{"id":6556,"date":"1980-12-15T12:06:00","date_gmt":"1980-12-15T11:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/thesen-zur-diskussion-ueber-die-psychiatrie-reform\/"},"modified":"2020-08-03T07:52:49","modified_gmt":"2020-08-03T05:52:49","slug":"thesen-zur-diskussion-ueber-die-psychiatrie-reform","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/thesen-zur-diskussion-ueber-die-psychiatrie-reform\/","title":{"rendered":"Thesen zur Diskussion \u00fcber die Psychiatrie Reform"},"content":{"rendered":"<p>Maria Rave &#8211; Schwank<\/p>\n<p>aus: Wege zu einer neuen Psychiatrie, Protokolle einer Tagung. HU-Schriften 9, M\u00fcnchen 1980, Seite 29 &#8211; 31<\/p>\n<ol>\n<li>Die Verkleinerung der psychiatrischen Krankenh\u00e4user ist ein Arbeitsziel, weil die Gr\u00f6\u00dfe des Krankenhauses (in der BRD 600 bis 3.000 Betten) die Behandlung negativ bestimmt. <br \/>Dasselbe gilt f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe der Stationen (heute bis zu 70 Patienten), weil dabei individuelle Behandlungs- und Rehabilitationspl\u00e4ne fast unm\u00f6glich sind (zu viele und zu h\u00e4ufig wechselnde Bezugspersonen, zus\u00e4tzlich durch Verlegungen von Patienten innerhalb einer Einrichtung vermehrt). Dabei ist gerade eine kontinuierliche und verl\u00e4ssliche Beziehung zu therapeutischen Mitarbeitern eine wichtige Behandlungsvoraussetzung.<\/li>\n<li>Die Krankenh\u00e4user sind auch Pr\u00fcgelknaben der Nation geworden, weil die Gesellschaft erst jetzt anf\u00e4ngt, zu realisieren, dass sie Menschen aussondert und nichts f\u00fcr sie tut. Das schlechte Gewissen \u00fcber die von der Gesellschaft betriebene Aussonderung wird nicht oder noch nicht offen zugegeben und wird dagegen in aggressiver Form durch st\u00e4ndige Kritik an den Institutionen abgeleitet. Die Kritik an den Missst\u00e4nden in Anstalten ist so gesehen eher scheinheilig und vordergr\u00fcndig. Sie ist eine Kritik der Symptome und nicht der Ursachen.<\/li>\n<li>Will man die gro\u00dfen psychiatrischen Krankenh\u00e4user verkleinern oder gar schlie\u00dfen, so muss man die Funktionen, die sie in der Bundesrepublik zur Zeit aus\u00fcben, in die Gemeinden verlagern. Es ist wichtig, diese unangenehmen Funktionen vor Augen zu haben:<br \/><strong>a)<\/strong> Schutz der \u00d6ffentlichkeit:<br \/>In den forensischen Abteilungen sind ca. 4.000 psychisch Kranke, die durch Gewalttaten, vor allem aber kleinere Diebst\u00e4hle und Sexualdelikte straff\u00e4llig wurden, untergebracht. Zur Zeit werden sie in Sondereinrichtungen abgesondert. Wo sollen sie in der Gemeinde hin?<br \/><strong>b)<\/strong> Schutz vor Verwahrlosung und Siechtum:<br \/>In den Altersabteilungen und Langzeitabteilungen gibt es viele Patienten, die aufgrund von allgemeinem Kr\u00e4fteverfall und aufgrund von Verwirrung, Altersabbau etc. nicht in der Lage sind, alleine zu leben. Wer soll in der Gemeinde f\u00fcr sie sorgen?<br \/><strong>c)<\/strong> Schutz vor Selbstgef\u00e4hrdung:<br \/>In den geschlossenen Abteilungen der psychiatrischen Krankenh\u00e4user gibt es Menschen, die sich selbst t\u00f6ten wollen und eines Schutzes bed\u00fcrfen. Wer nimmt sie in der Gemeinde auf?<br \/><strong>d)<\/strong> In den Landeskrankenh\u00e4usern leben ca. 10.000 nicht mehr akut kranke Menschen, die aus sozialen Gr\u00fcnden ein besch\u00fctztes Zuhause brauchen. Besch\u00fctzte Wohnangebote mit mehr oder weniger Betreuung, Geld f\u00fcr den Lebensunterhalt, Besch\u00e4ftigungs- und Arbeitsangebote sind n\u00f6tig. Wer bietet dies in der Gemeinde? Erhebungen \u00fcber den Heimsektor (Kunze) und den \u00dcbergangssektor (Stiftung Rehabilitation) zeigen, dass ein Defizit an sinnvoller Tagesgestaltung und Arbeit in den entsprechenden kleinen gemeindenahen Einrichtungen besteht. Viele Heime sind letzten Endes nichts anderes als in die Gemeinde gelegte Langzeitstationen.<\/li>\n<li>Wer die Gro\u00dfkrankenh\u00e4user ernsthaft abbauen, verkleinern oder beseitigen Will, muss zugeben, dass in der \u00dcbergangphase von mindestens 10 Jahren zus\u00e4tzliche Kosten entstehen. Es muss n\u00e4mlich ein neues, gemeindenahes System aus differenzierten kleinen Einrichtungen aufgebaut werden, ohne dass gleichzeitig das alte System beseitigt werden kann. Nur auf lange Sicht hin, ist die gemeindenahe Versorgung billiger.<\/li>\n<li>Alle Verkleinerungsbem\u00fchungen, die sich nicht auch an den Interessen der sch\u00e4tzungsweise 40.000 Mitarbeiter der Landeskrankenh\u00e4user orientieren, sind von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil sie unmenschlich sind und auf den Widerstand der Mitarbeiter und der Gewerkschaften sto\u00dfen. Dies Problem wird von der \u00d6ffentlichkeit, aber auch von der Fachwelt hier kaum reflektiert. Dagegen wurde es in Italien. von vornherein in die Politik eingebaut, die sowohl Mitarbeiter als auch Patienten ber\u00fccksichtigt.<\/li>\n<li>Wer Landeskrankenh\u00e4user verkleinern will, muss paradoxerweise zun\u00e4chst den Personalbestand der Landeskrankenh\u00e4user erh\u00f6hen. Die Rehabilitationsbem\u00fchungen m\u00fcssen n\u00e4mlich dort beginnen. <\/li>\n<\/ol>\n<p>Diesen Widerspruch kann man vielleicht dadurch l\u00f6sen, dass Mitarbeiter f\u00fcr bestimmte Aufgaben mit dem Auftrag und Vertrag eingestellt werden, sp\u00e4ter ihren Arbeitsplatz zu wechseln und mit den Patienten in die Gemeinde \u00fcberzusiedeln (Umzugsprojekte).<\/p>\n<ol start=\"7\">\n<li>In den Landeskrankenh\u00e4usern leben auch unbequeme Zeitgenossen, in England Psychopathen genannt, hierzulande mit der Bezeichnung des Asozialen und Dissozialen belegt. Sie werden von sozialpsychiatrischen \u00dcbergangseinrichtungen als &#8222;unmotiviert&#8220;, &#8222;nicht reflektiert&#8220;, &#8222;nicht geeignet&#8220; abgelehnt. Diesen &#8222;unbequemen&#8220; Menschen m\u00fcssen wir uns stellen, auch sie geh\u00f6ren zum Problem der gemeindenahen Psychiatrie.<\/li>\n<ol><\/ol>\n<\/ol>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[83],"tags":[],"class_list":["post-6556","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-wege-zu-einer-neuen-psychiatrie"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Thesen zur Diskussion \u00fcber die Psychiatrie Reform - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/thesen-zur-diskussion-ueber-die-psychiatrie-reform\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Thesen zur Diskussion \u00fcber die Psychiatrie Reform - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Maria Rave &#8211; Schwank aus: Wege zu einer neuen Psychiatrie, Protokolle einer Tagung. 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