{"id":7159,"date":"1989-07-31T23:20:00","date_gmt":"1989-07-31T21:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/armut-als-erziehung\/"},"modified":"2021-09-04T00:03:39","modified_gmt":"2021-09-03T22:03:39","slug":"armut-als-erziehung","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/armut-als-erziehung\/","title":{"rendered":"Armut als Erziehung"},"content":{"rendered":"<p><i>aus vorg\u00e4nge Nr. 100 (Heft 4\/1989), S. 27-37<\/i><\/p>\n<p>Armut ist wieder zum politischen Thema geworden. Nach dem Krieg gegen die Armut in den sechziger Jahren, als die Politik versuchte, den gesellschaftlichen Makel Armut abzuschaffen, war das Thema den Sozialp\u00e4dagogen und Sozialpolitikern \u00fcberlassen worden, als dieser Krieg in den Wirtschaftskrisen der siebziger Jahre so offensichtlich verloren war. Der Streit um die &#8222;Neue Armut&#8221; als Folge der Wendepolitik blieb interne sozialpolitische Diskussion. Erst der Erfolg der Republikaner bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus hat die Armut wieder zum allgemein-politischen Thema gemacht. Sie dient als Erkl\u00e4rung f\u00fcr politisches Verhalten. Da ist die Rede von der Reaktion auf die &#8222;Zweidrittelgesellschaft&#8221;, und der Regierende B\u00fcrgermeister von Berlin stellte sogar eine einfache Gleichung auf: &#8222;Jede neue Wohnung ist eine Stimme weniger f\u00fcr die Republikaner.&#8221;<br \/>Literarisch eleganter und inhaltlich differenzierter formuliert Bertolt Brecht die Theorie von der Erziehung durch Armut in seinen marxistischen Studien unter dem bezeichnenden Titel &#8222;Erziehung guter Lebensbedingungen&#8221;: &#8222;Wenn wir erkannt haben, welche ungeheure Rolle die Lebensbedingungen der Menschen f\u00fcr ihre Kultur spielen, werden wir unsere Erziehung zun\u00e4chst auf solche Eigenschaften richten, welche gute Lebensbedingungen Schaffen, das hei\u00dft Zust\u00e4nde beseitigen, in denen schon das nackteste, primitivste Leben nur durch unaufh\u00f6rlichen, unbedenklichen Kampf gefristet werden kann.<br \/>Was erzieht? Es erzieht der Hunger und die Art, wie er gestillt werden kann. Es erzieht die K\u00e4lte und die Art, wie ein Obdach oder die Kleidung errungen werden k\u00f6nnen. Es erzieht die Art, wie die Menschen einander begegnen, wie einander zu begegnen sie durch ihre N\u00f6te gezwungen werden. Es erziehen die sch\u00f6nen K\u00fcnste nur, wenn sie nicht den Lebenskampf schw\u00e4chen. So erzieht der Mangel an Brot in der H\u00fctte zum Stehlen oder die Bibel zum Hungern. Der eine Kartoffel haben mu\u00df, der b\u00fcckt sich, weil der Boden das erheischt oder der Herr. Solcherart ist die Erziehung zum B\u00fccken. In den schlecht geleiteten L\u00e4ndern zeigen die Tugenden das Elend an. Wo man einen die Gefahr verachten sieht, da ist vielleicht die Maschine ohne Schutzgitter.&#8221; (Gesammelte Werke, Edition Suhrkamp, Bd. 20, S. 84f.)<br \/>Auch f\u00fcr Brecht erzieht Armut zum Stehlen als ein Beispiel, wie Lebensbedingungen Kultur formen. Doch f\u00fcr ihn existiert ein zus\u00e4tzlicher Faktor, der die unmittelbare Reaktion auf das Leben in Armut bricht: die Tugend, die moralische Erziehung. &#8222;So erzieht der Mangel an Brot in der H\u00fctte zum Stehlen oder die Bibel zum Hungern&#8221;.<br \/>Ohne die Bibel und die von ihr anempfohlenen Tugenden w\u00fcrden demnach die Menschen so handeln wie es ihnen ihr Lebensinteresse befiehlt: Stehlen statt Hungern. Brechts Mutter Courage verdeutlicht diesen Zusammenhang von Tugend und dem Ertragen unertr\u00e4glicher Lebensumst\u00e4nde, wenn sie ihren Namen erkl\u00e4rt: &#8222;Die armen Leut brauchen Courage. Warum, sie sind verloren. Schon, da\u00df sie aufstehn in der Fr\u00fch, dazu geh\u00f6rt was in ihrer Lag. Oder da\u00df sie einen Acker umpfl\u00fcgen, und im Krieg! Schon da\u00df sie Kinder in die Welt setzen, zeigt, da\u00df sie Courage haben, denn sie haben keine Aussicht &#8230; Da\u00df sie einen Kaiser und einen Papst dulden, das beweist eine unheimliche Courage, denn die kosten ihnen das Leben&#8221; (Bd. 4, S. 1404)<br \/>Da Brecht aber auf Umw\u00e4lzung hofft, mu\u00df er, der Moralist und literarische Sozialp\u00e4dagoge schlechthin, scheinbar zynisch auf die Unmoralischen, die Skrupellosen, wie etwa seinen Mackie Messer, setzen. So kommt es zu dem \u00fcberraschenden Satz der klingt, als sei er einem Lehrbuch \u00fcber Sozialindikatoren entnommen: &#8222;In den schlecht geleiteten L\u00e4ndern zeigen die Tugenden das Elend an.&#8221;\u00a0 Denn, so die Logik, ohne Tugend h\u00e4tten schlecht geleitete Gesellschaften keinen Bestand. Auf diese Weise wird der Dramaturg des erhobenen Zeigefingers unversehens zum Apostel einer frohen Botschaft gegen alle &#8212; wohl auch sozialistische &#8212; Erziehungsdiktaturen: Gelobt die Gesellschaft, die ohne Tugenden auskommt. Aber letztlich bleibt auch Brecht dabei: Eigentlich erzieht Armut zur Revolte &#8212; genau wie es Heiner Gei\u00dfler f\u00fcr die Bundesrepublik der siebziger Jahre formulierte: &#8222;Wenn man mangels Artikulation von den ,Armen` in der Bundesrepublik Deutschland bisher auch recht wenig geh\u00f6rt hat hei\u00dft dies keinesfalls, da\u00df sich die Armen mit ihrer Situation abgefunden h\u00e4tten. Das Unruhepotential schlummert. Es ist aber da und sogar ungew\u00f6hnlich gro\u00df.&#8221; (&#8222;Die neue soziale Frage&#8220;, 1976, S. 31)<\/p>\n<p>Mit diesem Gedanken im Kopf werden die Armen, je nach Perspektive, zu Hoffnungstr\u00e4gern oder zum Potential drohender Umw\u00e4lzung. Es ist eben jene Logik, die Marx und Engels nach ausf\u00fchrlicher Argumentation, wie der Kapitalismus das Proletariat systematisch verarme, zu jener revolution\u00e4ren Schlu\u00dffolgerung f\u00fchrte, die wie ein Fanfarensto\u00df das Kommunistische Manifest abschlie\u00dft: &#8222;M\u00f6gen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller L\u00e4nder, vereinigt euch!&#8221; Als dann aber die erwartete Revolution ausblieb, gab es zwei sehr gegens\u00e4tzliche Versuche, dennoch die Theorie \u00fcber die Erziehung durch Armut zu retten. Die eine entwickelte Eduard Bernstein. Seine revisionistisch genannte Theorie erkl\u00e4rt das Ausbleiben der Revolution damit, da\u00df die vorhergesagte Verarmung nicht eingetroffen und deshalb auch keine revolution\u00e4re Bewegung zu erwarten sei. Der andere Rettungsversuch hingegen hielt an der Behauptung fest, die von Marx und Engels vorhergesagte Verarmung sei eingetroffen und nannte sich darum antirevisionistisch. Das Ausbleiben der danach logisch zwingend zu erwartenden Revolution erkl\u00e4rte sich nun damit, da\u00df die Anf\u00fchrer des Proletariats bestochen und da nun selbst nicht mehr arm auch nicht mehr revolution\u00e4r seien. Diese These breitet Lenin in seiner Imperialismustheorie aus:<br \/>&#8222;Die Bourgeoisie einer imperialistischen Gro\u00dfmacht ist \u00f6konomisch in der Lage, die oberen Schichten ihrer Arbeiter zu bestechen und daf\u00fcr ein- oder zweihundert Millionen Francs im Jahr auszuwerfen: denn ihr Extraprofit (aus dem Imperialismus) betr\u00e4gt wahrscheinlich rund &#8218;eine Milliarde &#8230; Die Schicht der verb\u00fcrgerten Arbeiter oder der Arbeiteraristokratie ist in ihrer Lebensweise, nach ihrem Einkommen, durch ihre ganze Weltanschauung vollkommen verspie\u00dfert und ist die soziale (nicht milit\u00e4rische) Hauptst\u00fctze der Bourgeoisie. Denn sie sind wirkliche Agenten der Bourgeoisie innerhalb der Arbeiterbewegung.&#8221; (Der Imperialismus als h\u00f6chstes Stadium des Kapitalismus; Ausgew\u00e4hlte Werke in sechs B\u00e4nden, Ffm 1970, Bd. 2, S. 653.)<br \/>Diese Milchm\u00e4dchenrechnung vom einfachen Abkaufen des Schneids taucht auch auf regierungsamtlicher Seite auf und scheint Lenin recht zu geben. Bismarck begr\u00fcndete 1881 die Einf\u00fchrung einer staatlichen Sozialpolitik in der von ihm formulierten Kaiserlichen Botschaft damit, &#8222;da\u00df die Heilung der sozialen Sch\u00e4den nicht ausschlie\u00dflich im Wege der Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen, sondern gleichm\u00e4\u00dfig auf dem der positiven F\u00f6rderung des Wohles der Arbeiter zu suchen sein werde.&#8221;<br \/>Der Sozialwissenschaftler R\u00fcdiger Baron hingegen zeigt, wie die Unternehmer und nicht der revolution\u00e4re Druck der Arbeiterklasse die Sozialversicherung in Deutschland politisch durchsetzten. Sie hatten in den fortgeschrittensten Einzelunternehmen n\u00e4mlich l\u00e4ngst schon einzelbetriebliche Versicherungen eingef\u00fchrt. Diese bedeuteten aber ein schier un\u00fcberwindliches Hindernis f\u00fcr die Mobilit\u00e4t der raren hochqualifizierten Arbeitskr\u00e4fte und damit auch f\u00fcr die Entscheidungsfreiheit der Unternehmen selbst. Eine Verallgemeinerung der Versicherung lag also in ihrem ureigenen Interesse (vgl. &#8218;Weder Zuckerbrot noch Peitsche&#8221; in &#8222;Gesellschaft-Beitr\u00e4ge zur Marxschen Theorie&#8221; 12, Ffm 1979, S. 13-55).<\/p>\n<p>Der bildhafte Mythos vom Zuckerbrot der Sozialpolitik und der Peitsche Sozialistengesetz wird sich aber davon unbeeindruckt im Alltagsbewu\u00dftsein wie in den Schulb\u00fcchern halten. Das sichere Wissen um die Erziehung durch Armut wird sich daher auch kaum durch den Nachweis beirren lassen, da\u00df es empirisch, historisch und psychologisch den in der Wirklichkeit konstatierbaren Tatsachen widerspricht.<br \/>Empirisch ist n\u00e4mlich kein statistischer Zusammenhang zwischen der H\u00f6he der Sozialleistungen und sozialem Frieden, ausgedr\u00fcckt in Streikh\u00e4ufigkeit, Kriminalit\u00e4t oder Anzahl von gewaltt\u00e4tigen Demonstrationen, auszumachen. Dort, wo die Sozialleistungen besonders hoch sind wie etwa in Schweden, wird keinesfalls seltener geklaut, gestreikt oder demonstriert.<br \/>Historisch zeigt sich schon am Beispiel der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, wie wenig die H\u00f6he der Sozialleistungen mit dem Auftreten oder Verschwinden radikaler Parteien oder anderer Erscheinungen sozialen Unfriedens korrelieren. In den sechziger Jahren etwa, zu einer Zeit hoher und gesicherter Sozialleistungen, hatten sowohl NPD als auch Studentenbewegung ihren H\u00f6hepunkt und verschwanden geradezu parallel zu den Einschr\u00e4nkungen der Sozialleistungen. Aber auch f\u00fcr das klassische Beispiel, die Weltwirtschaftskrise von 1929, zeigt eine genaue Analyse des W\u00e4hlerverhaltens, da\u00df die Arbeiterparteien zusammengenommen in ihrem Anteil an den Stimmen ziemlich stabil blieben (die KPD jagte der SPD nur etwa 6 Prozent ab); w\u00e4hrend die gro\u00dfen Verschiebungen zugunsten der Nazis (30 Prozent) auf Kosten der b\u00fcrgerlichen Parteien kamen, deren Anh\u00e4nger von Ver\u00e4nderungen in den Sozialleistungen kaum betroffen waren und sicherlich nicht die Armutsbev\u00f6lkerung der damaligen Zeit stellten!<br \/>Auch die vergleichende Analyse der gro\u00dfen Revolutionen der Weltgeschichte zeigt, da\u00df es stets aufstrebende und in ihrem weiteren Aufstieg durch die herrschenden Verh\u00e4ltnisse blockierte Schichten waren, die zu Tr\u00e4gern und Organisatoren der Revolution wurden und nicht diejenigen, die nichts zu verlieren hatten als ihre Ketten.<br \/>Psychologisch br\u00e4uchte es Zeichen und Wunder, wenn die Armen zu ihrer Verzweiflung und Wut auch noch den Mut, den Durchhaltewillen und die Solidarit\u00e4t aufbr\u00e4chten, die es f\u00fcr die Umw\u00e4lzung einer Gesellschaft braucht. Wenn der Mangel an Brot in der H\u00fctte zum Stehlen erzieht, dann meist zuerst zum Diebstahl am n\u00e4chsten anderen Armen.<br \/>Da solche Einsichten die Ideologie vom Erziehungswert der Armut nicht aus dem Alltagsbewu\u00dftsein vertreiben werden ist es tr\u00f6stlich zu wissen, da\u00df ihre Anh\u00e4nger &#8212; soweit sie Tr\u00e4ger von Macht waren und sind &#8212; aus Angst vor dem Unruhepotential, das in der Armut schlummere, regelm\u00e4\u00dfig daf\u00fcr Sorge tragen, die reale Situation der Armen zu lindern. Heute jedoch ist eine ganz andere Ideologie zur Herrschenden geworden: die Angebots\u00f6konomie \u00e4 la Friedman, Reagan und Thatcher, f\u00fcr die Armut als Problem nicht l\u00e4nger existiert. Die Sozialhilfe sei doch gerade dazu da, Armut zu verhindern. Nur wer sie &#8212; ob-wohl berechtigt &#8212; nicht in Anspruch nimmt sei arm, aber aus freiem Willen und eigener Schuld.<\/p>\n<p>Bei derart viel Verwirrung um die Armut ist es dringend geboten, den Begriff selbst genauer anzuschauen. Nicht nur hinsichtlich seiner Bedeutung, sondern vor allem unter dem Aspekt seiner Funktion in der Beschreibung einer gesellschaftlichen Situation. Ist es vom Begriff der Armut her gesehen \u00fcberhaupt m\u00f6glich, Armut in einer Gesellschaft abzuschaffen? Oder ist es nicht vielmehr so, da\u00df Armut immer relativer Begriff ist und deshalb zu jeder Gesellschaft einfach dazugeh\u00f6rt wie jedes reale zweidimensionale Gebilde ein Unten hat?<br \/>1982 lag die Schweiz mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 23 765 Franken an sechster Stelle in der Welt. Im gleichen Jahr galt dort eine Person als arm, wenn sie weniger als 13600 Franken im Jahr hatte. 1988 lag diese Grenze f\u00fcr Z\u00fcrich bei 18-20000 Franken (Tages-Anzeiger, Z\u00fcrich, vom 23. 11. 88, S. 20), mit umgerechnet fast 2000 DM im Monat also auch weit \u00fcber der f\u00fcr die Bundesrepublik g\u00fcltigen Grenze. Im Kontrast dazu betrug 1982 in Indien das Pro-Kopf-Einkommen 377 Franken. Das war die 150. Stelle in der Welt. Dieses Pro-Kopf-Einkommen Indiens betr\u00e4gt nicht einmal 3 % der Armutsgrenze in der Schweiz! Ist demnach ganz Indien arm? Selbstverst\u00e4ndlich nicht, denn in Indien gelten ganz andere Armutsvorstellungen als in der Schweiz, nicht zuletzt deshalb, weil in Indien gro\u00dfe Teile der Gesellschaft noch gar nicht in die Geldwirtschaft miteinbezogen sind. Dort gilt deshalb diejenige Person als arm, die nicht wei\u00df, wie und ob sie die n\u00e4chste Mahlzeit erh\u00e4lt. Armut dort bedeutet drohenden Hunger.<br \/>Aber auch unter Umst\u00e4nden wo alle hungern, wo also nach indischen Ma\u00dfst\u00e4ben alle arm\u00a0 w\u00e4ren, differenzieren die Menschen, die sich in solch einer Situation befinden, in unten und oben, mit feinen Abstufungen bis hinunter zur Armut. Eugen Kogon berichtete 1946 \u00fcber die Situation in den Konzentrationslagern der Nazis: &#8222;Die KZ-H\u00e4ftlinge haben nie das Wenige tats\u00e4chlich erhalten, das f\u00fcr sie vorgesehen war. Zuerst nahm sich die SS weg was ihr pa\u00dfte. Dann ,organisierten` sich die H\u00e4ftlinge, die in den Magazinen und K\u00fcchen besch\u00e4ftigt waren, nach Strich und Faden ihr Teil weg. Dann zweigten die Stubendienste t\u00fcchtig f\u00fcr sich und ihre Freunde ab. Der Rest geh\u00f6rte dem sch\u00e4bigen, gew\u00f6hnlichen KZ-H\u00e4ftling.&#8221; (Der SS-Staat, S. 107) Kogon sieht sich so gezwungen, auch in der H\u00f6lle der Konzentrationslager noch eine unterste Schicht zu identifizieren, n\u00e4mlich &#8222;jene verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Schicht, die schon l\u00e4ngst den echten Lebenswillen verloren hatte. Sie hie\u00dfen in den Lagern ,Muselm\u00e4nner&#8216;, also Leute von bedingungslosem Fatalismus. Ihre Untergangsbereitschaft war aber nicht etwa ein Willensakt, sondern Willensgebrochenheit.&#8221; (S. 354)<\/p>\n<p>Ich will in der Analyse des Armuts-Begriffs noch eine Stufe weiter, in eine noch extremere Situation, gehen, obwohl das kaum vorstellbar erscheint. Als die Deutschen 1941 die UdSSR \u00fcberfallen hatten, schlugen sie Rum\u00e4nien ein St\u00fcck der Ukraine zu, Transnistrien, das seit langem zwischen den beiden L\u00e4ndern umstritten war. Die rum\u00e4nische Nazi-Regierung trieb in dieses verw\u00fcstete Niemandsland hinter der deutschen Front die in ganz Rum\u00e4nien eingefangenen Juden, bis das Vernichtungslager Auschwitz fertiggestellt w\u00e4re. Etwa 850.000 Menschen vegetierten so \u00fcber ein Jahr lang ohne Nahrungsmittel, sich selbst \u00fcberlassen, und \u00fcber die H\u00e4lfte von ihnen starb unter den elendsten Umst\u00e4nden, bis die Nazis die &#8222;unordentlichen&#8221; Zust\u00e4nde hinter ihrer Front nicht mehr duldeten.<br \/>Einer der \u00dcberlebenden &#8212; Edgar Hilsenrath &#8212; hat seine Erfahrung zu einem erschreckenden Roman mit dem Titel &#8222;Die Nacht&#8221; verarbeitet. Darin beschreibt er, wie sich selbst unter\u00a0 diesen extremsten Bedingungen noch ein Armutsbegriff entwickelt: &#8222;Ranek erkundigte sich bei einigen Leuten: man sagte ihm, da\u00df die Frau und das Kind in die Armenk\u00fcche gegangen w\u00e4ren &#8230; Er mochte mehr als eine halbe Stunde in den \u00f6stlich der Puschkinskaja bis an den Stadtrand sich erstreckenden Tr\u00fcmmerfeldern herumgeirrt sein, als er endlich die langen Menschenreihen erblickte, die Schlange standen. Es waren mehrere Schlangen: ihr Kopf fing vor dem Suppenkessel an, aber ihr Schwanz reichte bis weit ins Tr\u00fcmmerfeld hinein. Ranek sch\u00e4tzte die Menschenmenge auf mehrere Tausend. Er ging, aufmerksam sp\u00e4hend, zwischen den Reihen entlang; \u00fcberall lagen Ohnm\u00e4chtige herum &#8212; still und bleich auf der nackten Erde, als wollten sie nie wieder aufstehen. Die Schlange r\u00fcckte nur langsam vorw\u00e4rts. Man trat auf die Gefallenen oder man stieg \u00fcber sie hinweg. Irgendwo mu\u00df auch Debora stehen, dachte er, vielleicht aber liegt sie zwischen den Gefallenen? Er hatte sie nicht gesehen, und irgendwie war er froh dar\u00fcber.&#8221; (S. 399)<\/p>\n<p>Vergleichsweise idyllisch wirkt danach die Beschreibung der &#8222;t\u00e4glich erfahrenen Not&#8221; der Armen in der Bundesrepublik von heute, wie sie in einer &#8222;Einf\u00fchrung in die Sozialarbeit und Sozialp\u00e4dagogik&#8221; der achtziger Jahre gegeben wird (Karam Khella, Theorie u. Praxis Verlag, Hamburg):<\/p>\n<p>&#8211; Jeder zweite Sozialhilfebed\u00fcrftige hat weder Bad noch Dusche;<br \/>&#8211; nur 37,6 % verf\u00fcgen \u00fcber flie\u00dfend Warmwasser;<br \/>&#8211; 86,3 % haben kein Telefon: bei ihnen herrscht mangelhafte Kommunikation bis zur v\u00f6lligen\u00a0Isolation;<br \/>&#8211; zwei Drittel heizen mit Kohle- oder \u00d6l-Einzel\u00f6fen;<br \/>&#8211; fast die H\u00e4lfte hat Zeit ihres Lebens keinen Urlaub gemacht oder der letzte Urlaub liegt so weit\u00a0zur\u00fcck, da\u00df er nicht mehr erinnerlich ist;<br \/>&#8211; etwa die H\u00e4lfte hat ..&#8221; (S. 51)<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst erscheint das Kontrastieren beider Extremsituationen als billige Polemik. Doch das Fantastische daran ist nicht der Unterschied, sondern das Gemeinsame: Denn beides sind Beschreibungen wirklicher Armut, obwohl doch die realen Lebensumst\u00e4nde \u00fcberhaupt nicht vergleichbar scheinen. Demnach sagt der Begriff Armut nichts aus \u00fcber die wirklichen Lebensumst\u00e4nde der Menschen, die unter ihr zu leiden haben. Armut sagt nur, da\u00df es eine Person deutlich schlechter gestellt ist als gesellschaftlich \u00fcblich. Armut bedeutet dann, da\u00df diese Person von den gesellschaftlich normalen Lebensm\u00f6glichkeiten mehr oder weniger ausgeschlossen ist. Ob dieser Status unmittelbare Lebensgefahr bedeutet wie in Transnistrien oder den Ausschlu\u00df von selbstverst\u00e4ndlich gewordenen Annehmlichkeiten, ist abh\u00e4ngig von der gesellschaftlichen Normalit\u00e4t ab und durch das Etikett Armut selbst nicht bestimmbar. Der Begriff Armut zeigt also lediglich die relative Position in der Gesellschaft an, das Unten im Gegensatz zur Mitte und denen da oben.<br \/>Diese relative Position ist aber aus einer ganz anderen Perspektive von eminenter Bedeutung f\u00fcr die Armen, denn sie wird zum Werturteil und macht sie zum Gegenstand von Erziehung durch die Gesellschaft.<br \/>Das Werturteil \u00fcber &#8222;die da unten&#8221; dr\u00fcckt wieder der literarische Sozialp\u00e4dagoge Brecht\u00a0 sehr treffend in einem etwas s\u00fc\u00dflich geratenen Gedicht aus, das sich wegen der schlagenden Schlu\u00dfzeile dennoch lohnt:<\/p>\n<p>&#8222;\u00dcber Ungleichheit, schwierig, sie zu entdecken<br \/>Freilich, die besseren Leute sind nur die gebesserten. Fr\u00fch<br \/>schon<br \/>Werden da Kinder gebettet in luftige Zimmer, die Ammen<br \/>F\u00fcttern sie sorglich mit passenden Speisen, die<br \/>K\u00f6rperchen waschen<br \/>Sie nach den Regeln der Kunst, bald mit lauem, bald<br \/>k\u00e4lterem Wasser.<br \/>Kleine Athleten erziehen sie so. Doch den Kindern der<br \/>Armen<br \/>Stopfen erm\u00fcdete M\u00fctter ins M\u00e4ulchen was immer<br \/>erschwinglich<br \/>Langen den Schreienden m\u00fcde den Bierkrug, sie schlafen<br \/>zu machen<br \/>Oder sie schicken sie, gr\u00f6\u00dfer geworden, in finstere H\u00f6fe. Dorten dann wachsen sie auf mit den anderen<br \/>Schattengew\u00e4chsen.<br \/>Und wie ihr K\u00f6rperchen vernachl\u00e4ssigt wird, so geschieht&#8217;s mit dem Geist auch.<br \/>Billige Nahrung und billige Schuhe und billiges Wissen.&#8221;<br \/>(Gedichte 1941-47, S. 901)<\/p>\n<p>Billige Nahrung, billige Schuhe, billiges Wissen, das kennzeichnet die Armen als die Rohen, die Ungebildeten, die Unzivilisierten. Armut ist nicht nur geringerer Zugang zu den \u00fcblichen Lebenschancen. Armut ist auch Schande, denn das Etikett besagt: Diese Person steht ganz unten in der gesellschaftlichen Pyramide und ist damit vom Zentrum der Zivilisation, dem h\u00f6flichen, gebildeten Verhalten so weit weg, wie die Mitglieder eines wilden Stammes in einem fernen Kontinent. Wie Armut von den sogenannten Errungenschaften der Zivilisation ausschlie\u00dft, zeigt Fernand Braudel im Band &#8222;Der Alltag&#8221; seiner unvergleichlichen &#8222;Sozialgeschichte des 15. und 18. Jahrhunderts&#8221;:<\/p>\n<p>&#8222;Wenn alle arm w\u00e4ren &#8230; g\u00e4be es keine Modeprobleme, da alles ewig beim alten bliebe. Kein Reichtum, keine Bewegungsfreiheit, keine M\u00f6glichkeit zu Ver\u00e4nderungen. Das ist\u00a0 doch das Los der Armen in aller Welt, die sich notgedrungen \u00fcber die Mode hinwegsetzen. Ihre Gewandung, ob sch\u00f6n oder \u00e4rmlich, bleibt sich gleich&#8230;. Jean-Baptiste Say schreibt 1828: ,Offengestanden hege ich keinerlei Vorliebe f\u00fcr die ewig gleichbleibende Kleidermode der T\u00fcrken und anderen V\u00f6lker des Orients, die mich wie eine Bekr\u00e4ftigung ihres stupiden Despotismus anmutet. Unsere D\u00f6rfler verhalten sich in puncto Mode \u00e4hnlich wie die T\u00fcrken: auch sie sind so sehr Sklaven der Gewohnheit, da\u00df man auf alten Gem\u00e4lden aus der Zeit der Kriege Ludwigs des Vierzehnten Bauern und B\u00e4uerinnen fast ebenso gekleidet sieht wie heutzutage.&#8221; (S. 336)<\/p>\n<p>Seit den Kriegen Ludwigs des Vierzehnten bis zu den Zeiten des arroganten Lebemannes\u00a0 Say hatten sich demnach die Moden der Reichen und Hochgestellten grundlegend ver\u00e4ndert, so da\u00df das unver\u00e4nderte \u00c4u\u00dfere der Armen exotisch, wenn nicht gar obsz\u00f6n auf ihn wirkte. Und, so berichtet Braudel weiter, diese Moden hatten sich unter den Reichen und Hochgestellten von Paris aus bis in die entferntesten Winkel der Welt, sogar bis in die Hocht\u00e4ler Perus, ausgebreitet.<br \/>Billige Nahrung, billige Schuhe, billiges Wissen, das Nicht-Teilhaben-K\u00f6nnen an den Modewellen grenzt die Armen der Welt deutlicher von der Normalit\u00e4t ab, kennzeichnet sie offensichtlicher als Ausgeschlossene denn alles Brandmarken und alle Bettelzeichen des Sp\u00e4tmittelalters. Denn Mode ist nicht nur materieller Luxus, sie hat auch zentrale psychische Funktionen: wie eine Person sich kleidet und verh\u00e4lt gibt an, woran sie sich orientiert, welche gesellschaftliche Stellung sie gerne einnehmen w\u00fcrde, welches Selbstwertgef\u00fchl sie beansprucht.<br \/>Das jedenfalls ist die These von Norbert Elias in seinem Hauptwerk &#8222;Der Proze\u00df der Zivilisation&#8221;. Darin untersucht er Benimm-B\u00fccher und ihre Ver\u00e4nderung seit dem Fr\u00fchmittelalter. Dies, um herauszufinden, was die Antriebskraft f\u00fcr eine Entwicklung ist, die uns alle dazu bringt, ohne Kontrolle durch Polizei und Gerichte Regeln des guten Benimms einzuhalten: Regeln, die heute ganz andere sind als noch vor wenigen Jahren und erst recht als vor einigen Jahrhunderten. Allen diesen Regeln gemeinsam ist jedoch, da\u00df sie sich am Oben und Unten orientieren. Wer zu denen oben geh\u00f6ren will, mu\u00df ein bestimmtes Verhalten zum heiligen Ritual erheben und es um seiner selbst willen in allen Situationen &#8212; auch dort wo es absurd erscheint &#8212; penibelst befolgen. Das zeigen die Geschichten vom &#8222;vornehmen Mann&#8221;, dem &#8222;Gentleman&#8221;, der seine &#8222;Contenance&#8221; auch unter den widrigsten Umst\u00e4nden, etwa in der Gefangenschaft oder in den Tropen, nie verliert. Dazu Elias: &#8222;Was sich unter unseren Augen vollzieht, was wir im engeren Sinne als die ,Ausbreitung der Zivilisation&#8216; zu bezeichnen pflegen, die Ausbreitungsz\u00fcge unserer Institutionen und Verhaltensstandards \u00fcber das Abendland hinaus, das sind, wie gesagt, die bisher letzten Wellen einer Bewegung, die sich zun\u00e4chst durch Jahrhunderte innerhalb des Abendlandes selbst vollzogen hat. &#8230;<\/p>\n<p>Von der abendl\u00e4ndischen Gesellschaft &#8212; als einer Art von Oberschicht &#8212; breiten sich\u00a0 heute &#8230; abendl\u00e4ndisch ,zivilisierte` Verhaltensweisen \u00fcber weite R\u00e4ume jenseits des Abendlandes hin aus, wie sich ehemals innerhalb des Abendlandes selbst von dieser oder jener gehobenen Schicht, von bestimmten, h\u00f6fischen oder kaufm\u00e4nnischen Zentren her Verhaltensmodelle ausbreiteten. &#8230; Nicht die ,Technik` ist die Ursache dieser Verhaltens\u00e4nderung; &#8230; Technik, Schulerziehung, alles das sind Teilerscheinungen. &#8230; Die immer wiederkehrende Einschmelzung von Verhaltensweisen der funktional oberen Schichten in das der aufsteigenden, unteren ist nicht wenig bezeichnend f\u00fcr die merkw\u00fcrdig zwiesp\u00e4ltige Stellung der Oberschichten in diesem Proze\u00df. Die Gew\u00f6hnung an eine Langsicht, die strengere Regelung des Verhaltens und der Affekte, die ihre Funktionen und ihre Lage den jeweiligen Oberschichten zur Gewohnheit machen, bilden f\u00fcr diese Schichten, also zum Beispiel f\u00fcr die kolonisierenden Europ\u00e4er, wichtige Instrumente ihrer \u00dcberlegenheit \u00fcber andere; sie dienen ihnen als Unterscheidungsmerkmale; sie geh\u00f6ren zu den Prestige gebenden Kennzeichen ihrer Stellung als Oberschicht. Gerade deswegen ahndet eine solche Gesellschaft den Versto\u00df gegen das herk\u00f6mmliche Schema der Trieb- und Affektregelung, das ,Sich-gehen-lassen&#8216; eines ihrer Mitglieder, mit einem mehr oder weniger scharfen Verruf; sie ahndet solche Verst\u00f6\u00dfe um so strenger, je gr\u00f6\u00dfer die gesellschaftliche St\u00e4rke der unteren Gruppe wird, je mehr die Menschen einer solchen Gruppe nach oben dr\u00e4ngen und je intensiver die Konkurrenz, n\u00e4mlich der Kampf um die gleichen Chancen, zwischen der oberen und der unteren Gruppe ist. &#8230; Die Furcht, die aus der Lage der ganzen Gruppe, aus ihrem Kampf um die Erhaltung der gehobenen Position und aus deren gr\u00f6\u00dferer oder geringerer Bedrohung stammt, wirkt auf diese Weise unmittelbar als Triebkraft zur Aufrechterhaltung des Verhaltenskodex, zur Z\u00fcchtung des \u00dcber-Ich in ihren einzelnen Mitgliedern: sie setzt sich in individuelle Angst, in die Furcht des Einzelnen vor der pers\u00f6nlichen Degradierung oder auch nur vor Minderung seines Prestiges in der eigenen Gesellschaft um: und es ist diese als Selbstzwang angez\u00fcchtete Furcht vor der Verringerung des eigenen Ansehens in den Augen anderer, mag sie nun die Gestalt der Scham oder etwa die des Ehrgef\u00fchls annehmen, die die st\u00e4ndige, gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Wiedererzeugung des unterscheidenden Verhaltens und die strenge Triebregelung da hinter im einzelnen Menschen sichert.&#8221; (S. 344-347, Bd. II).<\/p>\n<p>Die Angst vor sozialem Abstieg ist demnach die Triebkraft, die das Einhalten von Regeln\u00a0 erzwingt, die von keinem Staat normiert und von keiner Polizei kontrolliert, doch meis strikter befolgt werden als manches Staatsgesetz. Dieser Angst mu\u00df die Armut ah schlimmste Drohung erscheinen, denn sie symbolisiert das Absinken bis zum unterster Rand der Gesellschaft. Und Armut ist dann eben nicht nur Ungl\u00fcck, Mangel an Lebenschancen und Lebensmitteln sondern &#8212; schlimmer noch &#8212; Inbegriff des Unkultivierten, Unzivilisierten. Die Armen ermangeln der gesellschaftlichen Verfeinerung in Kleidung, Geruch, Sprache und Verhalten. Das Ungl\u00fcck der Armen wird damit zum Stein des Ansto\u00dfes f\u00fcr die Nicht-Armen. Ihre Existenz ist bedrohliche Mahnung, wohin es einen verschlagen kann. Sie wird deshalb verharmlosend umgedeutet in die p\u00e4dagogische Botschaft: So mu\u00df es Menschen ohne zivilisierte Lebensart ergehen. Und im Handumdrehen sind die Opfer der Gesellschaft zur Objekten der Erziehung gemacht. Emile Zola, ein weiterer literarischer Sozialp\u00e4dagoge, karikiert diesen Umgang mit Armut in seinem Roman &#8222;Germinal&#8221;. Dort geht die Maheu, die Mutter der vielk\u00f6pfigen Bergarbeiterfamilie, in ihrer Verzweiflung zum Haus der Familie des Verwalters, Gregoire, um von ihm ein wenig Bargeld zu erbetteln. Die folgende Szene dr\u00fcckt den bis heute g\u00e4ngigen gesellschaftlichen Umgang mit Armut aus: Armut als Erziehung, sowohl f\u00fcr die Armen wie f\u00fcr die Spender:<\/p>\n<p>&#8222;Die Gregoire betrauten Cecile (ihre Tochter) damit, ihre Almosen auszuteilen. Dies pa\u00dfte zu ihren Begriffen von einer guten Erziehung. Man mu\u00dfte mildt\u00e4tig sein; sie sagten selbst, ihr Haus sei das Haus des lieben Gottes. Sie schmeichelten sich \u00fcbrigens, die Wohlt \u00e4tigkeit mit Klugheit zu \u00fcben; denn es plagte sie die ewige Angst, betrogen zu werden und das Laster zu unterst\u00fctzen. Darum schenkten sie niemals Geld, niemals, nicht zehn Sous, nicht zwei Sous; denn es ist ja bekannt, da\u00df ein armer Mensch, sobald er zwei Sous besitzt, dieselben vertrinkt. Ihr Almosen bestand stets in Naturalien, besonders in warmen Kleidern, die zur Winterzeit an die armen Kinder verteilt wurden. &#8230;<br \/>,Ich habe gerade noch zwei wollene Kleiner und zwei T\u00fccher`, sagte Cecile &#8230; ,Sie werden sehen, wie gut warm die armen Kleinen gekleidet werden.&#8216;<br \/>Endlich fand die Maheu die Sprache wieder.<br \/>,Vielen Dank, mein Fr\u00e4ulein&#8216;, stammelte sie &#8230;.Sie alle sind sehr g\u00fctig ..\u00a0&#8218;<br \/>Tr\u00e4nen f\u00fcllten ihre Augen, sie glaubte sich der hundert Sous sicher und dachte nur an die\u00a0 Art und Weise, wie sie sie verlangen sollte, wenn man ihr sie nicht anbieten w\u00fcrde. Das Stubenm\u00e4dchen kam nicht sogleich zur\u00fcck; es trat ein Augenblick verlegenen Stillschweigens ein. Die Kleinen hingen an den R\u00f6cken der Mutter und machten gro\u00dfe Augen nach dem Kuchen.<br \/>,Sie haben nur diese zwei?&#8216; fragte Frau Gr\u00e9goire, um das Stillschweigen zu brechen. ,Oh, Madame, ich habe sieben.&#8216;<br \/>Herr Gr\u00e9goire, der sich wieder in seine Zeitung vertieft hatte, fuhr entr\u00fcstet auf. ,Sieben Kinder? Aber warum denn, lieber Gott?&#8216;<br \/>,Das ist unklug&#8216;, murmelte die alte Dame.<br \/>Die Maheu machte eine unbestimmte Geb\u00e4rde der Entschuldigung. Mein Gott, das kommt von selbst, man denkt gar nicht daran. Und dann: wenn die Kinder einmal gr\u00f6\u00dfer werden, helfen sie mit erwerben und das Haus erhalten. &#8230;<br \/>Herr Gr\u00e9goire betrachtete sinnend diese Frau und ihre bedauernswerten Kinder mit ihrem wachsbleichen Fleische, ihren farblosen Haaren, die Entartung, in der sie verk\u00fcmmerten, von Blutlosigkeit verzehrt, von der traurigen H\u00e4\u00dflichkeit der Hungernden&#8230;. Und Herr Gr\u00e9goire schlo\u00df laut die Betrachtungen, die der Anblick dieser Hungerleider in ihm angeregt hatte.<br \/>,Es gibt viel Ungl\u00fcck hienieden, das ist wahr: aber, gute Frau, es mu\u00df auch zugegeben werden, da\u00df die Arbeiter nicht sehr vern\u00fcnftig leben &#8230; Anstatt einen Spargroschen beiseite zu legen wie unsere Bauern, trinken die Grubenarbeiter, machen Schulden und haben schlie\u00dflich kein Brot f\u00fcr Weib und Kind: &#8222;(Insel Taschenbuch, S. 106ff. in der \u00dcbersetzung von Armin Schwarz)<\/p>\n<p>All die armenp\u00e4dagogischen Elemente dieses vor 100 Jahren 1885 erstmals erschienenen Romans finden sich im Bundessozialhilfegesetz (BSHG) in seiner heute g\u00fcltigen Fassung wieder: Wenn die Familie Gr\u00e9goire f\u00fcrchtet &#8222;&#8230; betrogen zu werden und das Laster zu unterst\u00fctzen&#8221;, da setzt \u00a7 18 BSHG im Absatz 1 auf die Tugend der Arbeit: &#8222;Jeder Hilfesuchende mu\u00df seine Arbeitskraft zur Beschaffung des Lebensunterhalts f\u00fcr sich und seine unterhaltsberechtigten Angeh\u00f6rigen einsetzen&#8221; &#8212; und dies obwohl die allermeisten Personen, gerade deshalb auf Sozialhilfe angewiesen sind, weil ihnen die Gesellschaft Arbeit gegen gen\u00fcgendes Entgelt verweigert.<br \/>Die Furcht &#8222;betrogen zu werden und das Laster zu unterst\u00fctzen&#8221; verstellt aber auch dem BSHG den Blick f\u00fcr die Wirklichkeit so sehr, da\u00df ein Test f\u00fcr die hypothetische Arbeitsbereitschaft vorgesehen ist &#8212; gerade da, wo realistische Arbeit fehlt. \u00a7 19 Absatz 1: &#8222;F\u00fcr Hilfesuchende, die keine Arbeit finden k\u00f6nnen, sollen nach M\u00f6glichkeit Arbeitsgelegenheiten geschaffen werden&#8221; und im \u00a720 Absatz 1: &#8222;Ist es im Einzelfall erforderlich, einen arbeitsentw\u00f6hnten Hilfesuchenden an Arbeit zu gew\u00f6hnen oder die Bereitschaft eines Hilfesuchenden zur Arbeit zu pr\u00fcfen, soll ihm eine hierf\u00fcr geeignete T\u00e4tigkeit angeboten werden.&#8221;<br \/>Die m\u00e4rchenhafte Konstruktion eines &#8222;arbeitsentw\u00f6hnten&#8221; Menschen zeigt \u00fcberdeutlich, wie wenig es hierbei um den Gelderwerb geht, sondern um eine Lakmusprobe sozusagen f\u00fcr Tugend- oder Lasterhaftigkeit. Wenn die Familie Gr\u00e9goire statt Geld lieber abgelegte Kleidungsst\u00fccke geben, weil sie meinen, das Geld w\u00fcrde sowieso nur versoffen, so sieht auch das BSHG diese M\u00f6glichkeit vor, ohne je so konkret zu werden. \u00a7 25, Absatz 2: &#8222;Die Hilfe kann bis auf das zum Lebensunterhalt Unerl\u00e4\u00dfliche eingeschr\u00e4nkt werden &#8230; bei einem Hilfeempf\u00e4nger, der trotz Belehrung sein unwirtschaftliches Verhalten fortsetzt&#8221;.\u00b4<br \/>Bekanntlich geben Sozial\u00e4mter h\u00e4ufig statt Bargeld Gutscheine damit &#8212; ganz im Sinne der Gr\u00e9goires &#8212; die Mittel nicht zweckentfremdet werden k\u00f6nnen.<br \/>Selbst die familienpolitischen Bedenken der Gr\u00e9goires teilt das BSHG. Es gibt einen Paragraphen, der den Sozial\u00e4mtern vorschreibt, da\u00df sie den &#8222;Zusammenhalt der Familie festigen&#8221; sollen (\u00a77). Und sogar &#8222;Hilfe zur Familienplanung&#8221; sollen sie leisten.<br \/>Andererseits haben die Sozial\u00e4mter schon sehr fr\u00fch beischl\u00e4frige Gemeinschaften als ehe-\u00e4hnlich anerkannt, wo sich die Gerichte in Renten- und Erbsachen noch heute schwer tun, faktische Ehen wie standesamtlich geschlossene zu behandeln. In der Praxis des Sozialrechts werden unabh\u00e4ngige, erwachsene Menschen die zusammenleben mit einer unertr\u00e4glichen Schn\u00fcffelei auf den Grad ihrer Intimit\u00e4t untersucht (ehe\u00e4hnlich oder nicht?), damit die Partnerin oder der Partner dann zur Kasse gezwungen werden kann. Der sozialp\u00e4dagogische Erziehungsauftrag wird also heute wie damals vor hundert Jahren bei Zolas Familie Gr\u00e9goires ganz umfassend gehandhabt als zivilisatorische Aufgabe bis hinein ins Intime. So wie die Europ\u00e4er meinten, ihren Kolonien die Zivilisation nahebringen zu m\u00fcssen, so sind die Sozialarbeiter und Sozialp\u00e4dagogen durch das Bundessozialhilfegesetz angehalten, dem untersten Rand der Gesellschaft, den Armen, Arbeitsdisziplin und Moral beizubringen. Sie werden so quasi zu innergesellschaftlichen Kolonialbeamten.<br \/>Das Erziehungsmittel ist das Gew\u00e4hren oder Versagen von Geld- und Sachmitteln. Sparsamkeit ist das offen angegebene Ziel. Wie dieses Ziel selbst zum Erziehungsmittel wird, zeigt sich am deutlichsten am Paragraphen 23 des Bundessozialhilfegesetzes, der eine groteske Verkehrung der sonstigen Verh\u00e4ltnisse im Sozialrecht vornimmt: Seltsamerweise gesteht er Personen, die \u00fcber 65 oder in Fr\u00fchrente sind, drei\u00dfig Prozent Mehrbedarf zu, w\u00e4hrend \u00fcberall sonst in den Gesetzen zu den Renten und Pensionen davon ausgegangen wird, da\u00df im Alter ein Minderbedarf von f\u00fcnfundzwanzig bis vierzig Prozent besteht, weil keine Erwerbsarbeit mehr geleistet werden mu\u00df. Wie anders kann diese absurde Verkehrung verstanden werden, als ein Mittel, die erwerbsf\u00e4higen Armen so knapp zu halten, da\u00df sie eine auch noch so schlechte und mies bezahlte Arbeit der Sozialhilfe vorziehen?<\/p>\n<p>Es ist durchaus ungewi\u00df, ob ein solcher Erziehungsauftrag jemals sinnvoll war. Heute jedenfalls ist er ganz offensichtlich unsinnig, denn Sozialwissenschaftler und \u00d6konomen sind sich einig, da\u00df die Erwerbsarbeit in unserer Zeit immer mehr zum Privileg wird. Ein vermutlich wachsender Anteil der erwerbsf\u00e4higen Bev\u00f6lkerung wird durch die Computerisierung und Rationalisierung ohne eigenes Verschulden aus der Erwerbsarbeit herausgedr\u00e4ngt. Die heute geltenden Sozialgesetze bestrafen diese Menschen auch noch f\u00fcr den Verlust ihrer Arbeit und halten dabei die Fiktion aufrecht, es l\u00e4ge im freien Willen dieser Menschen, wieder bezahlte Arbeit zu finden, es l\u00e4ge an ihrer Arbeitsscheu oder gar Arbeitsentw\u00f6hnung.<br \/>In dieser Situation sind in einigen L\u00e4ndern &#8212; am ausgereiftesten wohl in Schweden &#8212; Vorschl\u00e4ge entwickelt worden, den aus der Erwerbsarbeit herausgedr\u00e4ngten Menschen ein garantiertes Mindesteinkommen zu gew\u00e4hren &#8212; ohne Auflagen, Bedingungen und Schn\u00fcffeleien.<br \/>Ein solches garantiertes Mindesteinkommen k\u00f6nnte zwar die Armut nicht abschaffen sondern w\u00e4re dann selbst die neue Definition von Armut. Denn die Bezieher dieses Mindesteinkommens blieben der unterste Rand der Gesellschaft. Aber es w\u00fcrde den Menschen, die unter die Armutsdefinition fallen, wenigstens die Erziehung durch die sozialp\u00e4dagogischen Institutionen ersparen. Und das w\u00fcrde ihre Lage ganz grundlegend erleichtern.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-7159","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-sozialpolitik"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Armut als Erziehung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/armut-als-erziehung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Armut als Erziehung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus vorg\u00e4nge Nr. 100 (Heft 4\/1989), S. 27-37 Armut ist wieder zum politischen Thema geworden. 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