{"id":14957,"date":"2020-08-30T10:24:08","date_gmt":"2020-08-30T08:24:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/lehne_kriminalstatistik\/"},"modified":"2021-08-31T10:13:45","modified_gmt":"2021-08-31T08:13:45","slug":"lehne_kriminalstatistik","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/lehne_kriminalstatistik\/","title":{"rendered":"Die Kriminalstatistik: Sicherheitsbarometer oder T\u00e4tigkeitsnachweis der Polizei?"},"content":{"rendered":"<div>\n<div class=\"articifical-news\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/innere-sicherheit\/sicherheit-freiheit\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/d83c746c38.gif\" width=\"400\" height=\"38\" border=\"0\" alt=\"Logo der taz-Beilage\" title=\"Logo der taz-Beilage\"><\/a><\/div>\n<div class=\"csi-text\">\n<h4 align=\"center\">Gegen die Krimi&shy;nal&shy;po&shy;litik mit der Angst<\/h4>\n<p align=\"center\" class=\"bodytext\">Verlagsbeilage der Humanistischen Union in der tageszeitung (taz) vom September 1998 (Redaktion: Roland Otte)<\/p>\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><b>von Werner Lehne<\/b><\/p>\n<p>In der &ouml;ffentlichen Debatte &uuml;ber Kriminalit&auml;t und Innere Sicherheit wird auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) regelm&auml;&szlig;ig als vermeintlich objektives Sicherheitsbarometer Bezug genommen. Eine wachsende Anzahl von registrierten Straftaten gilt als Beleg f&uuml;r eine dramatische Zunahme der Bedrohung durch Kriminalit&auml;t, eine zunehmende Registrierung von einzelnen Delikten als Indikator entsprechender Problemversch&auml;rfung. Aktuell findet sich besonders h&auml;ufig der Verweis auf die Zahlen zur polizeilich registrierten Jugendkriminalit&auml;t. Eine 10%ige Zunahme (jeweils von 1996 auf 1997) der als Tatverd&auml;chtige registrierten Kinder gilt als Nachweis f&uuml;r ein massives Anwachsen der &#8222;Kinderkriminalit&auml;t&#8220;, der Anstieg der Registrierungen deutscher Jugendlicher wegen K&ouml;rperverletzung um 17% und wegen Raubdelikten um 19% als Beleg f&uuml;r die &#8222;Explosion&#8220; der Jugendgewalt.<\/p>\n<p>Damit werden selektiv Zahlenwerte aus der PKS herausgegriffen, die die Wahrnehmung eines dramatischen Anstiegs der Kriminalit&auml;t zu st&uuml;tzen scheinen. Es gibt aber eine ganze Reihe von Entwicklungen, die kontr&auml;r zum verbreiteten Kriminalit&auml;tsszenario verlaufen:<\/p>\n<ul>\n<li>In den letzten vier Jahren ist die registrierte Gesamtkriminalit&auml;t konstant bis r&uuml;ckl&auml;ufig, und zwischen 1980 und 1990 nur halb so stark gestiegen wie zwischen 1970 und 1980.<\/li>\n<li>Die Anzahl der registrierten T&ouml;tungsdelikte ist seit Jahrzehnten weitgehend gleichbleibend.<\/li>\n<li>Die Anzahl der registrierten F&auml;lle des &#8222;sexuellen Mi&szlig;brauchs von Kindern&#8220; weist &uuml;ber die letzten Jahre eine relative Konstanz auf einem Niveau erheblich unter den Werten von 1970 und 1980 auf.<\/li>\n<li>Die Anzahl der registrierten &#8222;Sexualmorde&#8220; lag 1980 um &uuml;ber 50% h&ouml;her als in den 90er Jahren.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Zahlen scheinen eher Anla&szlig; f&uuml;r Entwarnung zu geben. Allerdings w&auml;re ein solcher Bezug auf die PKS genauso unseri&ouml;s wie der momentan vorwiegend praktizierte. Die PKS ist n&auml;mlich kein objektives Abbild des gesellschaftlichen Kriminalit&auml;tsaufkommens. Sie ist eine staatliche Registratur, die nach spezifischen Regeln zustande kommt und &uuml;ber ganz andere Fragen als die gesellschaftliche Sicherheitslage Auskunft gibt.<\/p>\n<p>Vor allem dr&uuml;ckt die PKS aus, in welchem Umfang strafrechtsrelevante Vorkommnisse an die Polizei herangetragen wurden. Etwa 90% der erfa&szlig;ten Straftaten gehen auf private Anzeigen zur&uuml;ck. Aus der Forschung wei&szlig; man, da&szlig; die Anzeigeerstattung bei der Polizei keineswegs selbstverst&auml;ndlich ist, sondern sehr selektiv stattfindet &ndash; je nach Delikt in 10 bis 80% der F&auml;lle. Die Anl&auml;sse zur Anzeige reichen dabei von dem banalen Umstand, da&szlig; viele Versicherungen eine Anzeigeerstattung zur Voraussetzung der Schadensabwicklung z.B. bei Fahrraddiebst&auml;hlen machen, &uuml;ber Situationen der Hilflosigkeit, in denen Unterst&uuml;tzung von der Polizei und Justiz erwartet wird, bis zu den eher seltenen F&auml;llen eines expliziten Strafbed&uuml;rfnisses.<\/p>\n<p>Was von der Polizei als Kriminalit&auml;t registriert wird, ist weitgehend Ausdruck dieses Anzeigeverhaltens der Bev&ouml;lkerung. Entwicklungen der registrierten Gesamtkriminalit&auml;t reflektieren den Wandel des Anzeigeverhaltens. Massive Anstiege der vermerkten Kriminalit&auml;t in den letzten 30 Jahren lassen sich als Resultat gesellschaftlicher &#8222;Modernisierung&#8220; erkl&auml;ren (Verbreitung von Versicherungsschutz, Professionalisierung der Verfolgung des Ladendiebstahls, zunehmende Formalisierung der Konfliktaustragung etc.), die zu einer h&auml;ufigeren Mobilisierung von Polizei und Strafrecht gef&uuml;hrt hat.<\/p>\n<p>An die Stelle informeller sozialer Kontrolle tritt die formelle staatliche Kontrolle. So sind auch die hohen Zuwachsraten bei der Registrierung jugendlicher Tatverd&auml;chtiger wegen Gewaltdelikten keineswegs mit einer tats&auml;chlichen Zunahme von Jugendgewalt gleichzusetzen. Sie sind genauso Hinweis auf eine ver&auml;nderte gesellschaftliche Praxis im Umgang mit gewaltbesetztem Verhalten von Jugendlichen, das zunehmend &uuml;ber eine Anzeige bei der Polizei einer justitiellen Weiterbearbeitung zugef&uuml;hrt wird.<\/p>\n<p>Die PKS sagt auch etwas dar&uuml;ber aus, welche Arbeitsschwerpunkte die Polizei setzt. Es gibt einige Delikte, bei denen es ausschlie&szlig;lich von der aktiven Kontrollt&auml;tigkeit der Polizei abh&auml;ngt, in welchem Umfang sie in der PKS in Erscheinung treten. So ist gerade in den letzten Jahren die steigende Anzahl der registrierten Verst&ouml;&szlig;e gegen das Bet&auml;ubungsmittelgesetz das Ergebnis intensivierten polizeilichen Vorgehens gegen &#8222;offene Drogenszenen&#8220; und unvermeidliches &#8222;Abfallprodukt&#8220; versch&auml;rfter Kontrollen, die eigentlich gar nicht auf die Bestrafung von Konsumenten abzielen, sondern lediglich deren Verdr&auml;ngung aus bestimmten st&auml;dtischen Regionen zum Ziel haben.<\/p>\n<p>Eine seri&ouml;se Bezugnahme auf die Zahlenangaben der PKS hat den genannten Zusammenh&auml;ngen Rechnung zu tragen. Als Indikator der gesellschaftlichen Sicherheitslage ist die PKS ungeeignet. Sie ist ein Spiegel des gesellschaftlichen Einsatzes polizeilicher und strafrechtlicher Ressourcen im Rahmen der Verarbeitung unterschiedlichster Problemlagen. Sie sagt etwas dar&uuml;ber aus, in welchem Ausma&szlig; und in welchem Kontext Privatpersonen und kommerzielle Kontrolleure diese Ressourcen mobilisieren und mit welcher Intensit&auml;t und Selektivit&auml;t die Polizei im Bereich &#8222;opferloser&#8220; Delikte Kontrollen durchf&uuml;hrt.<\/p>\n<p><i>Dr. Werner Lehne ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie an der Universit&auml;t Hamburg. Zum Thema &#8222;Kriminalit&auml;tsstatistik und Kriminalpolitik&#8220; ver&ouml;ffentlichte er zuletzt einen Artikel in: Wilfried Breyvogel (Hg.), Stadt, Jugendkulturen und Kriminalit&auml;t, (Dietz-Verlag) Bonn 1998.<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":14985,"template":"","categories":[],"tags":[],"class_list":["post-14957","thema","type-thema","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Kriminalstatistik: Sicherheitsbarometer oder T\u00e4tigkeitsnachweis der Polizei? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/lehne_kriminalstatistik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Kriminalstatistik: Sicherheitsbarometer oder T\u00e4tigkeitsnachweis der Polizei? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Gegen die Krimi&shy;nal&shy;po&shy;litik mit der Angst Verlagsbeilage der Humanistischen Union in der tageszeitung (taz) vom September 1998 (Redaktion: Roland Otte) &nbsp; von Werner Lehne In der &ouml;ffentlichen Debatte &uuml;ber Kriminalit&auml;t und Innere Sicherheit wird auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) regelm&auml;&szlig;ig als vermeintlich objektives Sicherheitsbarometer Bezug genommen. 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