{"id":7175,"date":"1985-02-24T07:00:00","date_gmt":"1985-02-24T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-mobile-armut\/"},"modified":"2021-09-04T00:03:43","modified_gmt":"2021-09-03T22:03:43","slug":"die-mobile-armut","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-mobile-armut\/","title":{"rendered":"Die mobile Armut"},"content":{"rendered":"<p><i>aus vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 56-63<\/i><\/p>\n<p><i>\u00bbDas Gesetz in seiner majest\u00e4tischen Gleichheit verbietet es, den Reichen wie den Armen,<br \/><\/i><i>auf den Stra\u00dfen zu betteln, unter den Br\u00fccken zu schlafen und Brot zu stehlen.\u00ab<\/i><\/p>\n<p><i>(Anatole France)<\/i><\/p>\n<p>In der BRD leben ca. 80 000 &#8212; 100 000 sog. \u00bbNichtse\u00dfhafte\u00ab. Das sind alleinstehende Personen ohne Wohnung oder sonstige Unterkunft, die ohne jedes regelm\u00e4\u00dfige Einkommen in v\u00f6lliger Armut leben. Die Gr\u00f6\u00dfe und die Zusammensetzung dieses Personenkreises folgt weitgehend der Entwicklung der Arbeitslosenquote, d.h. die Anzahl der Betroffenen nimmt gegenw\u00e4rtig zu. Gleichzeitig steigt unter ihnen der Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen besorgniserregend an.<\/p>\n<p><i>Nachts ohne Wohnung<\/i><\/p>\n<p>Ein zentrales Merkmal der \u00bbNichtse\u00dfhaften\u00ab ist das Fehlen einer festen Unterkunft. Mehr noch: \u00bbNichtse\u00dfhafte\u00ab sind aus dem offiziellen Wohnungsmarkt soweit ausgegliedert, da\u00df sie nicht einmal mehr als Nachfrager von Wohnraum in Erscheinung treten.<br \/>\u00a0Die meisten \u00bbNichtse\u00dfhaften\u00ab sind gezwungen, sich Tag und Nacht im Freien aufzuhalten. Nur die wenigsten finden Unterkunft in einer \u00dcbernachtungsstelle oder in einer Einrichtung der Nichtse\u00dfhaftenhilfe. In einer Stadt wie Dortmund stehen z.B. ca. 250 bis 300 sich st\u00e4ndig dort aufhaltenden Stadtstreichern nur ca. 70 Schlafpl\u00e4tze in der st\u00e4dtischen \u00dcbernachtungsstelle zur Verf\u00fcgung. Ohnehin sind die Verh\u00e4ltnisse in den \u00dcbernachtungsstellen derart absto\u00dfend, da\u00df es viele Stadtstreicher vorziehen, die N\u00e4chte &#8211; selbst im Winter &#8211; nicht dort zu verbringen (2).<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\" class=\"bodytext\">\u00bbIch habe da versucht, mich irgendwie so durchzuschlagen. Das hat eigentlich ziemlich gut geklappt, blo\u00df mit dem Schlafen hinterher, dann fing &#8212; da war so eine Periode mit Regen und so weiter und da fiel es mir dann also sehr schwer, einen Schlafplatz zu finden, der nicht gerade na\u00df war. Dann habe ich da mehrere Tage lang nicht geschlafen, oder kaum &#8211; stundenweise nur noch, dann bin ich nat\u00fcrlich zusammengebrochen, weil ich am Ende meiner Widerstandskraft war, da die Ern\u00e4hrung in dem Falle auch nicht gerade die beste war. Da habe ich bestimmt auch Mangelerscheinungen gehabt und so weiter und ich bin dann also richtig zusammengebrochen. (&#8230;)<br \/>Ich bin dann hier in Herten noch mal an \u00dcberm\u00fcdung und Mangelerscheinungen der Ern\u00e4hrung zusammengebrochen. Ich bin dann im Krankenhaus wieder aufgewacht. Ich hatte da eine Kopfwunde, die mit drei Stichen gen\u00e4ht worden ist, ohne da\u00df ich da was von gemerkt habe. Soweit war ich weg. Ich habe dann zwei Wochen gebraucht, um dann wieder richtig fit zu sein.\u00ab (Ein Betroffener, Jahrgang 1962)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wer nicht in der \u00dcbernachtungsstelle \u00fcbernachten kann, sei es wegen \u00dcberf\u00fcllung oder\u00a0wegen zu gro\u00dfer Abneigung, ist gezwungen, die Nacht anderweitig zu verbringen. Im Sommer \u00fcbernachten viele Stadtstreicher im Freien, z.B. in Geb\u00fcschen, auf Wiesen oder B\u00e4nken von Parkanlagen oder in Hauseing\u00e4ngen. Im Winter ist dies oft lebensbedrohend. Jeden Winter erfrieren zahlreiche Stadtstreicher, die \u00fcber Nacht keinen ausreichenden Schutz vor der Witterung gefunden haben. Schutz finden manche in Abbruchh\u00e4usern oder Neubauten, in Bahnh\u00f6fen oder auch in Kellerr\u00e4umen von Privath\u00e4usern. Egal, wie ein Stadtstreicher die Nacht verbringt, stets ist er gezwungen, hierbei zumindest eine Ordnungswidrigkeit, im Winter sogar oftmals eine Straftat zu begehen. So befinden sich Stadtstreicher fast jede Nacht in der auswegslosen Situation, zwar keinerlei Anspr\u00fcche auf eine angemessene Unterkunft realisieren zu k\u00f6nnen, jedoch damit gezwungen zu sein, mehr oder weniger durch ihr blo\u00dfes Dasein gegen geltendes Recht zu versto\u00dfen.<br \/>Viele Stadtstreicher haben wegen Delikten, die mit ihrem \u00dcberleben in unmittelbarem\u00a0 Zusammenhang stehen, oft ein langes Vorstrafenregister. Wenn sie solche Delikte trotz Vorstrafe erneut begehen, unterstellen Gerichte in der Regel Unbelehrbarkeit der Betroffenen, was zu st\u00e4ndig h\u00f6herem Strafma\u00df f\u00fchrt, statt hierin die Ausweglosigkeit ihrer Lebenssituation zu erkennen.<\/p>\n<p><i>Wie Stadtstreicher den Tag zubringen<\/i><\/p>\n<p>Nur wenig g\u00fcnstiger sind f\u00fcr Nichtse\u00dfhafte die M\u00f6glichkeiten, den Tag zu verbringen.\u00a0 Die \u00dcbernachtungsstellen m\u00fcssen meist schon fr\u00fchmorgens verlassen werden. Manche Stadtstreicher bem\u00fchen sich, vor allem bei niedrigen Au\u00dfentemperaturen, den ganzen Tag durch Kaufh\u00e4user oder \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude zu laufen, ohne als Nichtse\u00dfhafte erkannt und vertrieben zu werden.<br \/>Wenige Stadtstreicher haben die M\u00f6glichkeit, sich, auch ohne etwas zu verzehren, in bestimmten Kneipen aufzuhalten und als Gegenleistung f\u00fcr die Inhaber Boteng\u00e4nge, Eink\u00e4ufe oder andere Erledigungen zu t\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Andere halten sich \u00fcberwiegend in Gruppen an ganz bestimmten Pl\u00e4tzen einer Stadt auf, an denen sie mehr oder weniger geduldet werden. Diese pr\u00e4gen das \u00f6ffentliche Er scheinungsbild von Nichtse\u00dfhaften, obwohl sie nur eine kleine Gruppe unter diesen bilden. Die aufgef\u00fchrten Beispiele, wo sich Stadtstreicher \u00fcblicherweise tags\u00fcber aufhalten, lie\u00dfen sich durch weitere, \u00e4hnliche erg\u00e4nzen. Es stellt sich die Frage, wie sie diese Zeit verbringen. Die wenigsten Stadtstreicher haben die M\u00f6glichkeit, die relativ gro\u00dfe Menge an Zeit, die ihnen zur Verf\u00fcgung steht, d.h. nicht durch \u00e4u\u00dfere Verpflichtungen verplant ist, in einer f\u00fcr sie befriedigenden Art und Weise zu nutzen. Hierzu fehlen ihnen die elementarsten Voraussetzungen. Sie haben noch nicht einmal f\u00fcr die Verrichtung der notwendigsten Dinge oder die Befriedigung der unmittelbarsten Bed\u00fcrfnisse geeignete R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten aus der permanenten erzwungenen \u00d6ffentlichkeit ihres Lebens. Es ist ihnen auch nahezu unm\u00f6glich, \u00fcber diese Bed\u00fcrfnisse hinaus weitere, differenziertere Bed\u00fcrfnisse und Interessen zu entwickeln. Die viele \u00bbfreie\u00ab Zeit im Leben der Nichtse\u00dfhaften erscheint damit keineswegs als disponible Zeit, die individuell und selbstbestimmt, d.h. relativ frei von Fremdbestimmung, etwa im Sinne von Freizeit (3) gestaltet werden kann. Nichtse\u00dfhafte m\u00fcssen vielmehr diese Menge Zeit irgendwie \u00bbrumkriegen\u00ab oder \u00bbtotschlagen\u00ab. Die viele Zeit stellt sich als ein h\u00f6chst belastendes Moment dar, das bew\u00e4ltigt werden mu\u00df. So m\u00fcssen Stadtstreicher sich zwar irgendwie aufhalten, m\u00fcssen dasein, k\u00f6nnen aber fast nichts, was gesellschaftlich oder auch nur f\u00fcr sie bedeutsam w\u00e4re, gar in Kooperation mit anderen tun. Sie k\u00f6nnen und m\u00fcssen in der verstreichenden Zeit physisch existieren, haben auf diese Zeit aber kaum Zugriffsm\u00f6glichkeiten, um sich ihrer zu bem\u00e4chtigen, sie zu nutzen. Nichtse\u00dfhafte sind somit in zweifacher Hinsicht Objekt ihres Daseins. Zum einen haben sie aufgrund ihrer ung\u00fcnstigen Lebensbedingungen fast jede Zugriffs- und Kontrollm\u00f6glichkeit \u00fcber ihre Lebensplanung verloren, dies um so gravierender, je l\u00e4nger sie diesen Lebensumst\u00e4nden schon ausgesetzt sind, zum anderen sind sie hierdurch und durch ihre absolute Mittellosigkeit einer hohen \u00e4u\u00dferen sozialen Kontrolle und Fremdbestimmung durch Institutionen der Sozialadministration, der Ordnungsbeh\u00f6rden und der Polizei ausgesetzt.<\/p>\n<p><i>Soziale Kontakte und Beziehungen zu Frauen<\/i><\/p>\n<p>Ihre eingeschr\u00e4nkte Handlungsf\u00e4higkeit und ein hohes Ma\u00df an gesellschaftlicher Stigmatisierung macht es Nichtse\u00dfhaften nahezu unm\u00f6glich, tragf\u00e4hige soziale Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten. Da sie nicht in der Lage sind, die Befriedigungsm\u00f6glichkeiten auch nur ihrer elementarsten Lebensbed\u00fcrfnisse langfristig sicherzustellen, befinden sie sich meist in einem t\u00e4glichen Konkurrenzkampf untereinander um die Ressourcen. Dies f\u00fchrt nur in wenigen F\u00e4llen zu organisiertem, gemeinsamen\u00a0 Vorgehen, z.B. Absprachen dar\u00fcber, wer wo, wie lange f\u00fcr eine bestimmte Gruppe bettelt, sondern meist zu individuellem Vorgehen mit dem Ziel, Konkurrenten auszuschalten. \u00dcberdies sind viele der zu knappen erreichbaren Befriedigungsm\u00f6glichkeiten auch kaum mehr teilbar.<br \/>Nur wenige Nichtse\u00dfhafte haben Kontakte zu Frauen und dann nur zu solchen Frauen,\u00a0 die ebenfalls nichtse\u00dfhaft zu leben gezwungen sind. Diese machen jedoch nur einen geringen, aber steigenden, Anteil unter den Nichtse\u00dfhaften aus. Die genauen Gr\u00fcnde hierf\u00fcr sind bislang noch nicht systematisch untersucht worden, vieles spricht jedoch daf\u00fcr, da\u00df sich f\u00fcr Frauen das Leben auf der Stra\u00dfe weitaus gef\u00e4hrlicher und schwieriger gestaltet, als es schon f\u00fcr M\u00e4nner ist. Gerade im sexuellen Bereich sind nichtse\u00dfhafte Frauen, die alleine leben, nahezu schutzlos. Zum anderen werden Frauen, die in unserer Gesellschaft in eine Notlage geraten, die M\u00e4nner zwingt, fortan nichtse\u00dfhaft zu leben, vermutlich eher in andere Lebensformen abgedr\u00e4ngt, wobei wir hier, ohne darauf n\u00e4her eingehen zu k\u00f6nnen, auf die verschiedenen Formen der Prostitution verweisen m\u00f6chten.<br \/>Die Frauen, die trotzdem nichtse\u00dfhaft leben, sind darauf angewiesen, sich einem nichtse\u00dfhaften Mann anzuschlie\u00dfen. Diesem sind sie zwar dadurch oft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert &#8212; da es nur wenige nichtse\u00dfhafte Frauen gibt, machen viele M\u00e4nner in einer solchen Situation rigide Besitzanspr\u00fcche geltend &#8212; jedoch liegt hierin die einzige M\u00f6glichkeit, einen gewissen \u00bbSchutz\u00ab vor einer v\u00f6lligen sexuellen Ausbeutung durch andere M\u00e4nner zu erreichen. Dennoch zeichnen sich auch solche Beziehungen vielfach durch einen hohen Grad an sexueller Instrumentalisierung aus, der soweit gehen kann, da\u00df die Frau fortan gezwungen wird, zur Bestreitung des gemeinsamen Lebensunterhaltes der Prostitution nachzugehen.<\/p>\n<p><i>Nichtse\u00dfhafte und Alkohol<\/i><\/p>\n<p>Zweifellos hat der Alkohol im Leben vieler Nichtse\u00dfhafter eine zentrale Bedeutung,\u00a0 doch erweist sich die fast durchg\u00e4ngige Zuschreibung von Alkoholproblemen auf jeden Nichtse\u00dfhaften als falsch. Es lassen sich vielmehr innerhalb der Gruppe der Nichtse\u00dfhaften alle Formen des Umganges mit Alkohol nachweisen, wie sie auch in der \u00fcbrigen Bev\u00f6lkerung zu beobachten sind. Unterschiedlich sind lediglich die H\u00e4ufigkeiten ihres jeweiligen Auftretens. D.h. es gibt durchaus auch Nichtse\u00dfhafte, die v\u00f6llig abstinent leben, die meisten trinken Alkohol in \u00e4hnlichem Umfang und in \u00e4hnlicher Weise, wie es Menschen, die in einer Wohnung leben, auch tun. (4) \u00a0Bemerkenswert ist, da\u00df das Stereotyp \u00bbNichtse\u00dfhaft = Alkoholgef\u00e4hrdung\u00ab auch bei professionellen Mitarbeitern der Nichtse\u00dfhaftenhilfe eine gro\u00dfe Rolle spielt, wie sich z.B. an einer rigiden Alkoholverbotspraxis in fast allen Einrichtungen der Nichtse\u00dfhaftenhilfe zeigt.<br \/>Ein Grund f\u00fcr diese durchg\u00e4ngige Zuschreibung liegt darin, da\u00df Nichtse\u00dfhafte in der \u00d6ffentlichkeit tats\u00e4chlich oft zu sehen sind, wenn sie Alkohol trinken. Hier mu\u00df je-doch darauf hingewiesen werden, da\u00df Nichtse\u00dfhafte gar keine andere M\u00f6glichkeit ha ben, als in der \u00d6ffentlichkeit zu trinken, da ihnen die R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten in einen Privatbereich, wie sie andere Menschen, deren Trinkverhalten oft kaum von dem der Stadtstreicher abweicht, jedoch gesellschaftlich keineswegs negativ, eher sogar positiv bewertet wird, offenstehen.<\/p>\n<p><i>Arbeits- und Erwerbssituation Nichtse\u00dfhafter<\/i><\/p>\n<p>Fast alle Nichtse\u00dfhaften sind vollst\u00e4ndig aus dem \u00bboffiziellen\u00ab Arbeitsmarkt ausgegliedert. Nur die wenigsten haben Anspr\u00fcche auf arbeitsmarktexterne Versorgungsleistungen oder k\u00f6nnen sich solche Anspr\u00fcche, etwa auf Arbeitslosengeld oder Arbeits losenhilfe, oft nicht einmal auf Sozialhilfe, dauerhaft sicherstellen. Sie sind auf andere Formen der Subsistenzsicherung angewiesen. Gesellschaftlich sichtbar werden hierbei zumeist das Betteln und kleinere, in der Regel im Bereich des Mundraubes liegende, Diebst\u00e4hle.<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\" class=\"bodytext\">\u00bbIch habe gestohlen, um meinen t\u00e4glichen Lebensunterhalt zu decken. Und zwar nicht nur von mir alleine, sondern von einem Freund auch noch. Und das war, da ich nicht jeden Tag Gelegenheit hatte, mich zu waschen, war das also f\u00fcr mich etwas schwer. Ich brauchte also jeden Tag Lebensmittel und so weiter, wir hatten also am Anfang Baustellen nach Flaschen abgesucht, nach Leergut, um wenigstens einen Teil kaufen zu k\u00f6nnen, damit das nicht mehr auffiel. Das war auf l\u00e4ngere Zeit doch kritisch. Ich meine, beim ersten Mal geht das, wenn einer da noch nicht bekannt ist, aber wenn einer jeden Tag da rein geht und nichts kauft, dann wird das also langsam auff\u00e4llig. Da haben wir also versucht, mit den Mitteln an Lebensmittel zu kommen. Wir haben auf einer Baustelle geschlafen, meistens. Die Bauarbeiter waren sehr freundlich, die haben uns gelassen, ohne irgendwie die Polizei einzuschalten oder so weiter, und im Sommer &#8212; also das war im Sommer vorigen Jahres &#8212; haben wir dann auch schon mal drau\u00dfen geschlafen.\u00ab (Ein Betroffener, Jahrgang 1962)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Weit weniger sichtbar und bekannt ist die Tatsache, da\u00df Nichtse\u00dfhafte Zielgruppe ganz\u00a0 spezifischer Arbeitsm\u00e4rkte sind, f\u00fcr die sie gerade durch ihre Notlage eine hohe Bedeutung haben. Diese Arbeitsm\u00e4rkte versorgen solche Wirtschaftsbereiche mit Arbeitskraft, die in der Regel unqualifizierte Arbeitskraft ben\u00f6tigen und deren Bedarf durch starke kurzfristige Schwankungen bestimmt ist. Die Unternehmen sind daran interessiert, stets nur soviel Arbeitskraft kaufen zu m\u00fcssen, wie aktuell gebraucht wird, ohne sich vertraglich zu einer l\u00e4ngerfristigen Abnahme verpflichten zu m\u00fcssen. Da ihr Arbeitskr\u00e4ftebedarf meist t\u00e4glich, oft sogar st\u00fcndlich variiert, m\u00fc\u00dften sie dann n\u00e4mlich, um stets gen\u00fcgend Arbeitskraft verf\u00fcgbar zu haben, weitaus mehr Arbeitskraft kaufen als sie durchschnittlich verwerten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Belegschaft solcher Unternehmen &#8212; sie geh\u00f6ren h\u00e4ufig der Transport- und Speditionsbranche, der Bauwirtschaft oder dem Schaustellergewerbe an &#8212; besteht in der Regel aus einem Stamm von m\u00f6glichst wenigen angelernten oder ausgebildeten, festangestellten Arbeitern, die zu Zeiten hohen Arbeitskr\u00e4ftebedarfs alle notwendigen qualifizierten Arbeiten verrichten k\u00f6nnen. Dieser Stamm wird je nach Arbeitskr\u00e4ftebedarf er g\u00e4nzt durch nur stunden- oder tageweise angestellte Arbeiter f\u00fcr die Erledigung solcher Arbeiten, f\u00fcr die keine Qualifikation erforderlich ist. Sinkt der Arbeitskr\u00e4ftebedarf, werden die unqualifizierten Arbeiten von einem Teil der festangestellten Arbeiter \u00fcbernommen. Wie schon erw\u00e4hnt, rekrutiert sich der gr\u00f6\u00dfte Teil der nur kurzfristig eingestellten Arbeiter aus dem Personenkreis der Nichtse\u00dfhaften.<\/p>\n<p><i>Schnelldienst, Arbeitsstrich und Subunternehmertum<\/i><\/p>\n<p>Die Vermittlung dieser Arbeiter erfolgt zu einem Teil \u00fcber Gelegenheitsarbeitsm\u00e4rkte.\u00a0 Hier gibt es zum einen eine offizielle Form, den sogenannten Schnelldienst, eine in fast jeder Stadt anzutreffende spezielle Vermittlungsabteilung des Arbeitsamtes. Daneben existiert auch eine inoffizielle Form, der sogenannte \u00bbArbeitsstrich\u00ab. Eine dritte Variante stellt das sog. \u00bbSubunternehmertum\u00ab dar.<\/p>\n<p>Bei der Vermittlungsagentur des Arbeitsamtes finden sich t\u00e4glich fr\u00fchmorgens Arbeitssuchende ein, die dann nach von Stadt zu Stadt unterschiedlichen Auswahlkriterien an Firmen vermittelt werden, welche in der Regel telefonisch eine bestimmte Anzahl von Arbeitern anfordern.<br \/>Die nichtoffizielle Form der Gelegenheitsarbeitsvermittlung erfolgt durch direkte Kontaktaufnahme der Ank\u00e4ufer von Arbeitskraft und den Arbeitssuchenden. Letztere finden sich t\u00e4glich zu bestimmten Zeiten an bestimmten Pl\u00e4tzen, z.B. in der N\u00e4he des st\u00e4dtischen Gro\u00dfmarktes, ein und bieten ihre Arbeitskraft Unternehmen oder von diesen beauftragten Personen an, die diese Pl\u00e4tze gezielt aufsuchen.<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\" class=\"bodytext\">\u00bbIch war hier ab und zu mal bei Doego (Transportunternehmen in der N\u00e4he des Gro\u00dfmarktes von Dortmund d.V.), habe mir da immer die N\u00e4chte um die Ohren geschlagen. (&#8230;)<br \/>Manchmal kommt man als erster hin und derjenige, der die Leute einteilt, der sucht sich immer die besten aus, der sagt: Du kommst mit, Du kommst mit, ja, und wenn nun drei Mann da sind und zwei braucht er, ja, dann wird ausgelost. Ein Papierschnipsel, eine Zahl draufgeschrieben, zwei Nullen und eine Eins, also drei Schnipsel, die werden auf den Tisch geworfen, und wenn einer die Eins hat, dann hat er gewonnen, dann kann er da arbeiten. Da bin ich auch schon mal mit Wut im Bauch wieder zur\u00fcckgegangen.\u00ab<br \/>Frage: Wie lange haben sie damals gewartet?<br \/>\u00bbZwei Stunden. Ja, um sieben kommt er, je nach dem, wieviel Tonnen, aber wenn man Pech hat, kann man warten bis um zehn, bis dann eben der Fahrer kommt und sagt: Du kommst mit.\u00ab (Ein Betroffener, Jahrgang 1950)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Subunternehmer stellen Arbeitssuchende ein und leihen sie an andere Unternehmen, die die eigentliche wertschaffende Nutzung ihrer Arbeitskraft vornehmen, aus. Vor allem unqualifizierte Arbeiter erhalten f\u00fcr ihre Arbeit meist nur ein Taschengeld. Vielfach ist mit der Einstellung die Verpflichtung verkn\u00fcpft, eine Unterkunft in eigenen \u00dcbernachtungslagern des Subunternehmers in Anspruch zu nehmen, um bei Bedarf st\u00e4ndig zur Verf\u00fcgung zu stehen.<br \/>F\u00fcr Nichtse\u00dfhafte stellt selbst diese h\u00f6chst einschr\u00e4nkende Verpflichtung eine reale Verbesserung ihrer Lebenssituation dar, insofern z\u00e4hlen Nichtse\u00dfhafte zu den wichtigsten Zielgruppen dieses Teils des Arbeitsmarktes. (5)<br \/>Eine besondere Form des Arbeiterverleihs wird durch sich caritativ verstehende statio n\u00e4re Einrichtungen der Nichtse\u00dfhaftenhilfe betrieben. Diese leihen Anstaltsinsassen an externe Firmen aus und zahlen ihnen nur eine sehr geringe Pr\u00e4mie. Entsprechend der \u00fcblichen Praxis in Nichtse\u00dfhafteneinrichtungen werden f\u00fcr diese Arbeiter auch keine Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge abgef\u00fchrt. Die zunehmende \u00f6ffentliche Kritik an dem Subunternehmertum veranla\u00dfte den Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Westf\u00e4lischen Herbergsverbandes daher schon vor Jahren &#8212; bisher vergeblich &#8212; zu fordern: \u00bbWir sollten alles tun, um nicht durch unkorrekte L\u00f6sungen mit den negativen Praktiken von Subunternehmen in einen Topf geworfen zu werden. Es bestehen daher gr\u00f6\u00dfte Bedenken, wenn interne Werkst\u00e4tten Besch\u00e4ftigte in externe Firmen ausleihen und ihnen dann nur etwa 20% des Firmenerl\u00f6ses als Pr\u00e4mie gew\u00e4hren\u00ab. (6)<\/p>\n<p>Kaum ein Nichtse\u00dfhafter kann seinen Lebensunterhalt durch Erwerbst\u00e4tigkeiten, wie\u00a0 wir sie beschrieben haben, langfristig sicherstellen. Die f\u00fcr die genannten Arbeitsm\u00e4rkte verf\u00fcgbare Arbeitskraft \u00fcbersteigt stets bei weitem die Nachfrage. Zus\u00e4tzlich wirkt sich die krisenbedingte generelle Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen der lohnabh\u00e4ngigen Besch\u00e4ftigten auf diesen Arbeitsm\u00e4rkten in besonderer Weise aus: Zum einen w\u00e4chst durch zunehmende gesellschaftliche Deklassierung das Arbeitskr\u00e4ftepotential, andererseits werden bei Nachfrager\u00fcckgang auf dem Arbeitsmarkt Arbeitspl\u00e4tze in einem derart extremen Randbereich am ehesten wegfallen.<\/p>\n<p><i>Gesundheitszustand und medizinische Versorgungslage<\/i><\/p>\n<p>Es \u00fcberrascht nicht, da\u00df Menschen, die bedingt durch ihre Lebenssituation kaum die M\u00f6glichkeit einer regelm\u00e4\u00dfigen und ausreichenden K\u00f6rperpflege haben, \u00fcberdurchschnittlich oft an Hautkrankheiten, Pilz- oder Ungezieferbefall leiden oder ein verfallendes Gebi\u00df aufweisen. Ebenso lassen sich h\u00e4ufig auftretende Krankheiten wie Fehl-oder Unterern\u00e4hrung und Mangelerkrankungen, vor allem auch die als typische Armutskrankheit bekannte Tuberkulose mit der ung\u00fcnstigen Lebenssituation der Nicht-se\u00dfhaften erkl\u00e4ren. Diese Situation versch\u00e4rft sich in vielen F\u00e4llen noch zus\u00e4tzlich durch eine unzureichende, oft sogar ganz fehlende \u00e4rztliche Versorgungsm\u00f6glichkeit (7). Hierf\u00fcr gibt es verschiedene Gr\u00fcnde:<br \/>Zum einen haben Nichtse\u00dfhafte oft schon jahrelang nicht mehr versicherungspflichtig gearbeitet und sind daher nicht krankenversichert. Sie haben dann zwar Anspruch auf Krankenhilfe im Rahmen des BSHG, jedoch nur wenige Nichtse\u00dfhafte sind im Bedarfsfall in der Lage, sich diese, wie auch andere Sozialleistungen zu erschlie\u00dfen. All dies bewirkt bei den Betroffenen selbst eine oft stark ausgepr\u00e4gte Scheu, einen Arzt\u00a0 aufzusuchen. Viele sch\u00e4men sich wegen ihres zwangsl\u00e4ufig ungepflegten Zustandes und m\u00f6chten sich so nicht einem Arzt, zu dem sie \u00fcberdies meist eine hohe soziale Distanz empfinden, ausliefern.\u00a0<br \/>Zus\u00e4tzlich haben Nichtse\u00dfhafte, selbst wenn sie sich in \u00e4rztliche Behandlung begeben, meist nicht die M\u00f6glichkeit, eine manchmal mehrere Wochen dauernde \u00e4rztlich verordnete Therapie, z.B. regelm\u00e4\u00dfige Medikamenteneinnahme oder gar Wundversorgung, erfolgreich durchzuf\u00fchren, da ihnen hierzu die erforderlichen Wohnvoraussetzungen fehlen. Viele Nichtse\u00dfhafte leiden daher oft jahre- bis jahrzehntelang, manche sterben sogar an Krankheiten, die, w\u00e4ren sie rechtzeitig erkannt und angemessen behandelt worden, mehr oder weniger erfolgreich h\u00e4tten behoben werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><i>Ausblick<\/i><\/p>\n<p>Mit der Dauer des Lebens unter den Bedingungen von Armut w\u00e4chst das Risiko des\u00a0 Herausfallens selbst aus dem Sozialhilfesystem und des weiteren sozialen Abgleitens bis hin zur v\u00f6lligen Verarmung. Diese Form von Armut wird gesellschaftlich z.B. als Nichtse\u00dfhaftigkeit, Obdachlosigkeit oder Verwahrlosung wahrgenommen und entsprechend behandelt.<br \/>Das Ausma\u00df dieser Form absoluter Armut nimmt in der letzten Zeit quantitativ wie qualitativ zu, d.h. die Anzahl der Problembetroffenen w\u00e4chst und ihre Lebensbedin gungen verschlechtern sich erheblich. Insbesondere w\u00e4chst der Anteil der Jugendlichen und der jungen Erwachsenen, die nach ihrer Schul-, bestenfalls nach ihrer Berufsausbildung noch nie im Erwerbsleben gestanden haben, unter diesen Personengruppen \u00fcberproportional an.<\/p>\n<p><b>Anmerkungen<\/b>:<\/p>\n<p>1 Den Hintergrund f\u00fcr unsere Ausf\u00fchrungen bilden zum einen zwei Exkursionen 1980 und 1982, w\u00e4hrend denen wir uns als Stadtstreicher ausgegeben und versucht haben, uns Zugang zu den jeweiligen \u00f6rtlichen Angeboten der Nichtse\u00dfhaftenhilfe zu verschaffen. Zum anderen geht dieser Beitrag zur\u00fcck auf mehrere Interviews, die wir mit ehemaligen alleinstehenden wohnungslosen Personen gef\u00fchrt haben. Um der notwendigerweise eher verallgemeinernden Tendenz unserer Darstellungen entgegenzuwirken, haben wir an einigen Stellen zur Veranschaulichung Ausz\u00fcge aus diesen Interviews in den Text eingef\u00fcgt.<br \/>2 vgl. Henke, M. \/ Rohrmann, E.: Als Stadtstreicher unterwegs. In: Gef\u00e4hrdetenhilfe 2\/1981, Bielefeld Juni 1981; \u00dcbergang nach Nirgendwo &#8212; Als Penner in Resoheim. In: extra sozialarbeit 7\/8\/1984. Frankfurt Juli\/August 1984; vgl. auch Wallraff, G.: 13 unerw\u00fcnschte Reportagen, K\u00f6ln 1969<br \/>3 vgl. Kramer, D.: Freizeit und Reproduktion der Arbeitskraft, K\u00f6ln 1975<br \/>4 Albrecht, G.: Nichtse\u00dfhaftigkeit &#8212; das Ph\u00e4nomen und die Anforderung an die Hilfe, In: Sonderheft 1 der Gef\u00e4hrdetenhilfe, Bielefeld 1977<br \/>5\u00a0 Rechtsgrundlage f\u00fcr die beschriebene Form des Arbeiterverleihs, bzw. genauer, des Verkaufs fremder Arbeitskraft ist das Arbeitnehmer\u00fcberlassungsgesetz vom 7. August 1972. Die hier ohnehin \u00e4u\u00dferst d\u00fcrftig formulierten Rechte der Arbeiter (Arbeitsschutz, Sozialversicherung etc.), finden in der Praxis selten Anwendung. Kaum ein betroffener Arbeiter hat die M\u00f6glichkeit, sich gegen unrechtm\u00e4\u00dfige Behandlung zur wehr zu setzen.<br \/>6 Hasenburg, F.: Rechtsgrundlagen im Hilfeangebot station\u00e4rer Nichtse\u00dfhaftenhilfe. In: Gef\u00e4hrdetenhilfe 4\/80, Bielefeld November 1980<br \/>7\u00a0 Veith, G. \/ Schwindt, W.: Von den Krankheiten der Nichtse\u00dfhaften. Bethel, Heft 16, Bielefeld Dezember 1976<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-7175","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-sozialpolitik"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die mobile Armut - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-mobile-armut\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die mobile Armut - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 56-63 \u00bbDas Gesetz in seiner majest\u00e4tischen Gleichheit verbietet es, den Reichen wie den Armen,auf den Stra\u00dfen zu betteln, unter den Br\u00fccken zu schlafen und Brot zu stehlen.\u00ab (Anatole France) In der BRD leben ca. 80 000 &#8212; 100 000 sog. \u00bbNichtse\u00dfhafte\u00ab. 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