{"id":6622,"date":"1995-06-01T08:00:00","date_gmt":"1995-06-01T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/historische-anmerkungen-zum-staat-kirche-verhaeltnis\/"},"modified":"1995-06-01T12:00:00","modified_gmt":"1995-06-01T10:00:00","slug":"historische-anmerkungen-zum-staat-kirche-verhaeltnis","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/historische-anmerkungen-zum-staat-kirche-verhaeltnis\/","title":{"rendered":"Historische Anmerkungen zum Staat-Kirche-Verh\u00e4ltnis"},"content":{"rendered":"<p>aus: Trennung von Staat und Kirche. Thesen der Humanistischen Union. HU-Schriften 21, M\u00fcnchen 1995, S. 52 &#8211; 55<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis von Staat und Kirche war in unserer Geschichte durchaus wechselhaft.<\/p>\n<p>Die katholische Kirche des Mittelalters war nicht nur eine geistliche, sondern auch durchaus eine weltliche Macht. Ihre Bisch\u00f6fe regierten in vielen Landstrichen mit Macht und Pracht, wie die weltliche Herren auch. Viele von ihnen waren zugleich weltliche Herren, wie die F\u00fcrstbisch\u00f6fe von Salzburg und die Erzbisch\u00f6fe von Mainz. Die Bisch\u00f6fe gingen zur Jagd und f\u00fchrten Kriege. Sie waren von weltlichen Herren kaum zu unterscheiden. Das Ringen um die Macht zwischen dem Kaiser und dem Papst ist ein Teil des Bildes, das uns das Mittelalter bietet.<\/p>\n<p>Die Reformation Martin Luthers war auch ein Protest gegen die weltliche Macht der katholische Kirche. Die Reformation bot den Landesf\u00fcrsten die ideologische Begr\u00fcndung, ihre Macht auszuweiten und sich der Besitzt\u00fcmer der katholischen Kirche und ihrer Orden zu bem\u00e4chtigen. Diese Gelegenheit hat die Reformation wesentlich gef\u00f6rdert und so manchen weltlichen Landesf\u00fcrsten von den neuen Ideen \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p><b>Das Zweckb\u00fcndnis<\/b><br \/>Der drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg und knapp zweihundert Jahre sp\u00e4ter der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 brachten den endg\u00fcltigen Sieg der weltlichen Macht oder, wie wir heute sagen, des Staates. Dies f\u00fchrte jedoch nicht zu einer Trennung von Staat und Kirche. Beide Institutionen gingen viel mehr ein Zweckb\u00fcndnis ein, das nicht zuletzt gegen die gemeinsam als bedrohlich empfundenen neuen Ideen der Aufkl\u00e4rung gerichtet war.<\/p>\n<p>Dieses Zweckb\u00fcndnis hatte f\u00fcr beide Teile einen un\u00fcbersehbarem Nutzen. Die Kirchen, nunmehr die katholische und deutlich st\u00e4rker die evangelischen Kirchen, legitimierten die Herrschaft der Monarchen (Gottesgnadentum) und segneten selbst deren kriegerische Aktionen. Noch im zweiten Weltkrieg trugen die deutschen Soldaten ein Koppelschloss mit der Pr\u00e4geschrift &#8222;Gott mit uns&#8220;. Geistliche beider Konfessionen beteten f\u00fcr den deutschen Sieg und zogen als Milit\u00e4rgeistliche mit den deutschen Armeen als Sieger durch das christliche Abendland. Noch heute kennt die deutsche Armee Milit\u00e4rgeistliche, um die Soldaten moralisch aufzur\u00fcsten. Vor und nach der Jahrhundertwende standen die Kirchenf\u00fchrer dem Staat in seinen Auseinandersetzungen mit der erstarkenden Arbeiterschaft bei.<br \/>Im Gegenzug sicherte der Staat die materiellen Grundlagen der kirchlichen Existenz (Kirchensteuern u. a.) und festigte das Ansehen der Kirchen durch ihren Einbezug in die staatliche Repr\u00e4sentation und das diplomatische Protokoll auf der Grundlage des Wiener Kongresses (19. 3. 1815.<br \/>Trotz warnender Stimmen im eigenen Lager haben die kirchlichen Eliten im ersten Viertel dieses Jahrhunderts verkannt, dass das B\u00fcndnis mit dem deutschen Kaiser und den Landesf\u00fcrsten erhebliche Risiken in sich barg. Als die Monarchien 1918 zusammenbrachen, gerieten auch die Kirchen in h\u00f6chste Gefahr. Die Kirchen hatten sich durch das Zweckb\u00fcndnis mit den ehemals herrschenden staatlichen Eliten den Ruf erworben, Gegner der Arbeiterschaft und der demokratischen Entwicklung zu sein. Deshalb wurden sie auch f\u00fcr das Elend des Krieges und der Nachkriegszeit mitverantwortlich gemacht.<\/p>\n<p><b>Deutsche Reichsverfassung von 1919<\/b><\/p>\n<p>Deshalb war es keine Laune des historischen Zufalls, sondern folgerichtig, dass die Deutsche Reichsverfassung von 1919 (Weimarer Reichsverfassung) jedenfalls im Grundsatz, wenn auch kompromissbelastet, die Trennung von Staat und Kirche festgelegt hat. Die Ideen der Aufkl\u00e4rung hatten in der ersten verwirklichten demokratischen deutschen Verfassung gesiegt. Unser heutiges Grundgesetz hat die damals gefundene L\u00f6sung durch einen Verweis auf die Weimarer Reichsverfassung \u00fcbernommen.<br \/>Die Jahre von 1919 bis zur Gegenwart sind von dem steten Bem\u00fchen der Kirchen gekennzeichnet, zur alten, f\u00fcr sie materiell angenehmen Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche zur\u00fcckzukehren, obwohl die katholische Kirche f\u00fcr ihren eigenen Bereich Schwierigkeiten mit den Grundvorstellungen der Reichsverfassung und des Grundgesetzes (Demokratiegebot, freie Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit, Meinungsfreiheit, Gleichheitsgrundsatz) hat. Zweifel sind deshalb erlaubt, ob die katholische Kirche in Deutschland \u00fcberhaupt eine \u00f6ffentlich-rechtliche K\u00f6rperschaft sein kann.<br \/>Dieses seit 1919 erkennbare Bem\u00fchen um ein neues Zweckb\u00fcndnis erkl\u00e4rt auch die schwankende Haltung der Kirchen zum Nationalsozialismus, der in seiner ideologischen Ausrichtung ebenso wie in seiner Staatspraxis \u00fcberwiegend kirchenfeindlich war, es andererseits mit den Kirchen als einem innenpolitischen Machtfaktor nie vollends verderben wollte, insbesondere, als er im zweiten Weltkrieg in Bedr\u00e4ngnis geraten war. Das Drama von Rolf Hochhuth &#8222;der Stellvertreter&#8220; schildert das Dilemma von Papst Pius XII.<\/p>\n<p><b>Neues Zweckb\u00fcndnis?<\/b><br \/>In der Gegenwart bem\u00fchen sich die Kirchen, nicht zuletzt aus materiellen Gr\u00fcnden, das B\u00fcndnis mit dem Staat fortzusetzen. Die Haltung des Staates ist indessen je nach den politischen Koalitionen ambivalent.<br \/>Die CDU\/CSU setzt ihre guten Beziehungen zu den Kirchen als Hintergrundargument in Wahlk\u00e4mpfen ein. Schon vor der Gr\u00fcndung der Bundesrepublik bezeichnete sich diese b\u00fcrgerliche Parteigruppierung unter dem nachmaligen Bundeskanzler Dr. Adenauer in ihrem Namen als &#8222;christliche&#8220; Partei, von Italien abgesehen einzigartig in der Welt. Die Kirchen duldeten es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die SPD ist nach ihrer Geschichte eher kirchenfern, neigt mehr den evangelischen Kirchen zu &#8211; unter deren Geistlichen sie zahlreiche Anh\u00e4nger hat &#8211; versucht aber auch, es jedenfalls nicht zu einer Eskalation der Beziehungen kommen zu lassen. Als Symbol mag gelten, dass die bayrische SPD-Landesvorsitzende Renate Schmidt vor dem bayrischen Landtagswahlkampf in die evangelische Kirche zur\u00fcckgekehrt ist. Gleichzeitig versuchen alle Parteien, auch die &#8222;christliche&#8220; CDU\/CSU, kirchenferne W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler nicht zu verprellen. Keine Partei m\u00f6chte in den Abw\u00e4rtssog der Kirchen hineingezogen werden. In der CDU\/CSU gibt es vereinzelte Stimmen, die das Adjektiv &#8222;christlich&#8220; deshalb aus dem Parteinamen streichen m\u00f6chten. Der schwindende Einfluss der Kirchen auf die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger wird hier sichtbar. Die Wiedervereinigung beider deutschen Staaten wird wegen der Kirchenferne vieler B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in den neuen Bundesl\u00e4ndern und der Bedeutung ihrer Stimmen bei Wahlen diese Entwicklung beschleunigen. Die Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche war immer ein Zweckb\u00fcndnis.<\/p>\n<p><b>Schlussbemerkung<br \/><\/b>Den hier von der HUMANISTISCHEN UNION vorgelegten Thesen k\u00f6nnte der Vorwurf gemacht werden, kirchenfeindlich zu sein. Er w\u00e4re indessen falsch. Die Thesen versuchen lediglich, die Gebote unserer Verfassung zur Trennung von Staat und Kirche in Erinnerung zu rufen und die geltende Verfassungslage darzustellen.<br \/>Ob das Trennungsgebot dem Staat und den Kirchen heute n\u00fctzt oder schadet, kann man nur aus der Sicht langer historischer Abl\u00e4ufe richtig beurteilen. Auch vor diesem Hintergrund wird man zu unter-schiedlichen Einsch\u00e4tzungen gelangen.<br \/>Es scheint jedoch sicher zu sein, dass die Trennung &#8211; unabh\u00e4ngig vom Verfassungstext &#8211; dem Staat nur n\u00fctzt. Die Kirchen haben ihre Kraft, staatliche Herrschaft zu legitimieren, l\u00e4ngst verloren. Ein wesentliches Motiv f\u00fcr den Staat, die Kirchen zu st\u00fctzen, ist somit entfallen. Die nicht unerhebliche finanzielle Unterst\u00fctzung aus dem Steuers\u00e4ckel ist in der Zeit knapper Kassen reine Geldverschwendung. Ein Blick nach Gro\u00dfbritannien mit einem gewiss konservativem K\u00f6nigshaus: Sogar der Thronfolger Prinz Charles \u00fcberlegt \u00f6ffentlich, ob er bei einer Thronbesteigung die traditionelle Schirmherrschaft des K\u00f6nigs \u00fcber die anglikanische Kirche beenden solle.<\/p>\n<p>Der moderne Staat ist pluralistisch und kann seine Existenz nur sichern, wenn er allen oft recht unterschiedlichen Gruppierungen in der Bev\u00f6lkerung integrierend eine Heimstatt bietet. Der Staat zerbricht auf Dauer, wenn er versucht, sich nur auf die Anschauung einer Gruppierung zu st\u00fctzen, sei sie nun religi\u00f6s, ethnisch, wirtschaftlich oder parteipolitisch ausgerichtet.<\/p>\n<p>Die Frage, ob die Trennung f\u00fcr die Kirchen von Vor- oder Nachteil ist, kann, anders als beim Staat, nicht so eindeutig beantwortet werden. Gewiss ist, dass die Trennung die \u00f6konomischen Quellen f\u00fcr die Arbeit der Kirchen deutlich ver\u00e4ndern und die Einnahmen im Zweifel zur\u00fcckgehen w\u00fcrden. Dies ist auch der Grund f\u00fcr den insoweit durchaus verst\u00e4ndlichen, erbitterten Widerstand der Kirchen gegen die von der Verfassung festgeschriebene Trennung.<\/p>\n<p>Die Kirchenleitungen agieren bis heute weitgehend unabh\u00e4ngig von dem Willen ihrer Mitglieder. Dieser Satz gilt vornehmlich f\u00fcr die undemokratisch hierarchisch organisierte katholische Kirche. Sie kann sich diese Organisationsform dank der von der Kirchensteuer geschaffenen Polster erlauben und ideologische Maximen vertreten, die von der Mehrzahl ihrer Mitglieder nicht mitgetragen werden. Sie kann unter anderem sogar handfeste Politik gegen die H\u00e4lfte ihrer Mitglieder, die Frauen, betreiben. W\u00e4ren die Kirchen sehr viel mehr als gegenw\u00e4rtig auf die Zahlungsbereitschaft ihrer Mitglieder angewiesen, bek\u00e4men diese einen Hebel in die Hand, um ihren Einfluss in den Kirchen zu verst\u00e4rken. Die Verbindung des Staat mit den Kirchen dient, so gesehen, auch der Herrschaftssicherung der gegenw\u00e4rtigen Eliten in den Kirchen.<\/p>\n<p>Die Entwicklung der politischen Parteien seit 1949 mag als Anschauungsmaterial dienen. Mit der zunehmenden staatlichen Parteienfinanzierung haben die Beitr\u00e4ge der einfachen Mitglieder an Bedeutung und diese selbst damit an Einfluss verloren. Die Gr\u00fcndung der Partei der GR\u00dcNEN (Basisdemokratie) ist ein Indikator der Unzufriedenheit vieler Mitglieder der Altparteien mit dieser Entwicklung.<\/p>\n<p>Bisher ist immer nur von den Kirchen als Institution die Rede gewesen. H\u00e4tte ich vom Christentum sprechen sollen? Die Wortwahl ist indessen nicht zuf\u00e4llig. Die entscheidende Frage darf eigentlich nicht lauten, ob die Trennung von Staat und Kirche der Institution Kirche n\u00fctzt oder schadet, sondern wie sie sich auf die Entwicklung des christlichen Lebens in den Kirchen auswirken wird.<\/p>\n<p>Trotz einer unterschiedlichen Ausgangslage sei mit einem Blick auf die Kirchen in der ehemaligen DDR eine Voraussage gewagt: Die Kirchen w\u00fcrden deutlich kleiner werden. Daf\u00fcr w\u00fcrden sie wesentlich an innerer Kraft gewinnen und manchen Menschen ein Hort der Zuflucht in schwieriger Zeit werden. Sie w\u00fcrde ihnen neuen Halt geben. Der Einfluss der so gewandelten Kirchen auf das \u00f6ffentliche Bewusstsein w\u00fcrde eher steigen, wenn die Kirchen nicht als Insdtutionen agieren, sondern aus ihrem Geist &#8211; dem gewachsenen abendl\u00e4ndischen Geist &#8211; heraus leben w\u00fcrden.<\/p>\n<p>So ist die Frage nach der Trennung von Staat und Kirche auch eine Frage an die Kirchen selbst. Wohin soll ihr Weg f\u00fchren?<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[20],"tags":[],"class_list":["post-6622","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-trennung-staat-kirche"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Historische Anmerkungen zum Staat-Kirche-Verh\u00e4ltnis - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/historische-anmerkungen-zum-staat-kirche-verhaeltnis\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Historische Anmerkungen zum Staat-Kirche-Verh\u00e4ltnis - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: Trennung von Staat und Kirche. 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