt, affirmiert der Bischof der Hannoverschen Landeskirche, August Marahrens, in seinem Wochenbrief vom 24. Juli 1944 das Nazi-System. Zum gescheiterten Attentat findet Marahrens diese geistlich-ungeistlichen, ja blasphemischen Worte: &#132;Der verbrecherische Anschlag, der dem Leben des F\u00fchrers galt, ist mit seinen unabsehbaren Folgen, die er f\u00fcr unser Volk in seinem Kampf auf Leben und Tod gehabt haben w\u00fcrde, durch Gottes Gnade abgewendet. Unmittelbar nachdem uns das Attentat zur Kenntnis kam, haben wir deshalb bestimmt, da\u00df im Kirchengebet der gn\u00e4digen Bewahrung des F\u00fchrers in Dank und F\u00fcrbitte gedacht werde. Wir danken Gott, da\u00df er unserem F\u00fchrer Leben und Gesundheit bewahrt und in der Stunde h\u00f6chster Not unserem Volke erhalten hat. M\u00f6chte die \u00fcberwundene Gefahr unserem dankbaren Volk die Kraft restlosen Einsatzes erh\u00f6hen.&#8220;[41]<\/p>\n<p>Die kirchliche Abwehr von Bonhoeffers christlicher Widerstandspraxis endete nicht mit dem Zerbrechen Nazi-Deutschlands. Zwar gedenkt Bischof Dibelius in einer Predigt vor der Synode der Berlin-Brandenburgischen Kirche im Juli 1945 Bonhoeffers &#132;in Liebe und Dankbarkeit vor Gott&#8220; &#8211; nicht zuletzt im Blick auf die &#132;evangelische Ethik, die er seiner Kirche schenken wollte&#8220;;[42] zwar erinnert Landesbischof Wurm in seinem Hauptreferat auf der Kirchenkonferenz von Treysa im August 1945 auch an Dietrich Bonhoeffer.[43] Aber zur gleichen Zeit bildet sich schon eine andere Sichtweise heraus, die ein gr\u00f6\u00dferes Gewicht hat. Die Kirchenleitung der Berlin-Brandenburgischen Kirche, der wiederum Bischof Dibelius angeh\u00f6rt, verweigert im Juli 1945 in einer Kanzelabk\u00fcndigung dem christlichen Widerstand die Anerkennung und geht, anders als gegen\u00fcber den christlichen M\u00e4rtyrern, zu politischen Opfern des Regimes auf Distanz. [44] Der Bischof der lutherischen Kirche Bayerns, Meiser, weist ebenfalls eine christliche Akzeptanz der Ausschaltung des Tyrannen von sich.[45] Und die lutherische Landeskirche Hannovers, die bei weitem gr\u00f6\u00dfte Deutschlands, wiederholt 1946 ihre schon im Krieg verfochtene Verwerfung einer christlich begr\u00fcndeten Verschw\u00f6rung gegen Hitler: &#132;Was den 20. Juli 1944 betrifft, so k\u00f6nnen wir auch heute nicht zugeben, da\u00df es Sache der Kirche gewesen w\u00e4re, den politischen Umsturz organisatorisch mitvorzubereiten und einen politischen Mordanschlag religi\u00f6s-ethisch zu rechtfertigen &#8230; Wir glauben, da\u00df es der Lehre der Heiligen Schrift entspricht, wenn die Kirche das Wort Gottes als Gesetz und Evangelium bezeugt, die Gemeinden zu bauen und zu festigen sucht und im \u00fcbrigen dem Gericht Gottes, das die Tyrannen dieser Welt noch immer zur rechten Zeit ereilt hat, nicht vorgreift.&#8220;[46]<\/p>\n<p>Es w\u00e4re angemessener gewesen, wenn die Kirchenleitung die Dankesworte, die Bischof Marahrens in seinem schon erw\u00e4hnten Wochenbrief vom 24. Juli 1944 f\u00fcr die Errettung Hitlers durch Gott ausspricht, zum Gegenstand einer selbstkritischen Er\u00f6rterung gemacht h\u00e4tte, als da\u00df diejenigen, die sich als Christen dem Regiment des gro\u00dfen M\u00f6rders entgegenstellten, in unbu\u00dffertiger Anma\u00dfung au\u00dferhalb des christlichen Glaubens gestellt werden.<\/p>\n<p>Aber nicht nur die Kirche tut sich schwer mit der Bejahung von Bonhoeffers politischem Widerstand. Auch der Staat, speziell die Justiz, verweigert Bonhoeffer die rechtliche Anerkennung f\u00fcr sein Tun. Dietrich Bonhoeffer ist 1956 vom Bundesgerichtshof zusammen mit anderen Widerstandsk\u00e4mpfern wie Canaris, Dohnanyi, Oster de facto erneut verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof spricht den Vorsitzenden Richter, der Bonhoeffer in dem sog. Standgerichtsverfahren vom April 1945 zur Ermordung preisgab, frei. Die Begr\u00fcndung lautet, da\u00df dieser Richter nur das damals geltende Recht angewandt habe. Die entscheidende Frage, ob die NS-Justiz nicht ein System &#132;gesetzlichen Unrechts&#8220; (Radbruch) darstellte, wirft der Bundesgerichtshof gar nicht erst auf. Im \u00fcbrigen wurde nicht einmal das NS-Recht zutreffend angewandt. Das SS-Standgericht war kein zust\u00e4ndiges Gericht, denn Bonhoeffer geh\u00f6rte wegen seiner T\u00e4tigkeit im Milit\u00e4r auch in den Bereich der Milit\u00e4rgerichtsbarkeit. Das Gericht selber war nicht ordnungsgem\u00e4\u00df zusammengesetzt. Ein Beisitzer war der KZ-Kommandant von Flossenb\u00fcrg, wahrlich kein Richter. Es ist ein Hohn, das Verfahren gegen Bonhoeffer als rechtlich korrekt anzusehen, das noch 1956 den Freispruch des NS-Richters gebietet &#8211; ein b\u00f6ses Fehlurteil der jungen Bundesrepublik, das die Opfer des NS-Regimes ein zweites Mal ihrer W\u00fcrde beraubt.[47]<\/p>\n<p>Keine Entsch\u00e4rfung Bonhoeffers<\/p>\n<p>Die lang anhaltende Ausgrenzung des politischen Christen Bonhoeffer, die in einem Artikel von F.W. Graf in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in haltlosen Unterstellungen &#8211; unter anderem sei Bonhoeffer durch &#132;homoerotische Neigungen angefochten&#8220;[48] gewesen &#8211; noch einen sinistren Nachhall fand, ist sonst aus dem allgemeinen Bewu\u00dftsein weitgehend verschwunden. Das zeigen neben der Verbreitung seiner Schriften in gro\u00dfen Teilen der Welt, besonders in S\u00fcdafrika &#8211; von der &#132;Nachfolge&#8220; sind insgesamt 80000 Exemplare verkauft worden -, die gro\u00dfen Gedenkveranstaltungen der EKD und der Berlin-Brandenburgischen Kirche aus Anla\u00df seines 50. Todestages [49] Bonhoeffer erscheint als gro\u00dfes Beispiel f\u00fcr ein Christsein ohne dem Leerlauf ver\u00e4u\u00dferlichter Kirchlichkeit.<\/p>\n<p>Heute besteht eher die Gefahr &#8211; Eberhard Bethge hat darauf hingewiesen -, da\u00df Bonhoeffer zum Heiligen entsch\u00e4rft wird. Dann geht sein Anspruch &#132;antiklerikaler Kirchlichkeit&#8220;[50], sein vielfaches jesuanisches Nein zur eigenen Kirche verloren. Ein praktisches Ernstnehmen seiner Schriften aus der Nazi-Zeit kann dies verhindern.<\/p>\n<p>[1] G. Arnold, Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie. Vom Anfang des Neuen Testaments bis auf das Jahr 1688. Frankfurt\/M. 1729<\/p>\n<p>[2] E. Seeberg, Gottfried Arnold (1923), Darmstadt 1964, S. 187<\/p>\n<p>[3] E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer, M\u00fcnchen 1967, S. 38ff., S. 161<\/p>\n<p>[4] Ebd., S. 190f.<\/p>\n<p>[5] M\u00fcnchen 1956<\/p>\n<p>[6] E. Bethge (Anm. 3), S. 254<\/p>\n<p>[7] Ebd., S. 230<\/p>\n<p>[8] K. Barth, Der R\u00f6merbrief (1918), Z\u00fcrich 1940, s. auch E. Bethge (Anm. 3), S. 102ff., S. 107<\/p>\n<p>[9] D. Bonhoeffer, London 1933-1935, G\u00fctersloh 1984, S. llff.<\/p>\n<p>[10] Ebd., S. 171, S. 204, S. 272f.<\/p>\n<p>[11] W. Gerlach, Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und Juden, 2. Aufl. Berlin 1993, S. 40f.<\/p>\n<p>[12] Zit. nach M. Buber, Offener Brief an Gerhard Kittel (Juli 1933), in: ders., Die Stunde und die Erkenntnis, Berlin 1936, S. 172<\/p>\n<p>[ 13] D. Bonhoeffer, Gesammelte Schriften, Bd. II, M\u00fcnchen 1959, S. 44ff.<\/p>\n<p>[14] E. Bethge (Anm. 3), S. 363ff.<\/p>\n<p>[15] D. Bonhoeffer (Anm. 9), S. 170ff.<\/p>\n<p>[16] Abgedruckt bei J. Beckmann (Hg.), Kirchliches Jahrbuch 1933-1945, G\u00fctersloh 1948, S. 195f.<\/p>\n<p>[17] E. Bethge (Anm. 3), S. 567<\/p>\n<p>[18] J. Beckmann (Anm. 15), S. 104, W. Niem\u00f6ller, Die Evangelische Kirche im Dritten Reich, Bielefeld 1956, S. 170<\/p>\n<p>[19] E. Bethge (Anm. 3), S. 567<\/p>\n<p>[20] D. Bonhoeffer, Nachfolge, 2. Aufl., M\u00fcnchen 1940, S. lff.<\/p>\n<p>[21] Ebd. S. lOf.<\/p>\n<p>[22] Ebd. S. 60f.<\/p>\n<p>[23] Vgl. E. Bethge (Anm. 3), S. 698ff.<\/p>\n<p>[24] D. Bonhoeffer (Anm. 9), S. 204<\/p>\n<p>[25] D. Bonhoeffer, Ethik, hrsg. v. E. Bethge, M\u00fcnchen 1949, S. 49f. Vgl. auch J. Perels, Die Hannoversche Landeskirche im Nationalsozialismus 1935-1945, Beiheft zu Junge Kirche (Bremen) 9\/1995<\/p>\n<p>[26] D. Bonhoeffer (Anm. 25), S. 51<\/p>\n<p>[27] E. Bethge (Anm. 3), S. 699<\/p>\n<p>[28] K. Barth, Rechtfertigung und Recht (1938), in: ders., Eine Schweizer Stimme 1938-1945, Z\u00fcrich 1945, S. 18<\/p>\n<p>[29] D. Bonhoeffer (Anm. 24), S. 263<\/p>\n<p>[30] Ebd.<\/p>\n<p>[31] Ebd., S. 267<\/p>\n<p>[32] E. Bethge (Anm. 3), S. 702f., C. v. Dohnanyi, Zu den Zossener Akten, ebd. S. 1098<\/p>\n<p>[33] E. Bethge (Anm. 3), S. 836<\/p>\n<p>[34] D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung (1951), M\u00fcnchen 1990, S. 173<\/p>\n<p>[35] Ebd. S. 205<\/p>\n<p>[36] Ebd. S. 140<\/p>\n<p>[37] Ebd. S. 26<\/p>\n<p>[38] Ebd. S. 143<\/p>\n<p>[39] Ebd. S. 194<\/p>\n<p>[40] Ebd. S. 205<\/p>\n<p>[41] Landesbischof Marahrens, &#132;Wochenbrief&#8220; vom 24. Juli 1944 (Nr. 1827 XI, 14), S. 1<\/p>\n<p>[42] E. Bethge, In Zitz gab es keine Juden, Erinnerungen an meine ersten vierzig Jahre, M\u00fcnchen 1989, S. 225<\/p>\n<p>[43] Treysa 1945. Die Konferenz der Evangelischen Kirchenf\u00fchrer 27.-31. August, L\u00fcneburg 1946, S. 12<\/p>\n<p>[44] E. Bethge (Anm. 42), S. 226f.<\/p>\n<p>[45] Ebd. S. 227<\/p>\n<p>[46] Die Haltung der Hannoverschen Landeskirche im Kirchenkampf und heute (1946), in: E. Kl\u00fcgel, Die lutherische Landeskirche und ihr Bischof, Dokumente, Berlin 1965, S. 222<\/p>\n<p>[47] J. Perels, Die schrittweise Rechtfertigung des NS-Justiz. Der Huppenkothen-Proze\u00df, in: P. Nahamowitz, S. Breuer (Hg.), Politik-Verfassung-Gesellschaft. O. Massing zum 60. Geburtstag, Baden-Baden 1995, S. 51ff., C.U. Schminck-Gustavus, Der ,Proze\u00df` gegen Dietrich Bonhoeffer und die Freilassung seiner M\u00f6rder, Bonn 1995<\/p>\n<p>[48] F. W. Graf, Suche nach letzter Gewi\u00dfheit. Dietrich Bonhoeffers Glaube und Wider-stand, FAZ v. 15.4.95, s. dazu den treffenden Leserbrief von K.D. Bracher, FAZ v. 25.4.95<\/p>\n<p>[49] W. Huber (Hg.): Mut in b\u00f6ser Zeit. Gedenken an Dietrich Bonnhoeffer und seine Freunde, Berlin 1995<\/p>\n<p>[50] D. Bonhoeffer (Anm. 34), S. 123<\/p>\n<p>Kategorie: vorg\u00e4nge: Artikel<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2618,2645],"tags":[],"autoren":[],"class_list":["post-14546","termin","type-termin","status-publish","hentry","category-2618","category-fritz-bauer-preis"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Theologie des Widerstandes: Dietrich Bonhoeffer - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1996\/theologie-des-widerstandes-dietrich-bonhoeffer\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Theologie des Widerstandes: Dietrich Bonhoeffer - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Joachim Perels aus: Vorg\u00e4nge Nr. 133 ( Heft 1 \/ 1996), S. 51-62 Dietrich Bonhoeffer ist in seiner Kirche ein Au\u00dfenseiter. 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