{"id":7276,"date":"2012-11-22T10:15:00","date_gmt":"2012-11-22T09:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-beabsichtigte-einschraenkung-des-versammlungsrechts-durch-das-abgeordnetenhaus-von-berlin-ist-fa\/"},"modified":"2021-09-04T00:03:53","modified_gmt":"2021-09-03T22:03:53","slug":"die-beabsichtigte-einschraenkung-des-versammlungsrechts-durch-das-abgeordnetenhaus-von-berlin-ist-fa","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-beabsichtigte-einschraenkung-des-versammlungsrechts-durch-das-abgeordnetenhaus-von-berlin-ist-fa\/","title":{"rendered":"Die beabsichtigte Einschr\u00e4nkung des Versammlungsrechts durch das Abgeordnetenhaus von Berlin ist fahrl\u00e4ssig"},"content":{"rendered":"<p><i>Vier B\u00fcrgerrechtsorganisationen nehmen zum Gesetz &#8222;\u00fcber \u00dcbersichtsaufnahmen zur Lenkung und Leitung des Polizeieinsatzes bei Versammlungen unter freiem Himmel und Aufz\u00fcgen&#8220; Stellung, das heute im Berliner Abgeordnetenhaus beraten wird. Sie kritisieren die faktisch anlasslose Videoaufzeichnung von Versammlungen, die m\u00f6glich werden soll.<\/i><\/p>\n<p>Am Donnerstag, 22.11.2012, ber&auml;t das Abgeordnetenhaus von Berlin &uuml;ber einen Gesetzentwurf der Senatsinnenverwaltung &bdquo;&uuml;ber &Uuml;bersichtsaufnahmen zur Lenkung und Leitung des Polizeieinsatzes bei Versammlungen unter freiem Himmel und Aufz&uuml;gen&ldquo; (Drucksache 17\/0642).<\/p>\n<p>Mit diesem Gesetz soll schnell und ohne breite &ouml;ffentliche Diskussion in das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit eingegriffen werden. Das geltende Bundesversammlungsgesetz, das in Berlin noch nicht durch ein Landesversammlungsgesetz ersetzt worden ist, soll in der Frage staatlicher &Uuml;berwachung au&szlig;er Kraft gesetzt werden. Nach dem Bundesversammlungsgesetz d&uuml;rfen nur dann Bild- und Tonaufnahmen von Versammlungen angefertigt werden, wenn &bdquo;tats&auml;chliche Anhaltspunkte die Annahme rechtfertigen, dass von ihnen erhebliche Gefahren f&uuml;r die &ouml;ffentliche Sicherheit oder Ordnung ausgehen&ldquo; (&sect; 12 a). Immer wieder fertigt die Polizei auch dann Videoaufnahmen an, wenn diese rechtliche Grundlage nicht erf&uuml;llt ist. Mehrfach haben Gerichte geurteilt, dass die Videografie rechtswidrig erfolgte, obwohl schon hier die Deutungshoheit &uuml;ber &bdquo;erhebliche Gefahren&ldquo; weitgehend bei der Polizei liegt.<\/p>\n<p>Nun soll die Polizei in Berlin das Recht bekommen, nur aufgrund von unbestimmter &bdquo;Gr&ouml;&szlig;e&ldquo; oder&nbsp; inhaltsleerer &bdquo;Un&uuml;bersichtlichkeit&ldquo; &bdquo;&Uuml;bersichtsaufnahmen&ldquo; zu fertigen (&sect; 1 Abs. 2). Diese d&uuml;rfen dann zwar nicht aufgezeichnet werden. Sowie die Polizei jedoch Anhaltspunkte auf &bdquo;Gefahren&ldquo; findet, kann sie auf die Regelungen nach &sect; 1 Abs. 1 &uuml;berwechseln und gem&auml;&szlig; Bundesversammlungsgesetz auch heranzoomen und aufzeichnen. Es handelt sich also um die Erm&auml;chtigung der Polizei, nach eigenem Gutd&uuml;nken Versammlungen per Video und Bild&nbsp; zu &uuml;berwachen. Nur zum Schein wird in der Begr&uuml;ndung auf die hohe Bedeutung des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit verwiesen. Tats&auml;chlich wird es in einem grundlegenden Element au&szlig;er Kraft gesetzt.<\/p>\n<p>Faktisch regelt das Gesetz eine anlasslose Aufzeichnung des gesamten Versammlungsgeschehens. Das Bundesverfassungsgericht hat dies jedoch in seiner Entscheidung &uuml;ber das erste bayerische Versammlungsgesetz als unzul&auml;ssigen Eingriff in das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit gewertet. Auch das Verwaltungsgericht Berlin hat am 5. Juli 2010 (1 K 905.09) in seinem Urteil zur Video&uuml;berwachung einer Demonstration gegen die Nutzung der Atomenergie festgestellt, dass Videoaufzeichnungen das Selbstbestimmungsrecht der B&uuml;rger und B&uuml;rgerinnen und die Demokratie gef&auml;hrden. Auch wenn &bdquo;nur&ldquo; &Uuml;bersichtsaufnahmen angefertigt werden und diese nicht aufgezeichnet werden, sei dies f&uuml;r&nbsp; die Versammlungsteilnehmer nicht erkennbar. Zudem sei ein gezieltes Heranzoomen von Personen jederzeit m&ouml;glich, so dass &bdquo;durch das Gef&uuml;hl des Beobachtetseins&ldquo; die Teilnehmenden &bdquo;eingesch&uuml;chtert&ldquo; oder gar von der Teilnahme abgehalten werden k&ouml;nnten. &bdquo;Dies w&uuml;rde nicht nur die individuelle Entfaltungschance des Einzelnen beeintr&auml;chtigen, sondern auch das Gemeinwohl, weil Selbstbestimmung eine elementare Funktionsbedingung eines auf Handlungsf&auml;higkeit und Mitwirkungsf&auml;higkeit seiner B&uuml;rger begr&uuml;ndeten freiheitlichen demokratischen Gemeinwesens ist.&ldquo; Entsprechend entschied auch der 5. Senat des Oberverwaltungsgerichts NRW am 23. November 2010 (5 A 2288\/09).<\/p>\n<p>Der Senat von Berlin t&auml;uscht vor, es handele sich um eine Gesetzesl&uuml;cke, die nun zu schlie&szlig;en sei. Tats&auml;chlich bereitet er jedoch eine fahrl&auml;ssige Einschr&auml;nkung des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit und eine Gef&auml;hrdung demokratischer Teilhabe vor.<\/p>\n<ul>\n<li>Die nun produzierte Hektik im Eingriff in das Versammlungsrecht ist &uuml;berfl&uuml;ssig und demokratiewidrig. <\/li>\n<li>Gerade gro&szlig;e Versammlungen verlaufen erfahrungsgem&auml;&szlig; friedlich und d&uuml;rfen nicht anlasslos &uuml;berwacht werden. <\/li>\n<li>Aufgrund der modernen technischen M&ouml;glichkeiten ist die Individualisierung von Personen auch bei sogenannten &Uuml;bersichtsaufnahmen von D&auml;chern, Hubschraubern oder Kamerawagen mit hydraulischen M&auml;sten jederzeit m&ouml;glich. Die Fotos k&ouml;nnen gegebenenfalls vergr&ouml;&szlig;ert werden.<\/li>\n<li>Die B&uuml;rger haben keinerlei M&ouml;glichkeiten, die &Uuml;berwachungen rechtlich zu &uuml;berpr&uuml;fen, da die genehmigenden Begriffe &ndash; Gr&ouml;&szlig;e oder Un&uuml;bersichtlichkeit &#8211; v&ouml;llig unbestimmt sind. Sie m&uuml;ssen von einer dauernden staatlichen &Uuml;berwachung ausgehen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das Volksz&auml;hlungsurteil des Bundesverfassungsgerichts von 1983 stellte das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung deutlich in den demokratischen Kontext von Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. &bdquo;Wer unsicher ist, ob abweichende Verhaltensweisen jederzeit notiert und als Information dauerhaft gespeichert, verwendet oder weitergegeben werden, wird versuchen, nicht durch solche Verhaltensweisen aufzufallen. Wer damit rechnet, dass etwa die Teilnahme an einer Versammlung oder einer B&uuml;rgerinitiative beh&ouml;rdlich registriert wird und dass ihm dadurch Risiken entstehen k&ouml;nnen, wird m&ouml;glicherweise auf eine Aus&uuml;bung seiner entsprechenden Grundrechte verzichten.&ldquo; (AZ 1 BvR 209, 269, 362, 420, 440, 484\/83)<\/p>\n<p>Das Land Berlin scheint dagegen die B&uuml;rger von der Wahrnehmung ihrer Grundechte abhalten und den Rest kontrollieren zu wollen.<\/p>\n<p>Unterzeichner:<\/p>\n<p>Komitee f&uuml;r Grundrechte und Demokratie e.V.<br \/>Republikanischer Anw&auml;ltinnen- und Anw&auml;lteverein e.V.<br \/>Internationale Liga f&uuml;r Menschenrechte<br \/>Humanistische Union Berlin-Brandenburg<\/p>\n<p>F&uuml;r Nachfragen:<\/p>\n<p>Anja Heinrich (Humanistische Union): 030 \/ 204 2504<br \/>Dr. Elke Steven (Komitee f&uuml;r Grundrechte&nbsp;&amp; Demokratie): 0177&nbsp;\/ 762 1303<\/p>\n<p>Vorlage &#8222;Gesetz &uuml;ber &Uuml;bersichtsaufnahmen zur Lenkung und Leitung des Polizeieinsatzes bei Versammlungen unter freiem Himmel und Aufz&uuml;gen&#8220; (Drucksache 17\/0642): <a href=\"http:\/\/www.parlament-berlin.de\/ados\/17\/IIIPlen\/vorgang\/d17-0642.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.parlament-berlin.de\/ados\/17\/IIIPlen\/vorgang\/d17-0642.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[63],"tags":[],"class_list":["post-7276","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-videoueberwachung"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die beabsichtigte Einschr\u00e4nkung des Versammlungsrechts durch das Abgeordnetenhaus von Berlin ist fahrl\u00e4ssig - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/die-beabsichtigte-einschraenkung-des-versammlungsrechts-durch-das-abgeordnetenhaus-von-berlin-ist-fa\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die beabsichtigte Einschr\u00e4nkung des Versammlungsrechts durch das Abgeordnetenhaus von Berlin ist fahrl\u00e4ssig - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Vier B\u00fcrgerrechtsorganisationen nehmen zum Gesetz &#8222;\u00fcber \u00dcbersichtsaufnahmen zur Lenkung und Leitung des Polizeieinsatzes bei Versammlungen unter freiem Himmel und Aufz\u00fcgen&#8220; Stellung, das heute im Berliner Abgeordnetenhaus beraten wird. 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