{"id":14931,"date":"2020-08-30T10:24:08","date_gmt":"2020-08-30T08:24:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/geld_macht_fettsuechtig\/"},"modified":"2020-08-30T10:24:08","modified_gmt":"2020-08-30T08:24:08","slug":"geld_macht_fettsuechtig","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/geld_macht_fettsuechtig\/","title":{"rendered":"Geld macht fetts\u00fcchtig"},"content":{"rendered":"<h5>Das Verh&auml;ltnis zu Gott: Ans Zahlen gebunden <\/h5>\n<h6>von Christa Nickels, aus: Die Zeit vom 26. 9. 1990<\/h6>\n<p>Als am 9. November letzten Jahres die Mauer fiel, da waren wir alle voller Freude und Staunen. Mit der Mauer fiel die Manifestation von Unterdr\u00fcckung, Unfreiheit, von Block- und Lagermentalit\u00e4t, fiel ein Symbol des Kalten Krieges. Das hatten nicht Armeen oder m\u00e4chtige Apparate erreicht. Das war das Werk Tausender Menschen, die lange Zeit genau hingesehen hatten, klar aussprachen was sie sahen, und den L\u00fcgen entgegentraten, die h\u00f6chstpers\u00f6nlich aufgestanden sind und auf den Stra\u00dfen demonstrierten. Die dort, wo sie nichts sagen durften, eine Kerze anz\u00fcndeten. Gewaltlosigkeit hat \u00fcber steingewordene Gewalt gesiegt! Die DDR-Kirchen, viel \u00e4rmer als unsere, boten diesen Leuten Schutz und Asyl. Sie \u00f6ffneten ihnen die Kirchent\u00fcren und gingen zusammen mit ihnen auf die Stra\u00dfen. Sie wurden zum Ausgangspunkt f\u00fcr die gro\u00dfen Demonstrationen. Die Kirchen waren das, was sie sein sollen &#8211; Beistand f\u00fcr Menschen, Begleitung f\u00fcr Menschen auf dem von ihnen selbst gestalteten Weg zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Sch\u00f6pfung. Die Menschen selbst &#8211; das &#132;Salz der Erde&#148;, das &#132;Licht der Welt&#148; -&#132;Steine des Ansto\u00dfes&#8220;!<\/p>\n<p>Heute, ein Jahr sp\u00e4ter, ist der Aufbruch der DDR unter das Diktat einer rasenden Zeitmaschine und unter die Fuchtel der \u00d6konomie geraten. Viele Menschen sind arbeitslos, noch weit mehr werden ihren Arbeitsplatz verlieren, die Lebenshaltungskosten steigen, die traditionelle Lebens- und Arbeitsweise zerf\u00e4llt den Menschen unter den H\u00e4nden. Und durch alles zieht sich wie eine schleichende Krankheit die Frage, was der eigene Anteil daran war, da\u00df dieses Unrechtsregime so lange m\u00e4chtig bleiben konnte. Zukunftsangst, Sinnfragen und die Suche nach Mitgestaltungsm\u00f6glichkeiten treiben die Menschen um. Da ist das Engagement der Kirchen ebenso brotn\u00f6tig wie in vorrevolution\u00e4ren Zeiten.<\/p>\n<p>Aber wieso ist der erste Akt im deutsch-deutschen Amtskirchenkonzert die Einf\u00fchrung des Kirchensteuersystems auch in der DDR? Weil die notwendige Unabh\u00e4ngigkeit der Kirchen und die F\u00fclle der Aufgaben das erforderlich und ratsam erscheinen lassen, so lautet die Antwort. Was das mit Unabh\u00e4ngigkeit zu tun hat, wenn Kirchen sich mit staatlichen B\u00fcrokratien verb\u00fcnden, ist mir ein R\u00e4tsel. Unser Kirchensteuersystem bedeutet: Die Kirchensteuer wird prozentual von der Lohn- und Einkommensteuer erhoben. Damit macht diese Haupteinnahmequelle die Kirchen (in der Bundesrepublik bringt sie den Kirchen 1990 immerhin vierzehn Milliarden Mark ein) abh\u00e4ngig von der staatlichen Lohn- und Steuerpolitik wie auch vom Wirtschaftswachstum. Der Einzug der Steuer wird von den Bundesl\u00e4ndern \u00fcber die Finanz\u00e4mter betrieben, bei Zahlungsunwilligen bis hin zur Pf\u00e4ndung. ArbeitnehmerInnen sind gezwungen, auf der Lohnsteuerkarte den Arbeitgeber \u00fcber ihre Konfessionszugeh\u00f6rigkeit zu informieren. Die Arbeitgeber wiederum m\u00fcssen die Buchhaltungskosten f\u00fcr den Kirchensteuereinbehalt mit\u00fcbernehmen, selbst wenn sie nicht mit den Zielen der Kirchen \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n<p>Ist das etwa noch vereinbar mit der in Artikel 4 Grundgesetz normierten Glaubens- und Gewissensfreiheit? Eine besonders pikante Frage in bezug auf die DDR, wo nur etwa drei\u00dfig Prozent der Bev\u00f6lkerung sich zu den beiden gro\u00dfen christlichen Konfessionen bekennen. Kirchen, die sich wirtschaftlich so an den Staat binden, sind im Konfliktfall potentiell erpre\u00dfbar mit der Drohung, da\u00df der Geldhahn zugedreht wird. Das ist ein gro\u00dfes Hindernis f\u00fcr die Kirchen, ihre Glaubw\u00fcrdigkeit und kritische Distanz zur Gesellschaft zu wahren. So h\u00e4ngt das politische Stillhalten der Kirche in den fr\u00fchen Jahren der Hitlerdiktatur sicher auch mit den engen Bindungen an den Staat zusammen. Das Kirchensteuersystem beg\u00fcnstigt auch eine Verselbst\u00e4ndigung der innerkirchlichen B\u00fcrokratie. Es beg\u00fcnstigt die Machtkonzentration auf h\u00f6heren Leitungsebenen, die bei den Katholiken ausschlie\u00dflich M\u00e4nnern vorbehalten sind, und macht Pfarreien und kirchliche Einrichtungen von diesen M\u00e4nnern und ihren Verwaltungsapparaten abh\u00e4ngig. Diese Abh\u00e4ngigkeit wird in der Bundesrepublik seit Jahr und Tag schamlos zur Disziplinierung aufm\u00fcpfiger Laiengremien oder &#8222;abweichlerisch&#8220; lebender oder redender Gl\u00e4ubiger ausgenutzt.<\/p>\n<p>Die Beispiele finanziellen Drucks von oben f\u00fcllen ganze Ordner. Gl\u00e4ubigen, die diese durch &#132;Geldfettsucht&#8220; ausgel\u00f6sten Fehlentwicklungen ihrer Kirche nicht mehr mit ihren Kirchensteuern f\u00f6rdern wollen, bleibt nur der Weg des Kirchenaustritts vor dem Amtsgericht oder Standesamt, ein Schritt, der in den Bist\u00fcmern K\u00f6ln und Trier automatisch die Exkommunikation nach sich zieht. Das Verh\u00e4ltnis zu Gott ist f\u00fcr die Mitglieder der christlichen Gro\u00dfkirchen in der Bundesrepublik Deutschland ans Zahlen gebunden. Unsere Kirchenoberen pflegen bei Kritik gerne auf die segensreichen Fr\u00fcchte der Kirchensteuer im Sozial- und Bildungswesen hinzuweisen. Aber leider ist auch das nur ein frommes Bischofsm\u00e4rchen. Tats\u00e4chlich gibt die katholische Kirche gerade mal sieben Prozent, die evangelische Kirche neun Prozent der Einnahmen f\u00fcr soziale Zwecke wieder aus. Zwar haben die gro\u00dfen christlichen Kirchen auf dem sozialen Sektor mittlerweile als zweitgr\u00f6\u00dfte Arbeitgeberin in der Bundesrepublik Deutschland &#8211; mit mehr als 500000 Besch\u00e4ftigten &#8211; eine Monopolstellung. Ihre finanzielle Beteiligung liegt aber nur bei etwa dreizehn Prozent der anfallenden Kosten. Den Rest tragen die L\u00e4nder, Kommunen, Krankenkassen oder Privatpersonen.<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Beitrag \u00fcben sie geh\u00f6rigen Druck auf die Belegschaften aus. Die Kirche ist keine Arbeitgeberin wie jede andere. Entgegen den Forderungen der katholischen Soziallehre schr\u00e4nkt sie die MitarbeiterInnenrechte ein. So mu\u00df bei Ehescheidung oder Heirat eines geschiedenen Partners, bei Kirchenaustritt und Stellungnahmen gegen die kirchliche Lehrmeinung mit K\u00fcndigung oder Nichteinstellung gerechnet werden. In manchen Gegenden Deutschlands kommt das f\u00fcr Betroffene aus bestimmten Berufen &#8211; zum Beispiel f\u00fcr ErzieherInnen &#8211; einem Berufsverbot gleich. H\u00e4ufig nutzen die Kirchen ihre Monopolstellung auch dazu, Konkurrenz im Sozialbereich aus den sozialen Bewegungen mit unfeinen Methoden wegzubei\u00dfen. Diese Praktiken stehen meiner Meinung nach nicht in \u00dcbereinstimmung mit Artikel 3 Absatz 3 Grundgesetz, der besagt, da\u00df niemand wegen seines Glaubens, seiner religi\u00f6sen oder politischen Weltanschauung benachteiligt werden darf. Wie kommt es, da\u00df bei uns die meisten Gl\u00e4ubigen trotzdem ihre Kirchensteuer einziehen lassen? Mir scheint, da\u00df so ein Verhalten sich aus dem Gef\u00fchl speist, mit der Zahlung der Kirchensteuer, in so eine Art &#8222;Liebe-Gott-Versicherung&#148; einzuzahlen. Damit erkaufen wir uns einmal den sakralen Rahmen f\u00fcr wichtige Lebensabschnitte.<\/p>\n<p>Zum anderen erwarten wir, da\u00df die Versicherungsagentin Kirche uns bei Eintritt eines &#132;Schadensfalles&#148; wie einer schweren Krankheit oder dem Tod sicher &#132;ans rettende Ufer&#148; geleitet. Durch das Kirchensteuerzahlen &#132;entlasten&#148; sich viele auch davon, sich pers\u00f6nlich von der frohen Botschaft des Evangeliums anr\u00fchren zu lassen. Durch die Entrichtung des Obulus f\u00fchlen sie sich davon befreit, selbst parteilich zu sein f\u00fcr Arme, Verachtete und an den Rand Gedr\u00e4ngte. Die Kirchenoberen wissen das und tun wenig, um es zu \u00e4ndern, sichert es doch ihre Machtf\u00fclle.<\/p>\n<p>Die Einladung des Evangeliums an alle Menschen, die Geborgenheit des eigenen Lebens aus der Nachfolge Jesu zu sch\u00f6pfen, halten die Kirchenoberen offensichtlich f\u00fcr eine uneinl\u00f6sbare Zumutung an ihre Sch\u00e4fchen. Sie trauen den Menschen nichts zu. Sie scheinen nicht an die starke soziale Kraft von Freiwilligkeit zu glauben und erst recht nicht daran, da\u00df Christinnen und Christen sich f\u00fcr eine Kirche, die sich als pilgerndes Volk Gottes auf dem Wege versteht, tatkr\u00e4ftig und freiwillig mit Kopf, Herz, Hand und auch mit ihrem Geldbeutel einsetzen. So k\u00f6nnen und so wollen die Kirchen nicht begreifen, da\u00df sie mit der Einf\u00fchrung der Kirchensteuer in der DDR den Anteil der Kirchen an der friedlichen Revolution in der DDR verleugnen, die ja auch ein St\u00fcck weit von der Kraft widerst\u00e4ndig und eigenverantwortlich gelebten Glaubens getragen worden ist.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"class_list":["post-14931","thema","type-thema","status-publish","hentry"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Geld macht fetts\u00fcchtig - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/geld_macht_fettsuechtig\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Geld macht fetts\u00fcchtig - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Das Verh&auml;ltnis zu Gott: Ans Zahlen gebunden von Christa Nickels, aus: Die Zeit vom 26. 9. 1990 Als am 9. 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