{"id":14551,"date":"1989-01-31T11:00:00","date_gmt":"1989-01-31T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/aktivierung-des-stachels-der-utopie\/"},"modified":"2020-08-03T07:52:45","modified_gmt":"2020-08-03T05:52:45","slug":"aktivierung-des-stachels-der-utopie","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1989\/aktivierung-des-stachels-der-utopie\/","title":{"rendered":"Aktivierung des Stachels der Utopie"},"content":{"rendered":"<p>Joachim Perels<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 97 ( Heft 1\/1989), S. 116-119<\/p>\n<p><b>joachim Perels<\/b><\/p>\n<p><b>Aktivierung des Stachels der Utopie<\/b><\/p>\n<p>Blochs Philosophie kritischer Utopie hat zur Zeit wenig Konjunktur. Um so gespannter nimmt man eine Schrift zur Hand, die unverdrossen den Blochschen Impuls weitertreibt.<\/p>\n<p>Die produktive Besonderheit der Untersuchung von Burghart Schmidt &#8211; er war lange Jahre Blochs Assistent in T\u00fcbingen &#8211; ergibt sich daraus, da\u00df sie den Geist der Utopie nicht ins Museum einer blo\u00dfen Rekonstruktion der Blochschen Lehre verbannt. Schmidt unternimmt vielmehr den gro\u00df angelegten, ambitionierten Versuch, den Blochschen Begriff der Utopie mit der Problemsicht anderer, verwandter oder auch gegens\u00e4tzlicher geschichtstheoretischer Ans\u00e4tze zu konfrontieren und ihn an einem besonderen Gegenstand, der m\u00f6glichen emanzipatorischen Funktion von Architektur, exemplarisch zu erproben. Derart verwendet Schmidt den Utopiebegriff, der zuweilen zu einem Glaubenssatz reduziert wurde, als Erkenntnismittel, das es erlaubt, in den wissenschaftlichen Diskurs einzugreifen. Auch die beiden gro\u00dfen Schlu\u00dfteile zum Problem einer die Offenheit des geschichtlichen Prozesses ausdr\u00fcckenden Kategorienlehre und zur Rolle der Natur im Zusammenhang gesellschaftlicher Emanzipation gehen \u00fcber die immanente Rekonstruktion des Blochschen Systems hinaus.<\/p>\n<p>Abweichende Interpretationen, besonders von marxistisch-leninistischer Seite, aber auch aus dem Umkreis der Frankfurter Schule werden kritisch einbezogen. Sachlich bilden sowohl die Kategorienlehre wie die Naturtheorie Blochs nicht ein beliebiges Lehrst\u00fcck, die beiden Problemzusammenh\u00e4nge b\u00fcndeln auf einer grundlegenden Ebene die Frage nach der M\u00f6glichkeit der Neukonstitution des Verh\u00e4ltnisses der Individuen untereinander wie ihres Verh\u00e4ltnisses zur Natur. Die zentralen Begriffe einer durch menschliche Arbeit vermittelten Teleologie von unten und eines hypothetischen Natursubjekts fungieren als Angelpunkte eines prinzipiell-utopischen Systems.<\/p>\n<p><i>Burghart Schmidt<\/i>, Kritik der reinen Utopie.<\/p>\n<p>Eine sozialphilosophische Untersuchung,<\/p>\n<p>J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung,<\/p>\n<p>Stuttgart 1988, 392 Seiten, DM 68,-.<\/p>\n<p>Der Titel der Untersuchung bezeichnet sogleich die Grundthese: Schmidt geht es zum einen um Kritik vermittels einer reinen Utopie, die als Richtma\u00df f\u00fcr die im Bestehenden sich einrichtenden sozialtheoretischen Konzeptionen &#8211; ins-besondere jene blo\u00df technokratischer Planung &#8211; dient. Zum anderen entwirft er eine Kritik an jener reinen Utopie, welche die Konstruktion antizipatorischer Zielmomente in der bestimmten Negation des Gegebenen verschwinden l\u00e4\u00dft. In dem intendierten Doppelsinn einer Kritik der reinen Utopie ist so der oftmals zur phrasenhaften Vokabel herabgekommene Begriff konkreter Utopie pr\u00e4zise gefa\u00dft: N\u00e4mlich sowohl im Sinne eines Festhaltens an den emanzipatorischen Zielen, die nicht durch blo\u00df technische, die gesellschaftlichen Zwecksetzungen ausklammernde Rationalit\u00e4t zu erreichen sind, als auch darin, da\u00df die geschichtlichen Wege konkret-antizipatorisch vorgezeichnet werden m\u00fcssen, soll Utopie nicht zum vermittlungslosen Gegenbild erstarren. Schmidt wendet sich gegen abstraktes Modellbilden, aber auch gegen die Festnagelung der Utopie auf unmittelbare Realisierbarkeit. Die doppelte Rolle einer Kritik der reinen Utopie erweist sich schlie\u00dflich an dem von Schmidt im Anschlu\u00df an Bloch postulierten Ineinander von Utopie und Ideologie, in dessen Rahmen herrschaftsbezogenes Bewu\u00dftsein kritisierbar ist, die in Ideologie eingegangenen utopischen Postulate aber festgehalten werden.<\/p>\n<p>Konkret entfaltet Schmidt den Gehalt einer Kritik der reinen Utopie in der Auseinandersetzung mit zeitgen\u00f6ssischen architektur-theoretischen Ans\u00e4tzen. Er untersucht sie unter dem Gesichtspunkt, wie weit in ihnen die Wohnweise der Menschen nicht mehr unter dem Leitgedanken einer blo\u00dfen Einpassung in ein vorgegebenes funktionales System gesehen, sondern als Element gesellschaftlichen M\u00fcndigwerdens der Individuen begriffen wird. In doppelter Frontstellung gegen eine technokratisch-funktionalistische Architekturtheorie, welche sich die Zwecke vornehmlich.von den Interessen der privaten Bauwirtschaft vorgeben l\u00e4\u00dft, wie gegen eine einfache Propagierung der ihr entgegengesetzten postmodernen Architekturkonzeption, welche die antirationalistischen Bed\u00fcrfnisse unkritisch f\u00fcr bereits emanzipatorische h\u00e4lt, sucht Schmidt seinen Begriff architektonischer Stadtutopie zu entwickeln. Dabei rettet er phantasievoll Elemente einer postmodernen Architektur ebenso wie die des Funktionalismus f\u00fcr eine Bauweise, die einer freien Gesellschaft entspr\u00e4che. Er macht die antimodernen wie die funktionalistischen Fragestellungen dadurch fruchtbar, da\u00df er sie in den Horizont ver\u00e4nderter gesellschaftlicher Zielbestimmungen, der Aufhebung der Zersplitterung und Entfremdung des sozialen Lebensprozesses stellt.<\/p>\n<p>Im Durchgang durch zeitgen\u00f6ssische, parallel zu Bloch entstandene Ans\u00e4tze entfaltet Schmidt die Fruchtbarkeit des Utopiebegriffs im Handgemenge mit einem breiten Spektrum gesellschaftlicher Theorien. Zugleich gelingt es ihm damit, unorthodoxe Vertreter des Marxismus mittels des Blochschen Begriffsinstrumentariums neu zu interpretieren, aber auch Antimarxisten wie etwa Buber oder Foucault als produktive H\u00e4retiker vorzustellen.<\/p>\n<p>Im Zentrum stehen drei gro\u00dfe Problemgebiete: die eingehende Konfrontation von Blochs Utopiebegriff mit Benjamins geschichtsphilosophischer Position, die Auseinandersetzung mit dem Utopiebegriff von Adorno und Marcuse und die Einsch\u00e4tzung von Habermas&#8216; kommunikationstheoretischer Perspektive. So sehr es auf den ersten Blick scheinen k\u00f6nnte, da\u00df damit unterschiedliche Theoretiker \u00fcber den allgemeinen Leisten des Blochschen Utopiebegriffs geschlagen werden, zeigt sich bei Schmidt jedoch, da\u00df er nicht klassifikatorisch subsumierend vorgeht, sondern in subtil-abw\u00e4genden, noch aus kritisierten Positionen Wahrheitsmomente heraus-pr\u00e4parierenden Argumentationen nichts weniger versucht als eine erweiternde Neubegr\u00fcndung des Blochschen Utopiebegriffs.<\/p>\n<p>An Benjamins revolution\u00e4r-messianischem Geschichtsverst\u00e4ndnis arbeitet Schmidt dessen besondere Konstruktion des Utopischen heraus. Im Unterschied zu Blochs Vorstellung, es komme darauf an, die positiv-vorscheinhaften Postulate der Vergangenheit zu realisieren, wie sie in Kunst, Religion und Wissenschaft entworfen wurden, zielt Benjamin darauf, die Intentionen der Opfer, der Verlierer, der Objekte der Geschichte zu realisieren. Anders als Benjamin selber, der gegen\u00fcber Blochs Gedanken eines emanzipatorischen Erbes an den kulturellen Manifestationen der bisherigen Geschichte grunds\u00e4tzliche Einw\u00e4nde hatte, geht Schmidt nicht so weit, den Blochschen Utopiebegriff durch den Benjamins zu ersetzen. Er wird aber um die Dimension eines messianischen Zorns \u00fcber die Sieger der bisherigen Geschichte erweitert.<\/p>\n<p>Dient der Diskurs \u00fcber Benjamin der genaueren Bestimmung der Zielgehalte von Utopie, so richtet sich die Er\u00f6rterung der Positionen von Adorno und Marcuse (die von Horkheimer, gest\u00fctzt auf eine sch\u00fcttere Belegbasis, werden allzu kursorisch behandelt) auf einen anderes Aspekt. Schmidt h\u00e4lt zwar den ideologiekritischen Zugang Adornos f\u00fcr unverzichtbar, er zeigt aber, da\u00df sich bei Adorno Kritik zu einer kontemplativen Angelegenheit verk\u00fcrzt, da sie nicht mit einem konkret-antizipatorischen Vorgriff verbunden wird. Umgekehrt verwandelt sich dieser Vorgriff bei Marcuse zu einem geschichtlicher Vermittlung enthobenen Gegenmodell. Freilich w\u00e4re zu fragen, ob Adornos Bilderverbot und Marcuses eher abstrakte Utopie mit der historischen Gesamtsituation des tendenziellen Verschwindens eines emanzipatorischen Subjekts zusammenh\u00e4ngen, eine Situation, der sich auch das von Schmidt festgehaltene Postulat eines konkret-utopischen Vorgriffs zu stellen h\u00e4tte, und zwar in dem Sinne, ob dieser Vorgriff gegenw\u00e4rtig real m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Da\u00df Habermas im Unterschied zum Bilderverbot der \u00e4lteren kritischen Theorie einen emanzipatorischen Vorgriff in Gestalt einer idealen Sprechsituation konstruiert, betrachtet Schmidt als Fortschritt. Er kritisiert jedoch die Struktur von Habermas&#8216; emanzipatorischem Vorgriff als unspezifisch allgemein: in der Prozeduralisierung verschwinde der Wahrheitsbegriff. Mit Negt und Kluge verwirft Schmidt die von Habermas eingef\u00fchrte Trennung von Arbeit und Interaktion, weil sie den Arbeitsproze\u00df vom Emanzipationsbegriff abspalte. Seine Interpretationsrichtung bringt Schmidt auf eine handliche Formel: &#132;Die Utopie vermag keinen Schritt zu tun ohne Kritik &#8230; Die Kritik vermag keinen Schritt zu tun ohne Utopie im Sinn&#8220; (S. 239).<\/p>\n<p>Kritisch gegen\u00fcber einer Teleologie von oben, die den Verlauf der Geschichte in Gottes Weltplan vorherbestimmt sieht, aber auch im Unterschied zu einer Telelogie, die die Geschichte, wenn auch innerweltlich, als durch objektive Gesetze ausdeterminiert ansieht, arbeitet Schmidt den Begriffsrahmen einer Teleologie von unten heraus, welche die Rolle des Subjekts bei der Hervorbringung einer anderen Welt in den Blick r\u00fcckt. Zwar ist eine Teleologie von unten keine freischwebend voluntaristische, sie nimmt die gegebenen Bedingungen in sich auf &#8211; um sie zu \u00fcberbieten.<\/p>\n<p>Subtil bezeichnet Schmidt, implizit auch gegen die These, Blochs System l\u00e4ge ein identit\u00e4tsphilosophisches Schema zugrunde, das spezifische Verh\u00e4ltnis von keimhafter Anlage und der Herausprozessierung eines Neuen: Die Verwirklichung der Utopie entfaltet nicht einen vorprogrammierten Keim, sondern ist in &#132;dessen determinierendem Rahmen innovierend am Werk&#8220; (S. 286). Die Differenz einer Teleologie von unten von der von oben liegt f\u00fcr Schmidt darin, da\u00df in letzterer der Geschichtsproze\u00df von einem feststehenden Ziel angezogen werde, w\u00e4hrend er in ersterer &#8211; real-paradox &#8211; sich selbst anziehe. Das Spezifische einer Teleologie von unten exemplifiziert Schmidt durch die Differenz zur Systemtheorie Luhmannscher Pr\u00e4gung, welche die Handlungsmotive der Individuen von den Systemzwecken des Gesellschaftssystems grunds\u00e4tzlich abkoppelt und damit die Herrschaft des Ganzen \u00fcber die Individuen sanktioniert.<\/p>\n<p>Das Problem eines realutopischen Begriffs kulminiert in der Frage der Naturbeziehung &#8211; in Blochs Theorem eines hypothetischen Natursubjekts. Der Begriff zielt darauf, Natur nicht auf ein auszubeutendes Objekt menschlicher Arbeit zu reduzieren, sondern ihre Eigenart als potentielles Subjekt zu respektieren, weil anders auch die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen sich nicht zureichend ver\u00e4ndern. Allerdings intendiert, wie Schmidt minuzi\u00f6s herausarbeitet, auch die Zielbestimmung eines hypothetischen Natursubjekts, dem eine der Natur ad\u00e4quate Allianztechnik entspr\u00e4che, nicht eine restlose Identit\u00e4t von Mensch und Natur. Ein Moment unvermeidlicher Subjekt-Objekt-Trennung bleibt notwendig im Blick auf das Verh\u00e4ltnis von Mensch und Natur bestehen, auch wenn sich das Gesicht der Natur, sobald sie nicht mehr als blo\u00df technisches Verf\u00fcgungsobjekt dient, zu ver\u00e4ndern vermag. Gleichwohl ist, gegen jeglichen vom erreichten Stand der Produktivkr\u00e4fte absehenden Romantizismus, eine einfache R\u00fcckkehr zur ersten Natur verschlossen.<\/p>\n<p>Schmidt besitzt eine b\u00fcndelungsreiche, manchmal \u00fcberm\u00e4\u00dfig verschlungene, aber auchtemperamentvoll pointierende Sprache &#8211; so recht dazu geeignet, utopisches Denken aus dem Schlaf zu wecken &#8211; zuweilen ist aber die sprachliche Distanz zu Bloch zu gering. Auch wirken die beiden als Anhang ver\u00f6ffentlichten Texte zu aufgesetzt, wie ihr Titel schon zeigt. Sie w\u00e4ren in einem Essay-Band besser aufgehoben: Schmidts sozialphilosophische Untersuchung \u00fcber die fortwirkende Bedeutung des Utopie Begriffs hat bereits zwei Beine, auf denen sie steht.<\/p>\n<p>Kategorie: vorg\u00e4nge: Artikel<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2618,2645],"tags":[],"autoren":[],"class_list":["post-14551","termin","type-termin","status-publish","hentry","category-2618","category-fritz-bauer-preis"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Aktivierung des Stachels der Utopie - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1989\/aktivierung-des-stachels-der-utopie\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Aktivierung des Stachels der Utopie - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Joachim Perels aus: Vorg\u00e4nge Nr. 97 ( Heft 1\/1989), S. 116-119 joachim Perels Aktivierung des Stachels der Utopie Blochs Philosophie kritischer Utopie hat zur Zeit wenig Konjunktur. 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