{"id":6616,"date":"1995-06-01T11:00:00","date_gmt":"1995-06-01T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/begruendung-zu-these-6-religionsunterricht\/"},"modified":"2021-08-24T21:44:56","modified_gmt":"2021-08-24T19:44:56","slug":"begruendung-zu-these-6-religionsunterricht","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/begruendung-zu-these-6-religionsunterricht\/","title":{"rendered":"Begr\u00fcndung zu These 6: Religionsunterricht"},"content":{"rendered":"<p>aus: Trennung von Staat und Kirche. Thesen der Humanistischen Union. HU-Schriften 21, M\u00fcnchen 1995, S. 34 &#8211; 39<\/p>\n<p><b>These 6: Religionsunterricht<br \/>Es ist nicht Aufgabe des religionsneutralen Staates, in einem von ihm verantworteten Unterricht religi\u00f6se oder weltanschauliche Unterweisung zu betreiben. Der Religionsunterricht an \u00f6ffentlichen Schulen ist abzuschaffen (ggf. durch einen &#8222;kircheneigenen&#8220; Religionsunterricht zu ersetzen.<br \/>Ein Religionsunterricht nach den Grunds\u00e4tzen der Religionsgemeinschaften ist am religi\u00f6sen Bekenntnis ausgerichtet. Dazu ihm niemand gezwungen werden kann, ist auch der Zwang zu einem Ersatz unzul\u00e4ssig.<br \/>Wenn der Staat einen Ethik-, Religionskunde-, Lebenskunde- oder Philosophieunterricht einrichtet, muss er ihn ausnahmslos allen Sch\u00fclerinnen anbieten. Inhaltlich werden hierbei freilich zahlreiche Zweifelsfragen auftreten.<\/b><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Begr&uuml;ndung:<\/h2>\n<p><b>1.<\/b> Die Grundentscheidung unserer Verfassung, als Ergebnis nicht nur jahrhundertelanger blutiger Auseinandersetzungen um Glaubensfragen, sondern auch der nicht zuletzt religi\u00f6s verursachten Trag\u00f6die des Holocaust, ist die Gew\u00e4hrung der vollen &#8222;Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religi\u00f6sen und weltanschaulichen Bekenntnisses&#8220; (Art. 4 Abs. 1GG). Sie gebietet dem Staat, sich in religi\u00f6s-weltanschaulichen Fragen ohne jede Ausnahme absoluter Neutralit\u00e4t zu beflei\u00dfigen. Sie l\u00e4sst nur eine einzige &#8211; freilich f\u00fcr das Gesamtsystem verh\u00e4ngnisvolle Ausnahme zu &#8211; den konfessionellen Religionsunterricht als &#8222;ordentliches Lehrfach&#8220; (Art. 7 Abs. 3 GG. An dieser einen Stelle durchbricht die Verfassung &#8211; aus zeitgeschichtlich erkl\u00e4rbaren Gr\u00fcnden [32] &#8211; den Grundsatz der Trennung zwischen dem staatlich-politischen Rechtsraum einerseits und dem individuellen, religi\u00f6s-weltanschaulich offenen Bereich der gesellschaftlichen Ausdrucksformen andererseits [33]. Der Verfassungsgesetzgeber \u00fcbernahm damit ein &#8222;Fossil alter Zeiten der N\u00e4he von Staat und Kirche&#8220; in einen von ganz anderem Geist gepr\u00e4gten Verfassungskontext.<br \/>Der Religionsunterricht als &#8222;ordentliches Lehrfach&#8220; an \u00f6ffentlichen Schulen, als staatlicher Unterricht, durchbricht &#8222;zwei wichtige, kennzeichnende Verfassungsgrunds\u00e4tze: die staatliche Bekenntnisneutralit\u00e4t und die Dichotomie des Erziehungsrechts.&#8220; Denn das Grundgesetz kennt<br \/>nur zwei Erziehungstr\u00e4ger: die Eltern und den Staat [34].<br \/>Da es Aufgabe des Religionsunterrichtes ist, den jeweiligen Bekenntnisinhalt als zu glaubende Wahrheit zu vermitteln, kann solches grunds\u00e4tzlich nicht im Rahmen einer staatlichen Veranstaltung geschehen, da seine Institutionen &#8211; auch nicht in Dienstbarkeit der Kirchen &#8211; keine Wahrheitsaussagen machen k\u00f6nnen. Allen Besch\u00f6nigungen zum Trotz erkl\u00e4rt der Staat mit diesem staatlichen Unterricht &#8222;ein ureigenes Anliegen der Kirchen zu einem staatlichen&#8220;, woraus Keim folgert, dieses Lehrfach sei &#8222;eins der letzten St\u00fccke, welches von der Verbindung von Staat und Kirche seit den Tagen Konstantins \u00fcbrig-geblieben [35] sei&#8220;. E.-W. B\u00f6ckenf\u00f6rde\u00a0[36] stellt zu Recht fest: &#8222;Die Religion bzw. eine bestimmte Religion als solche hat keinen normativen Status im und f\u00fcr den Staat&#8220;.<\/p>\n<p><b>2.<\/b> Schaut man genau hin, dann sagt Art. 7 Abs. 2 GG schlicht: &#8222;Die Erziehungsberechtigten haben das Recht, \u00fcber die Teilnahme des Kindes am Religionsunterricht zu bestimmen.&#8220; Zu entscheiden, ob die Kinder am Religionsunterricht teilnehmen oder nicht, ist also &#8222;nat\u00fcrliches Recht der Eltern&#8220; gem\u00e4\u00df Art. 6 Abs. 2 GG! Weder der Staat noch eine Religionsgesellschaft k\u00f6nnen ihnen diese Entscheidung abnehmen. Allein den Eltern steht es zu, eine Religionsgesellschaft ihres Vertrauens mit der Erteilung des Religionsunterrichts an ihr Kind zu betrauen.<br \/>Die automatische Vereinnahmung der Eltern samt ihrer Kinder durch den Staat zugunsten des gro\u00dfkirchlichen Religionsunterrichts widerspricht eindeutig der Verfassung.<br \/>Die systemwidrige Bestimmung des Religionsunterrichts als &#8222;ordentliches Lehrfach&#8220; kann dieses grundlegende Elternrecht deshalb nicht einschr\u00e4nken, weil es die zwingende Folge des Art. 4 GG ist.<br \/>Aus diesem Grund ist Erwin Fischer [37] zuzustimmen, wenn er aufgrund einer sehr sorgsamen und differenzierenden Analyse unter Berufung auf B\u00f6ckenf\u00f6rde die Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit des Religionsunterrichtes als ordentliches Lehrfach an \u00f6ffentlichen Schulen in Frage stellt. Zugleich macht er deutlich, dass eine solche Feststellung [38] weder Ausdruck von Kirchenfeindlichkeit ist, noch eine totale Absage an den Religionsunterricht darstellt. Dies deshalb, weil Art. 6 Abs. 2 GG, die Pflege und Erziehung der Kinder als das &#8222;nat\u00fcrliche Recht der Eltern und die zuf\u00f6rderst ihnen obliegende Pflicht&#8220; erkl\u00e4rt. Darum haben die Eltern &#8211; bis zur Religionsm\u00fcndigkeit ihrer Kinder &#8211; &#8222;\u00fcber die Teilnahme des Kindes am Religionsunterricht zu bestimmen&#8220; (Art. 7 Abs. 2 GG. Diese Gew\u00e4hrleistung, verbunden mit dem Grundrecht aus Art. 4 Abs. 1 GG, gibt den Eltern &#8211; das nicht vom Staat einschr\u00e4nkbare &#8211; Recht, die ihnen genehme Religionsgesellschaft damit zu betrauen, ihre Kinder religi\u00f6s zu unterweisen. Diese Regelung &#8222;besitzt auf der Ebene des Verfassungsrechts insoweit abschlie\u00dfenden Charakter&#8220;. Die \u00f6ffentliche Schule hat somit im Rahmen des M\u00f6glichen &#8211; lediglich dem Eltemwillen entsprechend zu handeln. Darum laufen auch jene Vorschl\u00e4ge ins Leere, die f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen bestimmter religi\u00f6ser Gruppen, etwa des Islam, einen &#8222;staatlich&#8220; organisierten Unterricht einf\u00fchren wollen [39]. Wenn die islamischen Eltern andere Lehrer mit dem Koranunterricht beauftragen als der Staat es gerne h\u00e4tte, m\u00fcsste er ihnen trotzdem den Unterricht bezahlen [40]<\/p>\n<p><b>3.<\/b>\u00a0Das freilich wirft in der Praxis vielf\u00e4ltige Schwierigkeiten auf, denn dieses Recht steht grunds\u00e4tzlich allen Eltern &#8211; also auch unabh\u00e4ngig von der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer &#8222;Kirche&#8220; &#8211; zu! Zu Recht weist Christoph Link darauf hin, dass auch Weltanschauungsgemeinschaften grunds\u00e4tzlich als Veranstalter solchen Unterrichts in Betracht kommen. Dies ergebe sich nicht zuletzt aus der &#8222;Gleichstellungsklausel des Art. 140 GG in Verb. mit Art. 137 Abs. 7 WRV&#8220;.<\/p>\n<p><b>4.<\/b>\u00a0Da der Staat die Ausbildung der christlichen Religionslehrer finanziert, ist er auch gem\u00e4\u00df dem Grundsatz der Parit\u00e4t verpflichtet, f\u00fcr die angemessene Ausbildung der Lehrer anderer Weltanschauungsgemeinschaften aufzukommen. Der Hinweis, dass der Staat damit \u00fcberfordert w\u00e4re, kann nur ein Argument gegen die staatliche Finanzierung und Durchf\u00fchrung der Ausbildung der Religionslehrer und des Religions- bzw. Weltanschauungsunterrichts in staatlicher Regie als &#8222;ordentliches Lehrfach&#8220; sein. Er kann jedoch keinesfalls den verfassungsrechtlich h\u00f6herrangigen Parit\u00e4tsgrundsatz au\u00dfer Kraft setzen. Dies gilt in gleicher Weise auch f\u00fcr den &#8222;Ethikunterricht&#8220;. Wenn der Staat &#8211; verfassungswidrig &#8211; einen solchen Unterricht als Zwangs-Ersatz, Auffang- oder Alternativfach einf\u00fchrt, muss er wenigstens f\u00fcr die wissenschaftlich angemessene, f\u00fcr unser staatliches Schulwesen \u00fcbliche Ausbildung der Lehrkr\u00e4fte sorgen.<\/p>\n<p><b>5.<\/b>\u00a0Ein Blick auf die in Deutschland gr\u00f6\u00dfte nichtchristliche Religionsgemeinschaft, den Islam, zeigt allerdings, worauf sich der Staat einl\u00e4sst, wenn er religi\u00f6se Unterweisung in seinen Kompetenzbereich eingliedert, wie es neuestens gefordert wird [41]. Der Islam ist &#8211; wie das Christentum auch &#8211; nicht nur als religi\u00f6se, sondern auch als politische Erscheinung zu werten, die sich derzeit (aus politisch-gesellschaftlichen Gr\u00fcnden) im Konflikt mit (fast) allen grundlegenden Normen unserer Verfassungskultur befindet. Die Freiheitsrechte werden ebenso wie die Grunds\u00e4tze der Gleichberechtigung der Geschlechter sowohl theoretisch geleugnet als auch tat-sachlich verletzt. Es w\u00e4re unertr\u00e4glich, wenn im Rahmen eines staatlich gebotenen &#8222;ordentlichen&#8220; Unterrichts wesentliche Grundrechte nicht nur verneint, sondern als gottlos diffamiert und etwa die individuelle W\u00fcrde der Frau oder das Recht der Religionsfreiheit in Abrede gestellt und die Demokratie als politischer Wert geleugnet w\u00fcrden.<\/p>\n<p><b>6.<\/b>\u00a0Dabei darf freilich nicht \u00fcbersehen werden, dass beispielsweise auch die katholische Kirche bis zum heutigen Tag nicht wenige Grunds\u00e4tze lehrt, die mit denen einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft unvereinbar sind: So kann sich nach ihrer Lehre kein Theologe auf die Menschenrechte berufen (Kongregation f\u00fcr die Glaubenslehre vom 24. 5. 90. In ihrem Binnenraum gelten weder die rechtliche Gleichberechtigung der Geschlechter (cc. 230, 274, 1024 des geltenden kirchlichen Gesetzbuches von 1983; Katechismus der Katholischen Kirche 1993, n. 1577) noch die individuellen Freiheitsrechte oder gar das Recht freier Meinungs\u00e4u\u00dferung. So betont die genannte Instruktion der Kongregation f\u00fcr die Glaubenslehre: &#8222;Man kann sich nicht auf die Menschenrechte berufen, um sich dem Lehramt zu widersetzen&#8220; (n.36) und: &#8222;Diesbez\u00fcglich von Verletzung der Menschenrechte zu reden, ist fehl am Platze, denn man verkennt dabei die genaue Hierarchie dieser Rechte.&#8220; (n.37) &#8211; das bedeutet: Innerkirchliche Normen haben unstreitig Vorrang vor staatlicher Verfassungsnorm! Alle diese, von unserer Verfassung gesch\u00fctzten Rechtsg\u00fcter gelten dort nicht. Im Gegenteil: Die Kirche allein beansprucht, f\u00fcr alle Menschen verbindliche ethische Regeln aufzustellen, an die auch der weltliche Gesetzgeber gebunden sei (so z.B. die Erkl\u00e4rung der Glaubenskongregation zu sexualethischen Fragen von 1976; ebenso das Apostolische Schreiben &#8222;Familiaris consortio&#8220; von 1981. Folglich werden die f\u00fcr einen demokratischen Rechtsstaat wesentlichen Rechtsg\u00fcter auch in einem dogmatisch korrekten katholischen Religionsunterricht verneint werden (m\u00fcssen)! &#8211; Kann der Staat wirklich &#8211; auf Kosten aller B\u00fcrgerinnen &#8211; einen solchen Unterricht als &#8222;ordentliches Unterrichtsfach&#8220; etablieren? Diese Frage stellt sich deshalb besonders dringlich, weil das &#8222;Grundgesetz ein eigen-st\u00e4ndiges und urspr\u00fcngliches Erziehungsrecht der Religionsgesellschaften und Weltanschauungsgemeinschaften nicht kennt\u00a0[42], sondern nur ein &#8222;nat\u00fcrliches&#8220; Recht der Eltern. Dieses aber reklamiert die katholische Kirche &#8211; nicht anders als der Islam &#8211; allein f\u00fcr sich. F\u00fcr die evangelische Kirche gilt im Prinzip das Gleiche, auch wenn bei ihnen aufgrund ihrer dogmatischen und rituellen Heterogenit\u00e4t die biblisch begr\u00fcndete Unnachgiebigkeit stellenweise kaschiert wird.<br \/>An diesem &#8211; durchaus realen &#8211; Beispiel wird deutlich, worauf sich der Staat einl\u00e4sst, wenn er in seiner Verantwortung Religions- oder Weltanschauungslehren verk\u00fcnden l\u00e4sst!<\/p>\n<p><b>7.<\/b>\u00a0Dazu kommt ein neues Ph\u00e4nomen: Immer mehr Menschen treten aus den etablierten Religionsgemeinschaften aus oder lassen die Bindung an die institutionellen Kirchen ruhen, ohne irgendwo einzutreten. Insofern haben sie keine sie vertretende &#8222;Weltanschauungsgemeinschaft&#8220; und wollen sie meist auch nicht haben. Das &#8222;nat\u00fcrliche&#8220; Recht dieser Eltern aber wird kraft staatlichen Gesetzes insofern missachtet, als sie bis zur f\u00f6rmlichen Erkl\u00e4rung entweder ihres Austritts aus der Religionsgemeinschaft oder der Abmeldung aus dem Religionsunterricht verpflichtet sind, ihre Kinder daran teilnehmen zu lassen.<br \/>Das alte Modell einer harmonischen Gemeinsamkeit und Vergleichbarkeit von Staat und Kirche existiert zwar schon lange nicht mehr, doch tritt sie heute un\u00fcbersehbar zu Tage. Damit ist auch die alte, oft vors\u00e4tzlich \u00fcbersehene Frage nach der Vereinbarkeit des staatlich organisierten und angeordnetem Religionsunterrichtes mit der Verfassung, nicht mehr l\u00e4nger hinauszuschieben.<\/p>\n<p><b>8. <\/b>Beunruhigt \u00fcber den angeblichen allgemeinen &#8222;Wertverlust&#8220; und um die Abmeldungen aus dem Religionsunterricht zu bremsen, haben die meisten Bundesl\u00e4nder einen staatlich verordneten Ethikunterricht &#8211; gewisserma\u00dfen als &#8222;Strafe&#8220; f\u00fcr Religionsunterrichtsverweigerer eingef\u00fchrt. Er ist ein k\u00fcnstlich konstruiertes &#8222;Ersatzfach&#8220; f\u00fcr solche Sch\u00fcler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Der Ethikunterricht soll gewisserma\u00dfen das &#8222;ersetzen&#8220;, was &#8222;eigentlich&#8220; Aufgabe des Religionsunterrichtes w\u00e4re, n\u00e4mlich die Sch\u00fclerinnen zu gehorsamen, willigen, p\u00fcnktlichen und zuverl\u00e4ssigen Untertanen zu erziehen.<br \/>Der Umgang einer ganzen Anzahl deutscher L\u00e4nder, angef\u00fchrt von Bayern, mit den Rechten jener, die sich anma\u00dfen, keiner Kirche an zugeh\u00f6ren, ist ein schlimmer Beleg f\u00fcr die Feststellung von Gerhard Czermak[43], &#8222;der Wille zum Verfassungsbruch&#8220; sei gro\u00df, &#8222;wenn es gilt, den Kirchen Vorteile zuzuschanzen &#8222;. Damit jedoch wird dieses Unterrichtsfach &#8222;Ethik&#8220; zur Karikatur jeglicher ethischen Denk- und Handlungsweise! Es wird zum fatalen Ausdruck unsittlicher Manipulation und repressiver Erziehung.<\/p>\n<p><b>9.<\/b>\u00a0Die Ordnung des Grundgesetzes ist eine Ordnung, die auf politischen Wertentscheidungen gr\u00fcndet. Die Konkretisierung dieser in rechtlichen Formulierungen ausgedr\u00fcckten Ordnung obliegt jedoch den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern und ihren gesellschaftlichen Zusammenschl\u00fcssen. Artikel 4 GG bezeichnet &#8222;die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religi\u00f6sen und weltanschaulichen Bekenntnisses&#8220; als &#8222;unverletzlich&#8220;. Diese Freiheit steht nicht unter einem sog. Gesetzesvorbehalt. Das bedeutet: Der Gesetzgeber hat kein Recht, die Aus\u00fcbung und Wahrnehmung dieser Rechte ohne wirklich triftige Gr\u00fcnde zu begrenzen oder bedingende Voraussetzungen aufzustellen. Daher kann die Nichtwahrnehmung eines religi\u00f6s-weltanschaulich bedingten Sonderrechtes, wie sie die Teilnahme am Religionsunterricht darstellt, niemals die kraft Gesetzes verf\u00fcgte Folge haben, dass sie zur Teilnahme an einem staatlich verordneten Ethikunterricht &#8211; als Ersatz f\u00fcr den Religionsunterricht &#8211; verpflichtet [44]. Das verbietet auch Art. 3 (3) GG [45].<\/p>\n<p><b>10.<\/b>\u00a0Eine solche staatliche Norm stellt eine gravierende Verletzung der religi\u00f6sen und weltanschaulichen Bekenntnisfreiheit dar: Der Staat wertet die Teilnahme am Religionsunterricht &#8211; die als solche einen religi\u00f6sen Bekenntnisakt darstellt &#8211; als Erfiillung einer staatsb\u00fcrgerlichen &#8222;Pflicht&#8220; mit der Folge, dass jene, die diese Teilnahme an dieser religi\u00f6sen Handlung verweigern, einer staatlich angeordneten Ma\u00dfnahme unterliegen, n\u00e4mlich ersatz- und strafweise einen Ethikunterricht besuchen zu m\u00fcssen. Damit verst\u00f6\u00dft der Staat gegen die grundgesetzlich garantierte Bekenntnisfreiheit, die beinhaltet, dass die Teilnahme oder Nichtteilnahme an religi\u00f6sen Handlungen f\u00fcr den staatlichen Bereich folgenlos bleiben muss!<br \/>In dem Ma\u00dfe also, wie politische, ethnische und weltanschauliche Pluralit\u00e4t in den gegenw\u00e4rtigen Rechts- und Verfassungsstaaten &#8211; insbesondere in den L\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft &#8211; wirklich wird, ist staatlich angeordneter, aus Steuermitteln finanzierter Religionsunterricht &#8211; zumal als &#8222;ordentliches Lehrfach&#8220; &#8211; nicht nur anachronistisch sondern auch ein un\u00fcbersehbarer Versto\u00df gegen das Verfassungsgebot der Trennung von Staat und Religion. Die Vielfalt der religi\u00f6sen und weltanschaulichen Vorstellungen l\u00e4sst anderes heute gar nicht mehr zu!<br \/>Der Religionsunterricht &#8211; ebenso wie seine staatlich angeordneten Ersatzformen &#8211; kann nicht mehr &#8222;ordentliches Lehrfach&#8220; sein! Er ist als solcher abzuschaffen und in die Entscheidung der Eltern zur\u00fcckzugeben!<br \/>Sie allein haben gem\u00e4\u00df Art. 7 Abs. 2 GG \u00fcber die Teilnahme ihres Kindes an einem religi\u00f6sen oder weltanschaulichen Unterricht zu entscheiden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Literatur<\/h2>\n<p>(<b>*<\/b>vertritt den kirchlichen Standpunkt):<\/p>\n<p><b>Albert<\/b>, Hans, das Elend der Theologie. Hambg.1979;<br \/><b>Buggle<\/b>, Franz, denn sie Wissen nicht, was sie glauben: Oder warum man Redlicherweise nicht mehr Christ sein kann, Reinbek 1992, bes. 296 ff.;<br \/><b>Czermak<\/b>, Gerhard, Staat und Weltanschauung. Auswahlbibliographie, Berlin &#8211; Aschaffenburg 1993;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <b>*Hollerbach<\/b>, Alexander, die Theologischen Fakult\u00e4ten und ihr Lehrpersonal im Beziehungsge\u00dflge von Staat und Kirche, in: Essener Gespr\u00e4che (16), M\u00fcnster 1982, 69-99;<br \/><b>Kahl<\/b>, Joachim, das Elend des Christentums, Reinbek 1993, 120-148;<br \/><b>Kleine<\/b>, Markus, Institutionalisierte Verfassungswidrigkeiten (s. Anm. 19, Seite 29);<br \/><b>M\u00fcller<\/b>, Friedrich, Jenseits der Verfassung. Konkordatslehrst\u00fchle am Ma\u00dfstab des Grundgesetzes, in: Demokratie und Recht, 1976, 175-179;<br \/><b>M\u00fcller<\/b>, Iris, die Misere kathol. Theologinnen in den deutschen Universit\u00e4ten, Weinheim 1987;<br \/><b>Neumann<\/b>, Johannes und <b>Neumann<\/b>, Ursula, Theologie als Glaubensgehorsam. Anmerkungen zu einem bemerkenswerten Dokument der r\u00f6mischen Kongregation f\u00fcr die Glaubenslehre, 1990 (Schriften der Humanistischen Union);<br \/><b>*Schmidtz<\/b>, Heribert, Katholisch-Theologische Fakult\u00e4ten im Spannungsfeld kirchlichen und staatlichen Hochschulrechts, in: Archiv f. kath. Kirchenr. 154, 1985, 435-451;<br \/><b>*ders.<\/b> , Kirchliche Hochschulen nach der Apostel. Konstitution Sapientia Christiana von 1979, in: Archiv f. kath. KirchenR 150, 1981, 45-90; 477-527; <br \/>*der..,Kirchliches Recht f\u00fcr staatliche Katholisch-Theologische Fakuhiten, in: Theol. Quartschr. 167, 1987,25&#8226;40;<br \/><b>Thils<\/b>, Gustave und Schneider, Theodor, Glaubensbekenntnis und Treueid. Klarstellungen zu den &#8222;neuen&#8220; r\u00f6mischen Formeln f\u00fcr kirchliche Amtstr\u00e4ger, Mainz t990;<br \/><b>Baeger<\/b>, Edgar, Religion\/Ethik\/Lebenskunde an \u00f6ffentlichen Schulen in: Tabu Staat Kirche, Berlin &#8211; Aschaffenburg 1992, 82-89;<br \/><b>B\u00f6ckent\u00f6rde<\/b>, Ernst-Wolfgang, Elternrecht &#8211; Recht des Kindes &#8211; Recht des Staates, in: Essener Gespr\u00e4che (14), 1980, 54 ff.;<br \/><b>ders. <\/b>Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, Frankfurt 1991;<br \/><b>Czermak<\/b>, Gerhard, Staat und Weltanschauung. Eine Auswahlbiographie. Mit einer Abhandlung zu Entwicklung und Gegenwartslage des sog. Staatskirchen-rechtes, Berlin &#8211; Aschaffenburg 1993, 160-168;<br \/><b>ders.<\/b> , in: Praktische Theologie 1994, 231-244<br \/><b>Fischer<\/b>, Erwin, Volkskirche ade! rrennung von Staat und Kirche, Berlin &#8211; Aschaffenburg 1993; 2<br \/><b>Keim<\/b>, Wolfg. Schuleund ReligionHambg.1969; <br \/><b>Kleine<\/b>, Markus, Institutionalisierte Verfassungswidrigkeiten (s. Anm. 19 Seite 29)<br \/><b>Link<\/b>, Christoph, Religionsunterricht, in: Handb. des Staatskirchenrechts der Bundesrepublik Deutschland, Hg. E. Friesenhahn und U. Scheuner, 2.Bd., Berlin 1975, 503-546;<br \/><b>Mahrenholz<\/b>, Gottfried, die Kirchen in der Gesellschaft der Bundesrepublik, Hannover 21972;<br \/><b>M\u00fcller<\/b>, Friedrich\/Pieroth, Bodo, Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach. Eine Fallstudie zu den Verfassungsfragen seiner Versetzungserheblichkeit, Berlin 1974;<br \/><b>Neumann<\/b>, Johannes, zur Legitimation der Staatsgewalt in der Bundesrepublik Deutschland, in: Albertz, J\u00f6rg (Hg.), Gesellschaft und Religion, Berlin 1991, 77-118; ders. , &#8222;Ethikuntersicht&#8220; mit dem Grundgesetz unvereinbar! Zur verfassungsrechtlich-politischen Problematik des sog. Ethikunterrichts, in: Unitarische Bl\u00e4tter 45, 1994, 7278;<br \/><b>Neumann<\/b>, Johannes\/<b>Neumann<\/b>, Ursula, Theologie als Glaubensgehorsam. Anmerkungen zu einem bemerkenswertem Dokument der r\u00f6mischen Kongregation f\u00fcr die Glaubenslehre, in: MIZ Heft 3\/4, 1990, 2128; Heft 1, 1991, 3438; und: Schriften der HUMANISTISCHEN UNION, M\u00fcnchen 1990;<br \/><b>Renck<\/b>, Ludwig, Rechtsfragen des Religionsunterrichts im bekenntnisneutralen Staat, in: Die \u00f6ffentl.verwaltg. Heft 1, 1994,2732;<br \/>ders. , Verfassungsprobleme des Ethikunterrichts, in: Bayer. Verwaltungsbl\u00e4tter 1992, 519522;<br \/><b>Rupp<\/b>, Hans Heinrich, Gemeinschaftsschule auf christlicher Grundlage, in: Anst\u00f6\u00dfe. Berichte aus der Arbeit der evangelischen Akademie Hofgeismar, Heft 1\/2, 1969,910;<br \/><b>Walt<\/b>, Knut, der Staat im Dienste der Religion, in: Albertz, J\u00f6rg (Hg.), Gesellschaft und Religion, Berlin 1991, 61-75.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[20],"tags":[],"class_list":["post-6616","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-trennung-staat-kirche"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Begr\u00fcndung zu These 6: Religionsunterricht - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/begruendung-zu-these-6-religionsunterricht\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Begr\u00fcndung zu These 6: Religionsunterricht - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: Trennung von Staat und Kirche. 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