{"id":14559,"date":"1983-06-01T18:00:00","date_gmt":"1983-06-01T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/an-der-seite-rosa-luxemburgs-paul-levi-1\/"},"modified":"2020-08-03T07:52:45","modified_gmt":"2020-08-03T05:52:45","slug":"an-der-seite-rosa-luxemburgs-paul-levi-1","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1983\/an-der-seite-rosa-luxemburgs-paul-levi-1\/","title":{"rendered":"An der Seite Rosa Luxemburgs: Paul Levi"},"content":{"rendered":"<p>Joachim Perels<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 62\/63 (Heft 2-3\/1983), S. 177-179<\/p>\n<p><i>Sibylle Quack: Geistig frei und niemandes Knecht. Paul Levi &#8211; Rosa Luxemburg. Politische Arbeit und pers\u00f6nliche Beziehung. Mit 50 uner\u00f6ffentlichten Briefen, Verlag Kiepen heuer &#038; Witsch, K\u00f6ln 1983, 297 Seiten, 48. &#151; DM.<\/i><\/p>\n<p>Die geschichtliche Rolle Paul Levis (1883 &#8211; 1930), f\u00fchrender Kopf des radikalen Fl\u00fcgels der deutschen Arbeiterbewegung, ist bisher wissenschaftlich nicht im Zusammenhang untersucht worden. F\u00fcr die Geschichtsschreibung der DDR ist dies kein Zufall, weil Levi\u00a0&#151; von 1919 bis 1921 Vorsitzender der KPD\u00a0&#151; die luxemburgianische Richtung des fr\u00fchen deutschen Kommunismus repr\u00e4sentierte, die von jener autorit\u00e4r ver\u00e4nderten KPD Schritt f\u00fcr Schritt besiegt wurde, die bis heute den positiven Bezugspunkt des ostdeutschen Staates bildet. Aber auch f\u00fcr die Historie der Bundesrepublik ist Levi, seit 1922 Exponent des linken Fl\u00fcgels der Weimarer SPD, eher eine Randerscheinung geblieben. Er hielt, allzu aktuell, der SPD ihre Staatsfr\u00f6mmigkeit vor, die f\u00fcr die Schranken der Demokratie in der Klassengesellschaft blind machte. Mit ihrer Studie \u00fcber die Herausbildung der politischen Positionen von Paul Levi beleuchtet Sibylle Quack eine Figur, die den Kampf gegen die reaktion\u00e4re Ausl\u00f6schung der demokratischen Republik und den Kampf f\u00fcr eine parteib\u00fcrokratische Untert\u00e4nigkeit ausschlie\u00dfende, sozialistische Demokratie in sich vereinigt. Nicht zuf\u00e4llig schl\u00e4gt noch dem toten Levi 1930 im Reichstag der Ha\u00df der Rechtskonservativen, aber auch der stalinisierten KPD entgegen: \u00bbAls L\u00f6be ein paar Gedenkworte f\u00fcr Paul Levi sprach\u00ab, schreibt Carl v. Ossietzky in seinem Nachruf in<br \/>der \u00bbWeltb\u00fchne\u00ab, erhoben sich zwei Reichstagsparteien und gingen geschlossen hinaus. Die eine hatte Paul Levi mitbegr\u00fcndet&#8230;, die andere rechnete ihn seit je zum engsten Kreis der &#8218;Novemberverbrecher&#8216;.\u00ab<br \/>Der Darstellung Sibylle Quacks liegt ein eingehendes Quellenstudium zugrunde. Neben vielen anderen Ergebnissen der Quellenforschung &#151; so wird etwa ein Brief von Karl Radek an Levi von 1918 zutage gef\u00f6rdert, der die Beziehungen zwischen der Spartakusgruppe und den Bolschewiki unmittelbar erhellt &#151; ist ein Fund besonders bemerkenswert. Sibylle Quack ist es gelungen, im Privatarchiv Frank Herz bisher unbekannte Briefe von Rosa Luxemburg an Paul Levi, die auch ihre \u00fcber die politische Zusammenarbeit hinausgehende Zuneigung und Liebe in den Jahren 1913\/14 dokumentieren, zu erschlie\u00dfen. Im Anhang sind diese \u00e4u\u00dferst lebendigen und zarten Briefe Rosa Luxemburgs, versehen mit genauen Anmerkungen, nahezu vollst\u00e4ndig abgedruckt. Sie zeigen, neben vielem anderen, wie weit entfernt Rosa Luxemburg von einem, wie sie es nennt, \u00bbheiseren Radikalismus\u00ab (S. 207) war, der die konkreten Handlungsbedingungen au\u00dfer acht l\u00e4\u00dft.<br \/>Die politische Lebensgeschichte Paul Levis wird aus dessen Innenperspektive nachgezeichnet, ohne da\u00df dabei das jeweilige politische Kampffeld, in dem Levi &#151; eher Stratege und Praktiker als Theoretiker &#151; agiert, ausgespart w\u00fcrde. Die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Levi t\u00e4tig wird und sein jeweiliges Verhalten werden geschickt aufeinander bezogen. Weder die Vorf\u00fchrung leerlaufender Privatheft noch die Aufstapelung historischer Fakten dominiert. Das Buch ist in einer offenbar durch Levis akuraten Stil inspirierten treffsicheren Sprache geschrieben.<br \/>Levi stammt aus einer j\u00fcdischen Familie, in der die Distanz zur herrschenden Klasse und ihres Obrigkeitsstaates zur Grundhaltung geh\u00f6rt. Pr\u00e4gend wirkt Levis freisinnig-republikanisch gesonnener Vater, der auch dann noch zu seinem Sohn h\u00e4lt, als dieser sich l\u00e4ngst zum radikalen Sozialisten entwickelt hatte. Wichtig werden f\u00fcr Levi aber vor allem die im liberalen Geist absolvierte juristische Ausbildung und die fr\u00fche Aneignung der politisch-strategischen Positionen Rosa Luxemburgs.<br \/>Als Anwalt ist Levi unverkennbar durch den gro\u00dfen liberalen Staatsrechtler Georg Jellinek, der die unverbr\u00fcchliche Geltung subjektiver \u00f6ffentlicher Rechte im Obrigkeitsstaat theoretisch entwickelt, beeinflu\u00dft; nicht umsonst hatte Levi bei Jellinek \u00fcber ein verwaltungsrechtliches Thema promoviert. In seinen vielen Auftritten vor Gericht erzielt Levi die gr\u00f6\u00dfte Wirkung dadurch, da\u00df er die juristische Argumentation der Gegenseite, der \u00f6ffentlichen Gewalt und privater Besitzpositionen, immanent auseinandernimmt. Auf dieser Grundlage kann er die \u00f6ffentliche Meinung, vor allem der Arbeiterbewegung, mobilisieren. In dem Proze\u00df gegen Rosa Luxemburg vom Februar 1914 gelingt ihm dies ganz besonders. Genau unterscheidet er zwischen der strafbaren Aufforderung zum Ungehorsam und dem Versuch \u00bbden Geist des anderen, seine Art zu denken&#8230;; zu \u00e4ndern\u00ab (S. 81). Levis forensischer Exaktheit, die ihn zum wohl scharfsinnigsten linken Anwalt der Weimarer Republik werden lie\u00df, ist es schlie\u00dflich zu verdanken, da\u00df die von dem Kriegsgerichtsrat Jorns systematisch betriebene Verwischung der Spuren nach der Ermordung von Rosa Luxemburg aufgedeckt wird.<br \/>Als politischer Stratege betrachtete sich Levi bewu\u00dft als Sch\u00fcler Rosa Luxemburgs. Das zeigt sich in seiner Stellung zum Massenstreik, zum Parlamentarismus, zur Kapitulation der Sozialdemokratie vor dem Weltkrieg des kaiserlichen Deutschlands. In organisatorischen Fragen und in der Beurteilung der russischen Revolution weicht Levi, dem die fr\u00fchen Erfahrungen der Auseinandersetzungen Rosa Luxemburgs mit Lenin fehlen, allerdings von ihr ab. W\u00e4hrend Rosa Luxemburg sehr vorsichtig ist, durch organisatorische Entscheidungen den Kontakt zu den in der sozialdemokratioschen Arbeiterbewegung zusammengefa\u00dften Massen zu verlieren &#151; sie opponiert gegen die fr\u00fchen Versuche der Bremer Linksradikalen, eine eigene Partei zu gr\u00fcnden &#151;, ist Levi weniger zur\u00fcckhaltend. Auch in der entscheidenden Abstimmung \u00fcber den Namen der aus dem Spartakusbund hervorgehenden Partei votiert Levi nicht f\u00fcr den Vorschlag Rosa Luxemburgs, die neue Organisation \u00bbSozialistische Partei\u00ab zu nennen, durch den die Verbindung zu den sozialdemokratischen Massen und eine gewisse Distanz zu den Bolschewiki markiert worden w\u00e4re. Levi enth\u00e4lt sich der Stimme &#151; mit dem Ergebnis, da\u00df die Spartakusgruppe den Namen \u00bbKommunistische Partei\u00ab bekommt, der die Beziehung zum Ru\u00dfland Lenins deutlich macht. Levi ist es auch, der Rosa Luxemburg dazu bringt, ihre kritischen Bemerkungen zum demokratischen Minus der russischen Revolution nicht zu ver\u00f6ffentlichen.<br \/>Die Meinungsunterschiede zwischen Rosa Luxemburg und Paul Levi h\u00e4ngen mit den grunds\u00e4tzlichen Schwierigkeiten der Strategiebildung des radikalen Fl\u00fcgels der Arbeiterbewegung zu Beginn der Weimarer Republik zusammen. Wie in einem Brennglas sind diese Schwierigkeiten in der den Gr\u00fcndungspartei-tag der KPD beherrschenden Frage, ob die neue Partei, obgleich Anh\u00e4nger des R\u00e4tesystems, an den Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung teilnehmen solle, konzentriert. Levi, der noch wenige Tage vor dem Gr\u00fcndungsparteitag eine flammende Rede vor, den T\u00fcren des ersten Reichsr\u00e4tekongresses vom Dezember 1918 gehalten hatte, die in der Forderung gipfelte, notfalls den R\u00e4tekongre\u00df aus den Angeln zu heben, wenn er nicht die Installierung des R\u00e4tesystems beschlie\u00dfe, ist derjenige, der wenige Tage sp\u00e4ter auf dem Gr\u00fcndungsparteitag der KPD den Antrag des Vorstands auf Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung begr\u00fcndet. Leider hat Sibylle Quack die strategischen Grundprobleme, die darin bestanden, da\u00df die Spartakusgruppe auf der einen Seite die sofortige Durchf\u00fchrung der sozialen Revolution propagierte und auf der anderen Seite davon ausging, da\u00df der unzweideutige Wille der Mehrheit des Proletariats nicht in diese Richtung wies, nicht als ungel\u00f6ste Frage der Politik des radikalen Fl\u00fcgels der deutschen Arbeiterbewegung reflektiert. Gewi\u00df hat diese Zur\u00fcckhaltung auch einiges f\u00fcr sich, weil sie &#8211; beschreibend &#8211; die Sache f\u00fcr sich sprechen l\u00e4\u00dft.<br \/>In Form eines knappen \u00dcberblicks tritt die Rolle Levis in der Weimarer Republik hervor, und zwar unter dem Gesichtspunkt, wie weit Levi der Gedankenwelt Rosa Luxemburg verpflichtet bleibt. Bis 1921 f\u00fchrender Kopf der KPD wird Levi aus ihr ausgeschlossen, als er die elit\u00e4re Putschtaktik der Parteif\u00fchrung und der Kommunistischen Internationale, die den Massen ein Verschw\u00f6rungskonzept \u00fcberst\u00fclpt, aus Anla\u00df der gescheiterten M\u00e4rzaktion von 1921 kritisiert. Levi formuliert nun seine grunds\u00e4tzliche Kritik an der bolschewistischen Version des Sozialismus. 1922 ver\u00f6ffentlicht er die von im noch 1918 verworfene Auseinandersetzung Rosa Luxemburgs mit der russischen Revolution, in der \u00e4u\u00dferst hellsichtig, ja geradezu prophetisch in bestimmten Formen der Herrschaftsaus\u00fcbung von Lenin und Trotzki die Entwicklungslinien f\u00fcr eine Diktatur \u00fcber das Proletariat freigelegt werden.<\/p>\n<p>Nach rechts bleibt Levi nicht minder entschieden. Elf Jahre vor dem Sieg der faschistischen Gegenrevolution schreibt er: \u00bbEin Aufgeben der demokratischen Republik bedeutet f\u00fcr das Proletariat nicht die Wiederherstellung der fr\u00fcheren Staatszust\u00e4nde, sondern etwas Schlimmeres: es bedeutet Reaktion im blutigsten Sinne des Wortes und eine v\u00f6llige Zerschlagung des Bodens, auf dem die Arbeiterklasse politisch sich in legaler Form bet\u00e4tigen kann\u00ab (S. 179).<\/p>\n<p>Kategorie: vorg\u00e4nge: Artikel<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2618,2645],"tags":[],"autoren":[],"class_list":["post-14559","termin","type-termin","status-publish","hentry","category-2618","category-fritz-bauer-preis"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>An der Seite Rosa Luxemburgs: Paul Levi - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1983\/an-der-seite-rosa-luxemburgs-paul-levi-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"An der Seite Rosa Luxemburgs: Paul Levi - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Joachim Perels aus: vorg\u00e4nge Nr. 62\/63 (Heft 2-3\/1983), S. 177-179 Sibylle Quack: Geistig frei und niemandes Knecht. 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