{"id":7170,"date":"1985-02-24T12:00:00","date_gmt":"1985-02-24T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/abgeschoben-ins-ghetto\/"},"modified":"2021-09-04T00:03:42","modified_gmt":"2021-09-03T22:03:42","slug":"abgeschoben-ins-ghetto","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/abgeschoben-ins-ghetto\/","title":{"rendered":"Abgeschoben ins Ghetto"},"content":{"rendered":"<p><i>Armut in Offenbach und die Suche nach Alternativen<\/p>\n<p>aus vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 35-38<\/i><\/p>\n<p>Vor 4 Jahren gr\u00fcndeten Sozialhilfe-Empf\u00e4nger, Sozialarbeiter und unabh\u00e4ngige Linke (oder Gewerkschafter) den Offenbacher Sozialhilfe-Verein. Mit dieser Gr\u00fcndung wollten diejenigen, die seit den 60er Jahren eine Art \u00bbBetroffenenbezogene Sozialarbeit\u00ab\u00a0 mit den Bewohnern gemeinsam gegen die Institutionen machen, ein eigenst\u00e4ndiges, unabh\u00e4ngiges Gremium schaffen, auf das die offizielle (st\u00e4dtische) Sozialarbeit keinen unmittelbaren Einflu\u00df hat.<\/p>\n<p>Im Verlauf der Politisierung der Bewohner \u00bbsozial benachteiligter\u00ab Stadtgebiete bzw.\u00a0 der Sozialghettos Offenbachs im Kampf um ihre Rechte, entstanden in den 60er Jahren sog. Bewohnerr\u00e4te, die auf Bewohnerversammlungen ihre Forderungen und Ziele gegen die Sozialb\u00fcrokratie der Stadt formulierten. In den 70er Jahren wurden diese \u00bbR\u00e4te\u00ab im Zuge der Konfliktbefriedung der sozialen Brennpunkte durch von der damals regierenden SPD-Stadtregierung eingesetzten Sozialarbeiter zerschlagen.<br \/>Durch Intervention der offiziellen Sozialarbeit \u00bbvon Oben\u00ab, selektive Vergabe sozialer\u00a0 Leistungen (M\u00f6belbeihilfen, Kleider- u. Sonderbeihilfen etc.), Honorierung von Wohlverhalten usw., wurde der Politisierungsproze\u00df, der sich seinerzeit u.a. im kontinuierlichen Besch\u00e4ftigen der Bewohner mit ihrer Lage, Selbstorganisation von Protesten, \u00d6ffentlichkeitsarbeit etc. ausdr\u00fcckte, gestoppt. Trotz dieser Tatsache h\u00e4lt sich, auch als Reaktion auf die st\u00e4ndige Verschlechterung ihrer Lage, ein Widerstandspotential Betroffener in den \u00bbBrennpunkten\u00ab, das sich im Umfeld des Sozialhilfe-Vereins bewegt, f\u00fcr dessen Arbeit sensibel ist und praktische Unterst\u00fctzung leistet.<br \/>\u00dcber das Tagesgesch\u00e4ft praktischer Hilfestellung im Kleinkrieg der Sozialhilfeempf\u00e4n ger und \u00bbsozial Schwachen\u00ab mit den \u00c4mtern, Formalit\u00e4ten und Vorschriften hinaus, geht es dem Sozialhilfe-Verein um die Entwicklung neuer \u00bbsozialpolitischer Wege\u00ab; dazu geh\u00f6rt auch die \u00dcberlegung, mit einer Kandidatur f\u00fcr das Stadtparlament bei den Kommunalwahlen im Fr\u00fchjahr 1985, dort st\u00e4ndig den Finger in die Wunde \u00f6ffentlichen Anspruchsdenkens gegen die sozial Benachteiligten zu legen.<\/p>\n<p>In Offenbach gibt es nach amtlichen Angaben (September 1984) ca. 8 500 Arbeitslose,\u00a0 davon sind ca. 500 arbeitslose Jugendliche. Die offizielle Zahl der Sozialhilfe-Empf\u00e4nger betr\u00e4gt ca. 6 500. Offenbach liegt damit mit 6% weit \u00fcber dem Bundesdurchschnitt von 2,5 &#8211; 5% (Vergleich Berlin 8%). Ein hoher Anteil Dauerarbeitsloser, die zwischenzeitlich als \u00bbnicht mehr vermittelbar\u00ab gelten, werden aus der amtlichen Statistik gestrichen. Viele Menschen, denen Sozialhilfe zusteht, scheuen den Weg zum Sozialamt und erscheinen so erst gar nicht in der Statistik. So gehen wir davon aus, da\u00df es in Offenbach allein an die 20 000 Sozial-Benachteiligte gibt, von denen der gr\u00f6\u00dfte Teil der Betroffenen keine Aussicht auf Ver\u00e4nderung seiner Situation unter den gegenw\u00e4rtigen politischen Machtverh\u00e4ltnissen in Offenbach hat.<\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der registrierten Armen Offenbachs lebt in den bekannten Sozial-Ghettos Lohwald und Eschig, aber auch im L\u00e4mmerspieler-Weg, Bieber-West, Andrestra\u00dfe und dem Lauterborn, das gewaltige Lohwald der Zukunft.<br \/>Viele sind damit auf der sozialen Abstiegsleiter dann schon \u00bbganz unten\u00ab angekommen. Der Teufelskreis der Ausgrenzung aus der \u00bbLeistungsgesellschaft\u00ab beginnt mit\u00a0 dem Verlust des Arbeitsplatzes und schlie\u00dft sich mit dem Bezug einer \u00bbSozialwohnung\u00ab in den sozialen Brennpunkten. Die bisherige Kommunikationsstruktur wird abrupt abgeschnitten. War die soziale \u00c4chtung vorher sp\u00fcrbar, wird sie jetzt augenf\u00e4llig.<br \/>Diese sog. Sozialwohnungen, deren Vorl\u00e4ufer im Lohwald noch in den 60er Jahren als \u00bboffene Unterk\u00fcnfte\u00ab keine abschlie\u00dfbaren Wohnungst\u00fcren, daf\u00fcr Gemeinschaftstoiletten und Wasseranschlu\u00df im Hof hatten, wurden in Einfach- oder Schlichtbauweise errichtet. Dementsprechend sind sie relativ schnell verwohnt und sehr reparaturanf\u00e4llig. In den Flachbauten sind Wassersch\u00e4den Dauerzustand. Die Kosten, durch Elektro-Warmwasseraufbereitung gesteigert, liegen f\u00fcr diese Sozialwohnungen vergleichsweise hoch &#8212; 3-Zi. bei ca. 900.&#8212;, 5-Zi. bei ca. 1400.&#8212; DM\/Monat &#8212;, so da\u00df\u00a0 selbst diejenigen, die wieder Arbeit finden, lange Zeit vom Sozialamt wegen der hohen Wohnungskosten abh\u00e4ngig bleiben.<br \/>Stadtteile wie Lohwald, Eschig, L\u00e4mmerspieler-Weg, sind Ghettos, nicht nur r\u00e4umlich abgeschnitten vom \u00fcbrigen Stadtgebiet. Es bestehen keinerlei \u00bbg\u00fcnstige Einkaufsm\u00f6glichkeiten um die Ecke\u00ab, keinerlei Kultur-, Sport-, Kinderspiel- und Jugendclubs,\u00a0 Cafes, Kneipen etc. Die wenigen M\u00f6glichkeiten, von der Stadt unter Druck geschaffen, kamen nie \u00fcber das Stadium eines Provisoriums hinaus.<\/p>\n<p>Diese Vielzahl von Sozial-Ghettos ist das Ergebnis einer gescheiterten SPD-Politik, die\u00a0 Armut in Offenbach zu \u00bbdezentralisieren\u00ab.<br \/>Das SPD-Konzept, Ende der 50er Jahre, Sozialhilfe-Empf\u00e4nger (die damals noch Obdachlose oder Asylbewohner hie\u00dfen) mit einem sog. Stufenprogramm aus dem damals noch einzigen Slum Offenbachs, dem \u00bbLohwald\u00ab, in andere Stadtgebiete \u00bbschrittweise\u00a0 zu reintegrieren\u00ab, scheiterte u.a. daran, da\u00df die Menschen dort in der \u00bbneuen\u00ab Situation die gleiche Misere &#8212;\u00bbSchlichtwohnungen&#8230; sie sind einfach, aber sauber und hygienisch einwandfrei, und haben \u00fcberdies den Vorteil, sie sind billig&#8230;\u00ab (Zitat des damaligen Offenbacher SPD-B\u00fcrgermeisters nach Offenbach Post v. 22. 5. 58) &#8212; die gleiche soziale \u00c4chtung, Isolierung und Ausgrenzung wie im Lohwald, aus dem sie kamen, vorfanden und der Botm\u00e4\u00dfigkeits- und Anpassungsaufstieg nicht stattfand. Vor allem die Kinder und Jugendlichen dieser Stadtteile erfahren diese Ghetto-Situation besonders brutal. Als Ausgesto\u00dfene erfahren sie die soziale \u00c4chtung ihres Umfeldes schon sehr fr\u00fch als Feindschaft, Mi\u00dftrauen, Unterdr\u00fcckung und Beleidigung. Unzul\u00e4ngliche Spielm\u00f6glichkeiten, mangelnde p\u00e4dagogische Betreuung lassen den Kindern kaum Raum zur Entfaltung kindlicher Bed\u00fcrfnisse. Die Kollision mit den Ordnungsfaktoren der Gesellschaft ist von fr\u00fchester Kindheit vorprogrammiert. F\u00fcr die absolute Armut ist der scheinbare Warenreichtum der \u00dcberflu\u00dfgesellschaft, die die totale Verf\u00fcgbarkeit \u00fcber ihre Produkte suggeriert, eine Anfechtung und Herausforderung. Sogenannte Eigentumsdelikte (Autos f\u00fcr Spritztouren etc.) haben anfangs den Charakter von Mut-proben und werden allm\u00e4hlich bittere Gewohnheit.<br \/>Ist die Perspektive normaler Jugendlicher \u00bbno future\u00ab, so ist die Lebensperspektive dieser Ghetto-Jugendlichen vorprogrammiertes Elend und der Jugendknast.<\/p>\n<p>Der Versuch des Sozialhilfe-Vereins, gemeinsam mit interessierten Jugendlichen ein\u00a0 Arbeitslosen-Selbsthilfe-Projekt aufzuziehen, scheiterte an der Ignoranz, Gleichg\u00fcitigkeit und Verachtung gegen\u00fcber den Interessen der jugendlichen Ghettobewohner durch die st\u00e4dtische &#8212; nunmehr CDU &#8212; B\u00fcrokratie, Arbeitsamt, DGB usw., die sich zu einer Mittelbereitstellung oder Unterst\u00fctzung nicht \u00bbentschlie\u00dfen\u00ab konnten. U. a. weil ein solches Vorhaben keine Gemeinn\u00fctzigkeit habe.<br \/>Es ging um nicht mehr oder weniger, den Jugendlichen mit einem \u00bbSchrottplatzprojekt\u00ab; hier h\u00e4tte die \u00bbNeigung\u00ab der Jugendlichen zu Umgang mit Autos auch zu handwerklichen Bef\u00e4higungen (Reparaturarbeiten), sozialer Kommunikation in Arbeitsbereichen, Identit\u00e4t und Berufsvorbereitung f\u00fcr metallhandwerkliche Berufe gef\u00fchrt, so-mit zu einer hauchd\u00fcnnen Chance auf eine Lehrstelle und Ausbruch aus dem Teufelskreis. So bleiben die \u00bbVerantwortlichen\u00ab einstweilen bei ihren Schuldzuweisungen gegen die Leistungsverweigerer: die Jugendlichen sind um die Erfahrung reicher, da\u00df ja doch nichts geht \u00bbauf normalen Weg\u00ab.<\/p>\n<p>Mit dem Bezug von Sozialhilfe geht f\u00fcr die Sozialhilfe-Empf\u00e4nger in der Regel einher\u00a0 die Vereinnahmung und Verwaltung durch eine alles erfassende, sich f\u00fcr alles interessierende Sozialb\u00fcrokratie, deren verl\u00e4ngerter Arm nicht selten der Sozialarbeiter vor Ort ist. Sozialhilfe findet als Reglementierung des Lebensraumes, Kontrolle der Person, Abh\u00e4ngigkeit und Unterwerfung statt und wird als Bespitzelung, Willk\u00fcr und Erniedrigung von den Betroffenen erfahren. <br \/>Dabei sind die zu verteilenden Gelder das absolute Existenzminimum. Der sogenannte\u00a0 Warenkorb, nach dem sich die monatliche Sozialhilfe bemi\u00dft, berechnet exakt die Kosten des \u00bbSt\u00fcckgut Mensch\u00ab. Vom Kalorienbedarf \u00fcber die Gl\u00fchlampenst\u00e4rke bis zur Anzahl der Vollb\u00e4der die den Betroffenen zustehen und zur Tragedauer der Unterhose. F\u00fcr die Ern\u00e4hrung werden z.B. 83 verschiedene Lebensmittel zusammengestellt: 5905 Gramm Brot, 640 Gramm Weizenmehl, 55 Gramm Haferflocken, 6100 Gramm Kartoffeln; f\u00fcr pers\u00f6nliche Bed\u00fcrfnisse z.B. 4 Briefmarken, 6 Busfahrkarten etc. genannt. Der Warenkorb enth\u00e4lt kein Spielzeug, Babynahrung etc. Da ist es dann schon ein Kunstst\u00fcck z.B. f\u00fcr eine alleinstehende Mutter mit Kleinkind, mit den Sozialhilfe-S\u00e4tzen = 358.&#8212; DM\/Monat f\u00fcr sich selber und 156.&#8212; DM\/Monat f\u00fcr das Kind = 5,20 DM\/Tag f\u00fcr Babynahrung, Hygiene, Windeln, Pflegemittel etc, auszukommen.<\/p>\n<p>Wir sehen nur in einer direkten Beteiligung der Betroffenen an der Bew\u00e4ltigung ihrer Misere eine langfristige Chance zur Besserung ihrer Situation. Sinnvolle Problembew\u00e4ltigungen f\u00fcr die sozialen Brennpunkte setzt die volle Einbezie hung der W\u00fcnsche und Vorstellungen der Betroffenen, die Kontrolle der Sozialhilfekonzepte durch die Betroffenen selber und die autonome Entscheidungsgewalt und Verf\u00fcgung \u00fcber die Mittel voraus. Probleml\u00f6sung f\u00fcr die Betroffenen kann nur durch die Betroffenen selber unter Einbeziehung der Sozialarbeit als Hilfestellung geschehen. <br \/>Es geht nicht darum, das Heer der Sozialb\u00fcrokratie und Verwaltung (m\u00f6glichst fl\u00e4chendeckend) zu erweitern, die Abh\u00e4ngigkeit von Sozial-, Wohn-, Jugend-, Gesundheits- und sonstwie \u00c4mtern festzuschreiben, sondern die Betroffenen m\u00fcssen die Entscheidungen und Handlungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr ihr eigenes Dasein zur\u00fcckzugewinnen. Der Versuch, eine solche Konzeption politisch durchzusetzen, k\u00f6nnte durch die Kandidatur Betroffener f\u00fcr das Stadtparlament nicht nur Unterst\u00fctzung erfahren, sondern eine neue politische Dimension im Kampf um die Verbesserung der Lebenssituation der sozial Schwachen sein. Die Entwicklung in den sozialen Brennpunkten Offenbachs, das Engagement vieler Betroffener zur Selbsthilfe aus ihrem Elend, macht uns, trotz aller massiven politischen Widerst\u00e4nde, Mut zum Weitermachen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-7170","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-sozialpolitik"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Abgeschoben ins Ghetto - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/abgeschoben-ins-ghetto\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Abgeschoben ins Ghetto - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Armut in Offenbach und die Suche nach Alternativen aus vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 35-38 Vor 4 Jahren gr\u00fcndeten Sozialhilfe-Empf\u00e4nger, Sozialarbeiter und unabh\u00e4ngige Linke (oder Gewerkschafter) den Offenbacher Sozialhilfe-Verein. 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