{"id":14591,"date":"1975-01-31T18:00:00","date_gmt":"1975-01-31T17:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\/"},"modified":"2020-08-03T07:52:45","modified_gmt":"2020-08-03T05:52:45","slug":"zur-krise-unseres-gesundheitswesens","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1975\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\/","title":{"rendered":"Zur Krise unseres Gesundheitswesens"},"content":{"rendered":"<p>Klaus Waterstradt<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 13 (Heft 1\/1975), S. 84-88<\/p>\n<p>Die Zeiten \u00e4ndern sich und wir \u00e4ndern uns in ihnen.<\/p>\n<p>Es gab eine Zeit, in der unser Gesundheitswesen und die sozialen Ma\u00dfnahmen bei uns als fortschrittlich und vorbildlich f\u00fcr die anderen angesehen wurden. Auf diesem Standpunkt zu beharren, ruft jedoch berechtigte Kritik auf den Plan. Die Zeiten sind vorbei, in denen man unser Gesundheitssystem als erstklassig bezeichnen konnte. Dass es schlechtere Institutionen dieser Art auf der Welt gibt, entbindet uns nicht davon, moderne Erkenntnisse in die Tat umzusetzen. Dabei sind auch die bisherigen &#8222;Anpassungen&#8220; nicht geeignet, den eingetretenen R\u00fcckstand zu besseren M\u00f6glichkeiten auszugleichen. Die weithin sich durchsetzende Aufkl\u00e4rung, die immer mehr zunehmenden Erkenntnism\u00f6glichkeiten einer immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Zahl von Mitb\u00fcrgern gibt der wachsenden Kritik an unserem Gesundheitssystem st\u00e4ndig neue Nahrung.<\/p>\n<p>Hier erwiesen sich die von konservativer Seite hartn\u00e4ckig vertretenen Parolen \u00fcber die &#8222;beste Gesundheitssicherung der Welt&#8220; auf die Dauer nicht mehr als befriedigend. Der anhaltenden \u00f6ffentlichen Diskussion ist es zu verdanken, dass heute selbst von offizieller Seite, von \u00c4rztekammern und von \u00e4rztlichen Standesfunktion\u00e4ren hier und da &#8222;Engp\u00e4sse&#8220; und &#8222;Versorgungsl\u00fccken&#8220; zugegeben werden, wenn auch als Ausnahmen.<\/p>\n<h5>&Auml;rzte und ihre Patienten<\/h5>\n<p>Wenn man zum Beispiel den Vorwurf klassenm\u00e4\u00dfiger Differenzierung zwischen der Behandlung von &#8222;Privatpatienten&#8220; und &#8222;Kassenpatienten&#8220; zu beschwichtigen versucht, indem man anf\u00fchrt, das Problem solle doch angesichts von \u00fcber 90% Sozialversicherter nicht hochgespielt werden, so zeigt sich eben gerade daran, welch auff\u00e4llige Unterschiede selbst bei diesem Verh\u00e4ltnis noch deutlich werden.<br \/>Die Mutter, die mit einem vor Schmerzen weinenden Kind trotz eines Bestelltermins 2 bis 3 Stunden in einem vollen Wartezimmer sitzt, muss doch verzweifeln, wenn pl\u00f6tzlich eine Mutter mit einem Schnupfenkind kommt und als Privatpatient sofort &#8222;vorgelassen&#8220; wird.<br \/>Hier wirkt sich nicht ein Organisationsfehler aus, sondern ein fundamentaler Erziehungsfehler, und zwar auf beiden Seiten: in der gewerbsm\u00e4\u00dfigen Nichtachtung des Menschen auf der einen Seite und in der geduldigen Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit auf der anderen.<br \/>Es gibt eine gro\u00dfe Zahl von \u00c4rzten, die in ihrer Berufsaus\u00fcbung kein Gewerbe sehen, in dem nach kaufm\u00e4nnischen Gesichtspunkten m\u00f6glichst gro\u00dfe Ums\u00e4tze mit Profit gemacht werden, sondern die sich aufopfern ohne R\u00fccksicht auf ihre Gesundheit in st\u00e4ndiger Hilfsbereitschaft f\u00fcr ihre Mitmenschen.<br \/>Aber nicht alle fr\u00fchzeitigen Aufbraucherscheinungen bei \u00c4rzten, t\u00f6dliche Herzinfarkte und Suicide, sind auf diese Einstellung zur\u00fcckzuf\u00fchren. Es gibt auch den Managertod und die Stresssituation aufgrund systemimmanenter Formen des Gesundheitswesens. Hier wie dort ist eine \u00c4nderung w\u00fcnschenswert.<br \/>Um festzustellen, ob die in der Gegenwart beanspruchten menschlichen, materiellen und finanziellen Eins\u00e4tze angemessen und wirkungsvoll ausgenutzt werden, m\u00fcssten sehr viel genauere Untersuchungsergebnisse und Statistiken \u00fcber unser Gesundheitswesen vorliegen, als bisher der \u00d6ffentlichkeit zur Verf\u00fcgung stehen.<br \/>Die Teilnahme am Gespr\u00e4ch \u00fcber die gesundheitliche Sicherung der Bev\u00f6lkerung ist kein Privileg der \u00c4rzteschaft. Es hat lange gedauert, bis auch die anderen Partner von den Kammern und Standesverb\u00e4nden akzeptiert wurden.<br \/>\u00c4rzte sind sachverst\u00e4ndig, jedoch auch nur dann, wenn sie sich mit sozialmedizinischen Fragen und Gesundheitspolitik auseinandersetzen. Dies tun auf Grund der jahrelangen \u00f6ffentlichen Diskussion heute mehr \u00c4rzte als nur die bisher daf\u00fcr herausgestellten Standesvertreter. Daher kommt auch die Vielfalt der Meinungen heute in der \u00c4rzteschaft je nach dem selbst erworbenen Standpunkt mehr zum Ausdruck als bisher und offizielle Funktion\u00e4re k\u00f6nnen nicht mehr Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die gesamte \u00c4rzteschaft abgeben.<br \/>Neue wissenschaftliche Arbeitsgebiete, wie z.B. Medizinsoziologie, beeinflussen den Erkenntnisstand. 48 % der \u00c4rzte waren 1972 in eigener Praxis f\u00fcr die ambulante Versorgung der Bev\u00f6lkerung (davon 90% Sozialversicherte) t\u00e4tig, die anderen in Krankenh\u00e4usern, Versicherungsanstalten, diagnostischen Untersuchungszentren, Beh\u00f6rden und in der Forschung (52%).<br \/>Ma\u00dfgeblich mitzureden haben neben Politikern, die sich im Gesundheitswesen engagieren, vor allem jedenfalls die Betroffenen, d.h. Mitb\u00fcrger, die alle einmal Patienten sein k\u00f6nnen oder ihre legitimen Vertreter, etwa Gewerkschaften, Kassenverb\u00e4nde usw.<br \/>Mit der Erweiterung des Rechts der Krankenversicherung von den Aufgaben der kurativen Medizin (Krankheitsbek\u00e4mpfung) hin zu den Zielen der Pr\u00e4vention und Rehabilitation (Gesundheitssicherung) ist eine neue Dimension aufgetreten, die \u00f6ffentliche Initiativen erfordert.<\/p>\n<h5>Die Kosten&shy;ent&shy;wick&shy;lung<\/h5>\n<p>In diesem Gespr\u00e4ch steht unvermeidlich im Vordergrund die Kostenfrage, weil alle Mittel, die f\u00fcr die sogenannte &#8222;Explosion&#8220; der Ausgaben des \u00f6ffentlichen Gesundheitswesens aufgewendet werden, von allen B\u00fcrgern irgendwie als Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge und als Steuern erbracht werden m\u00fcssen. Wenn man alle Aufwendungen des Jahres 1972 f\u00fcr krankheitsbedingte oder gesundheitliche Zwecke nimmt, so waren dies mehr als 11 % des Bruttosozialprodukts. Davon entfielen 55 % auf den Bereich der ambulanten und station\u00e4ren Behandlung sowie auf Arznei-, Heil- und Hilfsmittel. Der Einkommenssicherung als Barleistungen bei Arbeitsunf\u00e4higkeit, Berufsunf\u00e4higkeit und Erwerbsunf\u00e4higkeit dienten 30%. Der Rest von 15 % dient der Ausbildung und Forschung (nat\u00fcrlich ohne industrielle Forschung) sowie der Vorbeugung. Es ist erwiesen, dass die Kosten f\u00fcr Gesundheitssicherung der Bev\u00f6lkerung von 1968 bis 1972 st\u00e4rker angestiegen sind als das Bruttosozialprodukt.<br \/>In der gesetzlichen sozialen Krankenversicherung ergab sich von 1960 bis 1972 eine Kostensteigerung je Versicherten um 12,5% j\u00e4hrlich. Dem gegen\u00fcber stieg das Bruttosozialprodukt j\u00e4hrlich im gleichen Zeitraum um 8,5%.<br \/>Die Ausgaben f\u00fcr Krankenhausbehandlung liegen 1972 bei 27% der Gesamtkosten, die Aufwendungen f\u00fcr kassen\u00e4rztliche Behandlung bei 21%. Hierbei ist zu ber\u00fccksichtigen, da\u00df im Krankenhaus neben der technischen Modernisierung nicht nur im \u00e4rztlichen, sondern auch im pflegerischen Bereich eine erhebliche Personalerweiterung stattfand, w\u00e4hrend der ambulante Bereich weniger personalaufw\u00e4ndig ist.<br \/>Die Umsatzsteigerung je Kassenarzt wird unter Einbeziehung der Vorsorgeuntersuchungen in den letzten zehn Jahren auf 13% j\u00e4hrlich gesch\u00e4tzt. Bruttol\u00f6hne und -geh\u00e4lter stiegen in diesem Zeitraum nur um 8,5 % jahresdurchschnittlich.<br \/>Als Ursachen der Kostenentwicklung im Gesundheitswesen sind haupts\u00e4chlich drei Gr\u00fcnde anzuf\u00fchren: a) Erh\u00f6hung der Leistungszahl; b) Verbesserung der Leistungsqualit\u00e4t; c) Preiserh\u00f6hung f\u00fcr die erbrachte Leistung.<\/p>\n<h5>Kontrolle des Arznei&shy;mit&shy;tel&shy;marktes ist n&ouml;tig<\/h5>\n<p>In seinen Ausf\u00fchrungen vom Juni 1973 (DOK 12\/73) zeigte sich T\u00f6ns vom Bundesverband der Ortskrankenkassen erstaunt, da\u00df in das Stabilit\u00e4tsprogramm der Bundesregierung als wettbewerbs- und verbraucherpolitische Ma\u00dfnahme nicht die nach dem Arzneimittelgesetz der Registrierung voraufgehende Pr\u00fcfung durch das Bundesgesundheitsamt als rechtliche Grundlage f\u00fcr den Aufbau der Transparenz und die wirtschaftliche Verordnungsweise des Arztes zur Intensivierung des Wettbewerbs auf dem Arzneimittelmarkt aufgenommen wurde.<br \/>Die Versorgung der Bev\u00f6lkerung im Bereich des Arzneimittelwesens ist deshalb unbefriedigend, weil der ma\u00dfgebliche Einfluss der Pharmaindustrie und ihr Gewinnstreben sowohl auf die Apothekerschaft wie auf die Verbraucher zu wenig kontrolliert wurde. Diese Abh\u00e4ngigkeit muss jetzt in einem engmaschigen Beobachtungsnetz durchleuchtet werden.<br \/>Die Bundesapothekerordnung vom 6.6.68 lautet in \u00a7 1: &#8222;Der Apotheker ist berufen, die Bev\u00f6lkerung ordnungsgem\u00e4\u00df mit Arzneimitteln zu versorgen. Er dient damit der Gesundheit des einzelnen Menschen und des gesamten Volkes.&#8220; Dieser Anforderung k\u00f6nnen die Apotheker weithin nicht mehr nachkommen, weil sie vorrangig Verk\u00e4ufer von Fertigpr\u00e4paraten und damit Erf\u00fcllungsgehilfen der Pharmaindustrie sind.<br \/>Das staatlich garantierte Recht des Herstellers, allein zu entscheiden, was und wieviel, wie teuer und wo er ein Mittel auf den Markt bringt, verdeutlicht, dass in einer Ver\u00e4nderung der pharmazeutischen Ausbildung keine L\u00f6sung einer Arzneimittelversorgung im Interesse des Patienten und im eigenen beruflichen Interesse zu finden ist. Die entscheidenden Weichen werden im Produktionsbereich gestellt.<br \/>\u00a7 368 p Abs 1 und 2 RVO sind gesetzliche Grundlage f\u00fcr Arzneimittelrichtlinien auf Beschluss des Bundesausschusses der \u00c4rzte und Krankenkassen. Nach dem Arzneimittelgesetz (AMG = Gesetz \u00fcber den Verkehr mit Arzneimitteln vom 16.5.61, zuletzt ge\u00e4ndert durch das Gesetz zur \u00c4nderung des AMG vom 5.6.74, BGBI I S. 1245) ist das Bundesgesundheitsamt durch \u00a7 21 verpflichtet, ein Arzneimittel in das Spezialit\u00e4tenregister einzutragen, &#8222;wenn die Anmeldung den Anforderungen an die mit der Anmeldung vorzulegenden Unterlagen entspricht&#8220;.<br \/>Die gesetzliche Verpflichtung, einzutragen oder, falls einem beanstandeten Mangel nicht abgeholfen wird, abzulehnen, &#8222;schlie\u00dft die Verantwortung f\u00fcr etwaige Schadensfolgen einer falschen Entscheidung ein&#8220; (Etmar, Kommentar zum Arzneimittelrecht). H. Hoffmann\u00a0 schreibt in der Pharmazeutischen Zeitung, 1971, S. 1703 ff: &#8222;Dem Bundesgesundheitsamt ist f\u00fcr jede der sog. Arzneispezialit\u00e4ten eine umfassende Dokumentation \u00fcber die pharmakologisch-toxikologische Pr\u00fcfung und klinische Erprobung mit allen ihren positiven und negativen Ergebnissen vorzulegen. Das Bundesgesundheitsamt lehnt die Eintragung ab, wenn es auf Grund der Dokumentation zu der \u00dcberzeugung gelangt, dass die Arzneispezialit\u00e4t a) nicht ausreichend nach dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis gepr\u00fcft worden, b) unwirksam oder c) gesundheitssch\u00e4dlich ist.&#8220;<br \/>Die Arzneimittelsicherheit ist durch das Gesetz um eine beachtliche Stufe angehoben worden, wenn auch Kritik in Einzelheiten noch die Durchf\u00fchrung beeinflussen muss.<\/p>\n<h5>Reform&shy;be&shy;d&uuml;rf&shy;tig&shy;keit der &auml;rztlichen Versorgung<\/h5>\n<p>Mangelnde Transparenz war vor allem bisher das Hindernis, die Ursachen der offenkundig gewordenen M\u00e4ngel in der \u00e4rztlichen Versorgung aufzudecken. Ehe es zu den anfangs angef\u00fchrten Zugest\u00e4ndnissen von &#8222;Engp\u00e4ssen&#8220; und Reformbed\u00fcrftigkeit kam, waren w\u00fctende Angriffe z B gegen die erste WWI-Studie (des heutigen Wirtschafts-\u00a0 und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Gewerkschaften): &#8222;Die Gesundheitssicherung in der BRD&#8220;, gegen den unter ma\u00dfgeblicher Beteiligung von \u00d6TV-\u00c4rzten durchgef\u00fchrten Marburger Kongre\u00df &#8222;Fortschritte der Medizin&#8220; und sogar gegen die Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland &#8222;Die soziale Sicherung im Industriezeitalter&#8220; voraufgegangen.<br \/>In der Krankenhausorganisation sind erste Erfolge zu verzeichnen, sogar auch im beginnenden Abbau hierarchischer Strukturen.<br \/>Im Oktober 1974 wandten sich in Kiel der Pr\u00e4sident der Bundes\u00e4rztekammer und der Vorsitzende der Kassen\u00e4rztlichen Bundesvereinigung (KBV) gegen das Schreckgespenst der &#8222;Verstaatlichungstendenzen&#8220;. Vorstation\u00e4re Diagnostik und nachstation\u00e4re Behandlung durch das Krankenhaus lehnten sie ab, dem Plan, an Krankenh\u00e4usern Ambulatorien einzurichten, erteilten sie gleichzeitig eine Absage, auch widersprachen sie einer Dienstverpflichtung von \u00c4rzten und warnten vor Finanzierung der Krankenversicherung aus Steuermitteln.<br \/>Diesem Negativkatalog entspricht auf der anderen Seite das Beharren auf dem Status quo. Die Einschr\u00e4nkung der Niederlassungsfreiheit von \u00c4rzten und die Verlagerung des Sicherstellungsauftrags von der Kassen\u00e4rztlichen Vereinigung auf die Krankenkassen d\u00fcrfe nur als &#8222;Notbremse&#8220; erwogen werden, wenn die Bem\u00fchungen nach der geltenden Regelung keinen Erfolg h\u00e4tten. Das sei jedoch nicht zu erwarten. Die behaupteten &#8222;handgreiflichen Erfolge&#8220; allerdings t\u00e4uschen nicht \u00fcber die Verschleierung des Vertrauensverlustes hinweg, der aus der permanenten und verbissenen Verteidigung des &#8222;Alleinvertretungsanspruchs&#8220; der ambulanten \u00e4rztlichen Versorgung, also der Monopolstellung, resultiert.<br \/>Die Reformvorstellungen des Vorsitzenden der KBV ruhen auf drei S\u00e4ulen: 1. Wahrung der Vertragsfreiheit; 2. Erhaltung des Sicherstellungsauftrags (= Beibehaltung des Behandlungsmonopols der Kassen\u00e4rztlichen Vereinigungen); 3. Aufrechterhaltung der \u00e4rztlichen Selbstverwaltung.<br \/>Nach den Verlautbarungen aus der Papierflut der Aktion &#8222;Freiheit f\u00fcr Arzt und Patient&#8220; ist individuelle Krankenbehandlung nur in der Praxis des niedergelassenen Arztes m\u00f6glich. &#8222;Kollektivmedizin&#8220; des \u00f6ffentlichen Gesundheitsdienstes, &#8222;Apparatemedizin&#8220; des Krankenhauses sei bereits &#8222;sozialisiert&#8220; und nivelliere die Patienten zu anonymen Behandlungsobjekten.<br \/>Wenn alle \u00c4rzte laut Berufsordnung geloben, &#8222;bei Aufnahme in den \u00e4rztlichen Berufsstand ihr Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen&#8220;, so ist die Argumentation unverst\u00e4ndlich, dass &#8222;durch die Eigengesetzlichkeit gro\u00dfer Dienstleistungsbetriebe, wie Krankenh\u00e4user und \u00f6ffentlicher Gesundheitsdienst, die Tendenz der Inhumanit\u00e4t entsteht&#8220; (vgl. Wartezimmermisere).<br \/>Nach einer Ver\u00f6ffentlichung in den Stuttgarter Nachrichten vom 24. hat der Landesvorstand der Jungen Union in Baden-W\u00fcrttemberg festgestellt: \u00c4rzte verdienen zuviel. Er unterst\u00fctzt deshalb den Vorschlag der Ortskrankenkassen, die Geb\u00fchrenordnung durch Vertr\u00e4ge zwischen Krankenkassen und \u00c4rzten zu ersetzen. Anstelle von Beitragserh\u00f6hung wurde ein umfangreiches Konzept f\u00fcr die Krankenkassenreform empfohlen. Die CDU beklagt ebenfalls (Rheinische Post vom 27.7.74) einen katastrophalen \u00c4rztemangel im \u00f6ffentlichen Gesundheitsdienst. Der Marburger Bund sprach dazu die Warnung an \u00c4rzte aus, unter den augenblicklichen Verh\u00e4ltnissen eines Konkurses des \u00f6ffentlichen Gesundheitswesens in dieses einzutreten.<br \/>So erweisen sich die drei S\u00e4ulen unseres Systems der Gesundheitssicherung, ambulante Versorgung, station\u00e4re Einrichtungen und \u00f6ffentlicher Gesundheitsdienst, als nicht mehr stabil und belastungsf\u00e4hig.<br \/>Trotz relativ hoher Arztdichte in der BRD haben sich durch die im Wandel der Zeiten eingetretene Struktur\u00e4nderung zunehmend Klagen \u00fcber zu lange Wartezeiten, Abfertigung im Schnellverfahren, unpers\u00f6nliche Kontakte und schlechte Versorgung in bestimmten, meist l\u00e4ndlichen Gebieten ergeben.<br \/>Die Denkschrift der EKD fordert st\u00e4rkere Einbeziehung des \u00e4rztlichen Hilfspersonals in die Behandlung, auch Zulassung von Psychologen zur Behandlung, eben neue Gesundheitsberufe. Jede Kritik wird jedoch nicht als Ansto\u00df zur Weiterentwicklung empfunden, sondern als radikale Systemver\u00e4nderung. Dass sich zum diesj\u00e4hrigen Deutschen \u00c4rztetag deshalb eine &#8222;Arbeitsgemeinschaft unabh\u00e4ngiger \u00c4rzte&#8220; bildete, die sich anl\u00e4sslich der konservativen Grundhaltung gerade z.B. zum Thema &#8222;Lage der Psychiatrie&#8220; \u00f6ffentlich zu notwendigen Fortschritten bekannte, zeigt, dass nicht nur eine Krise im Gesundheitswesen sondern auch in der \u00c4rzteschaft besteht.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">G. W. Br\u00fcck schreibt im Sozialen Fortschritt (10\/74) im Zusammenhang mit der \u00a7 218-Diskussion:<br \/>&#8222;Nur wer in Quantit\u00e4ten, nicht aber in Qualit\u00e4ten denkt, kann in diesem Zusammenhang von der heutigen Gesellschaft als von einer &#8218;entmoralisierten&#8216; sprechen. Eine Gesellschaft, die Kinder aufzog, um sie dann auf die ,Schlachtfelder zu schicken, war anscheinend noch nicht entmoralisiert, erst jetzt, mit der Fristenregelung ist es soweit, jetzt erst lebt man &#8218;auf Hasard&#8216;. Solche Ansichten sprechen f\u00fcr sich selbst und davon, unter welchem Blickwinkel man das System der sozialen Sicherung auch betrachten kann. Nur kann das nicht unser Blickwinkel sein.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Lebenserhaltungsargumente der Bundes\u00e4rztekammer in Sachen \u00a7 218 widersprechen \u00fcbrigens denen in Sachen Zwangsern\u00e4hrung von Untersuchungsgefangenen.<\/p>\n<p>Es kommt darauf an, dass die Masse der Abh\u00e4ngigen sich ihrer Bedeutung gegen\u00fcber der noch immer tonangebenden Minderheit auch im Gesundheitswesen bewusst sind. Das ist die Aufgabe der kommenden Jahre.<\/p>\n<p>Kategorie: vorg\u00e4nge: Artikel<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2617,2645],"tags":[],"autoren":[],"class_list":["post-14591","termin","type-termin","status-publish","hentry","category-2617","category-fritz-bauer-preis"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zur Krise unseres Gesundheitswesens - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1975\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zur Krise unseres Gesundheitswesens - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Klaus Waterstradt aus: vorg\u00e4nge Nr. 13 (Heft 1\/1975), S. 84-88 Die Zeiten \u00e4ndern sich und wir \u00e4ndern uns in ihnen. Es gab eine Zeit, in der unser Gesundheitswesen und die sozialen Ma\u00dfnahmen bei uns als fortschrittlich und vorbildlich f\u00fcr die anderen angesehen wurden. Auf diesem Standpunkt zu beharren, ruft jedoch berechtigte Kritik auf den Plan. [weiterlesen]\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1975\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"2020-08-03T05:52:45+00:00\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:site\" content=\"@humunion\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"11\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\\\/\\\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"WebPage\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/veranstaltungen\\\/1975\\\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\\\/\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/veranstaltungen\\\/1975\\\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\\\/\",\"name\":\"Zur Krise unseres Gesundheitswesens - Humanistische Union\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#website\"},\"datePublished\":\"1975-01-31T17:00:00+00:00\",\"dateModified\":\"2020-08-03T05:52:45+00:00\",\"breadcrumb\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/veranstaltungen\\\/1975\\\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\\\/#breadcrumb\"},\"inLanguage\":\"de\",\"potentialAction\":[{\"@type\":\"ReadAction\",\"target\":[\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/veranstaltungen\\\/1975\\\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\\\/\"]}]},{\"@type\":\"BreadcrumbList\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/veranstaltungen\\\/1975\\\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\\\/#breadcrumb\",\"itemListElement\":[{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":1,\"name\":\"Termine\",\"item\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/termine\\\/%year%\\\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":2,\"name\":\"Veranstaltungen\",\"item\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/themen\\\/veranstaltungen\\\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":3,\"name\":\"Nach Jahren\",\"item\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/themen\\\/veranstaltungen\\\/nach-jahren\\\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":4,\"name\":\"2008\",\"item\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/themen\\\/veranstaltungen\\\/nach-jahren\\\/2008\\\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":5,\"name\":\"Zur Krise unseres Gesundheitswesens\"}]},{\"@type\":\"WebSite\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#website\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/\",\"name\":\"Humanistische Union\",\"description\":\"\",\"publisher\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#organization\"},\"potentialAction\":[{\"@type\":\"SearchAction\",\"target\":{\"@type\":\"EntryPoint\",\"urlTemplate\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/?s={search_term_string}\"},\"query-input\":{\"@type\":\"PropertyValueSpecification\",\"valueRequired\":true,\"valueName\":\"search_term_string\"}}],\"inLanguage\":\"de\"},{\"@type\":\"Organization\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#organization\",\"name\":\"Humanistische Union e.V.\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/\",\"logo\":{\"@type\":\"ImageObject\",\"inLanguage\":\"de\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#\\\/schema\\\/logo\\\/image\\\/\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2023\\\/09\\\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg\",\"contentUrl\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2023\\\/09\\\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg\",\"width\":1000,\"height\":536,\"caption\":\"Humanistische Union e.V.\"},\"image\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#\\\/schema\\\/logo\\\/image\\\/\"},\"sameAs\":[\"https:\\\/\\\/x.com\\\/humunion\",\"https:\\\/\\\/mastodon.social\\\/@humunion\",\"https:\\\/\\\/bsky.app\\\/profile\\\/humanistischeunion.bsky.social\"]}]}<\/script>\n<!-- \/ Yoast SEO plugin. -->","yoast_head_json":{"title":"Zur Krise unseres Gesundheitswesens - Humanistische Union","robots":{"index":"index","follow":"follow","max-snippet":"max-snippet:-1","max-image-preview":"max-image-preview:large","max-video-preview":"max-video-preview:-1"},"canonical":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1975\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\/","og_locale":"de_DE","og_type":"article","og_title":"Zur Krise unseres Gesundheitswesens - Humanistische Union","og_description":"Klaus Waterstradt aus: vorg\u00e4nge Nr. 13 (Heft 1\/1975), S. 84-88 Die Zeiten \u00e4ndern sich und wir \u00e4ndern uns in ihnen. Es gab eine Zeit, in der unser Gesundheitswesen und die sozialen Ma\u00dfnahmen bei uns als fortschrittlich und vorbildlich f\u00fcr die anderen angesehen wurden. Auf diesem Standpunkt zu beharren, ruft jedoch berechtigte Kritik auf den Plan. [weiterlesen]","og_url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1975\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\/","og_site_name":"Humanistische Union","article_modified_time":"2020-08-03T05:52:45+00:00","twitter_card":"summary_large_image","twitter_site":"@humunion","twitter_misc":{"Gesch\u00e4tzte Lesezeit":"11\u00a0Minuten"},"schema":{"@context":"https:\/\/schema.org","@graph":[{"@type":"WebPage","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1975\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\/","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1975\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\/","name":"Zur Krise unseres Gesundheitswesens - Humanistische Union","isPartOf":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#website"},"datePublished":"1975-01-31T17:00:00+00:00","dateModified":"2020-08-03T05:52:45+00:00","breadcrumb":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1975\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\/#breadcrumb"},"inLanguage":"de","potentialAction":[{"@type":"ReadAction","target":["https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1975\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\/"]}]},{"@type":"BreadcrumbList","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/1975\/zur-krise-unseres-gesundheitswesens\/#breadcrumb","itemListElement":[{"@type":"ListItem","position":1,"name":"Termine","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/termine\/%year%\/"},{"@type":"ListItem","position":2,"name":"Veranstaltungen","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/"},{"@type":"ListItem","position":3,"name":"Nach Jahren","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/nach-jahren\/"},{"@type":"ListItem","position":4,"name":"2008","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/nach-jahren\/2008\/"},{"@type":"ListItem","position":5,"name":"Zur Krise unseres Gesundheitswesens"}]},{"@type":"WebSite","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#website","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/","name":"Humanistische Union","description":"","publisher":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#organization"},"potentialAction":[{"@type":"SearchAction","target":{"@type":"EntryPoint","urlTemplate":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?s={search_term_string}"},"query-input":{"@type":"PropertyValueSpecification","valueRequired":true,"valueName":"search_term_string"}}],"inLanguage":"de"},{"@type":"Organization","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#organization","name":"Humanistische Union e.V.","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/","logo":{"@type":"ImageObject","inLanguage":"de","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#\/schema\/logo\/image\/","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg","contentUrl":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg","width":1000,"height":536,"caption":"Humanistische Union e.V."},"image":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#\/schema\/logo\/image\/"},"sameAs":["https:\/\/x.com\/humunion","https:\/\/mastodon.social\/@humunion","https:\/\/bsky.app\/profile\/humanistischeunion.bsky.social"]}]}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/termin\/14591","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/termin"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/types\/termin"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/media?parent=14591"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/categories?post=14591"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/tags?post=14591"},{"taxonomy":"autoren","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/autoren?post=14591"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}