{"id":6551,"date":"1980-12-10T11:12:00","date_gmt":"1980-12-10T10:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/erfahrungen-aus-der-italienischen-psychatrie-reform\/"},"modified":"2020-08-03T07:52:48","modified_gmt":"2020-08-03T05:52:48","slug":"erfahrungen-aus-der-italienischen-psychatrie-reform","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/erfahrungen-aus-der-italienischen-psychatrie-reform\/","title":{"rendered":"Erfahrungen aus der italienischen Psychatrie-Reform"},"content":{"rendered":"<p>Lorenzo Toresini, Triest<\/p>\n<p>aus: Wege zu einer neuen Psychiatrie, Protokolle einer Tagung. HU-Schriften 9, M\u00fcnchen 1980, Seite 19 &#8211; 22<\/p>\n<p>Toresini wer als Psychiater von Anfang an bei der Reform der italienischen Psychiatrie beteiligt und hat an der Aufl\u00f6sung psychiatrischer Kliniken mitgewirkt. Bei einem Kongress in Arezzo sprach Kaplan, USA, vom italienischen Wunder, was weniger ein Ausdruck des Lobes war, sondern in einer eher pessimistischen Weise zu verstehen ist, d.h.\u00a0dass die M\u00f6glichkeit der Verwirklichung einer solchen Reform derma\u00dfen gering ist, dass man es als Wunder bezeichnen m\u00fcsste, wenn sie wirklich gel\u00e4nge.<\/p>\n<p>Die Frage der Psychiatrie-Reform l\u00e4sst sich nicht auf die mechanische Anwendung eines Gesetzes reduzieren. Das Gesetz selbst stellt vielmehr den Ausgangspunkt einer Bewegung dar. Am Anfang waren es die Verwalter der Ausgliederung, die als einzige M\u00f6glichkeit der \u00dcberwindung ihrer Isolation. die wissenschaftlichen Debatten beendeten und die Schrecken der Praxis<br \/>an die \u00d6ffentlichkeit brachten. Sie entfachten eine \u00f6ffentliche Diskussion und erhielten erste Zustimmung. Zum bestimmenden Faktor wurde die Verpflichtung zum praktischen Handeln. Die Bewegung suchte die Verbindung mit offiziellen Kr\u00e4ften der politischen Linken, insbesondere der KPI als ein Element der St\u00fctzung und praktischen Hilfe.<\/p>\n<p>In der theoretischen Konzeption kam man zu der \u00dcberzeugung, dass man nicht abwarten muss, bis sich die sozio\u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse eines Landes ver\u00e4ndert haben. Man fand es notwendig, direkt von der Praxis auszugehen, um die Kritik der allt\u00e4glichen Lebensbedingungen innerhalb des Systems voranzutreiben. Als einmal erkannt war, dass der Mechanismus der Gettoisierung und Psychiatrisierung der Nichtangepassten durchbrochen werden muss, blieb nur noch, die guten Vors\u00e4tze in die Tat umzusetzen.<br \/>Die Psychiatrie war und ist ein wissenschaftliches Problem, auch dann, wenn wir provisorisch vom Begriff &#8222;Krankheit&#8220; absehen, weil wir von gr\u00f6\u00dferen praktischen Problemen und Bed\u00fcrfnissen gedr\u00e4ngt werden. Das Losbinden eines Kranken ist ja eine Geste, die von der endogenen oder nicht-endogenen Natur der Erkrankung absieht, denn es geht von der sehr einfachen Betrachtung aus, dass der Kranke ein Mensch wie alle anderen ist und ebenso behandelt werden muss. Dies schafft eine neue Kommunikation zwischen Arzt und Patient, die nichts mehr mit Kontrolle des einen durch den anderen. zu tun hat. Das ist der Beginn eines Prozesses, an dessen Ende Arzt und Patient die Ursachen der Krankheit verstehen, w\u00e4hrend fr\u00fcher das Krankheitsbild vorab definiert wurde. Der Verzicht auf das Verstehen f\u00fchrte zur angeblichen Unverst\u00e4ndlichkeit psychischer Erkrankungen. Jedes wissenschaftliche Konzept hat zugleich ein politisches Gewicht, so ist die Frage nach der exogenen oder endogenen Verursachung psychischer Erkrankung von gro\u00dfer Relevanz.<br \/>In Triest begann die Geschichte der Institutionalisierung mit dem geschlossenen Irrenhaus, mit einer Population, die alle B\u00fcrgerrechte verloren hatte. Es ging also bei der Reform um die Wiederherstellung der Identit\u00e4t der Eingeschlossenen. Das l\u00f6ste viele nicht logische und chronologisch aufeinanderfolgende Schritte aus. Von der Beseitigung des Dek rets der endg\u00fcltigen Internierung bis zur Wiederherstellung der Pers\u00f6nlichkeit z.b. durch Ausstattung mit individueller Kleidung und bis zur Wiedererlangung der Gesch\u00e4ftsf\u00e4higkeit, war ein langer Weg. Gleichzeitig wurde die Bev\u00f6lkerung von Triest in diesem Prozess einbezogen. Man h\u00f6rte dem Kranken zu und unterst\u00fctzte ihn bi seinem Bem\u00fchen um &#8218;Niedereingliederung. Man<br \/>bem\u00fchte sich, den Inhalt seiner Sprache zu entziffern. Die F\u00e4higkeit der Verbalisierung wer oft durch lange Hospitalisierung versch\u00fcttet. Die Krankheit bekam immer mehr Sinn, der Sinn nahm die Form einer Bitte an, die Bitte \u00e4u\u00dferte sich immer h\u00e4ufiger in konkreten Begriffen von Bed\u00fcrfnissen. Dabei stie\u00df man an Grenzen, denn die Befriedigung vieler Bed\u00fcrfnisse lag nicht mehr in den M\u00f6glichkeiten der Pfleger und \u00c4rzte.<\/p>\n<p>Foucault schreibt: &#8222;Das Krankenhaus wie die Zivilisation ist ein k\u00fcnstlicher Ort, in dem Krankheit, sobald sie dort hineingebracht wird, das Risiko eingeht, ihren wesentlichen Ausdruck zu verlieren. Sie begegnet dort sofort einer Form der Komplikation, welche die \u00c4rzte Gef\u00e4ngnis oder Krankenhausfieber nennen. Tats\u00e4chlich gibt es keine reine Form der Hospitalkrankheit. Der nat\u00fcrliche Ort der Krankheit ist die Familie als der nat\u00fcrliche Ort des Lebens. Die Sanftheit der spontanen Heilung, Bezeugung des Gef\u00fchle eines allgemeinen Wunsches nach Genesung, alles dies kommt zusammen, um der Natur zu helfen.&#8220; Der Krankenhausarzt sieht nur die gebrochenen, ver\u00e4nderten Krankheiten. Der Arzt, der zu Hause heilt, erreicht in kurzer Zeit eine wahre Erfahrung, gebaut auf dem nat\u00fcrlichen Ph\u00e4nomen jeglicher Form von Krankheit.<br \/>Wenn Wege zu einer neuen Psychiatrie gesucht werden, so hei\u00dft das, dass die psychiatrische Assistenz lediglich verbessert wird und damit das Problem ohne Zweifel auf eine falsche Weise gesehen wird, denn die Psychiatrie kann nicht verbessert werden. Eine Humanisierung der Psychiatrie w\u00fcrde bedeuten, die Praxis des Inhumanen humanisieren zu wollen. Das gilt nicht nur f\u00fcr die Institutionen, f\u00fcr Zwangseinweisungen und Schocktherapien, sondern auch f\u00fcr die ambulante Praxis, wenn sie verstanden wird als Verdoppelung des Dienstes, da die Institutionen aufrecht erhalten werden. So erh\u00e4lt man auch die Verdoppelung der Krankheiten.<br \/>Hinsichtlich der \u00dcbertragbarkeit der italienischen Psychiatrie-Reform auf deutsche Verh\u00e4ltnisse scheint im Moment vorwiegend eine Gesetzesinitiative im Blickpunkt zu stehen. Aber dies ist nur die eine Saite der Reform und nicht die entscheidende. Das Wesentliche ist, eine praktische Bewegung ins Leben zu rufen. B\u00fcndnisse solcher Bewegungen z.b. in Italien und in der Bundesrepublik sind sinnvoll, denn die Bewegung insgesamt muss die nationalen Grenzen \u00fcberwinden. Man kann nicht von Psychiatrie reden, ohne von Politik zu sprechen; von Italien aus nimmt man mit Sorge, aber auch mit Hoffnung wahr, was sich in der Bundesrepublik abspielt.<\/p>\n<p>Toresini nahm vor Jahren im Rahmen einer Exkursion an der Besichtigung einer psychiatrischen Klinik in Wien teil. Er sah eine Abteilung mit 200 Kindern im Alter von 2 bis 16 Jahren, von <br \/>denen 90 % ihre Kindheit im Bett festgebunden oder in Zwangsjacken verbrachten, deren Mortalit\u00e4t 50 % betrug. Zur Zeit des Nationalsozialismus praktizierte man in dieser Abteilung ganz regul\u00e4r die Euthanasie. Die zwingende Parallelit\u00e4t versteht sich von selbst. Die Diskussion mit dem medizinischen Personal und dem Direktor der Klinik hat dazu gef\u00fchrt, dass Konsequenzen gezogen wurden und sich dieses Irrenhaus ver\u00e4nderte. Heute besteht in seinem Inneren eine Bewegung, die solche Zust\u00e4nde nicht mehr dulden w\u00fcrde.<br \/>Durch die \u00f6ffentliche Anklage der Missbr\u00e4uche in der Psychiatrie l\u00e4sst sich jene politische Kraft wecken, die Ver\u00e4nderungen bewirken kann.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[83],"tags":[],"class_list":["post-6551","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-wege-zu-einer-neuen-psychiatrie"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Erfahrungen aus der italienischen Psychatrie-Reform - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/erfahrungen-aus-der-italienischen-psychatrie-reform\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Erfahrungen aus der italienischen Psychatrie-Reform - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Lorenzo Toresini, Triest aus: Wege zu einer neuen Psychiatrie, Protokolle einer Tagung. 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