{"id":7302,"date":"2002-03-20T12:39:00","date_gmt":"2002-03-20T11:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/du-bist-nicht-allein-zur-videoueberwachung-oeffentlicher-raeume-1\/"},"modified":"2021-09-04T00:03:56","modified_gmt":"2021-09-03T22:03:56","slug":"du-bist-nicht-allein-zur-videoueberwachung-oeffentlicher-raeume-1","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/du-bist-nicht-allein-zur-videoueberwachung-oeffentlicher-raeume-1\/","title":{"rendered":"Du bist nicht allein. Zur Video\u00fcberwachung \u00f6ffentlicher R\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p><i>Grundrechte-Report 2002, S. 59-64<\/i><\/p>\n<p>Videobilder, die nach den Attentaten in den USA ausgewertet werden, zeigen den Terroristen Mohammed Atta, kurz vor dem Todesflug auf das World Trade Center, an einem Geldautomaten, im Supermarkt und am Flughafen von Portland (Maine). Nach und nach ver&ouml;ffentlichen die Medien weitere Videobilder: Wenige Tage vor dem 11. September war einer der Attent&auml;ter wegen &uuml;berh&ouml;hter Geschwindigkeit angehalten und bei der Polizeikontrolle gefilmt worden. Die Bilder, die letztlich noch blo&szlig;e Zufallsfunde darstellten, gingen um die Welt. Sie waren zun&auml;chst die einzigen sichtbaren Erkenntnisse bei der Frage nach den T&auml;tern. Wie ein immer dichter gewirktes Mosaik aber rekonstruieren Videobilder das Leben von sich scheinbar anonym in der Masse der Bev&ouml;lkerung bewegenden Menschen. Irgendwo l&auml;uft offenbar immer eine Kamera. Aus Gro&szlig;britannien (zur Lage in England vgl. bereits Th. Weichert in Grundrechte- Report 2000, S. 45&ndash; 49) ist bereits seit langem bekannt: Polizeiliche Ermittlungen nach einer Straftat beginnen heute so: Scotland Yard schw&auml;rmt aus. Die Beamten, mit einer gro&szlig;en Plastikt&uuml;te bewaffnet, suchen alle Video&uuml;berwachungsanlagen am Tatort und in der Umgebung auf, sammeln die vorhandenen Videob&auml;nder ein und werten diese dann auf Hinweise aus.<\/p>\n<h5><span id=\"videokameras-gesichtserkennung-und-ausweise\">Video&shy;ka&shy;meras, Gesichts&shy;er&shy;ken&shy;nung und Ausweise<\/span><\/h5>\n<p>Die Sicherheitsbranche boomt nicht erst seit dem Anschlag weltweit. Endlich aber verkauft sich nun auch die bei Kameras mitlieferbare Gesichtserkennungssoftware. So haben in den USA bereits die Flugh&auml;fen von Oakland, Boston, Fresno und Providence den Einsatz dieser &laquo;Biometriktechnik &raquo; in Verbindung mit Videoaufnahmen eingef&uuml;hrt oder k&uuml;ndigen dies an. Die Technik erlaubt es, digital erhobene und gespeicherte Bilder vollautomatisch auszuwerten: Bereits bekannte, in einer Bilddatenbank gespeicherte Gesichter, aber auch bestimmte Bewegungsmuster k&ouml;nnen auf diese Weise wiedererkannt werden. Kanadische Flugh&auml;fen und Spielcasinos verwenden diese Technik bereits seit l&auml;ngerem. US-amerikanische B&uuml;rgerrechtler (American Civil Liberties Union (ACLU); vgl. unter http:\/\/ www.aclu.org) kritisieren, dass auch mit Hilfe dieser neuen Ger&auml;te kein Einziger der Attent&auml;ter gestoppt worden w&auml;re. Denn die T&auml;ter waren bis dato nicht in Erscheinung getreten und ihre Bilder in keiner (Fahndungs-)Datenbank vorgehalten. Jetzt wird diskutiert, die Gesichtsdaten (so genannte biometrische Merkmale) der Gesamtbev&ouml;lkerung in einer zentralen Referenzdatei zu speichern. Im Januar 2001 ist in Tampa (Florida) das gesamte Publikum eines Fu&szlig;ballstadions mit Kameras und Gesichtserkennungssoftware erfasst worden. Die Bilder wurden in Bruchteilen von Sekunden mit einer Bilddatenbank abgeglichen. 19 &laquo;Kleinstkriminelle &raquo; konnten identifiziert werden. Schwerwiegender Straftaten Verd&auml;chtige wurden nicht entdeckt. Jedoch kam es zu zahlreichen Fehlidentifizierungen. Die ausnahmslose Erfassung aller anwesenden B&uuml;rger f&uuml;hrte zu heftiger Kritik. Sachverst&auml;ndige sind sich einig, dass Gesichtserkennungssysteme nach wie vor eine hohe Fehlertoleranz aufweisen: Fehlerkennungen und Nichterkennungen lie gen bei bis zu 50 Prozent. Die Mitte 2001 auch auf das Vergn&uuml;gungsviertel der Stadt Tampa erweiterte Video&uuml;berwachung ist zwischenzeitlich wegen Erfolglosigkeit eingestellt worden (vgl. dazu <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.heise.de<\/a> \/ newsticker \/ data \/odi-<\/p>\n<p>06.01.02-001\/ ).<\/p>\n<h5><span id=\"voll-im-bilde-auch-bei-uns\">Voll im Bilde &ndash; auch bei uns<\/span><\/h5>\n<p>In Deutschland hat sich vor allem die von Privaten zu verantwortende Video&uuml;berwachung rasant ausgeweitet. Markantes Beispiel hierf&uuml;r stellt das so genannte 3-S-Konzept (Sicherheit, Sauberkeit, Service) der Deutschen Bahn dar, als dessen integraler Bestandteil umfassende Video&uuml;berwachungen (noch ohne Gesichtserkennung) der Bahnh&ouml;fe eingef&uuml;hrt wurden. Die Bahnh&ouml;fe aller gr&ouml;&szlig;eren bundesdeutschen St&auml;dte sind mit zum Teil mehr als 100 Kameras ausgestattet, die jeden Winkel des Gel&auml;ndes ausspionieren. Kaufh&auml;user sowie Banken und Tankstellen sind ebenfalls mit aufwendigen &Uuml;berwachungsanlagen ausgestattet. Die &Uuml;berwachung der im privaten Besitz befindlichen, jedoch eigentlich &ouml;ffentlichen Pl&auml;tze ist bereits umfangreich.<\/p>\n<p>Die polizeiliche Video&uuml;berwachung &ouml;ffentlicher Pl&auml;tze ist noch nicht ganz so umfassend. In Pilotprojekten, in der Stadt Leipzig bereits seit 1997, bem&uuml;ht man sich um den Nachweis der Notwendigkeit und Effektivit&auml;t der &Uuml;berwachung des &ouml;ffentlichen Raums bei der Kriminalit&auml;tsbek&auml;mpfung. Der wissenschaftliche Beweis hierf&uuml;r gilt allerdings bis heute als nicht gef&uuml;hrt. Klagen von B&uuml;rgern gegen die &Uuml;berwachung wurden in Mannheim und Halle dessen ungeachtet zur&uuml;ckgewiesen. Die Verantwortlichen versichern regelm&auml;&szlig;ig, dass eine fl&auml;chendeckende &Uuml;berwachung nicht beabsichtigt sei. Erkl&auml;rtes Ziel aber ist es, zeitgem&auml;&szlig;er symbolischer Politik entsprechend, mit &Uuml;berwachung die Steigerung des &laquo;subjektiven Sicherheitsgef&uuml;hls der Bev&ouml;lkerung&raquo; zu erreichen.<\/p>\n<h5><span id=\"gesetze-gegen-die-ausbreitung\">Gesetze gegen die Ausbrei&shy;tung?<\/span><\/h5>\n<p>Was bleibt von einer demokratischen Gesellschaft, wenn B&uuml;rger aus Furcht vor Identifikation und Repressalien nicht mehr an &ouml;ffentlichen Versammlungen teilnehmen oder sich, unter dem Blick allgegenw&auml;rtiger Kameras, nicht mehr unbefangen bewegen und miteinander kommunizieren, sprich ihre B&uuml;rgerrechte aus&uuml;ben k&ouml;nnen oder wollen? Innerhalb der letzten zwei Jahre haben alle Bundesl&auml;nder (mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz und Th&uuml;ringen &ndash; Gesetzesentw&uuml;rfe liegen jedoch vor) Befugnisnormen f&uuml;r die Video&uuml;berwachung so genannter gef&auml;hrlicher Orte geschaffen. Damit wird rechtlich eine neue Qualit&auml;t der &Uuml;berwachung erreicht. Bestehende Regelungen zur &Uuml;berwachung von Veranstaltungen oder bestimmter gef&auml;hrdeter Objekte hatten die Erfassung g&auml;nzlich Unbeteiligter durch die Kameras (teilweise ausdr&uuml;cklich) in Kauf genommen. Jetzt wird jedoch jeder B&uuml;rger pauschal unter Verdacht gestellt. In der Konsequenz wird einmal mehr der rechtsstaatliche Grundsatz der Beschr&auml;nkung polizeilicher Eingriffe auf so genannte St&ouml;rer, also auf diejenigen, von denen tats&auml;chlich eine Gefahr ausgeht, missachtet. Diese Form der &Uuml;berwachung stellt eine weitere fragw&uuml;rdige, weil bislang in ihren gesellschaftlichen und rechtlichen Folgen nicht absehbare Ma&szlig;nahme so genannter &laquo;Gefahrenvorsorge&raquo; dar.<\/p>\n<h5><span id=\"private-filmwut\">Private Filmwut<\/span><\/h5>\n<p>Eine weitere Regelung zur Video&uuml;berwachung ist im Mai 2001 in Kraft getreten: &sect; 6b des Bundesdatenschutzgesetzes erlaubt &laquo;die Beobachtung &ouml;ffentlich zug&auml;nglicher R&auml;ume zur Aufgabenerf&uuml;llung &ouml;ffentlicher Stellen, zur Wahrnehmung des Hausrechts oder zur Wahrnehmung berechtigter Interessen f&uuml;r konkret festgelegte Zwecke (. . .)&raquo; Mit dieser Vorschrift werden erstmals private &Uuml;berwacher explizit einer rechtlichen Regelung unterworfen. Denn diese haben nach Verfassungsrecht ebenfalls das betroffene Grundrecht des B&uuml;rgers auf informationelle Selbstbestimmung (Art. 2 Abs. 1 und Art. 1 GG) zu beachten. Doch die Regelung setzt der &Uuml;berwachung keine Grenzen. Vielmehr verschafft sie f&uuml;r die &uuml;ber die Republik verstreuten und willk&uuml;rlich aufgeh&auml;ngten Kameras eine weite Rechtsgrundlage. Das so genannte &laquo;berechtigte Interesse&raquo; nutzen Juristen als Leerformel. Anstatt gesetzlich zumindest enge Ausnahmen f&uuml;r die Zul&auml;ssigkeit &ndash; etwa den Zweck der &laquo;&ouml;ffentlichen Sicherheit &raquo; &ndash; festzulegen, kann weiterhin jeder Betreiber selbst beliebige Zwecke festlegen. Laut Gesetz sind auf Hinweisschildern die Verantwortlichen zu benennen. Aber der Betroffene erf&auml;hrt nicht, zu welchem Zweck die Kamera dort h&auml;ngt und wie die Verantwortlichen zu kontaktieren sind. Auch k&ouml;nnen die oft ganze Fu&szlig;g&auml;ngerzonen mitablichtenden Filme an die Polizei weitergegeben werden, obwohl Private sich nicht an die f&uuml;r die Polizei geltenden h&ouml;heren Eingriffsh&uuml;rden (etwa nachweislich gef&auml;hrlicher Ort; schneller pr&auml;ventiver Zugriff) halten m&uuml;ssen. Schlie&szlig;lich konnte man sich auch nicht einigen, Meldepflichten bzw. ein &ouml;ffentlich gef&uuml;hrtes Melderegister einzuf&uuml;hren. Der vom Verfassungsgericht wiederholt geforderten Beachtung m&ouml;glicher gesamtgesellschaftlicher Konsequenzen zunehmender &Uuml;berwachung wurde somit nicht gefolgt. Video&uuml;berwachungen am Arbeitsplatz bleiben gesetzlich weiterhin ungeregelt, weil es sich dort meist nicht um &ouml;ffentlich zug&auml;ngliche R&auml;ume handelt. Hier m&uuml;ssen sich B&uuml;rger in ihrem Recht weiterhin auf vereinzelt gebliebene Gerichtsentscheidungen st&uuml;tzen. So bleibt der einzelne B&uuml;rger letztlich David im Kampf gegen die Ausspionierung von privat und von oben. Der weiteren unkontrollierten Ausbreitung, bis hin zu einer fl&auml;chendeckenden Video&uuml;berwachung,bleibt damit T&uuml;r und Tor ge&ouml;ffnet.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[63],"tags":[],"class_list":["post-7302","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-videoueberwachung"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Du bist nicht allein. 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