{"id":6539,"date":"1988-12-09T03:15:00","date_gmt":"1988-12-09T02:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/zum-anti-pornographie-gesetzentwurf-der-zeitschrift-emma\/"},"modified":"2023-05-04T16:03:17","modified_gmt":"2023-05-04T14:03:17","slug":"zum-anti-pornographie-gesetzentwurf-der-zeitschrift-emma","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/zum-anti-pornographie-gesetzentwurf-der-zeitschrift-emma\/","title":{"rendered":"Zum Anti-Pornographie-Gesetzentwurf der Zeitschrift EMMA"},"content":{"rendered":"<p>Helmut Kentler<\/p>\n<p>aus: Frauenverachtung verbieten? Gegens\u00e4tzliches zur Verrechtlichung eines gesellschaftlichen Problems. HU Schriften Nr. 14 . M\u00fcnchen 1988, Seiten 25-32<\/p>\n<h5><span id=\"vorbemerkungen\">Vorbemerkungen<\/span><\/h5>\n<p>Strafgesetze sind ungeeignet, um Menschen dazu zu bringen, da\u00df sie ein menschenw\u00fcrdiges Sexualleben in gegenseitiger Achtung f\u00fchren. Werden unerw\u00fcnschte sexuelle Ph\u00e4nomene verboten und bestraft, so werden sie aus dem \u00f6ffentlichen Leben verdr\u00e4ngt; sie sind dann ebenso der sozialen Kontrolle wie den vermenschlichend wirkenden Kultivierungsprozessen entzogen &#8211; sie werden banalisiert und brutalisiert. Die Richtigkeit meiner Auffassung l\u00e4\u00dft sich leicht nachweisen: Wer Abtreibungen rigoros verfolgt, liefert die Frauen den \u201eEngelmacherinnen&#8220; aus; wer die Prostitution unm\u00f6glich zu machen versucht, st\u00f6\u00dft die Prostituierten in menschenunw\u00fcrdige Verh\u00e4ltnisse, st\u00e4rkt die Macht der Zuh\u00e4lter, schafft kriminelle Zust\u00e4nde. Wer die Perversionen ausmerzen will, wirkt pathologisierend und kriminalisierend, er macht Hilfe und Therapie unm\u00f6glich. Wer die Pornographie mit Strafgesetzen bek\u00e4mpfen will, schafft die Zust\u00e4nde, die wir heute haben. Sexuell erregende Texte und Bilder hat es zu allen Zeiten gegeben. Was wir heute als Pornographie bezeichnen, ist jedoch aus jedem historischen Zusammenhang herausgel\u00f6st. Die Pornographie entstand, als das B\u00fcrgertum aus seinen Produktionen die Sexualit\u00e4t rigoros ausschlo\u00df und machte da weiter, wo die b\u00fcrgerliche Kunst aufh\u00f6rte. Losgel\u00f6st aus allen sozialen Bindungen und jeden Realit\u00e4tsbezug leugnend, wurde die pornographische Produktion immer phantastischer. Die Phantasie ist unbegrenzt: Sie \u00fcberschreitet jede Grenze und kann jeden Inhalt mit jedem Inhalt verbinden. Handeln st\u00f6\u00dft immer an Grenzen: Der Handelnde verausgabt sich, er st\u00f6\u00dft auf Schmerzgrenzen, auf Gegenwehr. In der Phantasie aber ist alles m\u00f6glich. Die Pornographie verdankt ihren Ursprung der Verleugnung der sexuellen Begierde. Sie hat immer noch zur Voraussetzung, da\u00df es Verbote gibt und da\u00df die \u00dcberschreitung dieser Verbote lustvoll erlebt wird. Verbots\u00fcberschreitungen sind in zweierlei Hinsicht m\u00f6glich: einmal, indem immer weiter in verbotene Bereiche ein- und vorgedrungen wird (Sexualakte au\u00dferhalb der Ehe, mit mehreren Partner, mit Kindern, mit Tieren), zum andern, indem die sexuellen Phantasien mit Phantasien \u00fcber andere, ebenfalls diskriminierte und verbotene Wirklichkeiten verkn\u00fcpft werden (Sexualit\u00e4t wird gepaart mit Aggression, Gewalt, Herrschaft, mit Ha\u00df, mit Phantasien \u00fcber Frauenunterdr\u00fcckung und Folterung von Frauen, mit Machtphantasien von M\u00e4nnern). Die Pornographie ist zur Ware geworden, sie hat einen unbegrenzten Tauschwert, und sie spiegelt sehr genau die offiziellen wie die inoffiziellen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse. Alle modernen Medien haben sich als au\u00dferordentlich gut geeignet erwiesen, Pornographie herzustellen und ihre \u201eBotschaft&#8220; zu verbreiten. Die technischen M\u00f6glichkeiten der Produktion und Reproduktion (Retuschen, Montagen, Darstellungstricks) haben derart zugenommen, da\u00df die Pornographieproduzenten bei der Realisierung selbst der phantastischsten Ideen nicht mehr eingeschr\u00e4nkt sind. Es ist alles machbar.<\/p>\n<h5><span id=\"zur-rechtslage\">Zur Rechtslage<\/span><\/h5>\n<p>Bereits das 4. Strafrechtsreformgesetz vom 23. 11. 1973 hat der neuen Situation auf dem Pornomarkt insofern Rechnung getragen, als es zwischen \u201eweicher&#8220; und \u201eharter&#8220; Pornographie unterscheidet: \u201eWeiche&#8220; Pornographie (StGB \u00a7 184 Abs. 1) entspricht in etwa den traditionellen Produkten, die sexuelle Inhalte haben und dadurch sexuell erregend wirken sollen. \u201eHarte&#8220; Pornographie (StGB \u00a7 184 Abs. 3) hat Gewaltt\u00e4tigkeiten, den sexuellen Mi\u00dfbrauch von Kindern oder sexuelle Handlungen von Menschen mit Tieren zum Gegenstand. Der \u00a7 131 des StGB wirkt hier erg\u00e4nzend: Er verbietet Schriften, die Gewalttaten gegen Menschen in grausamer oder sonst unmenschlicher Weise schildern und dadurch eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewaltt\u00e4tigkeiten ausdr\u00fccken oder zum Rassenha\u00df aufstacheln.Die Strafgesetze gegen weiche Pornographie sollen vor allem verhindern, da\u00df Kinder und Jugendliche (Personen unter 18 Jahren) und Erwachsene, die sich durch Pornographie gest\u00f6rt f\u00fchlen, mit pornographischen Werken in Kontakt kommen. Die harte Pornographie unterliegt hingegen einem allgemeinen Herstellungs-, Import- und Verbreitungsverbot &#8211; auch Erwachsenen soll harte Pornographie nicht zug\u00e4nglich sein. Harte Pornographie d\u00fcrfte es in der Bundesrepublik Deutschland also eigentlich gar nicht geben. Auch die weiche Pornographie ist f\u00fcr Erwachsene nicht frei zug\u00e4nglich. Das \u201eGesetz \u00fcber die Verbreitung jugendgef\u00e4hrdender Schriften (GjS)&#8220; schreibt im \u00a7 1 vor, da\u00df Werke, die geeignet sind, Kinder oder Jugendliche sittlich zu gef\u00e4hrden, in eine Liste aufzunehmen sind. Dazu z\u00e4hlen vor allem unsittliche, verrohend wirkende, zu Gewaltt\u00e4tigkeit, Verbrechen oder Rassenha\u00df anreizende sowie den Krieg verherrlichende Schriften. Zust\u00e4ndig f\u00fcr die Indizierung ist die Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Schriften. Antragsberechtigt sind neben den zust\u00e4ndigen Ministern der L\u00e4nder alle Jugend\u00e4mter. F\u00fcr Schriften, die in die Liste aufgenommen wurden, darf nicht geworben werden; sie sind praktisch \u201etot&#8220;, weil auch interessierte Erwachsene nur unter gro\u00dfen Schwierigkeiten von ihrer Existenz erfahren (z. B. durch Anfragen bei Verlagen). Ohne da\u00df es einer Aufnahme in die Liste bedarf, unterliegen denselben Verbreitungseinschr\u00e4nkungen alle Schriften, die den \u00a7 \u00a7 131, 184 StGB entsprechen, und \u201esonstige&#8220; Schriften, die offensichtlich geeignet sind, Kinder oder Jugendliche sittlich schwer zu gef\u00e4hrden. Unter \u201eSchriften&#8220; sind hier alle Erscheinungsformen gemeint (z. B.: Hefte, B\u00fccher, Zeitschriftenartikel, Bilder, Dias, Filme, Videos, Schallplatten, Tonb\u00e4nder). Filme werden von der \u201eFreiwilligen Selbstkontrolle&#8220; (FSK) der Filmwirtschaft nach \u00e4hnlichen Kriterien kontrolliert. Es kann also gar nicht davon die Rede sein, da\u00df pornographische Werke bei uns frei produziert und frei vertrieben werden k\u00f6nnen. Die Lockerung, die das 4. Strafrechtsreformgesetz f\u00fcr den \u00a7 184 StGB brachte, wurde durch bald darauf erfolgende Versch\u00e4rfungen des GjS praktisch wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht. Hinzu kommt, da\u00df schon heute jeder B\u00fcrger die M\u00f6glichkeit hat, an der strafrechtlichen Verfolgung der Pornographie mitzuwirken (Erstattung von Anzeigen, Aufmerksammachen der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden, z. B. der Jugend\u00e4mter).<\/p>\n<h5><span id=\"zum-gesetzentwurf\">Zum Gesetz&shy;ent&shy;wurf<\/span><\/h5>\n<p>Da ich kein Jurist bin, m\u00f6chte ich mich auf wenige Anmerkungen beschr\u00e4nken: Die Generalklausel im Zusammenhang mit der Anspruchsberechtigung ( \u00a7 1 und \u00a7 2) l\u00e4\u00dft zu, da\u00df jede Frau selbst dar\u00fcber befindet, wann sie sich durch eine Darstellung verletzt f\u00fchlt. Bedenkt man, wie unterschiedlich auf Pornographie reagiert wird, so kann man sich vorstellen, wie gro\u00df die Breite des Sichverletztf\u00fchlens sein wird. Der Subjektivit\u00e4t ist Tor und T\u00fcr ge\u00f6ffnet. Die Definition ( \u00a7 3) \u201ebevorzugt&#8220; die pornographische Darstellung von Frauen. Was ist mit den M\u00e4nnern, die sich verletzt f\u00fchlen, wenn sie als Frauen- Vergewaltiger dargestellt werden? Der Gesetzentwurf will \u201ewissenschaftliche oder eindeutig gesellschaftskritische&#8220; Darstellungen ausnehmen. Augenscheinlich soll jedoch der Kunstvorbehalt, den das Grundgesetz eindeutig vorschreibt (\u201eDie Kunst ist frei&#8220;), nicht gelten. Demnach w\u00fcrden Anais Nin, Henry Miller, Sade (um nur einige zu nennen) unter das Gesetz fallen. Besonders unklar ist der \u00a7 6. Was ist \u201eKonsum&#8220; von Pornographie? Wie soll der verlangte Nachweis erbracht werden?<\/p>\n<h5><span id=\"zur-begruendung-des-gesetzentwurfs\">Zur Begr&uuml;ndung des Gesetz&shy;ent&shy;wurfs<\/span><\/h5>\n<p><i>Meine Stellungnahme beschr\u00e4nkt sich auf die Teile der Begr\u00fcndung, mit denen ich nicht \u00fcbereinstimme, dabei folge ich den Argumenten der Begr\u00fcndung in der Reihenfolge, wie sie vorgetragen werden.<\/i><\/p>\n<p>1. Um zu begr\u00fcnden, da\u00df der Gesetzentwurf eine Gesetzesl\u00fccke schlie\u00dfen soll, wird an den bekannten \u201eStern-Proze\u00df&#8220; im Sommer 1978 erinnert. Hier handelte es sich zwar um sexistische, aber eindeutig nicht pornographische Titelbilder. Damit wird gleichsam die Katze aus dem Sack gelassen: \u00a7 2 des Gesetzentwurfs gibt zwar vor, nur \u201eharte&#8220; Pornographie sei gemeint; in der Begr\u00fcndung wird jedoch deutlich, da\u00df auch \u201eweiche&#8220; Pornographie, auch erotische Darstellungen, auch sexistische Darstellungen betroffen w\u00e4ren, und da als \u201esexistisch&#8220; auch k\u00fcnstlerische Aktphotos und Aktgem\u00e4lde aufgefa\u00dft werden k\u00f6nnen, richtet sich der Gesetzentwurf also schlie\u00dflich gegen jede Darstellung nackter Frauen.<\/p>\n<p>2. Entgegen den Ausf\u00fchrungen in der Begr\u00fcndung ist die Kunst \u201eabsolut&#8220; frei; sie ist nicht beschr\u00e4nkt durch andere Vorschriften.<\/p>\n<p>3. Der \u00a7 184 &#8211; das belegen eindeutig die Gesetzesmaterialien &#8211; wurde nicht etwa \u201eliberalisiert&#8220;, weil der Gesetzgeber auf mehr Freiheit und Selbstverantwortung der B\u00fcrger hoffte, sondern weil Sch\u00e4den durch \u201eweiche&#8220; Pornographie nicht nachzuweisen sind (siehe zum Beispiel mein bei der Anh\u00f6rung vorgelegtes Gutachten nebst Anhang). Kein einziger der Fachleute hat je erwartet, eine \u201eSelbsthilfe der B\u00fcrger&#8220; werde den Markt regulieren (noch in der Nach-Adenauer-Zeit haben solche Vereine &#8211; wie z. B. der \u201eVolkswartbund&#8220; &#8211; eine teils l\u00e4cherliche, teils sehr wirkungsvolle repressive Rolle gespielt). Da\u00df Pornographie sexuellen Aggressionen als \u201eAbfuhrventil&#8220; dienen k\u00f6nnte, kann schon allein darum kein ernsthafter Sexualwissenschaftler behauptet haben, weil nicht die Pornographie selbst, sondern allenfalls der Umgang mit ihr eine Ventilfunktion haben k\u00f6nnte. Au\u00dferdem ist der Begriff \u201esexuelle Aggression&#8220; zumindest ungew\u00f6hnlich; er weckt die Vorstellung, es g\u00e4be Aggressionen sexueller Art oder eine Sexualit\u00e4t, die sich aggressiv \u00e4u\u00dfert &#8211; doch so simpel ist der Zusammenhang von Sexualit\u00e4t und Aggression nicht.<\/p>\n<p>4. In der Begr\u00fcndung wird ein direkter Zusammenhang zwischen Besch\u00e4ftigung mit Pornographie und Entstehung frauenfeindlicher Einstellungen und Verhaltensweisen behauptet, wobei st\u00e4ndig Korrelationen mit Kausalit\u00e4ten verwechselt werden. Die Argumentation wird auch nicht seri\u00f6ser, wenn Untersuchungen zitiert werden. So ist der zitierte Report des Justizministeriums in den USA wissenschaftlich wertlos (er widerspricht \u00fcbrigens in allen wichtigen Punkten dem Pornographiebericht des amerikanischen Kongresses).<\/p>\n<p>Die psychologische Wirkungsforschung mu\u00df streng zwischen weicher und harter Pornographie unterscheiden. Wie alle wissenschaftlich fundierten Forschungsergebnisse zur Wirkung weicher Pornographie zeigen, folgt auf sexuelle Erregung durch weiche Pornographie in den n\u00e4chsten 24 Stunden meist eine erh\u00f6hte sexuelle Aktivit\u00e4t, so da\u00df die Orgasmush\u00e4ufigkeit vor\u00fcbergehend zunimmt, aber diese sexuelle Aktivit\u00e4t bleibt in den Grenzen der gewohnten Verhaltensmuster, so da\u00df man feststellen mu\u00df: Durch die Besch\u00e4ftigung mit weicher Pornographie werden keine neuen Verhaltensweisen gelernt &#8211; das Sexualverhalten wird nicht ver\u00e4ndert. \u00c4hnlich zur\u00fcckhaltend m\u00fcssen die M\u00f6glichkeiten der Ver\u00e4nderung von Einstellungen durch weiche Pornographie beurteilt werden. Die durchschnittlichen Pornographiebenutzer wissen zwischen Phantaieprodukten und Wirklichkeit sehr gut zu unterscheiden; sie ziehen nicht den falschen Schlu\u00df, sie d\u00fcrften sich realen Frauen gegen\u00fcber so verhalten, wie es die Pornographie vormacht. Umgang mit weicher Pornographie und Achtung vor der Frau, die jemand liebt, schlie\u00dfen einander keineswegs aus. Weiche Pornographie dient als Ersatzbefriedigung, als Phantasieanreger, \u00fcberhaupt als Stimulans. Ebensowenig wie die Leser von Kriminalromanen kriminell werden, werden die Benutzer weicher Pornographie zu Frauenfeinden. Produzenten und Konsumenten der weichen Pornographie sind nicht nur M\u00e4nner, sondern auch Frauen, und zwar nicht etwa, weil M\u00e4nner auf sie einen Zwang aus\u00fcben, sondern ganz aus eigenem Antrieb. Das Interesse der Angeh\u00f6rigen beider Geschlechter an weicher Pornographie hat, seitdem die Pornoproduzenten dies zur Kenntnis genommen haben, bereits zu Ver\u00e4nderungen in den pornographischen Darstellungen gef\u00fchrt (so werden z.B. auch die m\u00e4nnlichen Genitalien immer h\u00e4ufiger dargestellt und beschrieben &#8211; das wurde fr\u00fcher vermieden, um homosexuelle Assoziationen zu vermeiden, die bei M\u00e4nnern h\u00e4ufig Abwehr und Ekel ausl\u00f6sen; Frauen erscheinen in Positionen, die fr\u00fcher allein den M\u00e4nnern vorbehalten waren, so da\u00df sich in der weichen Pornographie immer h\u00e4ufiger zumindest Ans\u00e4tze zu partnerschaftlichen Beziehungen durchsetzen). In der weichen Pornographie wird die gesellschaftliche Lage der Frau und die Herrschaftsbeziehung zwischen den Geschlechtern h\u00e4ufig sehr rigide abgebildet. Die Potenzw\u00fcnsche des Mannes, sein Begehren, bei Frauen erfolgreich zu sein, triumphieren in der weichen Pornographie. Insofern werden durch die weiche Pornographie ohnehin bestehende Vorstellungen und Meinungen unterst\u00fctzt. Eine Verbesserung der Situation der Frauen w\u00e4re aber durch eine Ausrottung der Pornographie (selbst wenn sie gel\u00e4nge) nicht zu erreichen, weil die weiche Pornographie nicht urs\u00e4chlich mit der Unterdr\u00fcckung der Frauen zu tun hat, sondern ihrerseits eine Folge sexualfeindlicher Einstellungen ist, die nicht nur Frauen, sondern auch M\u00e4nner sch\u00e4digen, allerdings auf unterschiedliche Weise. Ganz anders m\u00fcssen die Wirkungen der harten Pornographie eingesch\u00e4tzt werden. Hier geht es um Befriedigung einerseits von sadomasochistischen Bed\u00fcrfnissen, andererseits um die Erregung tiefsitzender Angst-, Ha\u00df- und Gewaltgef\u00fchle. Da\u00df die harte Pornographie sich ausbreitet und immer mehr verroht, hat mit der Zunahme des Gewaltpotentials in unserer Gesellschaft zu tun, die auch sonst (beispielsweise im Stra\u00dfenverkehr, in politischen Auseinandersetzungen, in der Gewalt gegen Frauen) zu beobachten ist. Wertet man die vorhandenen Wirkungsanalysen aus, so mu\u00df man zu der Auffassung gelangen, da\u00df die fr\u00fcher erhoffte kathartische Wirkung nicht eintritt; ich finde aber auch keine Hinweise, die f\u00fcr die Gegenthese sprechen, nach der im Sinne des \u201eLernens am Modell&#8220; durch den Umgang mit harter Pornographie zwangsweise eine Verrohung der Pers\u00f6nlichkeit, eine Steigerung der Aggressivit\u00e4t, eine Zunahme der Gewaltt\u00e4tigkeiten eintritt. Es ist ein weit verbreitetes Erkl\u00e4rungsmuster, da\u00df in Gewalttaten Szenen aus Filmen oder Druckschriften nachgeahmt w\u00fcrden; auch Gewaltt\u00e4ter selbst behaupten manchmal, sie h\u00e4tten in der Realit\u00e4t ausprobieren wollen, was sie zuvor gesehen oder gelesen haben, und ihnen wird gern geglaubt, weil sie f\u00fcr die grausamen Taten, die sonst fremd, unheimlich und bedrohlich bleiben, eine beruhigende und zufriedenstellende Erkl\u00e4rung abgeben.<\/p>\n<p>5. Die angstausl\u00f6senden und feindseligen Gef\u00fchle, die in der harten Pornographie eine Ausdrucksm\u00f6glichkeit finden, sind gewi\u00df nicht dadurch zu reduzieren, da\u00df man harte Pornographie verbietet. Es ist auch wenig hilfreich, wenn die M\u00e4nner als Produzenten und Konsumenten harter Pornographie denunziert werden, w\u00e4hrend die Frauen als leidende Opfer erscheinen. Frauen k\u00f6nnen ebenso grausam und gewaltt\u00e4tig sein wie M\u00e4nner (ein Hinweis auf die KZ-W\u00e4chterinnen und das Auftreten von Frauen gegen Sexualt\u00e4ter in Gerichtsprozessen mag hier gen\u00fcgen). Es ist eine gemeinsame Aufgabe von Frauen und M\u00e4nnern, die Potentiale an Ha\u00df, Angst, Grausamkeit und Gewalt nicht zu verdr\u00e4ngen, sondern so auf sie einzuwirken und sie so zu kanalisieren, da\u00df sie sich weniger gef\u00e4hrlich auswirken.<\/p>\n<p>6. Die Formel \u201ePornographie sexualisiert Macht&#8220; h\u00f6rt sich sehr gut an, sie erkl\u00e4rt aber nichts. Macht hat augenscheinlich f\u00fcr viele Menschen (M\u00e4nner und Frauen) eine erotisch-sexuelle Bedeutung, und erst aufgrund dieser Tatsache kann die Koppelung von Sexualit\u00e4t und Gewalt in der Pornographie auf manche Menschen stimulierend wirken. Wie sich harte Pornographie auf den einzelnen auswirkt, h\u00e4ngt dann jedoch in erster Linie von dessen Pers\u00f6nlichkeit ab, und insofern ist jeder f\u00fcr sich verantwortlich. Wenn behauptet wird, der \u201ezentrale Sinn der Pornographie&#8220; sei die \u201ePropagierung und Realisierung von Frauenerniedrigung und Frauenverachtung&#8220;, Pornographie sei \u201ekein Instrument der Lust, sondern ein Instrument der Macht&#8220;, dann wird mit diesen Festlegungen zun\u00e4chst noch einmal best\u00e4tigt, da\u00df der Gesetzentwurf unterschiedslos die ganze Bandbreite der Pornographie meint, nicht nur die harte Pornographie. Im \u00fcbrigen aber werden hier \u201eder&#8220; Pornographie F\u00e4higkeiten zugetraut, die reichlich absurd sind. W\u00e4re die Pornoproduktion, wie die Begr\u00fcndung unterstellt, das Zentrum der Frauenfeindschaft und Frauenunterdr\u00fcckung, dann m\u00fc\u00dfte nur die Pornographie abgeschafft werden und der entscheidende Schritt zur Frauenemanzipation w\u00e4re getan. Tats\u00e4chlich aber sind doch nicht die Werke der Pornographie in erster Linie derart problematisch, sondern die Bed\u00fcrfnisse gro\u00dfer Gruppen unserer Gesellschaft, die genau nach der Pornographie verlangen, die wir haben. Das wirklich erfolgreiche Instrument zur Abschaffung der Pornographie ist nicht das Verbot, sondern da\u00df auf dem Markt die Nachfrage nach Pornographie aufh\u00f6rt.<\/p>\n<p>7. Ganz entschieden mu\u00df widersprochen werden, wenn behauptet wird, die Pornographie verletze nur die elementaren Menschenrechte von Frauen. In der harten Pornographie kommen durchaus auch folternde Frauen und geknechtete M\u00e4nner vor, und die meisten M\u00e4nner werden wohl mit mir darin \u00fcbereinstimmen, da\u00df sie sich in ihrer W\u00fcrde gleicherma\u00dfen verletzt f\u00fchlen, unabh\u00e4ngig davon, ob sie als gefolterte Schw\u00e4chlinge oder als folternde Gewaltt\u00e4ter dargestellt werden.<\/p>\n<p>Der Gesetzentwurf hat ein Verdienst: Er hat eine Diskussion ausgel\u00f6st, die notwendig ist. Diese Diskussion leidet jedoch darunter, da\u00df die Menschen in gute und b\u00f6se eingeteilt werden und da\u00df als Kriterien daf\u00fcr allein geschlechtsspezifische Vorurteile verwendet werden. Dar\u00fcber hinaus wird die Diskussion noch dadurch erschwert, da\u00df sie \u00fcber ein derart diskriminiertes Medium wie die Pornographie gef\u00fchrt werden mu\u00df. Niemand will in den Ruf kommen, er verteidige die Pornographie, sogar die harte Pornographie. Da verlautbart man doch lieber Zustimmung zu diesem Gesetzentwurf, zumal man sicher sein kann, da\u00df er aus juristischen Gr\u00fcnden nie Gesetzeskraft erlangen wird.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[71],"tags":[],"class_list":["post-6539","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-frauenverachtung"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zum Anti-Pornographie-Gesetzentwurf der Zeitschrift EMMA - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/zum-anti-pornographie-gesetzentwurf-der-zeitschrift-emma\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zum Anti-Pornographie-Gesetzentwurf der Zeitschrift EMMA - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Helmut Kentler aus: Frauenverachtung verbieten? 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