{"id":7052,"date":"2008-03-25T12:34:00","date_gmt":"2008-03-25T11:34:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-strafbarkeit-von-inzest-hilft-niemandem-trotzdem-wurde-sie-vom-bundesverfassungsgericht-bestaeti\/"},"modified":"2021-08-30T15:37:55","modified_gmt":"2021-08-30T13:37:55","slug":"die-strafbarkeit-von-inzest-hilft-niemandem-trotzdem-wurde-sie-vom-bundesverfassungsgericht-bestaeti","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-strafbarkeit-von-inzest-hilft-niemandem-trotzdem-wurde-sie-vom-bundesverfassungsgericht-bestaeti\/","title":{"rendered":"Die Strafbarkeit von Inzest hilft niemandem, trotzdem wurde sie vom Bundesverfassungsgericht best\u00e4tigt"},"content":{"rendered":"<p>Dr. Jens Puschke<\/p>\n<p>Das Bundesverfassungsgericht best&auml;tigte in einer Entscheidung vom 26. Februar 2008 (2 BvR 392\/07) das strafrechtliche Verbot des Beischlafes unter leiblichen Geschwistern. Die entsprechende Vorschrift des &sect; 173 Abs. 2 S. 2 Strafgesetzbuch (StGB) sei mit dem Grundgesetz vereinbar. Die Humanistische Union bedauert diese Entscheidung und unterst&uuml;tzt ausdr&uuml;cklich die Bedenken, welche der Richter Hassemer in seinem Sondervotum geltend macht. Nach unserer Auffassung ist das Strafrecht weder ein angemessenes noch besonders taugliches Mittel zur Verhaltenssteuerung in diesem h&ouml;chstpers&ouml;nlichen Lebensbereich.<\/p>\n<p>Eine strafrechtliche Sanktionierung bietet keine L&ouml;sung f&uuml;r sozialpsychologische Probleme in Familien, aus denen sich teilweise inzestu&ouml;se Beziehungen ergeben. Dazu sind vielmehr Jugendwohlfahrtspflege und Erziehungshilfe gefragt. Die in der Beschwerde angegriffene Rechtsnorm bietet keinen effektiven Schutz f&uuml;r die sexuelle Selbstbestimmung. Ein erfolgreicher Schutz der Betroffenen m&uuml;sste dagegen an dem entscheidenden Problem des Ausnutzens von Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnissen ausgerichtet sein. Der Schutz von Moralvorstellungen ist nach Ansicht der Humanistischen Union jedenfalls keine Grundlage f&uuml;r den Einsatz des Strafrechts.<\/p>\n<p>Nach der mehrheitlichen Auffassung der RichterInnen (7:1) des Zweiten Senats gen&uuml;ge das Inzestverbot den verfassungsrechtlichen Anforderungen. Es verfolge einen legitimen Zweck, habe sich als geeignet, erforderlich und angemessen erwiesen. Insbesondere solle das Verbot Ehe und Familie, die in einer Inzestbeziehung unterlegenen Partner und vor m&ouml;glichen Erbsch&auml;den der Kinder aus Inzestbeziehungen sch&uuml;tzen.<\/p>\n<p>Die genannten Ziele legitimieren nach Ansicht der Humanistischen Union die Strafbarkeit des Geschwisterinzests weder einzeln noch in ihrer Gesamtheit. &sect; 173 Abs. 2 S. 2 StGB ist nicht geeignet und erforderlich die Ziele zu erreichen, zudem ist eine Strafandrohung nicht angemessen.<\/p>\n<p>Der Schutz von Ehe und Familie wird durch das Verbot des Beischlafs unter leiblichen Geschwistern gesetzesdogmatisch bereits nicht angestrebt. Das zeigt sich daran, dass nur eng umgrenzte sexuelle Handlungen unter Strafe gestellt werden. Das Verbot gilt zudem nur f&uuml;r den Beischlaf zwischen leiblichen, nicht gleichgeschlechtlichen Geschwistern und nur f&uuml;r Personen &uuml;ber 18 Jahre. W&auml;re die Vermeidung von Beeintr&auml;chtigungen des Familienzusammenlebens Ziel der Regelung, h&auml;tte der Gesetzgeber auch weitere, vergleichbare sexuelle Handlungen unter Strafe gestellt. Ebenso ist zu bezweifeln, dass die Strafnorm geeignet ist, den Familienzusammenhalt zu f&ouml;rdern. Wie das Gutachten des Max-Planck-Instituts f&uuml;r ausl&auml;ndisches und internationales Strafrecht auf S. 98 ausf&uuml;hrt, wird Geschwisterinzest in der Wissenschaft ganz &uuml;bereinstimmend als Folge und nicht als die Ursache einer zerr&uuml;tteten Familienstruktur angesehen. Eine strafrechtliche Intervention d&uuml;rfte den Familienzusammenhalt zus&auml;tzlich gef&auml;hrden.<\/p>\n<p>Die angegriffene Strafnorm bezweckt auch nicht den Schutz des in einer Inzestbeziehung unterlegenen Partners. Das Ausnutzen eines Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnisses ist nicht Bestandteil des Tatbestandes. Nach geltender Rechtslage ist deshalb auch der freiverantwortliche Beischlaf strafbar, sogar das Verhalten eines unterlegenen (abh&auml;ngigen) Inzestpartners ist unter Strafe gestellt. Auf der anderen Seite d&uuml;rfte sich ein Schutz vor der sexuellen Ausnutzung famili&auml;rer Bindungen nicht auf den Beischlaf beschr&auml;nken. Nach der geltenden Fassung des &sect; 173 StGB sind jedoch andere sexuelle Handlungen nicht strafbar, selbst wenn daf&uuml;r die Verbundenheit aufgrund der Geschwisterbeziehung vors&auml;tzlich ausgenutzt wird.<\/p>\n<p>Besonders kritisch sieht die Humanistische Union, dass die Mehrheit des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts auch sog. eugenische Gr&uuml;nde &#8211; m&ouml;gliche Erbsch&auml;den bei Kindern, die aus einer Inzestbeziehung hervorgehen &#8211; zur Begr&uuml;ndung f&uuml;r die Aufrechterhaltung des Verbots heranzieht. Wir teilen zwar die Auffassung des Gerichts, dass der Missbrauch bestimmter Argumentationen im Nationalsozialismus deren Verwendung nicht grunds&auml;tzlich ausschlie&szlig;t. Solche historisch vorbelasteten Argumente sollten aber besonders aufmerksam hinterfragt werden. Folgt man der Begr&uuml;ndung der Verfassungsrichter, w&auml;re die Vermeidung einer m&ouml;glicherweise erh&ouml;hten Gefahr von Erbsch&auml;den bei Kindern ein legitimer Zweck des Strafrechts. Dann w&auml;re es aus verfassungsrechtlicher Sicht ebenso m&ouml;glich, die Zeugung von Kindern durch Personen mit bestimmten Erbkrankheiten unter Strafe zu stellen oder ein Kinderzeugungsverbot f&uuml;r &auml;ltere Frauen zu erlassen, weil bei ihren Kindern das Risiko von Erbkrankheiten steigt. Gegen solche Strafnormen ergeben sich nicht nur historisch bedingte Abwehrreaktionen. Die Humanistische Union schlie&szlig;t sich hier den ethischen Bedenken an, auf die der Vorsitzende Richter des Zweiten Senats, Winfried Hassemer, in seinem abweichenden Votum hinweist. Eine sinnvolle gesetzgeberische Abw&auml;gung zwischen dem potenziellen Lebenswillen eines zuk&uuml;nftigen Kindes mit genetischem Defekt und einem potenziellen Interesse an seiner eigenen Nichtexistenz ist schlicht unm&ouml;glich. Die eugenische Begr&uuml;ndung des Inzestverbots l&auml;uft nicht zuletzt auch deshalb ins Leere, weil die Norm des &sect; 173 Abs. 2 S. 2 StGB nicht unmittelbar auf das Zeugen von Kindern abzielt, sondern lediglich auf den Beischlaf unter leiblichen Geschwistern. Bei der weiten Verbreitung von Verh&uuml;tungsmitteln und -m&ouml;glichkeiten f&uuml;hrt ein Beischlaf keineswegs zwangsl&auml;ufig zur Zeugung von Kindern.<\/p>\n<p><b>Hintergrundinformationen: <\/b><\/p>\n<p>Der Beschwerdef&uuml;hrer wandte sich an das Bundesverfassungsgericht um die Aufhebung mehrerer Verurteilungen gegen ihn wegen Beischlafs unter Verwandten gem. &sect; 173 Abs. 2 S. 2 StGB zu erreichen. Dabei handelt es sich um Verurteilungen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten und unter Einbeziehung einer weiteren Straftat zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten. Dem Beschwerdef&uuml;hrer wurde zu Last gelegt, dass er in einer Vielzahl von F&auml;llen mit seiner leiblichen Schwester geschlafen habe. Aus der Beziehung der beiden Geschwister sind vier Kinder hervorgegangen. Die Geschwister sind getrennt von einander aufgewachsen. Der Beschwerdef&uuml;hrer erfuhr von der Existenz seiner Schwester erst im Alter von 24 Jahren.<\/p>\n<p>Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 27.2.2008:<br \/><a href=\"http:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/entscheidungen\/rs20080226_2bvr039207.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/entscheidungen\/rs20080226_2bvr039207.html<\/a><\/p>\n<p>Gutachten des Max-Planck-Instituts f&uuml;r ausl&auml;ndisches und internationales Strafrecht Freiburg:<br \/><a href=\"http:\/\/www.mpicc.de\/de\/data\/pdf\/05-08-inzest_gutachten.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.mpicc.de\/de\/data\/pdf\/05-08-inzest_gutachten.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[48],"tags":[],"class_list":["post-7052","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-sexualstrafrecht"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Strafbarkeit von Inzest hilft niemandem, trotzdem wurde sie vom Bundesverfassungsgericht best\u00e4tigt - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-strafbarkeit-von-inzest-hilft-niemandem-trotzdem-wurde-sie-vom-bundesverfassungsgericht-bestaeti\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Strafbarkeit von Inzest hilft niemandem, trotzdem wurde sie vom Bundesverfassungsgericht best\u00e4tigt - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Dr. Jens Puschke Das Bundesverfassungsgericht best&auml;tigte in einer Entscheidung vom 26. 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