{"id":6538,"date":"1988-12-09T04:13:00","date_gmt":"1988-12-09T03:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-angst-der-frauen-eine-lust-der-maenner\/"},"modified":"2023-05-04T16:02:43","modified_gmt":"2023-05-04T14:02:43","slug":"die-angst-der-frauen-eine-lust-der-maenner","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-angst-der-frauen-eine-lust-der-maenner\/","title":{"rendered":"Die Angst der Frauen &#8211; eine Lust der M\u00e4nner?"},"content":{"rendered":"<p>Heide Hering<\/p>\n<p>aus: Frauenverachtung verbieten? Gegens\u00e4tzliches zur Verrechtlichung eines gesellschaftlichen Problems. HU Schriften Nr. 14 . M\u00fcnchen 1988, Seiten 21-24<\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte, wir stecken in der Klemme. Beim Thema Pornographie stehen sich zwei Grundprinzipien der Humanistischen Union scheinbar unvereinbar gegen\u00fcber: der politische Kampf f\u00fcr eine freiere Sexualit\u00e4t und der politische Kampf gegen die Diskriminierung der Frauen. Beide haben ihre HU-Geschichte. Einerseits gab es in den 60er Jahren einen hei\u00dfen Kampf zwischen Sitte und Anstand auf der einen Seite und Pornographie auf der anderen. Ich selbst war damals noch nicht politisch aktiv &#8211; aber ich entnehme schon allein dem Inhaltsverzeichnis der \u201evorg\u00e4nge&#8220;, da\u00df diese Auseinandersetzung ein HU-Thema war. Unz\u00fcchtige Schriften hie\u00df das seinerzeit, und der Volkswartbund sorgte sich um die Moral der B\u00fcrger; eine \u201eAktion saubere Leinwand&#8220; wachte \u00fcber die Kinog\u00e4nger. Die Humanistische Union setzte sich damals f\u00fcr eine Liberalisierung des Sexualstrafrechts ein, gegen jede Zensur, f\u00fcr die Freigabe der Pornographie. Es war auch die Humanistische Union, die damals f\u00fcr die \u201eSammlung Kronhausen&#8220; eine \u00f6ffentliche Ausstellung erotischer Kunst organisierte. Dieser Tradition der Humanistischen Union bin ich mir durchaus bewu\u00dft. Andererseits waren wir die ersten in der Bundesrepublik, die sich 1976 daran machten, ein Antidiskriminierungsgesetz zu erarbeiten. In diesem Gesetz wurde damals, vor mehr als 10 Jahren, ein Verbot frauenfeindlicher Werbung gefordert. Werbung, die Frauen auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter festlegt, sollte ebenso verboten werden wie eine Herabsetzung von Frauen als Sexualobjekte. Diese Forderung blieb damals in der HU unwidersprochen &#8211; wer wollte sich auch schon f\u00fcr die Freiheit der Werbung stark machen? In der Pornographiedebatte geht es heute um die Fortsetzung dieser damaligen Forderung &#8211; Verbot von frauenfeindlichen Darstellungen -, und das r\u00fchrt heute nun an einem empfindlichen HU-Nerv. Das Anliegen ist das gleiche. Es geht um das Frauenbild in unserer Gesellschaft. Frauen leben in einer Welt, in der sie benachteiligt sind, beruflich, finanziell, politisch. Sie leben in einer Wirklichkeit, in der sie mit sexueller Gewalt rechnen m\u00fcssen. Und genauso werden sie in dieser Gesellschaft auch abgebildet: als doofes Heimchen in den Schulb\u00fcchern, sexuell verf\u00fcgbar in der Werbung, freudig gefesselt und vergewaltigt in der Pornographie. Und jetzt kommen wir, meine ich, zum entscheidenden Punkt, der diskutiert werden sollte: Hat das eine, die gesellschaftliche Wirklichkeit, mit dem anderen etwas zu tun? Ist das Abbild unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit in Schulb\u00fcchern, Werbung und Pornographie einfach nur eine Dokumentation der herrschenden Zust\u00e4nde &#8211; und sonst gar nichts? Oder ist dieses Bild der Frau nicht auch immer zugleich Werbung f\u00fcr diese Frauenrolle? Bleibt die Erfahrung solcher Bilder ohne Folgen? Ohne Auswirkung auf unsere S\u00f6hne und T\u00f6chter, auf unsere Liebhaber &#8211; oder Vergewaltiger? Welche Fantasien werden erst geweckt? Werden diese W\u00fcnsche dann nicht auch in die Tat umgesetzt? Ich will versuchen, diese Frage anhand eines Beispiels zu illustrieren. Es ist mir aufgefallen, da\u00df in den sogenannten \u201esch\u00f6nen&#8220; Fotob\u00fcchern, die dem Akt gewidmet sind (und damit dem weiblichen K\u00f6rper), neben vielen neckischen, erotischen und wirklich sch\u00f6nen Akten, Gewalt auch immer wieder abgebildet wird, nicht grausam, eher mit dem Rohrst\u00f6ckchen. Vor allem aber taucht ein Thema immer wieder auf: die Frau in Angst und Schrecken. Eine Frau auf der Flucht, schreiend, eine Frau, erschreckt, weil eine m\u00e4nnliche Hand ihr die Kleider wegrei\u00dft, eine Frau, vor Angst erstarrt, weil eine m\u00e4nnliche Hand sich von au\u00dfen in die Wohnungst\u00fcr schiebt. Die Angst der Frauen zur Lust der M\u00e4nner. Diese Bilder predigen doch: Es ist toll und aufregend, wenn Frauen sich f\u00fcrchten. Wenn Frauen weglaufen m\u00fcssen &#8211; wie erregend! Ich kann es nicht anders interpretieren. Unsere Gesetzgebung geht offenbar davon aus, da\u00df Bilder und Beschreibungen von Gewalt und sexueller Gewalt ihre Wirkung haben. Wie k\u00e4me sie sonst dazu, Darstellung von Gewalt und Aufstachelung zum Rassenha\u00df zu verbieten? (Die Aufstachelung zu Frauenha\u00df wurde seinerzeit nicht gesehen, ich denke, sie m\u00fc\u00dfte heute erg\u00e4nzt werden.) Wissenschaftliche Beweise \u00fcber den Zusammenhang von Pornographie und Zunahme sexueller Aggression von M\u00e4nnern werden von der Zeitschrift EMMA zitiert. Herr Kentler bestreitet den direkten Zusammenhang. Ein indirekter Zusammenhang ist wohl nicht zu leugnen. Ich sehe die Humanistische Union im Moment gewisserma\u00dfen hin- und hergerissen zwischen den beiden Zielen, Befreiung der Sexualit\u00e4t und Befreiung der Frauen &#8211; um es einmal auf eine vereinfachte Formel zu bringen. Mein Fazit lautet: Es sind dies zwei Verkr\u00fcppelungen, die uns unsere Geschichte beschert hat, auf der einen Seite die Verkr\u00fcppelung unserer Sexualit\u00e4t und auf der anderen Seite die Verkr\u00fcppelung unserer Geschlechterrollen. Beides wollen wir bek\u00e4mpfen. Und wir werden wohl nicht eins davon los werden ohne das andere. Es kann gar keine neue, freiere Sexualit\u00e4t geben ohne ein neues Frauenbild in unser aller K\u00f6pfe und unser aller Lust. Es wird uns wohl nichts anderes \u00fcbrig bleiben, als auf dem Weg zu einer freieren Sexualit\u00e4t auch die Manifestation der Weibchen- und Opferrolle der Frauen zu bek\u00e4mpfen. Der Vorschlag von EMMA zu einem neuen Anti-Pornographiegesetz erscheint mir richtig. Er schafft keinen neuen Tatbestand &#8211; harte Pornographie ist und bleibt verboten. Die \u00dcberwachung dieses Verbots soll nun nicht mehr nur Aufgabe des Staatsanwalts sein, sondern au\u00dferdem in die Hand von Frauen und Frauengruppen gelegt werden. Frauen k\u00f6nnen dann per Zivilklage den Pornographen auf Unterlassung und Schadensersatz verklagen. Und w\u00e4hrend wir dann daf\u00fcr sorgen, da\u00df die alte Pornographie verschwindet, k\u00f6nnen sich ja alle kreativen M\u00e4nner und Frauen den Kopf dar\u00fcber zerbrechen, wie denn eine neue Kunst und Kultur, eine neue erotische Kunst, eine neue Pornographie aussehen kann, wenn Frauen und M\u00e4nner in der Sexualit\u00e4t und im Alltag, im Beruf und im Haushalt auf gleicher Ebene zusammen leben. Sicher sehr anders.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[71],"tags":[],"class_list":["post-6538","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-frauenverachtung"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Angst der Frauen - eine Lust der M\u00e4nner? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-angst-der-frauen-eine-lust-der-maenner\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Angst der Frauen - eine Lust der M\u00e4nner? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Heide Hering aus: Frauenverachtung verbieten? 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