{"id":6492,"date":"2017-02-27T10:07:00","date_gmt":"2017-02-27T09:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/populismus-in-der-sicherheitsdebatte\/"},"modified":"2021-09-04T00:02:39","modified_gmt":"2021-09-03T22:02:39","slug":"populismus-in-der-sicherheitsdebatte","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/populismus-in-der-sicherheitsdebatte\/","title":{"rendered":"Populismus in der Sicherheitsdebatte"},"content":{"rendered":"<p><i>Das vergangene Jahr markiert eine Wende: 2016 wurden in Deutschland gleich mehrere Terroranschl\u00e4ge ver\u00fcbt, bei denen sich die T\u00e4ter\/innen auf islamistische Motive beriefen. Der Anschlag am 19. Dezember auf dem Berliner Breitscheidplatz kostete 12 Menschen das Leben, zahlreiche Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Ohne Zweifel: der islamistische Terror ist in Deutschland angekommen. Dass Sicherheitspolitiker auf diese Situation reagieren, ja reagieren m\u00fcssen, ist unbestreitbar. Wie sie reagieren, ist dann doch befremdlich.<\/i><\/p>\n<p>W&auml;hrend sich die Berliner &Ouml;ffentlichkeit nach einigen Tagen des Schocks und der Trauer sehr besonnen zeigte, &uuml;berbietet sich der Bundesinnenminister nahezu t&auml;glich mit neuen Vorschl&auml;gen zu weiteren Sicherheitsgesetzen. Dabei ist noch unklar, warum der mutma&szlig;liche T&auml;ter zwar monatelang von verschiedenen Sicherheitsbeh&ouml;rden observiert wurde, diese aber dennoch wenige Wochen vor dem Anschlag zu der Einsch&auml;tzung gelangten, dass &bdquo;kein konkreter Gef&auml;hrdungssachverhalt erkennbar&ldquo; sei, Amri deshalb unbehelligt blieb und seinen t&ouml;dlichen Plan umsetzen konnte. Die bisher vorliegende Dokumentation zum &bdquo;Beh&ouml;rdenhandeln&ldquo; im Fall Anis Amri [1] &ndash; ein anerkennenswertes Bem&uuml;hen um mehr Transparenz &#8211; wirft zahlreiche Fragen auf, aber liefert keine Erkl&auml;rung f&uuml;r das Scheitern der Gefahrenabwehr. Insbesondere taugt sie nicht als Begr&uuml;ndung f&uuml;r die Vorschl&auml;ge, die der Innenminister jetzt publikumswirksam &bdquo;f&uuml;r einen starken Staat in schwierigen Zeiten&ldquo; unterbreitet. [2]<\/p>\n<p>Die sicherheitspolitischen Reflexe, die nach solchen Ereignissen einsetzen, sind seit Jahren die gleichen: f&uuml;r Polizeibeh&ouml;rden und Geheimdienste werden mehr Befugnisse gefordert, etwa zur Erschlie&szlig;ung neuer Informationsbest&auml;nde oder zum erleichterten Datenaustausch zwischen den Beh&ouml;rden; hinzu gesellt sich der Ruf nach sch&auml;rfen Strafvorschriften; zudem sei der Abbau f&ouml;deraler Strukturen und eine St&auml;rkung zentraler Bundesbeh&ouml;rden unumg&auml;nglich. Bei der Regelm&auml;&szlig;igkeit, mit der solche Forderungen erhoben werden, k&ouml;nnte man erwarten, dass die Erfolgsaussichten dieser repressiven Sicherheitspolitik als gesichert gelten. Das ist aber keineswegs so. Zwar wurden in den letzten Jahren zahlreiche &bdquo;Sicherheitsgesetze&ldquo; verabschiedet &ndash; welchen Gewinn an Sicherheit sie bringen, ist weitgehend unbekannt. Angesichts der hohen Verantwortung, die der Gesetzgeber hier f&uuml;r Leben und Gesundheit der Bev&ouml;lkerung hat, ist es ein Unding, dass das gesetzgeberische Handeln in der Sicherheitspolitik oft der Logik des H&ouml;rensagens folgt. Eine ernsthafte, wissenschaftlichen Ma&szlig;st&auml;ben gen&uuml;gende &Uuml;berpr&uuml;fung der Wirksamkeit gibt es nur punktuell. Ob die Strategie, immer neue Formen der Massen&uuml;berwachung zuzulassen und damit den Datenhaufen bei Polizei und Geheimdiensten zu vergr&ouml;&szlig;ern, diese wirklich in die Lage versetzt, qualifiziertere Lagebeurteilungen abzugeben und effektivere Gefahrenabwehr zu betreiben, darf man bezweifeln. Auch der Ruf nach immer neuen Befugnissen zum Datenaustausch zwischen den Beh&ouml;rden kann nicht wirklich &uuml;berzeugen, solange sich Polizeibeh&ouml;rden und Geheimdienste bei der &Uuml;berwachung von Gef&auml;hrdern immer wieder in die Quere kommen und der Austausch in der Praxis eine Einbahnstra&szlig;e ist: die Polizei liefert alles ab, die Dienste mauern mit Verweis auf ihren Quellenschutz. Besonders unglaubw&uuml;rdig wird eine solche Sicherheitspolitik aber, wenn ihre Vorschl&auml;ge &ndash; wie der Innenminister im oben zitierten Text selbst einr&auml;umt &ndash; bereits vor den Anschl&auml;gen in der Schublade lagen und danach als &bdquo;entsprechende Vorschl&auml;ge unterbreitet&ldquo; werden.<\/p>\n<p>Ein Beispiel derart populistischer Sicherheitspolitik ist das j&uuml;ngst in den Bundestag eingebrachte &#8222;Video&uuml;berwachungsverbesserungsgesetz&#8220; (<a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/18\/109\/1810941.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BT-Drs. 18\/10941 v. 23.1.2017<\/a>). Schon der Titel dieses Gesetzes f&uuml;hrt in die Irre: das Gesetz verbessert keineswegs die Video&uuml;berwachung, sondern erweitert lediglich deren Anwendungsbereich. Wenn im Vorschlag davon die Rede ist, dass die erweiterte Video&uuml;berwachung &ouml;ffentlicher Anlagen und des Nahverkehrs im Interesse der Allgemeinheit erfolge, weil sie &bdquo;die Sicherheit der Bev&ouml;lkerung pr&auml;ventiv&ldquo; erh&ouml;he &ndash; so ist das ein leeres Versprechen. Der vermeintliche Sicherheitsgewinn durch Videokameras wird seit Jahren wissenschaftlich untersucht &ndash; nicht nur von kritischer Seite, auch von polizeinahen Wissenschaftlern. Die Ergebnisse sind ern&uuml;chternd: au&szlig;er in wenigen Ausnahmef&auml;llen (etwa: Parkh&auml;usern) tragen Video&uuml;berwachungsanlagen kaum zum besseren Schutz vor Kriminellen bei. Zu gro&szlig; sind die Gew&ouml;hnungseffekte, die M&ouml;glichkeiten zum Austricksen der Kameras und zur Verlagerung des kriminellen Geschehens in andere Bereiche. Ber&uuml;cksichtigt man die immer wieder beschriebene Diffusion der Verantwortung, die von den Kameras ausgeht (&bdquo;Warum soll ich bei &Uuml;bergriffen eingreifen, wenn das Ganze aufgezeichnet wird.&ldquo;), entpuppen sich die Kameras teilweise sogar als Sicherheitsfalle.<\/p>\n<p>Sigmar Gabriel ist unbedingt darin zuzustimmen, dass &Auml;ngste und Sicherheitsbed&uuml;rfnisse der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger ernst zu nehmen sind, gerade auch weil Erfahrungen der Unsicherheit stark vom sozialen Status der Betroffenen abh&auml;ngen.[3] Das hei&szlig;t aber keineswegs, dass alles, was gef&uuml;hlt mehr Sicherheit bringt, wirklich einen Sicherheitsgewinn darstellt. Wie wenig die Videokameras f&uuml;r echte Sicherheit sorgen, zeigt das Beispiel der Berliner Verkehrsbetriebe &ndash; ein Ort, an dem die Verrohung und Verwahrlosung des &ouml;ffentlichen Raumes greifbar wird. In den Berliner U-Bahnen, Bussen und Trams ist die Zahl der Kameras in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, die Zahl der Gewaltdelikte dagegen blieb relativ konstant. Warum sich Terroristen, die ihre Taten nur zu gern dokumentiert sehen wollen, von solchen Kameras mehr abschrecken lassen sollten als &bdquo;gew&ouml;hnliche Kriminelle&ldquo;, bleibt das Geheimnis des Innenministers.<\/p>\n<p>Es w&auml;re ein erster Schritt zu einer nachhaltigen, ehrlichen Sicherheitspolitik, die Grenzen des politisch Machbaren zu benennen. Die Debatte dar&uuml;ber, welche Sicherheitserwartungen wir legitimer Weise an den Staat richten k&ouml;nnen und mit welchen Mitteln diese Sicherheit gew&auml;hrleisten werden soll, ohne grundlegende Prinzipien unserer offenen Gesellschaft aufzugeben &ndash; diese Debatte steht in Deutschland noch aus.&nbsp;<\/p>\n<p>[1] <a href=\"http:\/\/www.bmjv.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/Artikel\/01162017_chronologie_breitscheidplatz.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BMI, BMJV und GBA: Beh&ouml;rdenhandeln um die Person des Attent&auml;ters vom Breitscheidplatz Anis AMRI. Dokumentation vom 17.1.2017<\/a>. <br \/>[2] <a href=\"http:\/\/www.bmi.bund.de\/SharedDocs\/Namensartikel\/DE\/2017\/namensartikel-faz.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thomas de Maizi&egrave;re, Leitlinien f&uuml;r einen starken Staat in schwierigen Zeiten, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3.1.2017<\/a>.<br \/>[3] <a href=\"https:\/\/www.spd.de\/aktuelles\/detail\/news\/sicherheit-ist-soziales-buergerrecht\/09\/01\/2017\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sigmar Gabriel, Sicherheit ist soziales B&uuml;rgerrecht, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9.1.2017<\/a>.<\/p>\n<p><i>Der Beitrag erschien als Gastkommentar in swp &#8211; Zeitschrift f&uuml;r sozialistische Politik und Wirtschaft, Heft 218 (1\/2017).<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[46],"tags":[],"class_list":["post-6492","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-anti-terror-kampf"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Populismus in der Sicherheitsdebatte - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/populismus-in-der-sicherheitsdebatte\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Populismus in der Sicherheitsdebatte - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Das vergangene Jahr markiert eine Wende: 2016 wurden in Deutschland gleich mehrere Terroranschl\u00e4ge ver\u00fcbt, bei denen sich die T\u00e4ter\/innen auf islamistische Motive beriefen. 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