{"id":14590,"date":"1976-06-30T11:00:00","date_gmt":"1976-06-30T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/die-krise-unseres-gesundheitssystems\/"},"modified":"2020-08-03T07:52:45","modified_gmt":"2020-08-03T05:52:45","slug":"die-krise-unseres-gesundheitssystems","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1976\/die-krise-unseres-gesundheitssystems\/","title":{"rendered":"Die Krise unseres Gesundheitssystems"},"content":{"rendered":"<p>Klaus Waterstradt<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 21 (Heft 3\/1976), S. 33-39<\/p>\n<p>Es geht um menschliche und es geht um wirtschaftliche Fragen in der Diskussion um unser Gesundheitssystem. Die einen sagen: Es ist das beste auf der Welt &#8211; die anderen sagen: dies System mu\u00df grundlegend ver\u00e4ndert werden.<br \/>Systemver\u00e4nderer sind bei uns anr\u00fcchig, besonders seitdem starke restaurative Str\u00f6mungen die bisher eingeleiteten Reformans\u00e4tze fortsp\u00fclen, weil sie Geld kosten, das mangels wirtschaftlichen Wachstums nicht in w\u00fcnschenswertem Ma\u00dfe zur Verf\u00fcgung steht.<br \/>Aber auch die Vertreter des &#8222;besten Gesundheitssystems der Welt&#8220; m\u00fcssen unter dem Druck weithin wachsender Kritik einr\u00e4umen, da\u00df das teuerste Gesundheitssystem nicht eine entsprechende Effizienz aufweist und da\u00df es &#8222;Ausw\u00fcchse, Engp\u00e4sse, Versorgungsl\u00fccken und schwarze Schafe&#8220; gibt.<br \/>Das Lamento \u00fcber die Kostenexplosion und ihre Verursacher sowie die teils von wenig Sachkenntnis getragenen, teils planlosen, am Symptom kurierenden Versuche zur D\u00e4mpfung weiteren Ausgabenwachstums orientieren sich im wesentlichen an der \u00f6konomischen Situation.<br \/>Humane Gesichtspunkte, die eigentlich Anla\u00df und Motor aller Schritte in der Gesundheitssicherung sein m\u00fc\u00dften, werden nur zur Bem\u00e4ntelung und als Alibi f\u00fcr Forderungen nach wirtschaftlichen Notwendigkeiten angef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Immer aber werden Vorw\u00fcrfe und Anschuldigungen auf beiden Seiten anonym und mit pauschaler Argumentation erhoben. Nicht etwa, da\u00df die mehr oder minder kompetenten Autoren die Urheberschaft f\u00fcr mehr oder minder erhellende Ver\u00f6ffentlichungen verleugnen wollten. Sie schwimmen auf der Welle der Aktualit\u00e4t.<br \/>Doch die Angegriffenen werden als anonyme Gruppen oder Verb\u00e4nde beschuldigt: die \u00c4rzte, die Versicherten, die Pharma-Industrie, die Gesetzgeber, die Krankenh\u00e4user, die Kostentr\u00e4ger.<br \/>So k\u00f6nnen sich emotionale Aktionen und Reaktionen in ihrer Wechselwirkung verst\u00e4rken. Das einzelne Glied der pauschal beschuldigten Gruppe wird mit in den gro\u00dfen Topf geworfen, gleichg\u00fcltig, ob es sich mit ihr identifiziert oder nicht.<br \/>Unter \u00c4rzten gibt es solche, die sich in st\u00e4ndiger Hilfsbereitschaft f\u00fcr das Wohl ihrer Patienten ohne R\u00fccksicht auf ihre eigene Gesundheit aufopfern, und solche, die in ihrer Berufsaus\u00fcbung ein Gewerbe sehen, in dem nach kaufm\u00e4nnischen Gesichtspunkten m\u00f6glichst gro\u00dfe Ums\u00e4tze mit Profit gemacht werden.<br \/>Unter den Versicherten gibt es solche, die die Sozialversicherung auszunutzen trachten, und solche, die die Errungenschaften des Sozialstaates nur im \u00e4u\u00dfersten Notfall in Anspruch nehmen.<br \/>In der Pharma-Industrie ist eine Differenzierung noch schwerer als im Krankenhauswesen, weil es beiden an Transparenz mangelt.<br \/>Der Gesetzgeber ist bem\u00fcht, Reformen der sozialen Sicherung voranzutreiben, deren Auswirkungen oft nicht bis in die letzte Konsequenz vorauszuberechnen sind.<br \/>Die Kostentr\u00e4ger schlie\u00dflich stehen vor der Situation, h\u00f6here Eins\u00e4tze fordern zu m\u00fcssen oder bestimmte Leistungen nicht mehr erbringen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gehen wir also von der bestehenden Lage aus, dann ergibt sich die erste Frage: Welche Mittel stehen f\u00fcr unsere Gesundheit zur Verf\u00fcgung und wer bringt sie auf?<br \/>Dabei st\u00f6\u00dft man dann neben den gro\u00dfen Posten, die in Krankenversicherung, Unfallversicherung und Rentenversicherung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufgebracht werden, auf die Steuermittel, die f\u00fcr die Gesundheitsverwaltung, die Versorgungs\u00e4mter, die Gesundheitsma\u00dfnahmen der Arbeits- und Sozialverwaltung sowie f\u00fcr Forschung und Lehre bereitgestellt werden m\u00fcssen. Hinzu kommen die Mittel, die von den gemeinn\u00fctzigen Wohlfahrtsverb\u00e4nden aufgebracht werden.<\/p>\n<p>Diese Mittel nun in ihrer Gesamtheit stehen unserem Gesundheitssystem zur Verf\u00fcgung, d.h. sie werden zweckgebunden bereitgestellt und damit stehen wir vor der zweiten Frage: Wohin flie\u00dfen die Mittel, die f\u00fcr unsere Gesundheit aufgebracht werden?<br \/>Unter diesem Aspekt treten uns wieder entgegen die vielzitierten Ausgabenberge in der station\u00e4ren Behandlung, das Honorarverteilungssystem in der ambulanten Behandlung zuz\u00fcglich der Kassenleistungen bei Verordnungen und Arbeitsunf\u00e4higkeit und die Kosten f\u00fcr die Arzneimittelindustrie, aber auch die aus Steuermitteln ausgewiesenen Ausgaben f\u00fcr das gesamte \u00f6ffentliche Gesundheitswesen im weitesten Sinne, f\u00fcr Mutterschutz, Arbeitssicherheit, Versorgungsmedizin, Forschung und Lehre und vieles mehr, insbesondere f\u00fcr die so dringend ausweitungsbed\u00fcrftige \u00f6ffentliche Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Unter dem Druck der derzeitigen Situation, in der bei aller Kritik an einzelnen Fehlleistungen den Publikationsorganen und Medien das gro\u00dfe Verdienst zukommt, ein Gesundheitsbewu\u00dftsein unter den B\u00fcrgern zu wecken und zu verbreiten, kommt einer gezielten sozialmedizinischen Aufkl\u00e4rung entscheidende Bedeutung zu. Hierbei geht es um die Verbreitung der sozialmedizinischen Erkenntnis &#8211; nicht nur unter den betroffenen Verbrauchern der Ware &#8222;Gesundheitsma\u00dfnahmen&#8220;, sondern auch unter ihren Anbietern -, da\u00df Gesundheit und Krankheit abh\u00e4ngig sind vom Eingebettetsein in Familie, Umwelt und Arbeitsplatz und da\u00df die von allen B\u00fcrgern daf\u00fcr aufzuwendenden Mittel in unmittelbarem Verh\u00e4ltnis stehen zum individuellem Wohlbefinden und damit zur kollektiven gesundheitlichen Sicherung.<br \/>Wir m\u00fcssen einsehen lernen, da\u00df das Anreizen zum Konsum bestimmter G\u00fcter, die z.T. als Statussymbole anzusehen sind, die prim\u00e4ren menschlichen Bed\u00fcrfnisse verdr\u00e4ngt und eine gesundheitssch\u00e4digende Lebensweise herbeif\u00fchrt, die im Zusammenwirken mit anderen Sch\u00e4digungen und Umwelteinfl\u00fcssen eine krankmachende Wirkung aus\u00fcbt.<br \/>Um mit Hans Schaefer zu sprechen: &#8222;\u00dcberkonsum an Kalorien und Genu\u00dfgiften, insbesondere das Rauchen, die Bewegungsarmut, falsche Ern\u00e4hrungsformen, insbesondere aber die Hetze und der Zeitdruck, mit denen das moderne gesellschaftliche Leben untrennbar gekoppelt ist, sind nachweislich die verbreitetsten Ursachen unserer Krankheiten. Wenn man so will, l\u00e4\u00dft sich das Finanzproblem der Medizin auch so formulieren, da\u00df der Durchschnittspatient viel Geld ausgibt, damit sein Arzt herausfindet, wie weit er, der Patient, seine Gesundheit durch sein Verhalten schon ruiniert hat.&#8220;<br \/>Allerdings mu\u00df hier die Aufkl\u00e4rung auch so vorgehen, da\u00df nicht der Eindruck entsteht, durch &#8222;Konsumverzicht&#8220; oder ein einfaches Verbot etwa von Alkohol- und Tabakverkauf k\u00f6nnten kurzfristig ma\u00dfgebliche Erfolge erzielt werden. In diesem Fall w\u00fcrden n\u00e4mlich dem Staatshaushalt wiederum erhebliche Summen an Steuereinnahmen verlorengehen, denen \u00fcber Jahre kein angemessener Ausgleich gegen\u00fcbersteht, weil die Erfolge einer weiter verbreiteten und l\u00e4nger anhaltenden Gesundheit nicht schlagartig eintreten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber dies Beispiel zeigt gerade wieder die Notwendigkeit einer umfassenden und permanenten Aufkl\u00e4rung. Es ber\u00fchrt immer wieder entt\u00e4uschend, mit welcher Naivit\u00e4t hier und da gro\u00dfangelegte Informationsveranstaltungen von Organisationen oder Medien nicht etwa als gesteuerte Kampagne, sondern v\u00f6llig ungezielt nach den Intentionen eines Urhebers durchgef\u00fchrt werden. Die gro\u00dfen Anstrengungen von Aufkl\u00e4rern und Redakteuren verpuffen so auch als noch so brillantes Feuerwerk und geraten damit in den Bereich der Unwirtschaftlichkeit.<br \/>Die Versuche, den Kostenanstieg nur dem Leistungsbegehren der Versicherten anzulasten, sind ebenso unzul\u00e4nglich, wie das Bestreben, den \u00fcberdurchschnittlichen Profit der \u00c4rzte allein verantwortlich zu machen. So wie es Patienten gibt, die Urlaubsw\u00fcnsche auf Kassenkosten \u00e4u\u00dfern oder die mit einer vorgefertigten Wunschliste den Arzt wechseln, wenn<br \/>er nicht zu ihrer Erf\u00fcllung bereit ist, ebenso gibt es \u00c4rzte, die unkritisch. eine unzumutbare Skala von Medikamenten verschreiben, die sich zum Teil gegenseitig nicht vertragen, zum Teil nicht eingenommen werden, oder solche, die ohne Untersuchung arbeitsunf\u00e4hig und arbeitsf\u00e4hig schreiben.<\/p>\n<p>Das demokratische Prinzip der Selbstverwaltung in den Organen der K\u00f6rperschaften, Verb\u00e4nde und Versicherungen mu\u00df so koordiniert werden, da\u00df Spitzenorganisationen die von der Basis aufgezeigten Schwierigkeiten und Besonderheiten sofort umsetzen k\u00f6nnen in verbindliche Beschl\u00fcsse zu allgemeing\u00fcltigen Informationen, die in anhaltenden Aufkl\u00e4rungskampagnen den Anbietern und Abnehmern der &#8222;Ware Gesundheit&#8220; alle gebotenen Notwendigkeiten drastisch vor Augen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die &#8222;Grenzen des Sozialstaates&#8220; sind nie erreicht. Der soziale Staat beruht darauf, da\u00df alle seine B\u00fcrger in solidarischer Leistungsbereitschaft f\u00fcreinander einstehen. Deshalb ist der Abbau von Sozialleistungen und der Ruf nach &#8222;Selbstbeteiligung&#8220; des gesetzlich Versicherten, dessen Versicherungsbeitrag ja bereits seine Selbstbeteiligung ist, kein taugliches Mittel zur Eind\u00e4mmung des Kostenanstiegs. Wir haben in den Zeiten der &#8222;Pr\u00e4mienr\u00fcckgew\u00e4hr&#8220; den Beweis daf\u00fcr hinnehmen m\u00fcssen, da\u00df kurzsichtige Interessen unaufgekl\u00e4rter B\u00fcrger gesundheitsabtr\u00e4gliche Verhaltensweisen provozieren. Auch sind in den Systemen, die mit Selbstbeteiligung arbeiten, die Kostensteigerungen ebenfalls nicht verhindert worden.<br \/>Weil Selbstbeteiligung den notwendigen Gang zum Arzt oder in das Krankenhaus hinausz\u00f6gern oder aufzuhalten droht, k\u00f6nnen Krankheiten unerkannt bleiben oder verschleppt werden. Dies f\u00fchrt zu steigendem Gesundheitsrisiko und dadurch langfristig zu negativen Auswirkungen auf die Kostenentwicklung. Selbstbeteiligung kann also das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung hervorrufen.<br \/>Im \u00fcbrigen sollte in einem Sozialstaat auch nicht mit dem Versuch gespielt werden, den Versicherten, der durch eine mit Milliarden steuerbeg\u00fcnstigte Werbung f\u00fcr gesundheitssch\u00e4digende Produkte, durch raffinierte psychologische Konsumanreize zum gesundheitswidrigen Verhalten veranla\u00dft wurde, danach zu disziplinieren, indem die eintretenden Folgen durch Selbstbeteiligung mit Strafen belegt werden.<\/p>\n<p>Zur Verhinderung unbegrenzter Ausgabensteigerungen in unserem Gesundheitswesen k\u00f6nnen au\u00dfer der in erster Linie angef\u00fchrten umfassenden Aufkl\u00e4rung die Ma\u00dfnahmen der Vorsorge und Fr\u00fcherkennung beitragen. Damit k\u00f6nnte langfristig bei gr\u00f6\u00dferer Inanspruchnahme eine weitere Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Mehrzahl der B\u00fcrger aufgehalten werden. Au\u00dferdem sind alle an der Sozialversicherung direkt oder indirekt Beteiligten, nicht zuletzt der Gesetzgeber, zur Mitwirkung aufgerufen.<br \/>Neue kostenintensive Gesetze sollten mit genauesten Vorausberechnungen in bezug auf Kostendeckung behandelt werden. Allein das so segensreiche Rehabilitationsangleichungsgesetz erbrachte nach vorl\u00e4ufigen Sch\u00e4tzungen 1975 rund 500 Mill DM Mehraufwendungen, die 1976 auf 550 Mill DM veranschlagt werden. Mit diesem Gesetz wurde die Angleichung aller Sach- und Barleistungen s\u00e4mtlicher Rehabilitationstr\u00e4ger erreicht, ebenso wie die nahtlose Einleitung erforderlicher Ma\u00dfnahmen unabh\u00e4ngig von der notwendigen Feststellung des zust\u00e4ndigen Kostentr\u00e4gers.<br \/>Die medizinischen Leistungen umfassen z.B. Kuren, \u00e4rztliche Behandlung, Arznei- und Hilfsmittel, Ausstattung mit orthop\u00e4dischen Hilfsmitteln, Belastungserprobung und Arbeitstherapie.<br \/>Die beruflichen Rehabilitationsleistungen umfassen vor allem Umschulung, Ausbildung, Fortbildung, Berufsfindung und Hilfen zur Erlangung eines Arbeitsplatzes.<\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Kostenanstieg bewirken die Krankenh\u00e4user, die ambulante \u00e4rztliche Versorgung und die Pharmaindustrie. Der durchschnittliche Pflegesatz f\u00fcr Unterbringung, Bek\u00f6stigung, Untersuchungsma\u00dfnahmen und Behandlung betr\u00e4gt im Bundesdurchschnitt zur Zeit 150 DM. Nach den bisherigen Hochrechnungen kann bis 1985 ein Tagessatz von 500 DM erreicht werden.<br \/>Dabei ist dem B\u00fcrger das Ansteigen der Krankenhauskosten noch relativ plausibel, weil von der Klinik optimale Leistungen erwartet werden. Auf einen Patienten trifft fast schon ein Krankenhausangestellter und auf einen Arzt kommen im Schnitt 10 &#8211; 15 Patienten. Ein Krankenhausneubau kostet pro Bett durchschnittlich 200 000 DM gegen\u00fcber 25 000 DM noch 1956. Technische Einrichtungen sollen auf dem neuesten Stand der medizinischen Wissenschaft sein. Sie sind bekannterma\u00dfen personalintensiv. Die Personalkosten betragen im Krankenhaus ca. 70 &#8211; 75 %. Allerdings ist zur wirtschaftlichen Betriebsf\u00fchrung der meisten \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4user eine \u00c4nderung des Betriebs- und Buchungssystems erforderlich. Auf die Vorschl\u00e4ge der Gewerkschaft\u00a0 \u00d6TV und der Bundesverb\u00e4nde der Krankenkassen kann hier verwiesen werden.<br \/>Mit einer Senkung der durchschnittlichen &#8222;Verweildauer&#8220; allein (im Bundesdurchschnitt K\u00fcrzung um einen Tag = eine Mrd DM pro Jahr) ist keine Kostensenkung zu erreichen, denn jedes Krankenhaus mu\u00df bem\u00fcht sein, jedes freie Bett im Sinne einer wirtschaftlichen Betriebsf\u00fchrung zu belegen. Hier hilft nur eine genaue Analyse des Bedarfs und die Festsetzung der erforderlichen Zahl von Akut-Betten und von Betten im Bereich der &#8222;flankierenden Ma\u00dfnahmen&#8220; in den Landeskrankenhauspl\u00e4nen, die unter Mitwirkung aller im Gesundheitswesen relevanten Gruppen erstellt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>An Arzthonoraren zahlten die Krankenkassen der Bundesrepublik 1974 ca. 10 Mrd DM. Einzelheiten der Jahreseinkommen gingen durch alle Presseorgane. 1954 wurden f\u00fcr einen Versicherten im Bundesdurchschnitt 3,5 Krankenscheine ausgegeben. Heute sind es pro Jahr 6,5 Scheine.<br \/>1972 betrugen die Ausgaben f\u00fcr gesundheitliche Zwecke mehr als 11% des Bruttosozialprodukts. Sie setzen sich zusammen aus 55% ambulanter und station\u00e4rer Behandlung einschlie\u00dflich Arznei-, Heil- und Hilfsmittel. Der Einkommenssicherung der Versicherten durch Barleistungen dienten 30%. Der Rest von 15% f\u00e4llt auf Ausbildung und Forschung (nat\u00fcrlich ohne industrielle Forschung) und Vorbeugung. Die Kosten f\u00fcr Gesundheitssicherung stiegen von 1968-1972 um 4% mehr als das Bruttosozialprodukt.<br \/>W\u00e4hrend Bruttol\u00f6hne und -geh\u00e4lter in den letzten zehn Jahren um 8,5% jahresdurchschnittlich stiegen, betrug die Umsatzsteigerung je Kassenarzt unter Einbeziehung der Vorsorgeuntersuchungen ca. 13 %.<br \/>Der Begriff der &#8222;doppelten Dynamisierung&#8220; der \u00e4rztlichen Einkommen besagt, da\u00df au\u00dfer den j\u00e4hrlich vereinbarten Tarifsteigerungen, die bisher l\u00e4nderweise zwischen den kassen\u00e4rztlichen Vereinigungen und den Landesverb\u00e4nden der Krankenkassen und jetzt erstmalig auf Bundesebene ausgehandelt werden, eine Steigerung der Fallzahlen und eine Steigerung der Leistungen pro Fall eintritt.<br \/>Teure technische Einrichtungen von Kliniken und Zentren k\u00f6nnten f\u00fcr ambulanten Einsatz rein zeitlich wirtschaftlicher genutzt werden. Von seiten kassen\u00e4rztlicher Funktionstr\u00e4ger wurde z.B. der Vorschlag einer Abzeichnungspflicht der Leistungen durch den Versicherten auf dem Abrechnungsschein gemacht. Auch dadurch ist wohl mit Sicherheit eine Kostend\u00e4mpfung zu erwarten.<br \/>Zahn\u00e4rztliche Honorare stiegen noch h\u00f6her an. Mehraufwendungen f\u00fcr Zahnersatz werden f\u00fcr 1975 auf 1,2 und 1976 auf 1,4 Mrd gesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Die Steigerungsrate f\u00fcr Arzneimittel ufert aus. F\u00fcr mindestens 75 000 auf dem Markt befindliche (davon 25 000 verschreibungspflichtige) Arzneimittel, die \u00fcber die 14 000 Apotheken vertrieben werden und deren subventionierte Werbungskosten auf 1,4 Mrd gesch\u00e4tzt werden, mu\u00dften die Krankenkassen 1974 rd. 8 Mrd DM bezahlen (siebeneinhalbmal soviel wie 1960). Dabei erbringen 2000 f\u00fchrende Medikamente 95% des Umsatzes in den \u00f6ffentlichen Apotheken! Dies spricht f\u00fcr sich. Die Pharmaindustrie l\u00e4\u00dft zum Thema Arzneimittelgesetz und Krankenkassen u.a. erkl\u00e4ren: &#8222;Der Mangel liegt im System.&#8220; Dies ist es ja eben, was ver\u00e4ndert werden m\u00fc\u00dfte.<br \/>\u00c4nderungen im vorliegenden Gesetzentwurf zur Reform des Arzneimittelrechts werden jedoch bereits wieder zugunsten der Pharmaindustrie durchgesetzt. Auch der Versuch, eine vern\u00fcnftige Preisgestaltung zu erreichen, um den Kassen als gr\u00f6\u00dftem Verbraucher mehr Rechte einzur\u00e4umen und den Versicherten vor \u00fcberh\u00f6hten Preisen zu sch\u00fctzen, wird bereits im Keim erstickt.<br \/>Dabei besagt ein im Bundesgesundheitsministerium unter Verschlu\u00df befindliches Gutachten des Instituts f\u00fcr Weltwirtschaft in Kiel, da\u00df die Teuerungsrate in den Gewinnspannen der Arzneimittelindustrie durchaus aufgefangen werden k\u00f6nnte und da\u00df dar\u00fcber hinaus Preissenkungen durchschnittlich \u00fcber 20 % m\u00f6glich seien, die je zur H\u00e4lfte von Herstellern und vom Handel getragen werden m\u00fc\u00dften.<\/p>\n<p>Die Zahl der Rentner w\u00e4chst st\u00e4ndig. Die gesetzliche Krankenversicherung der Rentner kostete 1974 rd. 14,1 Mrd DM und d\u00fcrfte sich bis 1978 auf 29,1 Mrd mehr als verdoppeln. Diese Zahlen verdeutlichen die Rolle der \u00e4lteren Menschen im System der \u00e4rztlichen Versorgung.<br \/>Weil wir entweder unser Bewu\u00dftsein mehr auf die allseitige Verantwortlichkeit in der Solidargemeinschaft richten oder eben st\u00e4ndig gr\u00f6\u00dfer werdende Aufgaben in Kauf nehmen m\u00fcssen, deshalb mu\u00df eine wachsende Transparenz der Ausgabenseite jedem betroffenen B\u00fcrger den Weg zur Stabilit\u00e4t durchschaubar machen.<br \/>Die Ausgaben der Krankenversicherung betrugen 1960 9,5 Mrd DM, dagegen waren es 1974 bereits 51,5 Mrd DM.<\/p>\n<p>Der Arbeitnehmer zahlt 30 % seiner Eink\u00fcnfte f\u00fcr die gesetzliche Sozialversicherung. Er kann diese Belastung nirgendwohin abw\u00e4lzen und ist das letzte und schw\u00e4chste Glied in der Kostenkette.<br \/>Bleibt es also in unserem einseitigen Gesundheitssystem bei dem resignierenden Satz von Hans Schaefer: &#8222;In der kranken Medizin spiegeln sich die Laster unserer Gesellschaft wider. Eine jede Zeit hat sozusagen auch die Medizin und die \u00c4rzte, die sie verdient&#8220;?<\/p>\n<p>Ein Wandel ist m\u00f6glich durch die Ver\u00e4nderung dieses Systems. Die anfangs angesprochene anhaltende und intensive Aufkl\u00e4rung und Information aller B\u00fcrger kann die Anonymit\u00e4t der Einrichtungen unseres Gesundheitswesens beenden und ihre Transparenz kann die Differenzierung der Erfordernisse von Soll und Haben herbeif\u00fchren:<\/p>\n<p>a) St\u00e4rkung der Bereitschaft des B\u00fcrgers zu selbstverantwortlicher Lebensweise.<br \/>b) Ausbau von Vorsorge und Fr\u00fcherkennung.<br \/>c) Entlastung kostenaufwendiger Akutkrankenh\u00e4user durch flankierende Ma\u00dfnahmen einschlie\u00dflich wirtschaftlicher Betriebsf\u00fchrung.<br \/>d) Verbesserung der ambulanten Versorgung unter Einbeziehung technischer station\u00e4rer und zentraler Einrichtungen sowie \u00dcberpr\u00fcfung eines angemessenen Kostenaufwandes.<br \/>e) Verbesserung von Planung im Gesundheitssystem und ihre Erfolgskontrolle.<\/p>\n<p>Kategorie: vorg\u00e4nge: Artikel, Sozialstaat<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2617,2645],"tags":[],"autoren":[],"class_list":["post-14590","termin","type-termin","status-publish","hentry","category-2617","category-fritz-bauer-preis"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Krise unseres Gesundheitssystems - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1976\/die-krise-unseres-gesundheitssystems\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Krise unseres Gesundheitssystems - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Klaus Waterstradt aus: vorg\u00e4nge Nr. 21 (Heft 3\/1976), S. 33-39 Es geht um menschliche und es geht um wirtschaftliche Fragen in der Diskussion um unser Gesundheitssystem. 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