{"id":14555,"date":"1986-03-30T17:00:00","date_gmt":"1986-03-30T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/licht-auf-blinde-flecken-des-marxismus\/"},"modified":"2021-09-04T00:09:07","modified_gmt":"2021-09-03T22:09:07","slug":"licht-auf-blinde-flecken-des-marxismus","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1986\/licht-auf-blinde-flecken-des-marxismus\/","title":{"rendered":"Licht auf blinde Flecken des Marxismus"},"content":{"rendered":"<p><i>Ernst blochs politische Philosophie<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 80 (Heft 2\/1986), S.35-44<\/i><\/p>\n<p>Joachim Perels<\/p>\n<p>Entfernung des Stachels kritischer Utopie<\/p>\n<p>Die g\u00e4ngigen Formen des Umgangs mit der Philosophie Blochs haben eine fatale Kehrseite. Die Anerkennung, die Bloch bei uns zuteil wird, ist oftmals nichts anderes als ein subtiles Mittel, um sich gegen den kritischen Geist seiner Philosophie, ihren Rammsto\u00df gegen die Oberen jeglicher Gestalt, zu immunisieren. Bloch droht entpolitisiert, bildungsb\u00fcrgerlich kaltgestellt zu werden. Seine Philosophie verwandelt sich in einen interessanten, aber zu nichts verpflichtenden Ansatz innerhalb der unendlichen F\u00fclle geistiger Produktionen. Sein plebejischer Blick, dazu bestimmt, die Lage der Ohnm\u00e4chtigen, Geschlagenen und Unterdr\u00fcckten zu ver\u00e4ndern, verschwindet in einer adressatenlosen, h\u00f6chstens noch \u00e4sthetisch stimulierenden Pr\u00e4sentation seines Werks. Dann aber kann die \u00bbHerr-und-Knechtzeit\u00ab, wie Bloch sie mit scharfem und \u00fcberschreitendem Blick nennt, bleiben wie sie ist.<\/p>\n<p>Blochs Denken hat, im Gegensatz zur herrschenden, kontemplativen Stillegung seiner Philosophie, keinen blo\u00dfen Selbstzweck: \u00bbJedes Denken und Herausbringen geschieht um des Bringens, folglich des Tuns willen. Auf das Tun und sein Gelingen verweist letztlich jedes richtig Gedachte, eigentlich Wahre.\u00ab[1]<\/p>\n<p>Da &#8211; Blochs Kerngedanken entsprechend &#8212; die Welt als Heimat der nicht mehr durch Herrschaftsverh\u00e4ltnisse entfremdeten Menschen erst noch geschaffen werden mu\u00df, ist seine Philosophie notwendig auf geschichtsbildende Praxis angelegt. Blochs Begriff des Verh\u00e4ltnisses von Theorie und Praxis, systematisch entwickelt in der Interpretation der Feuerbachthesen von Marx im 19. Kapitel des \u00bbPrinzip Hoffnung\u00ab, steht in einer doppelten Frontstellung. Sie richtet sich ebenso gegen ein erkenntnisloses, die objektiven Gegebenheiten \u00fcberschlagendes Handeln, wie gegen eine blo\u00df selbstgen\u00fcgsam betrachtende Beziehung zur Wirklichkeit: \u00bbGediegende Ver\u00e4nderung, gar die zum Reich der Freiheit, kommt einzig durch gediegene Erkenntnis zustande&#8230; Praktizisten aus der hohlen Hand, Schematiker mit Zitatenschatz haben sie nicht ver\u00e4ndert.\u00ab So gilt: \u00bbBei Marx ist nicht deshalb ein Gedanke wahr, weil er n\u00fctzlich ist, sondern weil er wahr ist, ist er auch n\u00fctzlich.\u00ab Theorie als Schl\u00fcssel, Praxis als Hebel, so lautet Blochs Formel &#8211; und das hei\u00dft: \u00bbDie dialektisch historische Tendenzwissenschaft Marxismus ist&#8230; vermittelte Zukunftswissenschaft der Wirklichkeit plus der objektiv-realen M\u00f6glichkeiten in ihr; all das zum Zweck der Handlung.\u00ab[2].<\/p>\n<p>Nicht nur durch eine leere, dekorative Vereinnahmung wird Blochs Denken die politische Spitze abgebrochen. Sein wie immer undogmatischer Marxismus hat zur Zeit wenig Konjunktur auf dem wissenschaftlichen Markt gerade auch kritischer Theorien. Da spricht nicht allein Gorz \u00fcber den Abschied vom Proletariat als einem Subjekt gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung, da konstatiert auch Habermas das Veralten des sogenannten Produktionsparadigmas und der arbeitsgesellschaftlichen Utopien: der Vorstellung also, da\u00df sich die Befreiung der Menschen wesentlich als Emanzipation von den fremdbestimmten Zw\u00e4ngen des Arbeitsprozesses darzustellen h\u00e4tte. So wenig auf derartige Revisionen der sozialistischen Theorie hier im einzelnen eingegangen werden kann, mag festgehalten werden, da\u00df Habermas sich haupts\u00e4chlich deshalb von der arbeitsgesellschaftlichen Utopie lossagt, weil er der Marxschen Tradition einen technischen Begriff des Arbeitsprozesses zuordnet. Zumal von Bloch aber w\u00e4re zu lernen, da\u00df die Form des durch Arbeit vermittelten Stoffwechsels mit der Natur von den Beziehungen der Menschen nicht abzul\u00f6sen ist.<\/p>\n<p>Blochs Denken verweigert sich einer Absage an die Marxsche Theorie. Bloch ist vielmehr, wie Negt treffend formuliert, der produktivste Ketzer im Marxismus, der dessen offene Probleme zum Thema macht, gerade weil er an dem urspr\u00fcnglichen Ziel von Marx, \u00bballe Verh\u00e4ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver\u00e4chtliches Wesen ist\u00ab[3], ohne Einschr\u00e4nkung, ja leitmotivisch festh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Zentrale Fragestellungen der politischen Philosophie Blochs lassen sich als der Versuch begreifen, zu erkl\u00e4ren, warum der Sozialismus, die Aufhebung der \u00f6konomischen und politischen Herr-Knecht-Beziehungen, bisher &#8211; sieht man von kurzen geschichtlichen Augenblicken ab &#8211; nicht Wirklichkeit wurde. Bloch nimmt die Umschlagspunkte, die den Sozialismus blockieren, theoretisch ganz ernst. Er zieht sich nicht ins Wetterh\u00e4uschen der Klassiker zur\u00fcck, sondern stellt etwa die f\u00fcr einen Sozialisten schockierende Frage, ob sich der Marxismus im Stalinismus auch zur Kenntlichkeit gewandelt habe. Aber er l\u00e4uft damit nicht, wie manche entt\u00e4uschten Sozialisten, zum Kapitalismus \u00fcber, im Gegenteil: Bloch nimmt kaum erkannte Probleme des Marxismus allein deshalb ins Visier, weil von ihrer L\u00f6sung nicht zuletzt die M\u00f6glichkeit abh\u00e4ngt, da\u00df der Sozialismus als gesellschaftliche Demokratie geschichtliche Realit\u00e4t werden kann.<\/p>\n<p>So sehr sich Blochs philosophisch-politische Existenz seit dem Ersten Weltkrieg bis zu seinem Tod 1977 im vielf\u00e4ltigen schriftstellerischen Kampf gegen die Oberen, ihre Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, Kriege und Konterrevolutionen niederschlug &#8211; vor allem das Buch \u00bbErbschaft dieser Zeit\u00ab von 1935, aber auch der Band \u00bbPolitische Messungen\u00ab von 1970 legen davon Zeugnis ab -. so liegt der Akzent unserer Er\u00f6rterungen nicht auf einer &#8211; gewi\u00df lehrreichen &#8211; Chronologie und geschichtlichen Einordnung der politischen Artikel, Aufs\u00e4tze und B\u00fccher Blochs, zumal wir hierzu mit der Biographie Peter Zudeiks eine ausgezeichnete, die stalinistische Periode des Blochschen Denkens nicht ausklammernde Darstellung besitzen[4]. F\u00fcr uns stehen vielmehr Kernpunkte der Blochschen Theorie sozialer Befreiung im Zentrum; denn Bloch ist, wie er halbironisch in einem Brief an Klaus Mann schreibt, \u00bbeine Art Kirchenvater kommender Probleme und noch verdeckter L\u00f6sungsinhalte\u00ab [5].<\/p>\n<p>Zu diesen von Bloch systematisch durchdachten Fragen z\u00e4hlen wesentlich drei: das Problem der Verankerung politischer Freiheit im Sozialismus, das Problem der Aufhebung des bisherigen Ausbeutungsverh\u00e4ltnisses zur Natur und das Problem der Entwicklung einer handlungsanleitenden politischen P\u00e4dagogik, die den Menschen nicht einfach von oben ein sogenanntes richtiges Bewu\u00dftsein \u00fcberst\u00fclpt.<\/p>\n<p>Keine Installierung der Menschenrechte<br \/>ohne Ende der Ausbeutung<\/p>\n<p>Die Bedeutung des b\u00fcrgerlich revolution\u00e4ren Naturrechts f\u00fcr die Konstruktion einer freien Gesellschaft, in der nicht nur die soziale Not, sondern auch die politische Fremdbestimmung der Erniedrigten und Beleidigten aufgehoben ist, fa\u00dft Bloch so: \u00bbNaturrechtler wurden selten zu Vorl\u00e4ufern des Sozialismus gez\u00e4hlt. Trotz bedeutsamer Marx- und Engelsstellen \u00fcber individuelles Kolorit, \u00fcber sozialistische Freisetzung aller Individuen, das Ende der Regierung \u00fcber Personen, das Absterben des Staates insgesamt. Ein Nachlassen, zuweilen auch Ausfallen der Belichtung liegt trotzdem vor, hat auch zweifellos im Stalinismus den zentralistischen Effekt verst\u00e4rkt, der aus dem russischen Manko an b\u00fcrgerlich errungenen Freiheiten kam. Die behauptete Herkunft der Unterdr\u00fcckung und Selbstentfremdung einzig aus dem Privatbesitz der Produktionsmittel, diese rein \u00f6konomische Beschr\u00e4nkung gibt f\u00fcr die Unterdr\u00fcckung nur den halben Grund an. Wie neu entfremdet macht gerade der Funktion\u00e4rsstaat und kraft des Ausfalls naturrechtlicher Praxis sozusagen, soll hei\u00dfen, der sowenig strapazierten Postulate des aufrechten Gangs \u00ab[6].<\/p>\n<p>Bloch kn\u00fcpft am Vernunftrecht der Aufkl\u00e4rung, das als Brechstange gegen tyrannische Herrschermacht fungierte, deshalb an, weil dessen Fragestellung auch f\u00fcr eine sozialistische Gesellschaft nicht \u00fcberholt ist. Rousseau formuliert sie &#8211; und Bloch bezieht sich ausdr\u00fccklich darauf: \u00bbWie findet man eine Gesellschaftsform, die mit der ganzen gemeinsamen Kraft die Person und das Verm\u00f6gen jedes einzelnen Gesellschaftsglieds verteidigt und sch\u00fctzt, und kraft dessen jeder einzelne, obgleich er sich mit allen vereint, gleichwohl nur sich selbst gehorcht und so frei bleibt wie vorher?\u00ab[7] Diese Fragestellung findet ihre versuchte Antwort in dem Gedanken, da\u00df nur die Beteiligung aller an der Hervorbringung des allgemeinen Willens &#8211; die demokratische Konstitution des Gemeinwesens also -, die Unterwerfung der Individuen unter einen fremden Zwang ausschlie\u00dfen kann. In der Konsequenz dieser Antwort liegt es, da\u00df der Staat, soweit er eine von den Individuen abgehobene und sie dirigierende Einrichtung ist, dazu bestimmt ist abzusterben, wie dies Fichte, aber auch der fr\u00fche Hegel ins Auge fa\u00dften &#8211; lange vor Marx und Engels.<\/p>\n<p>Die sozialistische Vergegenw\u00e4rtigung des b\u00fcrgerlich-revolution\u00e4ren Vernunftrechts, das durch die Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, durch die Menschen- und B\u00fcrgerrechte die politischen Angelegenheiten in die H\u00e4nde der Individuen legt, bringt Bloch in einen Gegensatz zum kapitalistischen wie zum staatssozialistischen System. Hierf\u00fcr pr\u00e4gt er die Formel: \u00bbKeine wirkliche Installierung der Menschenrechte ohne Ende der Ausbeutung, kein wirkliches Ende der Ausbeutung ohne Installierung der Menschenrechte.\u00ab[8] Das hei\u00dft: Die Menschenrechte, Inbegriff der (von der Sanktionierung des Bourgeois abtrennbaren) Normen politischer und gesellschaftlicher Selbstbestimmung, weisen \u00fcber die kapitalistische Gesellschaft, die deren Realisierung in den materiellen Lebensverh\u00e4ltnissen durch private \u00f6konomische Herrschaft blockiert, ebenso hinaus wie \u00fcber die staatssozialistische Ordnung politischer Unfreiheit, die eine tats\u00e4chliche gesellschaftliche Aneignung des Produktionsprozesses unm\u00f6glich macht.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, da\u00df im Kapitalismus von der Theorie des revolution\u00e4ren b\u00fcrgerlichen Naturrechts vielfach nur noch, wie Bloch formuliert, \u00bbTod und Scheinleben\u00ab[9] \u00fcbrig bleibt. Dazu, kursorisch, einige Beispiele: bei Hans Kelsen &#8211; obgleich einer der gr\u00f6\u00dften demokratischen Juristen &#8211; ist die demokratische Konstituierung des Gemeinwesens rechtstheoretisch nicht mehr zu begr\u00fcnden; bei Carl Schmitt, dem autorit\u00e4ren Antipoden Kelsens, wird das kodifizierte Vernunftrecht einer demokratischen Verfassung anti-rechtlichen Dezisionen des Staatsapparats ausgeliefert;[10] bei Peter Graf Kielmannsegg, einem profilierten zeitgen\u00f6ssischen Politikwissenschaftler, gilt das utopische, in den Freiheitsrechten enthaltene Potential demokratischer Verfassungen als unvereinbar mit den gesellschaftlichen Stabilit\u00e4tserfordernissen.[11] Und Niklas Luhmann setzt den Schlu\u00dfpunkt, indem er die vernunftrechtliche Idee der Selbstbestimmung f\u00fcr erledigt erkl\u00e4rt und an ihre Stelle das Prinzip funktionaler Systemstabilierung treten l\u00e4\u00dft.[12]<\/p>\n<p>Auch in der Rechtstheorie des sogenannten realen Sozialismus, die im Stalinismus ausgeformt wurde und modifiziert bis heute fortwirkt, bleibt von der vernunftrechtlichen Gedankenwelt, die allgemeinen Angelegenheiten durch den freien und gleichen Willen aller zu regeln, nichts \u00fcbrig als dessen Gegenteil: n\u00e4mlich verselbst\u00e4ndigtes staatliches Zwangsrecht. Bloch exemplifiziert dies an der Position Wyschinskijs, des f\u00fchrenden Rechtstheoretikers der Stalin\u00e4ra, der zugleich Ankl\u00e4ger in den Moskauer Prozessen war: Bei Wyschinskij, \u00bbFormulator der unter Stalin seit 1936 mehr und mehr personifizierten Allmacht&#8230; bleibt nur Staatsrecht \u00fcbrig, so formidabel wie je und formidabler&#8230; Sichtbar steht hier Lenins, vorher von Engels formulierte Prognose eines allm\u00e4hlichen Absterbens des Staates \u00fcberhaupt nicht zur aktuellen Diskussion.\u00ab[13] Das ist kein Zufall, denn: \u00bbAbsterben des Staates, darin ist gewi\u00df nicht das gute Gewissen f\u00fcr Staatsomnipotenz, also f\u00fcr alte&#8230;, herrschaftliche norma agendi allein.\u00ab[14]<\/p>\n<p>Nur dann also, wenn das b\u00fcrgerliche revolution\u00e4re Ideal des Citoyen, der Selbstbestimmung der Individuen, in einer nicht mehr durch das Privateigentum definierten Gesellschaft praktisch aufgenommen wird, kann Sozialismus als ein Proze\u00df der Befreiung aus gesellschaftlicher Unm\u00fcndigkeit zu entstehen beginnen. Die politischen Staatsb\u00fcrgerrechte, die Vereinigungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit, die Meinungsfreiheit bilden so die Voraussetzung daf\u00fcr, da\u00df die gesellschaftliche Aneignung des Produktionsprozesses sich in demokratischen, also kontroversen Formen der Diskussion und Entscheidungsbildung vollzieht. Die Freiheitsrechte, \u00bbdas Inventar des bisherigen Naturrechts\u00ab, bilden, formuliert Bloch zusammenfassend, \u00bbn\u00fctzliche Instrumente&#8230; gegen alle Verdinglichung von Machtmitteln, Kontrollosigkeit der Macht\u00ab[15]. Und positiv bedeutet dies: \u00bbSubjektive-\u00f6ffentliche Rechte in wirklicher Konsequenz und F\u00fclle enthalten derart die Aufhebung der gesamten Aus-<\/p>\n<p>beutung.[16]<\/p>\n<p>Diese theoretische Kernthese Blochs wurde geschichtlich beglaubigt von den gro\u00dfen Reformbewegungen im Staatssozialismus: durch den Prager Fr\u00fchling von 1968 und durch die Konstituierung der Gewerkschaft Solidarit\u00e4t in Polen 1980\/81. In beiden Reformbewegungen ging es darum, die verselbst\u00e4ndigte Staatsmaschine &#8211; nicht un\u00e4hnlich der absolutistischen, gegen die das Vernunftrecht angetreten war &#8211; zun\u00e4chst der Bestimmungsgewalt der Gesellschaft zu \u00f6ffnen, um sie schlie\u00dflich grundlegend zu ver\u00e4ndern. Im Prager Fr\u00fchling, dem Bloch sich mit \u00bbbr\u00fcderlichen Kampfesgr\u00fc\u00dfen\u00ab[17] ausdr\u00fccklich verbunden erkl\u00e4rte, geschah dies haupts\u00e4chlich durch die Aufhebung der Zensur und der Garantie der Meinungsfreiheit, durch welche die Formulierung des allgemeinen Willens nicht mehr unverr\u00fcckbar in den H\u00e4nden des abgehobenen Partei- und Staatsapparats lag.[18] Grundst\u00fcrzender noch wirkte in Polen die Garantie der Koalitionsfreiheit, die einen Keil in das Fundament der staatszentrierten \u00f6konomischen Herrschaftsstrukturen schlug. Denn aus der Koalitionsfreiheit folgte ein Mitwirkungsrecht an der Lenkung des \u00f6konomischen Prozesses; die Bestimmung des Verh\u00e4ltnisses von Akkumulations- und Konsumtionsrate, insgesamt also die Verwendungsformen des gesellschaftlichen Mehrprodukts wurden demokratischer Einwirkung zug\u00e4nglich.[19] Da\u00df die polnischen und die tschechoslowakischen Reformbewegungen allein aus machtpolitischen Gr\u00fcnden scheiterten, keineswegs aber deshalb, weil die historisch kaum erprobte Verbindung von Sozialismus und Demokratie nicht funktionsf\u00e4hig gewesen w\u00e4re, zeigt, da\u00df in ihnen, bis heute, ein St\u00fcck Zukunft in der Vergangenheit steckt. Die wie immer kurze Existenz eines Sozialismus politischer Freiheit zeugt daf\u00fcr, da\u00df die folgenden, zielgebenden S\u00e4tze Blochs keine abstrakte Utopie, sondern eine reale M\u00f6glichkeit bezeichnen: \u00bbFreiheit ist Freiheit vom Beherrschtwerden durch andere Menschen, letzthin durch Verh\u00e4ltnisse, welche dieses Beherrschtwerden objektiv erm\u00f6glichen. Der Sozialismus aber intendiert bereits auf seinem Weg, indem er ein gelingender Weg ist, Aufhebung genau dieser Verh\u00e4ltnisse. Denn er intendiert die \u00f6ffentliche Ordnung&#8230; nur als die unverdinglichte Ordnung einer \u00f6ffentlich m\u00f6glich gewordenen Freiheit&#8230; aller.\u00ab[20]<\/p>\n<p>Ende des Tierb\u00e4ndigerstandpunkts<br \/>gegen\u00fcber der Natur<\/p>\n<p>Wenn politische Entfremdung und \u00f6konomische Unterdr\u00fcckung aufgehoben sind, kann sich in einem weiteren, f\u00fcr Bloch unabdingbaren, Emanzipationsschritt auch das Verh\u00e4ltnis zur Natur \u00e4ndern. Solange der Umgang mit der Natur kapitalistisch unter die Zw\u00e4nge des Profitprinzips gestellt ist oder staatssozialistisch den durch totale B\u00fcrokratisierung erzwungenen Gesetzen \u00bborganisierter Verantwortungslosigkeit\u00ab (Heged\u00fcs) folgt, l\u00e4\u00dft sich das Verh\u00e4ltnis zur Natur schwerlich ins reine bringen. Bloch ist, lange bevor das allgemeine Bewu\u00dftsein von der \u00f6kologischen Krise entstand, in der marxistischen Tradition einer der ganz wenigen, die das f\u00fcr die Fortexistenz der menschlichen Gattung folgenreiche Problem der Beziehung zur Natur nicht unter dem eindimensionalen Aspekt der Naturbeherrschung fa\u00dft &#8211; Bloch entfaltet vielmehr systematisch die fr\u00fche, bald in Vergessenheit geratene oder als schlecht metaphysisch verworfene Marxsche Formel von der \u00bbResurrektion der Na-<\/p>\n<p>tur\u00ab. In einem Brief an Adolf Lowe von 1944 bezeichnet Bloch die besondere Fragerichtung seiner Philosophie der Natur: \u00bbGibt es; wie eine m\u00f6gliche Vermittlung mit dem Subjekt der Geschichte, so auch eine mit dem &#8211; wie immer hypothetischen &#8211; Subjekt der Natur?&#8230; Liegt in dieser Linie Marxismus der Technik? Engels hat dergleichen noch nicht, denn er parallelisiert die sozialistische Gesellschaft mit der &#8218;geb\u00e4ndigten Elektrizit\u00e4t des Telegraphen und des Lichtbogens&#8216;. Was \u00e4ltere Sozialdemokraten, wie Dietzgen etwa, \u00fcber &#8218;Naturbeherrschung&#8216; schreiben, klingt, als w\u00e4re das Credo des Freiherrn von St\u00fcmm auf die Natur abgebildet. Es ist von einem konkreten Verh\u00e4ltnis zur Natur und ihren &#8211; wie immer hypothetischen &#8211; Kr\u00e4ften &#8230; weit entfernt&#8230; Ist es nicht ein Grenzideal f\u00fcr den (unvorhandenen) Marxismus konkreter Technik, in Natur, sage man, wie in den Busen eines Genossen zu schauen?\u00ab[21]<\/p>\n<p>Der bisherige durch die moderne Naturwissenschaft und die ihr entsprechende Technik bestimmte Umgang mit der Natur geschieht &#8211; im Westen wie im Osten &#8211; in einer instrumentellen Form, die die qualitativen Eigenheiten der Natur, ihren Geschmack, ihre Farbe, ihre Sinne, ihr inneres, lebendiges Gleichgewicht in der Quantifizierung ihrer Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten verschwinden l\u00e4\u00dft. War im vornaturwissenschaftlichen Weltbild jener qualitative Blick noch vorhanden, so verschwindet er mit dem Siegeszug der Naturwissenschaft. Nur untergr\u00fcndig bleibt etwa bei Goethe (in seiner Farbenlehre) oder beim fr\u00fchen Marx (im Postulat von der \u00bbHumanisierung der Natur\u00ab) ein St\u00fcck des alten Naturverst\u00e4ndnisses erhalten. Der technische Umgang mit der Natur aber hat fatale Konsequenzen: \u00bbUnsere bisherige Technik steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee in Feindesland, und vom Landesinneren wei\u00df sie nichts, die Materie der Sache ist ihr transzendent.\u00ab[22]<\/p>\n<p>Die Folgen einer blo\u00df ausbeutenden Beziehung zur Natur lassen das Zusammenleben der Menschen nicht unber\u00fchrt: \u00bb Fortschritten der &#8218;Naturbeherrschung&#8216; k\u00f6nnen sehr gro\u00dfe R\u00fcckschritte der Gesellschaft entsprechen.\u00ab[23] Wenn n\u00e4mlich, wie es die Logik technischer Verf\u00fcgung gerade m\u00f6glich macht, aus der Natur gewaltige Destruktionskr\u00e4fte entbunden werden, die von \u00f6kologischen Katastrophen &#8211; die Verseuchung von Grundwasser, von Fl\u00fcssen, das Sterben von W\u00e4ldern sind nur das augenf\u00e4lligste Indiz &#8211; bis zur atomaren Selbstvernichtung der Gattung reichen, schlagen sie unmittelbar auf die Menschen zur\u00fcck. Entsprechend formuliert Brecht im \u00bbLeben des Galilei\u00ab, wohin eine Enthumanisierung der Natur, die Entfesselung ihrer Zerst\u00f6rungspotentiale f\u00fchrt: \u00bbIhr m\u00f6gt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein.\u00ab<\/p>\n<p>Blochs Perspektive f\u00fcr eine grundlegende Ver\u00e4nderung der Beziehungen zwischen Mensch und Natur kristallisiert sich in den spekulativen Begriffen eines \u00bbhypothetischen Natursubjekts\u00ab und einer ihr korrespondierenden \u00bbAllianztechnik\u00ab. Gemeint ist damit, die Eigenart der Natur, zumal ihre \u00f6kologischen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten zu respektieren, eine Technik zu entwickeln, die diese Eigenarten erh\u00e4lt und f\u00f6rdert, nicht aber zerst\u00f6rt. Damit negiert Bloch nicht etwa, in einer einfachen Antithese, die bisherige naturwissenschaftliche Erkenntnisform, denn gewi\u00df entspricht ihr &#8211; etwa in Gestalt des Gesetzes vom freien Fall &#8211; ein bestimmter Ausschnitt des Natur-<\/p>\n<p>ganzen. Bloch geht es allein darum, die in der herrschenden Form der Naturbeziehung ausgeblendeten qualitativen Momente in die Begriffsbildung zur\u00fcckzuholen: \u00bbMarxismus der Technik, wenn er einmal durchdacht sein wird, ist keine Philantropie f\u00fcr mi\u00dfhandelte Metalle, wohl aber das Ende der naiven \u00dcbertragung des Ausbeuter- und Tierb\u00e4ndigerstandpunkt auf die Natur.\u00ab[24]<\/p>\n<p>Bloch begreift das Verh\u00e4ltnis zur Natur nicht als isoliertes, gleichsam blo\u00df technisch zu l\u00f6sendes Problem, sondern als ein Element der gesellschaftlichen Gesamtverfassung. Das hei\u00dft: Erst eine Gesellschaft, in der die Menschen nicht mehr von herrschaftssichernden \u00e4u\u00dferen Zwangsgesetzen gelenkt werden, kann der Natur ein anderes Gesicht zuwenden. Wird das b\u00fcrgerlich-revolution\u00e4re Vernunftrecht, abgel\u00f6st von seiner Fixierung des Privateigentums, zum Konstruktionsger\u00fcst der politischen Freiheit aller Individuen, ver\u00e4ndert sich auch das Verh\u00e4ltnis zur Natur. Dann n\u00e4mlich h\u00e4ngt die Gestalt der Natur wirklich vom bewu\u00dften Handeln der Menschen ab: \u00bbUnd erst wenn das Subjekt der Geschichte: der arbeitende Mensch, sich als Hersteller der Geschichte erfa\u00dft, folglich das Schicksal in der Geschichte aufgehoben hat, k\u00f6nnte er auch dem Produktionsherd in der Naturwelt n\u00e4hertreten\u00ab. [25]<\/p>\n<p>Ob dieses weitgesteckte Ziel Realit\u00e4t wird, ist, auch bei Bloch, nicht ausgemacht. Hoffnung kann, da sie keine Zuversicht ist, entt\u00e4uscht werden, ihr Scheitern ist m\u00f6glich. Welche Tendenz sich geschichtlich durchsetzt, h\u00e4ngt von der Praxis der Menschen, ihrem politischen Kampf ab. Weder die Haltung des Fatalismus noch die des fortschrittssicheren Optimismus ist angebracht, weil damit eingreifendes, den historischen Proze\u00df bestimmendes Handeln ausf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Traumenergien<br \/>als politisches Mobilisierungspotential<\/p>\n<p>Wie aber emanzipatorisches Handeln entstehen kann, das ist nicht zuletzt ein Problem politischer P\u00e4dagogik. Bloch entwickelt hierf\u00fcr eine produktive und politisch weitertreibende Fragerichtung, die \u00fcber Positionen des \u00fcberkommenen Marxismus hinausf\u00fchrt. In der von Karl Kautsky begr\u00fcndeten, von Lenin aufgegriffenen, bis heute weiterwirkenden Konzeption der Vermittlung von Theorie und praktisch folgenreicher politischer Einsicht besteht die Vorstellung, da\u00df den in \u00f6konomischer Abh\u00e4ngigkeit gefesselten Schichten von aufgekl\u00e4rten Intellektuellen das Bewu\u00dftsein f\u00fcr ihre Lage vermittelt werden m\u00fcsse: \u00bbDas moderne sozialistische Bewu\u00dftsein kann\u00ab, sagt Kautsky, \u00bbnur entstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht&#8230; Der Tr\u00e4ger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die b\u00fcrgerliche Intelligenz; in einzelnen Mitgliedern dieser Schicht ist denn auch der moderne Sozialismus entstanden und durch sie erst geistig hervorragenden Proletariern mitgeteilt worden, die ihn dann in den Klassenkampf des Proletariats hineintragen, wo die Verh\u00e4ltnisse es gestatten. Das sozialistische Bewu\u00dftsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von au\u00dfen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urw\u00fcchsig entstandenes.\u00ab[26] Gewi\u00df enth\u00e4lt dieser Gedanke Kautskys, trotz der fatalen und starren, um nicht zu sagen autorit\u00e4ren Entgegensetzung von Intelligenz und Proletariat, ein Wahrheitsmoment, wenn man sich vergegenw\u00e4rtigt, welche geschichtliche Rolle aus dem B\u00fcrgertum kommende Intellektuelle, n\u00e4mlich Karl Marx und Friedrich Engels, f\u00fcr den Selbsterkenntnisproze\u00df der Arbeiterschaft im vorigen Jahrhundert gespielt haben. Bloch negiert nicht dieses Wahrheitsmoment. Er relativiert nur entschieden dessen rationalistische \u00dcberspannung, kritisiert den \u00bbKopfglauben\u00ab als \u00bbbaren Idealismus\u00ab, da\u00df \u00bbdas Wahre nur gesagt zu werden braucht, um unweigerlich zu wirken.\u00ab[27]<\/p>\n<p>Den geschichtlichen Ausgangspunkt f\u00fcr Blochs nicht blo\u00df einlinig rationalistische Idee politischer P\u00e4dagogik bildet die Erfahrung, da\u00df im heraufziehenden Nationalsozialismus die proletarisierten Schichten der Kleinb\u00fcrger, der Angestellten, der Bauern trotz und sogar wegen der in ihnen ausgepr\u00e4gten emotionalen antikapitalistischen Sehnsucht, die etwa in der nazistischen Formel von der \u00bbBrechung der Zinsknechtschaft\u00ab zum Ausdruck kam, zur Massenbasis des Faschismus wurden, ohne die er nur schwerlich h\u00e4tte siegen k\u00f6nnen. Da\u00df diese Schichten nicht auf die Seite des Sozialismus hin\u00fcbergezogen werden konnten, resultiert, nach Blochs nicht \u00fcberholter Einsicht, vor allem daraus, da\u00df die Besonderheiten der sozialen Lage der proletarisierten Mittelschichten und ihres Bewu\u00dftseins von der Arbeiterbewegung nur unzureichend erkannt wurden. Das widerspr\u00fcchliche Bewu\u00dftsein derer, die entgegen ihren vern\u00fcnftigen Interessen dem Nationalsozialismus folgten, wurde in der sozialistischen Agitation als zur\u00fcckgeblieben denunziert &#8211; allein bestimmt durch die Betrugsabsichten der faschistischen F\u00fchrer und ihrer gesellschaftlichen Hinterm\u00e4nner. Bloch setzt gegen diese abstrakt aufkl\u00e4rerische Position die Notwendigkeit, die gesamte Gef\u00fchlswelt der den Faschismus tragenden Mittelschichten nicht auszukreisen, sondern als Ankn\u00fcpfungspunkt ernst zu nehmen: \u00bbGef\u00fchle sind Besonderheiten, die der Rotstift heilt, das Alogische im Menschen hat keinen Rang als den, beschimpft oder mindestens wegkonstruiert zu werden. Die Gleichg\u00fcltigkeit gegen das dumpfe Gef\u00fchl (worin so viele Opfer Hitlers stecken, geradezu hilfeschreiend stecken) ist bei Hegel genau so gro\u00df wie bei manchen Marxisten. &#8218;Wenn ein Mensch&#8216;, sagt Hegel, &#8217;sich \u00fcber etwas nicht auf den Begriff der Sache oder wenigstens auf Gr\u00fcnde, die Verstandesallgemeinheit, sondern auf sein Gef\u00fchl beruft, so ist nichts anderes zu tun, als ihn stehen zu lassen, weil er sich dadurch der Gemeinschaft der Vern\u00fcnftigkeit verweigert, sich in seine isolierte Subjektivit\u00e4t, die Partikularit\u00e4t, abschlie\u00dft`\u00ab.[28] Umgekehrt aber gilt es &#8211; und die politische Notwendigkeit dieses Perspektivwechsels hat Bloch am klarsten gesehen &#8211; die affektiven Antriebskr\u00e4fte der absinkenden Mittelschichten, ihre Tr\u00e4ume, W\u00fcnsche und Erwartungen &#8211; freilich nicht unkritisch &#8211; aufzugreifen, um sie \u00fcberhaupt f\u00fcr das Projekt des Sozialismus zu gewinnen. Diese affektiven Antriebskr\u00e4fte dr\u00fccken sich in utopisch gezielten Idealen &#8211; zum Beispiel denen des Reiches, des Retters, der Gemeinschaft &#8211; aus, die aber von den faschistischen Gegenrevolution\u00e4ren besetzt wurden. \u00bbEs ist an der Zeit\u00ab, schreibt Bloch 1934 im Vorwort zu seinem Buch \u00bbErbschaft dieser Zeit\u00ab, \u00bbder Reaktion diese Waffen aus der Hand zu schlagen\u00ab, denn: \u00bbNicht alles noch &#8218;Irrationale` ist einfach aufl\u00f6sbare Dummheit\u00ab.[29] Bestimmte von den Nazis manipulativ herausgestellte Ideale einer interessenharmonischen Gemeinschaft d\u00fcrfen nicht nur als Instrument des Betrugs, das sie angesichts der im Faschismus noch \u00e4u\u00dferst zugespitzten Herrschafts- und Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnisse tats\u00e4chlich sind, verworfen werden, ihr utopischer, die Klassengesellschaft richtender Gehalt mu\u00df hiervon abgetrennt werden.<\/p>\n<p>An der Selbstbezeichnung des Nationalsozialismus in Deutschland &#8211; am Wort vom \u00bbDritten Reich\u00ab &#8211; macht Bloch in einem gro\u00dfen 1937 in Moskau zuerst erschienen Aufsatz mit dem Titel \u00bbZur Originalgeschichte des Dritten Reiches\u00ab beispielhaft deutlich, da\u00df der \u00bbTraumkeim\u00ab, der in diesem Wort einst enthalten war, \u00bbdas ungeheure Falsifikat widerlegt, das die Nazis hergestellt haben\u00ab.[30] Denn mit dem Zielbegriff vom erst herzustellenden Dritten Reich verbanden sich in der christlichen Ketzergeschichte sozialrevolution\u00e4re Antriebe, die eine Aufhebung von Herr-Knecht-Beziehungen, wie sie sich wesentlich in der Trennung der Menschen durch das Sondereigentum weniger manifestierten, intendierten: das vollkommene Gegenteil dessen, was die Nazis mit der terroristischen Sicherung der privatkapitalistischen Gesellschaft praktizierten.<\/p>\n<p>Insgesamt also sucht Bloch eine handlungsaktivierende politische P\u00e4dagogik \u00fcber ein intellektuelles Aufkl\u00e4rungsmodell, so wichtig ihr Stellenwert ist, hinauszuf\u00fchren: Die affektiven Traumenergien der Menschen werden als ein Mobilisierungspotential begriffen, das nicht l\u00e4nger rechts liegen gelassen werden darf. Das f\u00fchrt zu einer Gewichtsverschiebung der Kernpole marxistischen Denkens: n\u00e4mlich des Verh\u00e4ltnisses von Kritik und Antizipation. Zu diesem Zweck trifft Bloch die grundlegende Unterscheidung zwischen Marxismus als K\u00e4ltestrom und als W\u00e4rmestrom. K\u00e4ltestrom meint, die \u00f6konomischen Zw\u00e4nge, Gesetze und ideologischen Nebelbildungen durch das Licht der rationalen Ideol\u00f6gie- und Interessenanalyse aufzukl\u00e4ren. Die Instrumentarien des K\u00e4ltestroms dienen der bestimmten Negation des schlecht Bestehenden: So wenn Marx die Prinzipien von Freiheit und Gleichheit als Verh\u00fcllungsformel der in der privaten Produktionssph\u00e4re herrschenden Fremdbestimmung der unmittelbaren Produzenten kennzeichnet. Der W\u00e4rmestrom des Marxismus existierte aber lange Zeit nur am Rande, weil f\u00fcr Marx und Engels &#8211; als fast zu getreuen Sch\u00fclern Hegels &#8211; die Utopie in der Wissenschaft der gesellschaftlichen Bewegungsgesetze aufzugehen schien: \u00bbSo erschien zuweilen ein allzu gro\u00dfer Fort-schritt von der Utopie zur Wissenschaft, dergestalt, da\u00df mit der Wolke auch die Feuers\u00e4ule der Utopie liquidiert werden konnte, das M\u00e4chtig-Vorherziehende.\u00ab[31]<\/p>\n<p>Der W\u00e4rmestrom des Marxismus, den Bloch st\u00e4rker in den Vordergrund r\u00fcckt, vereinigt die Erwartungsaffekte der unteren Klassen, zielt auf das positive, geschichtlich zu realisierende Bild einer nicht mehr in gegens\u00e4tzliche Klassen getrennten Gesellschaft. Dieses antizipierende Bild \u00bbgreift nicht nur in den Verstand, sondern ebenso in die Phantasie, die sozialistisch so lange unterern\u00e4hrt worden war.\u00ab[32]<\/p>\n<p>[1] E. Bloch, Experimentum Mundi, Frankfurt am Main 1975, S.239<\/p>\n<p>[2] E. Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt am Main 1959, S. 326, S. 321 f, S. 333, S. 331<\/p>\n<p>[3] K. Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung (1843\/44), in: K. Marx, Fr\u00fche Schriften 1. Band, hg. von H.-J. Lieber und P. Furth, Stuttgart 1962, S.497<\/p>\n<p>[4] P. Zudeik, Der Hintern des Teufels. Ernst Bloch &#8211; Leben und Werk, Moos\/Baden-Baden 1985; vgl. auch J. Perels, Theorie als Schl\u00fcssel, Praxis als Hebel. Zum Gedenken an Ernst Bloch, Junge Kirche H. 11\/1977, S.560 &#8211; 564<\/p>\n<p>[5] E. Bloch, Briefe 1903 &#8211; 1975, 2. Band, Frankfurt am Main 1985, S.646<\/p>\n<p>[6] E. Bloch, Marx, aufrechter Gang, konkrete Utopie (1968), in: ders., Politische Messungen. Pestzeit, Vorm\u00e4rz, Frankfurt am Main 1970, S. 454<\/p>\n<p>[7] J. J. Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag (1762), Stuttgart 1966, 5.43 (1. Buch, 6. Kapitel), vgl. auch Blochs Bezugnahme auf diese Stelle: E. Bloch, Das Prinzip Hoffnung, a.a.O., S.626<\/p>\n<p>[8] E. Bloch, Naturrecht und menschliche W\u00fcrde, Frankfurt am Main 1961, S. 13<\/p>\n<p>[9] Ebd., S. 151<\/p>\n<p>[10] Ebd, S. 168 ff, S. 172 ff<\/p>\n<p>[11] P. Graf Kielmansegg, Demokratieprinzip und Regierbarkeit, in: Regierbarkeit. Studien zu ihrer Problematisierung, hg. von W. Hennis, P. Graf Kielmansegg, U. Matz, Stuttgart 1977, S. 118 ff<\/p>\n<p>[12] Vgl. J. Habermas, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Eine Auseinandersetzung mit Niklas Luhmann, in: J. Habermas\/N. Luhmann, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie &#8211; was leistet die Systemforschung?, Frankfurt am Main 1971, S. 266<\/p>\n<p>[13] E. Bloch, Naturrecht und menschliche W\u00fcrde, a.a.O., S. 255 f<\/p>\n<p>[14] Ebd., S.258<\/p>\n<p>[15] Ebd., S.232<\/p>\n<p>[16] Ebd., S.252<\/p>\n<p>[17] E. Bloch, Politische Messungen, a.a.O., 5.418<\/p>\n<p>[18] Vgl. J. Perels, Meinungsfreiheit als Element des Sozialismus, Frankfurter Hefte H.7\/1979, S. 20ff<\/p>\n<p>[19] Vgl. J. Perels, Koalitionsfreiheit und \u00bbrealer\u00ab Sozialismus, Kritische Justiz H.4\/1980, S.403 ff<\/p>\n<p>[20] E. Bloch, Naturrecht und menschliche W\u00fcrde, a.a.O., S.258<\/p>\n<p>[21] E. Bloch, Briefe, 2. Band, a.a.O., S.741<\/p>\n<p>[22] E. Bloch, Das Prinzip Hoffnung, a.a.O., S.914<\/p>\n<p>[23] Ebd.<\/p>\n<p>[24] Ebd., S.813<\/p>\n<p>[25] Ebd.<\/p>\n<p>[26] K. Kautsky zit. nach W. I. Lenin, Was tun? (1920), in: ders., Ausgew\u00e4hlte Werke Bd. I, Berlin 1970, S.174<\/p>\n<p>[27] E. Bloch, Sokrates und die Propaganda (1936), in: ders., Vom Hasard zur Katastrophe. Politische Aufs\u00e4tze aus den Jahren 1934 &#8211; 1939, Frankfurt am Main 1972, S.104<\/p>\n<p>[28] Ebd., S. 105<\/p>\n<p>[29] E. Bloch, Erbschaft dieser Zeit (1935), erweiterte Ausgabe, Frankfurt am Main 1962, S. 16, 5.19<\/p>\n<p>[30] Ebd., S. 147<\/p>\n<p>[31] E. Bloch, Das Prinzip Hoffnung, a.a.O., S.726<\/p>\n<p>[32] E. Bloch, Kritik der Propaganda (1937), in: ders., Vom Hasard zur Katastrophe, a.a.O., S. 197<\/p>\n<p>Kategorie: vorg\u00e4nge: Artikel<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2618,2645],"tags":[],"autoren":[],"class_list":["post-14555","termin","type-termin","status-publish","hentry","category-2618","category-fritz-bauer-preis"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Licht auf blinde Flecken des Marxismus - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1986\/licht-auf-blinde-flecken-des-marxismus\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Licht auf blinde Flecken des Marxismus - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ernst blochs politische Philosophie aus: Vorg\u00e4nge Nr. 80 (Heft 2\/1986), S.35-44 Joachim Perels Entfernung des Stachels kritischer Utopie Die g\u00e4ngigen Formen des Umgangs mit der Philosophie Blochs haben eine fatale Kehrseite. 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