{"id":6624,"date":"1991-11-05T10:16:00","date_gmt":"1991-11-05T09:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-stunde-null-und-das-neue-selbstbewusstsein-der-kirchen\/"},"modified":"1991-11-05T12:00:00","modified_gmt":"1991-11-05T11:00:00","slug":"die-stunde-null-und-das-neue-selbstbewusstsein-der-kirchen","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-stunde-null-und-das-neue-selbstbewusstsein-der-kirchen\/","title":{"rendered":"Die &#8222;Stunde Null&#8220; und das neue Selbstbewusstsein der Kirchen"},"content":{"rendered":"<p>aus: ders., Zur religi\u00f6sen Legitimation der Staatsgewalt in der Bundesrepublik Deutschland, T\u00fcbingen 1991, S. 1-21<\/p>\n<p>Die &#8222;Stunde Null&#8220; vom 8. Mai 1945 war auch bez\u00fcglich des Verh\u00e4ltnisses von Staat und Religion kein Neuanfang, sondern eine Fortsetzung. Erst recht war die Gr\u00fcndung der neuen Republik, der Bundesrepublik Deutschland, kein revolution\u00e4rer Umbruch aufgrund der schrecklichen Erfahrung des Krieges und des Widerstandes weniger gegen das nationalsozialistische Unrecht, sondern eine konsequente Fortsetzung der rechtlichen, politischen und religi\u00f6sen Entwicklungslinien die Jahrzehnte vorher begonnen hatten. Lediglich durch die Auflagen der alliierten Siegerm\u00e4chte hatten manche Traditionen punktuell neue Differenzierungen, aber auch deutliche Verst\u00e4rkungen der impliziten Inklinationen gegen\u00fcber den religi\u00f6sen Institutionen erhalten. Die Jahre nach 1945 stellen also die Fortsetzung einer verh\u00e4ngnisvollen Geschichte dar, die \u00fcber die NS-Zeit und die Weimarer Republik hineinreicht in die ungeschminkte Verquickung der Herrschaft von Thron und Altar \u00fcber Leib und Seelen der Untertanen in den deutschen Monarchien.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass es mit Hilfe der (Christlichen) Religion &#8211; katholischer wie evangelischer Provenienz &#8211; den (absolutistischen) Herrschern m\u00f6glich geworden war aus B\u00fcrgern gehorsame Untertanen zu machen. Die &#8222;Kinder Gottes und Erben des Himmels&#8220; waren von den geistlichen Hirten mit Hilfe der von Gott gesetzten Obrigkeit (R\u00f6m 13, 1-6) zu gehorsam ergebenen, blind vertrauenden Schafen dressiert worden. Das verwundert nicht, wenn man genau liest, was Paulus am Anfang des 13. Kapitels des R\u00f6merbriefes schreibt: &#8222;Jedermann sei der obrigkeitlichen Gewalt untertan; denn es gibt Gewalt nur von Gott, und die bestehende Gewalt ist von Gott geordnet. Wer sich also gegen die Obrigkeit auflehnt, widersteht der Anordnung Gottes: die Widersetzlichen ziehen sich selbst das Gericht zu. Die Regierenden sind Anlass zur Furcht nicht wegen der guten Tat, sondern wegen der b\u00f6sen. Willst du dich vor der Obrigkeit nicht f\u00fcrchten, so tue das Gute, und du wirst Lob von ihr erhalten; denn sie ist Gottes Dienerin, dir zum Guten. Tust du freilich das B\u00f6se, so hast du Grund zu f\u00fcrchten: Sie tr\u00e4gt das Schwert nicht umsonst; sie ist doch Gottes Dienerin, Richterin zur Vollstreckung des Zornes an den \u00dcbelt\u00e4tern. Also, muss man sich (zu erg\u00e4nzen: der weltlichen Autorit\u00e4t: J.N.) unterwerfen, nicht allein des Zornes wegen, sondern auch um des Gewissens Willen. Deshalb zahlt ihr ja auch die Steuer. Sie walten in Gottes Namen und sind gerade deshalb in ihrem Amt.&#8220;<\/p>\n<p>Nicht zuletzt dank dieser Ermahnung des Paulus, die in eine ganz bestimmte Situation der Gemeinde Roms gesagt war, hatten die Christen seit fr\u00fchester Zeit sich den Herrschern als treueste Untertanen empfohlen: Schon zwei Jahrhunderte vor Augustinus hat Origenes (185-254 n.Zw.) es so formuliert: &#8222;Die Christen erweisen ihrem Vaterland mehr Wohltaten als die \u00fcbrigen Menschen. Denn sie sind die erzieherischen Vorbilder f\u00fcr die anderen Staatsb\u00fcrger, weil sie lehren, Gott treu zu sein, der \u00fcber dem Staat steht&#8230;&#8220; (Contra Celsum VIII, 74: Rahner, 1961, 39. &#8211; Tertullian (ca. 160-220 n.Zw.) nannte auch die Motive der Christen f\u00fcr ihre Kooperation mit dem Staat und ihre Erwartung, \u00fcber alles herrschen zu k\u00f6nnen: &#8222;Wir beten n\u00e4mlich f\u00fcr das Heil der Kaiser zu Gott dem Ewigen\u00a0wir beten allezeit f\u00fcr alle Kaiser um ein langes Leben, um friedvolle Herrschaft, um die Sicherheit ihres Hauses, um ein tapferes Kriegsheer, einen getreuen Senat, um die Ruhe des Erdkreises&#8230;\u00a0 Es besteht aber f\u00fcr uns noch eine andere, weil dringlichere Pflicht f\u00fcr die Kaiser, ja f\u00fcr den Fortbestand des Imperiums und des r\u00f6mischen Staates zu beten: Wir wissen n\u00e4mlich, dass die der ganzen Welt drohende Endkatastrophe und das Ende der Zeiten mit all seinen dr\u00e4uenden Schrecken nur durch den Fortbestand des r\u00f6mischen Imperiums aufgehalten wird. Weil wir nun die Zeiten nicht mit erleben wollen und deshalb um ihren Aufschub beten sind wir auch die Freunde Roms und seiner dauernden Wohlfahrt&#8230; &#8220; schlie\u00dflich: &#8222;Der Kaiser geh\u00f6rt uns, denn er ist von unserem Gott eingesetzt. Und weil er so mein eigener Kaiser ist, f\u00f6rdere ich sein Heil mehr&#8230; &#8220; (Apologetikum 28, 3-33,3: Rahner, 1961, 47-49; Hervorhebung im Zitat von J.N.)<br \/>Von solch unverbl\u00fcmter Darstellung der eigenen Interessen f\u00fchrt ein gerader Weg zu Martin Luthers Lehre, dass der Christ der rechtm\u00e4\u00dfigen Obrigkeit nicht nur zeitlicher Strafen willen gehorchen m\u00fcsse, sondern weil er sonst Gottes Zorn wecken und sein Seelenheil gef\u00e4hrden w\u00fcrde. Der Christ wird also nach Luthers Meinung dem irdischen Recht mit gr\u00f6\u00dferer Gewissenhaftigkeit folgen als ein Heidenaher ist das Christentum die festeste St\u00fctze weltlicher Herrschaft &#8218;. So gingen denn mit Luthers Ermunterung und Segen die F\u00fcrsten gegen die &#8222;r\u00e4uberischen Bauern&#8220;, Wiedert\u00e4ufer und Juden vor. Sie durften sich als &#8222;Gottes amptmann und seyns Zornes diener&#8220; wissen (W.A. XVI, 360).<br \/>In dieser ungebrochenen christlichen Tradition stehend konnte im Zweiten Weltkrieg Hanns Lilje, der sp\u00e4tere Landesbischof und seit 1953 leitender Bischof der Vereinigten Evangelischen-Lutherischen Kirche Deutschlands, in seiner Schrift mit dem Titel &#8222;Der Krieg als geistliche Leistung&#8220; schreiben: &#8222;Es muss nicht nur auf den Koppelschl\u00f6ssern der Soldaten, sondern in Herz und Gewissen stehen: Mit Gott! Nur im Namen Gottes kann man dieses Opfer legitimieren.&#8220; (1941, 14) Das stimmt zweifellos: Der verbrecherische Angriffskrieg der Deutschen konnte nur im Namen des Christengottes legitimiert werden, wenn er als Kampf gegen den gottlosen Bolschewismus und das die christliche Sitte zersetzende Judentum dargestellt wurde. Und wer konnte das besser beurteilen, als die Kirchen. Das war gut lutherisch gedacht, denn kein Unrecht der Obrigkeit gibt dem Untertan das Recht zum Aufruhr: &#8222;misprauch verst\u00f6ret das ampt nicht&#8216;. Was allerdings das Recht der evangelischen F\u00fcrsten anlangt, so d\u00fcrfen sie im Fall eines Religionskrieges &#8211; aktiven Widerstand leisten gegen den (papistischen) Kaiser, da dieser gegen die reine Lehre vom Evangelium, wie Luther sie versteht, vorgehen will&#8220; . Ein guter Theologe ist, wer aus der Bibel jeden Grundsatz der Macht zu rechtfertigen vermag, sofern er dem eigenen Vorteil dient. Es kommt in einem Konflikt eben immer darauf an, auf welcher Seite das Recht Gottes streitet.<\/p>\n<p>Ganz im Sinne dieser theologischen und kirchlich-machtpolitischen Tradition hatten die R\u00f6mische Kurie und der Deutsche Episkopat ebenso wie die Evangelischen Landeskirchen der jungen Weimarer Republik weder Entgegenkommen noch gar Wohl-wollen, ja nicht einmal Respekt gezeigt (vgl. zum Ganzen: Neumann 1983, 62-70). Diese Republik hatte es ja gewagt die kirchlichen Privilegien und Machtpositionen, wenn nicht zubeseitigen, so doch in Frage zu stellen. Darum versagten ihr die kirchlichen Repr\u00e4sentanten jede auch noch so zarte legitimierende Geste mit der sie sonst der staatlichen Gewalt gegen\u00fcber nicht geizten. Die protestantischen Landeskirchen, des F\u00fcrsten als oberstem Landesbischof beraubt. schufen sich zwar nach demokratischem Muster synodale Organe der Kirchenleitung, trauerten aber den Vorstellungen der alten Einheit von Thron und Altar vielleicht noch st\u00e4rker nach als die Katholiken, denn sie halten insbesondere in Preu\u00dfen und W\u00fcrttemberg mit vielen Privilegien aus-gestattete Positionen r\u00e4umen m\u00fcssen.<br \/>Das Zusammenspiel und die Legitimationskraft der Kirchen gegen\u00fcber den staatlichen Institutionen in Deutschland nach 1945 insgesamt und der Bundesrepublik seit 1949, wird man erst dann zu w\u00fcrdigen wissen, wenn man wei\u00df, wie sich die Kirchen den staatlichen Organen w\u00e4hrend der Weimarer Republik gegen\u00fcber verhalten haben. So wurde beispielsweise die von staatlichen Beh\u00f6rden erbetenen empfehlenden Hinweise auf den Verfassungstag (11. August) mit dem Bemerken abgelehnt, &#8222;das Ansinnen der bestehenden Verfassung die Treue zu halten&#8220;, sei nicht akzeptabel. In diesem Sinn schrieb Kardinal Faulhaber am 23.7.1923 an den Reichsinnenminister Jarres: &#8222;Wir Bisch\u00f6fe k\u00f6nnen nicht den Geburtstag einer Verfassung feiern, gegen die wir bald nach ihrer Geburt Einspruch erhoben haben, weil\u00a0vier oder f\u00fcnf Punkte (Sie.J.N.) der Verfassung mit kirchlichen Gesetzen und Grunds\u00e4tzen und darum mit dem katholischen Gewissen in Widerspruch stehen.&#8220; (Akten 1, 337) Der Bischof macht sich gar nicht die M\u00fche die beschwerenden Normen \u00fcberhaupt zu benennen, es kommt ihm offensichtlich gar nicht auf Einzelheiten an, vielmehr passt ihm die ganze Richtung nicht. Und aus diesen politischen bzw. juristischen Differenzen folgert er, diese Normen &#8211; die kirchlichen Grunds\u00e4tzen widersprachen &#8211; w\u00fcrden deshalb mit dem &#8218;katholischen Gewissen&#8220; in Widerspruch stehen. Der Bischof \u00fcberschweigt dabei, dass an dem Zustandekommen dieser Verfassung durchaus die katholischen Politiker der Zentrumspartei &#8211; aber auch in anderen Parteien &#8211; mitgewirkt hatten. In gleicher Weise wurde eine W\u00fcrdigung des verstorbenen Reichspr\u00e4sidenten Friedrich Eberl (1671-1925) und ein kirchliches Glockengel\u00e4ut zum Zeitpunkt seiner Beerdigung vielfach abgelehnt, wenn auch nicht \u00fcberall so &#8217;schroff wie in Bayern. Dort begr\u00fcndete Kardinal Faulhaber seine ablehnende Haltung seinem Klerus gegen\u00fcber wie folgt: &#8222;i. Reichspr\u00e4sident Ebert stand auf dem Boden der Weimarer Verfassung, die grunds\u00e4tzlich auf eine Trennung von Staat und Kirche abzielte&#8230; &#8222;. <br \/>Au\u00dferdem solle mit der\u00a0 Trauerkundgebung &#8222;nur eine Nachbildung der Bestattungsfeierlichkeiten der fr\u00fcheren Reichsoberh\u00e4upter&#8220; dargestellt werden (Akten 1, 364). Diesen Gedanken formulierte der Bischof von Passau, Sigismund Felix Freiherr von Ow-Felldorf ganz ungeniert, wenn er schreibt: Ein Trauergel\u00e4ute k\u00e4me schon deshalb nicht in Frage, &#8222;weil &#8218;Republik&#8216; und &#8218;Staatsoberhaupt&#8216; doch eigentlich zwei logisch unvereinbare Begriffe sind und es einer Irref\u00fchrung der \u00f6ffentlichen Meinung gleichk\u00e4me, wenn dem ersten Beamten der Republik die gleichen kirchlichen Ehren erwiesen w\u00fcrden wie dem Oberhaupt eines angestammten Herrscherhauses&#8220; (Akten 1, 365). &#8211; Vielleicht ist es gut, sich an dieser Stelle zu vergegenw\u00e4rtigen, dass es die gleichen Bisch\u00f6fe waren, die nach den Siegen \u00fcber das (katholische) Polen und \u00fcber Frankreich die Kirchenglocken l\u00e4uten lie\u00dfen und die bis 1945 zur gehorsamen Pflichterf\u00fcllung aufgerufen haben.<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich der \u00dcberf\u00fchrung des toten bayerischen K\u00f6nigspaares nach M\u00fcnchen im Jahr 1921 erteilte Kardinal Faulhaber der jungen Republik und ihrer ldee von der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t eine klare Absage, als er feststellte: &#8222;K\u00f6nige von Volkesgnaden&#8220; seien &#8222;keine Gnade f\u00fcr das Volk&#8216; vielmehr werde, &#8222;wo das Volk sein eigener K\u00f6nig ist&#8230;\u00a0 es \u00fcber kurz oder lang auch sein eigener Totengr\u00e4ber&#8220; (Akten 1, LXII). Seine Ablehnung des demokratischen Staatswesens macht Faulhaber dann noch einmal anl\u00e4sslich des\u00a0Katholikentages\u00a0in M\u00fcnchen 1922 unmissverst\u00e4ndlich deutlich. Dort f\u00fchrte er aus: &#8222;Die Revolution war Meineid und Hochverrat. bleibt in der Geschichte erblich belastet, mit dem Kainsmal gezeichnet. Auch wenn der Umsturz ein paar Erfolge brachte, wenn er den Bekennern des katholischen Glaubens den Weg zu h\u00f6heren \u00c4mtern weit mehr als fr\u00fcher erschloss &#8211; ein sittlicher Charakter wertet nicht nach den Erfolgen, eine Untat darf nicht der Erfolge wegen heilig gesprochen werden&#8220; (Akten 1, 278). Das war nicht nur ein Affront gegen die Republik; das war ein Aufruf an alle deutschen Katholiken zur Illoyalit\u00e4t gegen\u00fcber der jungen Demokratie, das war eine Desavouierung auch der katholischen Zentrumspartei, die eine der tragenden Kr\u00e4fte dieser Republik war. Zwar stellte Konrad Adenauer, damaliger Pr\u00e4sident des Katholikentages, in seiner Schlussansprache nachdr\u00fccklich fest, dass hinter dieser staatspolitischen Wertung des Erzbischofs von M\u00fcnchen &#8222;die Gesamtheit der deutschen Katholiken nicht stehe,&#8220; doch war damit das Verh\u00e4ltnis von Kirche und Staat In der Weimarer Republik nicht gebessert worden. Adenauer wurde f\u00fcr diese Parteinahme zu Gunsten der Republik von Teilen des Episkopats \u00fcbel geschm\u00e4ht (vgl. u.a. Kardinal Faulhaber an Kardinal Pizzardo am 19.9.1922: Akten I, 278). Angesichts solcher \u00c4u\u00dferungen der Kirchenf\u00fchrer \u00fcber die Republik muss es verwundern, dass die deutschen Katholiken \u00fcberhaupt doch in so gro\u00dfer Zahl zu den demokratischen Wahlen gingen und &#8222;ihrer&#8220; Zentrumspartei die Treue hielten. Aber nicht nur das Verh\u00e4ltnis zwischen den Kirchen und der Demokratie war problematisch, vielmehr fanden sich die Kirchen in der geistigen Auseinandersetzung mit ihren Gegnern nur schlecht zurecht. Dass Meinungsfreiheit und \u00f6ffentliche Auseinandersetzung zu einer lebendigen Demokratie, zu einer demokratischen Gesellschaft, geh\u00f6ren, war f\u00fcr sie unfassbar. Dass das Recht, das man selbst beansprucht auch den anderen gew\u00e4hrt werden m\u00fcsse, f\u00fcr die Bisch\u00f6fe war es unvorstellbar Liberalismus, Kommunismus und Sozialismus waren die gro\u00dfen Abfalleimer in die alles geworfen wurde, was der eigenen Ideologie zuwider war. Man k\u00e4mpfte f\u00fcr die (katholische bzw. evangelische) Bekenntnisschule, f\u00fcr kirchliche Schulaufsicht und Religionsunterricht sowie f\u00fcr die Hoheit der Kirche \u00fcber die Familie; hier sah man die entscheidenden Konfliktpunkte mit dem jungen Staat und den eigenen Interessen. So orientierte sich denn auch die kirchliche Ablehnung gegen\u00fcber dem Nationalsozialismus zun\u00e4chst nur an seinen kirchenfeindlichen \u00c4u\u00dferung, seiner kulturpolitischen Ablehnung des kirchlichen Einflusses auf Politik und Gesellschaft.<\/p>\n<p>Seine wesentlich menschenverachtende, Recht und Grundrechte verletzenden Ideen und Propaganda, standen niemals ernsthaft in der kirchlichen Kritik_ Darum konnten die deutschen katholischen Bisch\u00f6fe am 28.3.1933 &#8211; also nur wenige Tage nachdem der Reichstag mit den Stimmen des (katholischen) Zentrums das verh\u00e4ngnisvolle Erm\u00e4chtigungsgesetz (14.3.1933) verabschiedet hatte, &#8211; feststellen: Der Episkopat &#8222;glaube, &#8222;das Vertrauen hegen zu k\u00f6nnen, dass die allgemeinen Verbote und Warnungen (n\u00e4mlich vor dein Nationalsozialismus: J.N.) nicht mehr als notwendig betrachtet zu werden brauchen.&#8220; Die Bisch\u00f6fe versichern sodann die Treue der Katholiken gegen\u00fcber der neuen, &#8218;rechtm\u00e4\u00dfigen Obrigkeit&#8220; und ermahnen die Gl\u00e4ubigen, &#8222;einzutreten f\u00fcr Frieden und soziale Wohlfahrt des Volkes, f\u00fcr Schutz der christlichen Religion und Sitte, f\u00fcr Freiheit und Recht der katholischen Kirche und Schutz der konfessionellen Schule und der katholischen Jugendorganisationen.&#8220; Dabei \u00fcbersahen die Bisch\u00f6fe geflissentlich, dass die Freiheit, und die Rechte der Kirche untrennbar verwoben waren mit den politischen Rechten aller, sowohl der Gl\u00e4ubigen als auch der nicht gl\u00e4ubigen Menschen insgesamt. Sie vermochten offenbar nicht wahrzunehmen, dass die kirchlichen Jugendorganisationen und Vereine nur gedeihen konnten, wenn auch andere Organisationen frei existieren durften. Sie schienen anzunehmen, die Kirchen k\u00f6nnten in Freiheil existieren, auch wenn andere gesellschaftliche und politische Gruppen, die Sozialisten und Liberalen, die Juden und Freidenker, unterdr\u00fcckt und eingekerkert w\u00fcrden. Freiheil verstanden sie als &#8222;Freiheit f\u00fcr die Wahrheit der katholischen Kirche&#8220;) Sie \u00fcbersahen darum geflissentlich, dass zu jener Zeit bereits zahlreiche sozialistische und kommunistische, aber auch andere, selbst christliche und katholische Politiker ihrer Freiheit, sogar ihres Lebens beraubt worden waren. Wenn damals der katholische Kirchenrechtsprofessor Josef Nenner die von den<br \/>Nazis initiierte &#8222;Notverordnung des Reichspr\u00e4sidenten Schutz des deutschen Volkes&#8220; vom 4.2.1933 als energische und zielbewusste Ma\u00dfnahme der &#8222;Regierung der nationalen Erhebung&#8220; im &#8222;Kampf gegen die Feinde der deutschen Kultur und christlichen Sitte&#8220; begr\u00fc\u00dfte, nahm er kaum eine Au\u00dfenseiter-Position ein. Dem entspricht die W\u00fcrdigung der sogenannten LaLervertr\u00e4ge des lll. Stuhls mit dein faschistischen Italien von 1929 aus der Feder des Pr\u00e4laten Ludwig Kaas, dem damaligen Vorsitzenden der Zentrumspartei im Reichstag. Er schrieb, man hoffe, &#8222;die konkordat\u00e4re Begegnung zwischen dem Vatikan und dem &#8218;totalit\u00e4ren Staat&#8216; (werde) nicht. als fl\u00fcchtige Episode, sondern als lebensf\u00e4higes Dauerwerk in die Geschichte \u00fcbergehen.&#8220; (1933, 522).<br \/>Im &#8222;gemeinsamen Hirtenbrief der Oberhirten der Di\u00f6zesen Deutschlands \u00fcber die Kirche im neuen Reich&#8220; vom 3.6_1933 stellten die Bisch\u00f6fe fest: &#8222;In unserer heiligen katholischen Kirche kommen Wert und Sinn der Autorit\u00e4t besonders zur Geltung&#8230;\u00a0 Es f\u00e4llt deswegen auch uns Katholiken keineswegs schwer, diese neue starke Betonung der Autorit\u00e4t im deutschen Staatswesen zu w\u00fcrdigen und uns mit jener Bereitschaft ihr zu unterwerfen die sich nicht nur als eine nat\u00fcrliche Tugend, sondern wiederum als eine \u00fcbernat\u00fcrliche kennzeichnet&#8230;\u00a0 (R\u00f6m. 13, tff). Zu unserer gro\u00dfen Freude haben die f\u00fchrenden M\u00e4nner des neuen Staates ausdr\u00fccklich erkl\u00e4rt, dass sie sich selbst und ihr Werk auf den Boden des Christentums stellen. Es ist ein \u00f6ffentliches, feierliches Bekenntnis, das den herzlichen Dank aller Katholiken verdient.&#8220; Diese Worte erhalten ihr ganzes Gewicht, wenn man sich vergegenw\u00e4rtigt, dass zu jenem` Zeitpunkt bereits viele politische Gegner aller Couleur zusammengeschlagen, verschwunden oder In &#8222;Schutzhaft&#8220; waren; auch hatte die ersten Pogrome gegen Juden und Kommunisten stattgefunden. Die Bisch\u00f6fe mussten also wissen, wozu die &#8222;f\u00fchrenden M\u00e4nner des neuen Staates&#8220; f\u00e4hig waren, die &#8222;auf dem Boden des Christentums&#8220; standen. Sie nahmen diese Untaten offenbar billigend in Kauf, hoffend, die katholische Kirche w\u00fcrde durch die Vernichtung ihrer traditionellen Gegner gest\u00e4rkt. Und k\u00f6nnte \u00fcberdies vom Heiligen Stuhl gesch\u00fctzt werden.<\/p>\n<p>Dementsprechend fuhren sie auch &#8211; geradezu triumphierend &#8211; in dem genannten Hirtenbrief fort: &#8222;Nicht mehr soll also Unglaube und die von ihm entfesselte Unsittlichkeit das Mark des deutschen Volkes vergiften, nicht mehr der m\u00f6rderische Bolschewismus mit seinem Gotteshass die deutsche Seele bedrohen und verw\u00fcsten&#8230; &#8222;. Sie schlie\u00dfen den Hirtenbrief mit der Hoffnung, dass es der &#8222;Umsicht und Tatkraft der deutschen F\u00fchrer&#8220; gelingen m\u00f6ge, &#8222;alle jene Funken und glimmenden Kohlen zu ersticken, die man da und dort zu furchtbaren Br\u00e4nden gegen die katholische Kirche anfachen m\u00f6chte&#8220; (Archiv f. Kath. Kirchenrecht 63, 1933, 530-551). Vor der Gefahr eines &#8222;Brandes&#8220; gegen andere hatten die Kirchenf\u00fchrer offenbar ebenso wenig Angst wie vor dem Weltbrand eines gro\u00dfen Krieges. Die Bisch\u00f6fe wussten zur damaligen Zeit, dass sie zum Unrecht schwiegen; sie schwiegen, weil sie hofften auf diese Weise Wohlwollen f\u00fcr die katholische Kirche, also f\u00fcr ihre Interessen, erkaufen zu k\u00f6nnen. Sie bringen zwar am Schluss ihres Hirtenbriefes noch die Bitte vor, dass n\u00e4mlich &#8222;die Gerechtigkeit (sic! J.N.) sich nun auch denen gegen\u00fcber gro\u00dfm\u00fctig bew\u00e4hre, die bisher unter den Zusammenbr\u00fcchen, Umschaltungen und Ausschaltungen uns\u00e4gliches erlitten haben und die unser innigstes Mitleid verdienen.&#8220; Dieser Vorbehalt ist erstaunlich behutsam formuliert, wenn man bedenkt, was in jenen tagen bereits geschehen war und wie viele Menschen &#8211; auch Katholiken &#8211; schon &#8222;ausgeschaltet&#8220;, ja ermordet waren. Diese bisch\u00f6fliche Unbehutsamkeit wird insbesondere dann unbegreiflich, wenn man vergleicht, wie br\u00fcsk die Bisch\u00f6fe jede Unterst\u00fctzung der Weimarer Republik, in der die katholische Zentrumspartei meistens mit der SPD Koalitionsregierungen bildete, abgelehnt hatten.Es braucht hier auf die weitere Entwicklung des Verh\u00e4ltnisses der Kirchen zum nationalsozialistischen Deutschland nicht weiter eingegangen zu werden. Es ist heute nicht mehr zu bestreiten, dass der Nationalsozialismus ohne die freudige und tatkr\u00e4ftige, freiwillig geleistete Unterst\u00fctzung eines Gro\u00dfteils der Christen und fast der Gesamtheit der Kirchenf\u00fchrer beider Konfessionen, sich nicht h\u00e4tte an die Macht bringen und dort nicht h\u00e4tte hallen k\u00f6nnen ).<br \/>W\u00e4hrend die Kirchen der Republik jegliche legitimatorische Hilfe versagten, priesen sie die reinigende Tatkraft und die sittliche Strenge des Nationalsozialismus: Noch 1937 schrieb der sp\u00e4tere M\u00fcnchener Domkapitular Dr. Erwin R. von Kienitz, dass die Katholiken &#8222;die kirchenzersetzenden Folgen dieses demokratisch-parlamentarischen Gebarens&#8220; &#8218;(gemeint sind der Konzilzarismus und die Reformation) zwar sp\u00e4t, aber immerhin noch erkannt h\u00e4tten (1937, 27j. Die innere Affinit\u00e4t des Christentums, besonders in seiner r\u00f6misch-katholischen Gestalt, zu den Ideen des Nationalsozialismus ist best\u00fcrzend: Hier wie dort gilt ein zentralistisch-patriarchalisches F\u00fchrerprinzip, blinder Gehorsam und unterw\u00fcrfiger Glaube, wird die Bestrafung aller Abweichler und Sittenstrolche gefordert, werden human-autonome Freiheit und personale Verantwortung als subjektivistische Willk\u00fcr und Zerfall der Sitten diffamiert. Von KieniLz weist unter vielfachen Bezugnahmen auf alte katholische Texte darauf hin), dass die st\u00e4ndisch gegliederte Kirche eine unit\u00e4re und autorit\u00e4r regierte Monarchie Petri sei, in der allein das F\u00fchrerprinzip und der Grundsatz der Autorit\u00e4t gelten. In der Kirche, als,Jem Heerlager Gottes gegen die Gottlosigkeit, m\u00fcsse eiserne Disziplin und absoluter Gehorsam herrschen. &#8222;Siege werden nur erfochten, wenn ein Wille befiehlt.&#8216; (Ebenda 13, 29, 77ff., 209 u.a.)<\/p>\n<p>Besonders deutlich formulierte der T\u00fcbinger Dogmatiker Karl Adam die v\u00f6lkisch-rassistische Ideologie. Seine Vorstellungen fanden sich der Sache nach auch bei vielen anderen theologischen Autoren. In seinem Aufsatz &#8222;Deutsches Volkstum und katholisches Christentum&#8220; (ThQ 114, 1933, 40-63) pries er den Volkskanzler Adolf Hitler als einen Menschen, &#8222;der ganz und gar Volk und nichts als Volk war&#8220;. Dieser sei nun gekommen: &#8222;Aus dem S\u00fcden. aus dem katholischen S\u00fcden kam er, aber wir kannten ihn nicht. Denn durch Nut und Gefahr war er hindurchgegangen, und gewaltige Bl\u00f6cke deutschen Ingrimms hatte er gegen die geschleudert, die wir bislang unsere F\u00fchrer genannt hatten. So z\u00fcngelte der Hass um sein Bild und entstellte es. Aber dann kam die Stunde. Da wir ihn sahen und erkannten. Und nun steht er vor uns als der, den die Stimmen unserer Dichter und Weisen gerufen, als der Befreier des deutschen Genius, der die Binden von unseren Augen nahm und uns durch alle politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, konfessionellen H\u00f6hen hindurch wieder das eine Wesenhafte sehen lie\u00df: Unsere bluthafte Einheit, unser deutsches Selbst, den homo Germanus&#8220;.\u00a0Karl\u00a0Adam wollte keineswegs den Katholizismus zum Instrument des Nationalismus oder gar des Nationalsozialismus machen, er wollte vielmehr die ethisch- politische \u00dcberlegenheit des Katholizismus anhand der Vitalit\u00e4t des Nationalsozialismus gegen\u00fcber dem m\u00fcde gewordenen Protestantismus belegen. Realit\u00e4tsfern hoffte er offenbar darauf, durch solche Lobspr\u00fcche, den Nationalsozialismus den katholischen Interessen unterzuordnen bzw. der Kirche zu Rehintegrieren. Am Ph\u00e4nomen dieser Bewegung, so meinte er, werde deut1ich, was der scholastische Satz meine, &#8222;die Gnade setzt die Natur voraus&#8220;. Es zeige sich, dass das &#8222;Christentum nicht blo\u00df Tat Gottes, nicht blo\u00df &#8218;\u00dcbernatur&#8220; vielmehr &#8222;irgendwie&#8220; auch Natur sei: &#8222;Es ist Mensch gewordene Gnade, fleischgewordenes Wort, irgendwie ein von Menschenh\u00e4nden gebauter Tempel des Heiligen Geistes,&#8220; der &#8222;m\u00fcden Resignation&#8216; der protestantischen Auffassung vom Verh\u00e4ltnis von Gnade und Natur, Volkstum und Glaube, Blut und Geist, wollte Adam die katholische Harmonie und Gr\u00f6\u00dfe gegen\u00fcberstellen. F\u00fcr den Katholizismus sei das Christentum &#8217;nicht \u00dcbernatur, nicht Geist allein, nicht mystischer Spiritualismus, sondern Geist und Blut oder vielmehr Blut und Geist.&#8220; Deshalb seien &#8222;Nationalismus und Katholizismus kein innerer Gegensatz, vielmehr geh\u00f6rten sie zusammen wie Natur und \u00dcbernatur.&#8220; Von dieser Basis ausgehend vermag er dann nicht nur festzustellen dass &#8222;der Jude als Semit der Rasse fremd ist und uns rassefremd bleiben wird&#8220;, sondern auch die &#8222;deutsche Forderung der Blutreinheit&#8220; noch aus der &#8222;alttestamentlichen Gottesoffenbarung&#8220; zu begr\u00fcnden. Karl Adam &#8211; wie auch andere protestantische und katholische Vertreter dieser Art von politischer Theologie &#8211; wurde bald selbst von den Sanktionen dieses &#8222;Volkskanzlers aus dem katholischen S\u00fcden&#8220; getroffen. Die angek\u00fcndigte Fortsetzung seines Aufsatzes ist denn auch nie mehr erschienen. Es geht hier somit gar nicht um die Feststellung von pers\u00f6nlichem Politischen Irrtum oder gar um die Zuweisung von individueller Schuld. Dazu ist dieses Problem viel zu komplex. Es geht vielmehr an dieser Stelle um folgendes: Ideologien, also absolutistische Gedankengeb\u00e4ude, und totalit\u00e4re Wirklichkeiten sind fast beliebig gegeneinander austauschbar und durcheinander zu ersetzen. Darum ist es kein Zufall, dass katholische Kirchenf\u00fchrer stets eine innere Affinit\u00e4t zu totalit\u00e4ren Regenten haben und islamische Image unmittelbar als politische Tyrannen auftreten. Karl Adam hat das seinerzeit nicht als einsamer politischer Opportunist geschrieben, sondern er konnte das als katholischer Theologe ehrlichen Herzens schreiben, weil er in der katholisch-kirchlichen Tradition daf\u00fcr eine l\u00fcckenlose Kette von Belegen nachweisen konnte. Im damaligen deutschen Christentum katholischer wie evangelischer Herkunft lauteten die \u00fcblichen Schlagworte:<\/p>\n<ul>\n<li>germanische Sitte und Treue<\/li>\n<li>deutsches Volkstum und Antisemitismus &#8211; F\u00fchrer und Gefolgschaft<\/li>\n<hr class=\"clearer-white\">\n<p>\t\t<!--\n\t\t\tList browsing box:\n\t\t--><\/p>\n<\/ul>\n<li>Autorit\u00e4t und Gehorsam<\/li>\n<li>Sch\u00f6nheit und Glaube<\/li>\n<li>Sieg und Weltherrschaft.<\/li>\n<p>Das waren in allen b\u00fcrgerlichen Schichten &#8211; die j\u00fcdischen makabrerweise keineswegs ausgenommen &#8211; weitverbreitete Stereotypen, gleichsam Trostpflaster f\u00fcr die verflossene Monarchie und den verlorenen Krieg. Sie sind von den Theologen und Kirchenf\u00fchrern beider Konfessionen und (fast) aller Richtungen in unterschiedlichen Formen und in verschiedenen Konstellationen durchdekliniert und \u00fcbernommen worden. Eben darin liegt das Problem: Was ist eine religi\u00f6se Ideologie, die sich als sinnstiftende Lehre versteht, wert, wenn sie nicht nur nicht in der Lage ist, ihre Anh\u00e4nger gegen in humanes Kollektiverhalten und menschenverachtende Theorien von Geist und Blut, von Gott und Rasse, zu feien, sondern sie auch noch theologisch-ideologische Argumente liefert um die Vernichtung von Freiheit und Recht. Menschenleben mit Menschenw\u00fcrde zu rechtfertigen, wenn sie demokratische Mitbestimmung und republikanische Institutionen als ver\u00e4chtliche Machwerke und Ausschweifungen menschlichen Geistes und als t\u00f6richtes, unmoralisches Verhallen diffamiert.<\/p>\n<p>Zweifellos sind auch Wissenschaftler aller Disziplinen nicht nur den Herolden der Unmenschlichkeit begeistert nachgelaufen, sondern haben sie auch beispielsweise die nationalsozialistische Rassenlehre &#8222;wissenschaftlich&#8220; begr\u00fcndet und den Angriffskrieg mit &#8222;wissenschaftlichen Methoden&#8220; gerechtfertigt. Zwar haben die Universit\u00e4ten als wissenschaftliche Institutionen und viele Wissenschaftler versagt, doch gab es auch eine nicht geringe Zahl von Wissenschaftlern. die sich dieser Unterwerfung auf die eine oder andere Art entzogen haben, wie sich auch viele katholische und evangelische Christen als Individuen diesem totalit\u00e4ren Zugriff zu entziehen suchten, ja ihm widerstanden haben, widerstanden oft um den Preis ihres Lebens oder wenigstens ihrer G\u00fcter 10).<br \/>Es geht hier also nicht darum, das sei nochmals betont bestimmte Personen oder Personengruppen\u00a0zu verurteilen. Viel mehr wird versucht, zu zeigen, aus welchen geistigen Grundlagen es m\u00f6glich war, dass Menschen, die sich selbst f\u00fcr gewissenhaft hielten, Verbrechern, wenn nicht applaudierten, so doch deren Untaten durch ihr wohlwollendes Schweigen oft erst erm\u00f6glichten. Vor allem aber soll bewusst gemacht werden:<br \/>1. Totalit\u00e4re Systeme k\u00f6nnen erst dann die Herrschaft an sich rei\u00dfen und gewaltt\u00e4tig werden, wenn sie sich auf eine breite \u00dcbereinstimmung mit den Eliten einer Gesellschaft st\u00fctzen k\u00f6nnen. Der Durchbruch totalit\u00e4rer Systeme in den 20er und 30er Jahre unseres Jahrhunderts in fast allen Teilen Europas (von Polen \u00fcber Italien, Spanien bis nach Portugal) macht deutlich, dass die christliche Lehre und Tradition &#8211; vornehmlich in seiner katholischen Auspr\u00e4gung &#8211; offenbar ein geeigneter N\u00e4hrboden f\u00fcr total ihre Ideologien war.<br \/>2. In dem Augenblick, da sich ein totalit\u00e4res System etabliert und die Machtpositionen an sich gerissen hat, ist es f\u00fcr den einfachen B\u00fcrger und den normal ausgestatteten Menschen so gut wie unm\u00f6glich diesem Gewaltregime zu widerstehen. Allerdings ist eine solche Machtergreifung in der Regel nur unter Zustimmung der gesellschaftlichen Eliten m\u00f6glich. Wollte der einfache B\u00fcrger nach der Etablierung der Gewaltherrschaft noch Widerstand leisten, bezahlt er dies in der Regel mit seinem Leben ohne die Situation jetzt noch \u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Die Entscheidung f\u00e4llt also wesentlich fr\u00fcher, n\u00e4mlich in jener Zeit, da die totalit\u00e4ren Potentiale noch nicht voll zur Herrschaft gelangt sind. Am Ende der Weimarer Republik verhielt es sich so, dass die F\u00fchrer der Kirchen, nicht auf Seiten der demokratischen Freiheit, nicht auf Seiten des republikanischen Rechtsstaates, nicht auf Seiten der Menschenw\u00fcrde und nicht auf seilen der Unterdr\u00fcckten standen, sondern aus vielerlei ideologischen Gr\u00fcnden mit den k\u00fcnftigen, bald siegreichen Machthabern insgeheim sympathisierten.<\/p>\n<p>Dies zeigt, dass der Kirchen angeblich sinnstiftende Kraft und ihre vorgeblich ethosbildende Bedeutung nicht gr\u00f6\u00dfer sind als die anderer gesellschaftlichen Gruppen, die f\u00fcr sich keine besonderen Pr\u00e4rogative in bezug auf Glaubw\u00fcrdigkeit und gesellschaftliche Privilegierung verlangen bzw. erwarten k\u00f6nnen. Auf dem Hintergrund der Erfahrungen der Geschichte l\u00e4sst sich der Anspruch der Kirchen, &#8222;W\u00e4chter&#8216; der Gesellschaft, Vermittler individuellen Lebenssinns zu sein und soziale Integrit\u00e4t und Lauterkeit zu lehren, nicht st\u00fctzen. Wir haben hier nicht die Zeit des schrecklichen Versagens der christlichen Kirchen im Drillen Reich zu schildern; wir d\u00fcrfen diese schlimme Zeit deshalb hier \u00fcberspringen. Nur soviel sei noch erw\u00e4hnt: In der Zeit des Dritten Reiches ist tats\u00e4chlich niemals eine grunds\u00e4tzliche Diskrepanz zwischen dem organisierten und institutionalisierten Christentum evangelischer und katholischer Provenienz einerseits und dem Nationalsozialismus andererseits un\u00fcberbr\u00fcckbar deutlich gewordenl1). Die vielf\u00e4ltigen Proteste der christlichen Kirchen, auch der katholischen, richteten sich gegen unmittelbar erlittenes Unrecht, betrafen also stets die eigene Position, die eigenen Mitglieder, interessierten sich aber kaum f\u00fcr die verfolgten Menschen In ihrer Gesamtheit. Juden und Kommunisten, Sozialisten und Freimaurer, homosexuelle und sogar Kriegsdienstverweigerer aus den eigenen Reihen blieben au\u00dferhalb der kirchlich-christlichen F\u00fcrsprache, selbst dann, wenn es sich bei den Betroffenen um Christen handelte, die um ihrer christlichen Haltung willen verfolgt wurden (Rehmann, 1986, 97)12i.<br \/>Darum verzweifelt gebeten, gegen die Massenvernichtung der Juden zu protestieren, hat Kardinal Bertram ge\u00e4u\u00dfert, der Episkopat solle seine Einflussm\u00f6glichkeiten &#8218;zun\u00e4chst auf andere, kirchlich wichtigere und weittragendere Belange konzentrieren, ganz besonders auf die . . .Frage, wie eine christentums- und kirchenfeindliche Beeinflussung in der Erziehung der katholischen Jugend wirksam zu verhindern ist&#8220; (zitiert nach Denzler-Fabricius 1984, I, 153).<br \/>Kein Geringerer als Konrad Adenauer, 1933 von den Nazis als Oberb\u00fcrgermeister von K\u00f6ln abgesetzt, urteilt darum unter dem 23. Februar 1946 in einem Brief an den Donner Pastor Dr. D. Custodis folgenderma\u00dfen: &#8222;Nach meiner Meinung tr\u00e4gt das deutsche Volk und tragen auch die Bisch\u00f6fe und der Klerus eine gro\u00dfe Schuld\u00a0Ich glaube, dass wenn die Bisch\u00f6fe alle miteinander an einem bestimmten Tag \u00f6ffentlich von den Kanzeln dagegen Stellung genommen h\u00e4tten, sie vieles h\u00e4tten verh\u00fcten k\u00f6nnen. Das ist nicht geschehen und daf\u00fcr gibt es keine Entschuldigung&#8230;.&#8220;\u00a0(zitiert nach Denzler, 1984, 125f.). Die katholischen Bisch\u00f6fe lie\u00dfen sich nicht einmal &#8211; wie die bekennende Kirche, die der Namen der vertriebenen, verhafteten und verfolgten Pfarrer und Gemeindemitglieder gedachte &#8211; allgemein f\u00fcr die ermordeten und gesch\u00e4ndeten Plenschen beten; nur das Gebet nach der Messe f\u00fcr &#8222;F\u00fchrer, Volk und Vaterland&#8220; wurde treu verrichtet! Kardinal Faulhaber lie\u00df nach dem mi\u00dfgl\u00fcckten Attentat vom 9. November 1939 in seiner M\u00fcnchener Bischofskirche Gott ein Loblied f\u00fcr die Errettung Hitlers singen. Als er nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 von der Gestapo verh\u00f6rt wurde, weil sie ihn der Mitwisserschaft verd\u00e4chtigte, gab er folgende Antwort: &#8222;Ich bin ersch\u00fcttert, weil ich als Bischof das Verbrechen eines Mordplanes und vollends eines Planes gegen das Staatsoberhaupt vor aller Welt verdammen und brandmarken muss.&#8220; Er nannte den &#8218;Putschversuch, den viele der Beteiligten aus christlicher Verantwortung zu unternehmen geglaubt hatten, &#8222;einen solchen Wahnsinn, der unser Volk in das furchtbarste Chaos gest\u00fcrzt und den Bolschewismus in der radikalsten Form zum Siege gef\u00fchrt h\u00e4tte&#8220; und verga\u00df nicht anzuf\u00fcgen, das er sich &#8222;pers\u00f6nlich die Verehrung zum F\u00fchrer seit der langen Aussprache vom 4. November 1936&#8220; bewahrt habe. Mehr kann sich ein Mensch nicht erniedrigen; st\u00e4rker kann jemand die Institution, der er vorsteht, nicht desavouieren. Trefflich hatte es Pius XII. in seiner Ansprache vom 20. Oktober 1939 formuliert: &#8222;Die Not der Gegenwart ist eine Rechtfertigung des Christentums, wie sie ersch\u00fcttender nicht gedacht werden kann&#8220; (Pius XII., 1946, 142)!<\/p>\n<p>Dennoch hallen die beiden gro\u00dfen Kirchen den Zusammenbruch des Dritten Reiches als Einrichtungen von starkem Einfluss und ansehnlicher organisatorischer Festigkeit relativ unbeschadet \u00fcberstanden. Die demokratischen Parteien und die von den Nazis aufgel\u00f6sten Organisationen, wie die Gewerkschaften, mussten zun\u00e4chst ihre Apparate wieder aufbauen und neue Programme entwickeln. Andere Organisationen, etwa die verschiedenen Kammern und Verb\u00e4nde, waren ebenso wie die \u00f6ffentliche Verwaltung durch das Verhalten ihrer Mitglieder bzw. Vertreter im Dritten Reich kompromittiert. Sie alle mussten unter der oftmals weder fachkundigen noch wohlmeinenden Kuratel der Besatzungsm\u00e4chte m\u00fchsam am Nullpunkt beginnen. Dieser organisatorische Wiederaufbau blieb den Kirchen nicht nur erspart, vielmehr hatten sie bis in jedes Dorf hinein ihre &#8222;Agenturen&#8220;. Vor allem die katholische Kirche f\u00fchlte sich nicht nur auf der Seite der Sieger, sondern wurde auch von den Alliierten wie von der Bev\u00f6lkerung dementsprechend behandelt und gesch\u00e4tzt. Die Kirchen galten &#8211; allen Tatsachen der j\u00fcngsten Geschichte zum Trotz &#8211; als Hort der Freiheit und Zentrum des Widerstands gegen den<br \/>Nationalsozialismus. In den Verfassungen der deutschen L\u00e4nder konnten sich die Kirchen darum teilweise eine beachtliche Stellung und in der politischen Realit\u00e4t betr\u00e4chtlichen Einfluss sichern. Die Kirchen und ihre Repr\u00e4sentanten, vor allem die Bisch\u00f6fe, wurden generell wie Verfolgte des Naziregimes behandelt, ohne dass das Verhalten der einzelnen Kirchenm\u00e4nner \u00fcberpr\u00fcft wurde. Lediglich offenkundige Sympathisanten des Nationalsozialismus unter den Geistlichen wurden als fatale Einzelg\u00e4nger aus dem \u00f6ffentlichen Wirken abgezogen. Das wohlwollende Verhalten vieler Bisch\u00f6fe und mancher Priester und f\u00fchrender Laien gegen\u00fcber dem Nationalsozialismus, als dem Bollwerk christlich-deutschen Volkstums und Vork\u00e4mpfer gegen den kulturzersetzenden Bolschewismus, Sozialismus und verjudeten Liberalismus in den entscheidenden Monaten, war verdr\u00e4ngt. Die sp\u00e4teren bzw. versp\u00e4teten Bischofsworte und der Kampf der Bekennenden Kirche wurden zum allgemeinen Zeugnis f\u00fcr einen grunds\u00e4tzlichen, allgemeinen und totalen Widerstand der Kirchen gegen das Naziregime hochstilisiert, obwohl sie fast &#8211; ausschlie\u00dflich gegen Obergriffe, Klosterst\u00fcrmereien, Konkordatsverletzungen oder Euthanasie (christlicher) Behinderter und gegen die Behinderung der Verk\u00fcndigung des Evangeliums gerichtet waren; sie galten zun\u00e4chst der Sicherung der eigenen kirchlichen Interessen. Dennoch wurde der Kampf zwischen &#8222;Kreuz und Hakenkreuz&#8220; zum Kampf zwischen Gott und Satan, zwischen Freiheit und Unfreiheit, verf\u00e4lscht (Neuh\u00e4usler 1946, u.a. 1, 11; II, 402f.). Diese k\u00fchnen, aber selbstbewusst vorgetragenen Behauptungen verfehlten bei der irritierten, ihrer Idole beraubten deutschen Bev\u00f6lkerung weithin nicht ihre Wirkung: Damit aber war der Weg zu einer reinigenden Selbstbesinnung verbaut: Die\u00a0Tatsache, dass der kirchliche Widerstand nicht der nationalsozialistischen Macht als solcher galt, sich vielmehr innerhalb eines gemeinsamen ideologischen Konsenses bewegte, wurde verschwiegen. Der kirchliche Widerstand &#8211; abgesehen von der sp\u00e4teren bruderr\u00e4tlichen Kirche &#8211; war eingebettet in eine grunds\u00e4tzliche Anerkennung der nationalsozialistischen Innen- und Au\u00dfenpolitik. Allein die Bekennende Kirche versuchte sich radikal am Evangelium zu orientieren und konnte langfristig eine wirksame Neuorientierung in Teilen des deutschen Protestantismus in Gang setzen. Diese Neuorientierung entwickelte eine Langzeitperspektive. die in den Jahren 1988 und 1989 in der Deutschen Demokratischen Republik von entscheidender politischer Bedeutung werden sollte.\u00a0Aus\u00a0der\u00a0protestantischen\u00a0Gewissensnot,\u00a0die von keinem Papst entlastet werden konnte, entstand unter dem Einfluss der Theologie Karl Barths ein neues Kirchenverst\u00e4ndnis. Diese Theologie hat einen Teil des Protestantismus aus seiner traditionellen Verzahnung mit der Staatsideologie zu l\u00f6sen vermocht. Als eine Kirche der Verteidigung hatte sie aber keine breite gesellschaftliche und unmittelbare Wirkung; zur Entwicklung eines Volkswiderstandes gegen das verbrecherische System hat ihre Radikalit\u00e4t damals kaum etwas beizutragen vermocht. Sie war zu sehr auf das Ausharren in einer umzingelten Festung fixiert. So nimmt es nicht wunder, dass diese Richtung auch nach 1945 keine Breitenwirksamkeit erzielen konnte. &#8222;Als die Pfarrer der bruderr\u00e4tlichen Bekennenden Kirche von der Front oder aus der Gefangenschaft zur\u00fcckkehrten, sind die entscheidenden Positionen in den kirchlichen Gremien schon von der konservativen Str\u00f6mung der Bekenntnisfront besetzt&#8230;Die Bekennende Kirche wird in eine geistige Bewegung zur\u00fcckverwandelt und als Minderheitsstr\u00f6mung in die Beh\u00f6rdenkrche reintegriert&#8220; (J. Rehmann 1984, 563; 1986, 137-139). Die in den deutschen L\u00e4ndern und Kommunen aufzubauende Gewalt bedurfte teilweise nicht nur der kirchlichen Infrastrukturen zur Kommunikation, sondern auch deren geistigen R\u00fcckhalt. Darum h\u00fcteten sich die politisch Verantwortlichen den von den Kirchen behaupteten Besitzst\u00e4nden zu nahe zu treten. Dies galt auch f\u00fcr solche Regierungen, die den Positionen der Kirchen traditionellerweise fern standen. Sie wollten und konnten sich nicht dem Verdacht aussetzen, die &#8222;Kirchenverfolgung&#8220; der Nationalsozialisten fortzuf\u00fchren. Dazu kam, da\u00df die Besatzungsm\u00e4chte in den deutschen Kirchen ihre wichtigsten Verb\u00fcndeten sahen, da sie ihnen bei der Versorgung und der sozialen Beruhigung der Bev\u00f6lkerung behilflich und (vorz\u00fcglich den Amerikanern) bei der Entnazifizierung n\u00fctzlich sein konnten. In zahllosen Konflikten der \u00f6rtlichen deutschen Instanzen mit den lokalen Besatzungsm\u00e4chten fungierten die Geistlichen als Mittelsm\u00e4nner und legitimierten zivile Amtshandlungen etwa Eidesleistungen. Hinzu kam, dass die Geistlichkeit vielfach als F\u00fcrsprecher f\u00fcr politisch belastete Personen auftrat. Krass gesagt verlief das h\u00e4ufig so, dass Nazis, die im Dritten Reich aus den Kirchen ausgetreten waren, nun &#8222;reum\u00fctig&#8220; zur\u00fcckkehrten, sich in die Kirche aufnehmen lie\u00dfen &#8211; also kirchensteuerpflichtig wurden &#8211; und daf\u00fcr den &#8222;Persilschein&#8220; erhielten, niemals aktive oder gar &#8222;b\u00f6se&#8220; Nazis gewesen zu sein.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[22],"tags":[],"class_list":["post-6624","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-zur-religioesen-legitimation"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die &quot;Stunde Null&quot; und das neue Selbstbewusstsein der Kirchen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-stunde-null-und-das-neue-selbstbewusstsein-der-kirchen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die &quot;Stunde Null&quot; und das neue Selbstbewusstsein der Kirchen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: ders., Zur religi\u00f6sen Legitimation der Staatsgewalt in der Bundesrepublik Deutschland, T\u00fcbingen 1991, S. 1-21 Die &#8222;Stunde Null&#8220; vom 8. 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