{"id":7542,"date":"2008-10-30T17:20:00","date_gmt":"2008-10-30T16:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/religionsunterricht-ist-kein-ersatz-fuer-ethik\/"},"modified":"2020-08-03T07:52:55","modified_gmt":"2020-08-03T05:52:55","slug":"religionsunterricht-ist-kein-ersatz-fuer-ethik","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/religionsunterricht-ist-kein-ersatz-fuer-ethik\/","title":{"rendered":"Religionsunterricht ist kein Ersatz f\u00fcr Ethik"},"content":{"rendered":"<p>Kirsten Wiese<\/p>\n<p>Der Staat hat die Aufgabe, Sch\u00fclern Dialogf\u00e4higkeit beizubringen, und zwar gemeinsam mit Grundkenntnissen \u00fcber die Verfassung. Nur der Ethikunterricht kann das leisten. Aus Mitteilungen Nr. 202 S. 14\/15<\/p>\n<p>Am 22. September hat die Initiative &#132;Pro Reli&#8220; mit der Unterschriftensammlung f\u00fcr ihr Volksbegehren zur Einf\u00fchrung eines regul\u00e4ren Religionsunterrichts in der Hauptstadt begonnen. Die Initiative will den Religionsunterricht an Berliner Schulen k\u00fcnftig zum versetzungsrelevanten Wahlpflichtfach aufgewertet wissen.<br \/>Bislang k\u00f6nnen katholische und protestantische Sch\u00fcler einen je eigenen Religionsunterricht nur als zus\u00e4tzliches Schulfach belegen. Das bisherige Pflichtfach Ethik dagegen soll, ginge es nach Pro Reli, zur Alternative degradiert werden f\u00fcr all jene, die nicht an einem konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen wollen.<\/p>\n<p>Hinter dieser Debatte steht die Frage, welches Verh\u00e4ltnis Staat und Schule zur Religion haben sollen. Keine Frage &#150; Religion ist vielen Menschen in Deutschland weiterhin wichtig. Auch k\u00f6nnen religi\u00f6se Institutionen ein Korrektiv zu staatlicher Macht und ungebremster \u00d6konomisierung der Lebensverh\u00e4ltnisse bilden, wie Robin Mishra k\u00fcrzlich in der tageszeitung anmerkte (taz vom 12. 9. 08). Deshalb sollte der Staat die religi\u00f6s-weltanschaulichen Interessen seiner B\u00fcrgerInnen ernst nehmen und die Religionsgruppen &#150; und andere Weltanschauungsgemeinschaften &#150; f\u00f6rdern, soweit es die deutsche Verfassung erlaubt.<\/p>\n<p>Die Bundesrepublik tut das, und auch das Land Berlin bildet hier keine Ausnahme: Es stellt den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften die Klassenr\u00e4ume f\u00fcr ihren bekenntnisgebundenen Unterricht zur Verf\u00fcgung und kommt f\u00fcr 90 Prozent der entstehenden Personalkosten auf. In Berlin machen davon gegenw\u00e4rtig neben den Katholiken und Protestanten, Muslime, Buddhisten und Humanisten Gebrauch.<br \/>Daran hat sich nichts ge\u00e4ndert, seit im Jahr 2006 das neue Pflichtfach Ethik eingef\u00fchrt wurde. Wenn seitdem weniger Sch\u00fclerInnen den freiwilligen Religionsunterricht besuchen als zuvor, mag man das bedauerlich finden. Doch der R\u00fcckgang ist gemessen am R\u00fcckgang der Gesamtsch\u00fclerzahl gering. Angesichts eines ohnehin sehr vollen Stundenplans ist der Verzicht auf weitere Schulstunden verst\u00e4ndlich und stellt keine Diskriminierung dar. Der Staat ist nicht gehalten, auf die Vermittlung eigener Erziehungsziele zu verzichten, nur um den Kirchen optimale Unterrichtsbedingungen einzur\u00e4umen.<\/p>\n<p>Bislang hat neben Berlin nur Brandenburg einen staatlichen Ethikunterricht f\u00fcr alle Sch\u00fclerInnen eingef\u00fchrt. In fast allen anderen Bundesl\u00e4ndern kann und muss der Ethikunterricht nur von solchen Sch\u00fclerInnen besucht werden, die sich zuvor eigens vom Religionsunterricht abgemeldet haben. Das aber ist bedauerlich. Die zunehmend pluralistische Zusammensetzung unserer Republik verlangt de facto einen verbindlichen Ethikunterricht f\u00fcr alle &#150; gerade auch in den stark von Einwanderung gepr\u00e4gten Bundesl\u00e4ndern wie Nordrhein-Westfalen oder Baden-W\u00fcrttemberg.<\/p>\n<p>Die staatlichen Schulen haben die Aufgabe, die F\u00e4higkeiten zu vermitteln, die f\u00fcr das Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft erforderlich sind. Sch\u00fclerInnen m\u00fcssen lernen, mit unterschiedlichen kulturellen und religi\u00f6sen Pr\u00e4gungen umzugehen, Konflikte friedlich zu l\u00f6sen und dem Anderen gegen\u00fcber tolerant zu sein.<\/p>\n<p>Ein staatlicher Ethikunterricht, in dem sowohl die kommunikativen F\u00e4higkeiten f\u00fcr den interkulturellen Dialog als auch das grundlegende Wissen \u00fcber unsere Verfassungs- und Menschenrechte vermittelt werden, ist daf\u00fcr ein gutes Mittel. Nat\u00fcrlich stehen den Schulen auch andere Wege offen: In bereits existierenden F\u00e4chern wie Deutsch, Geschichte oder Philosophie kann gleichfalls Toleranz gelehrt werden. F\u00fcr einen Ethikunterricht spricht aber, dass es mit ihm an der Schule einen Ort gibt, an dem die Konflikte des interkulturellen Zusammenlebens explizit thematisiert werden k\u00f6nnen. Vergessen wir nicht: Es war der Mord an einer jungen Deutscht\u00fcrkin im Februar 2005, der von einigen Sch\u00fclerInnen der Stadt \u00f6ffentlich gebilligt worden war, der das Berliner Abgeordnetenhaus dazu bewegte, einen Ethikunterricht einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Religionsunterricht kann einen solchen Ethikunterricht nicht ersetzen. Denn universelle Menschenrechte beanspruchen ja gerade unabh\u00e4ngig vom jeweiligen Bekenntnis Geltung. Und die F\u00e4higkeit, allen Religionen und Weltanschauungen gleicherma\u00dfen mit Respekt zu begegnen, setzt ein zumindest grunds\u00e4tzliches Wissen \u00fcber diese Religionen und Weltanschauungen voraus. Auch ein Konfessionsloser sollte sich deshalb mit dem Christentum befassen und eine Muslimin mit dem Judentum. LehrerInnen im bekenntnisgebundenen Religionsunterricht aber sind nicht verpflichtet, jede Religion gleicherma\u00dfen darzustellen. Ihnen steht es frei, nur eine bestimmte Religion zu vermitteln und zu propagieren. Mag sein, dass einzelne ReligionslehrerInnen das ganze religi\u00f6s-weltanschauliche Spektrum ausgewogen behandeln. Doch eine Garantie daf\u00fcr gibt es nicht. Dass in einem muslimischen Religionsunterricht das Judentum und die christliche Lehre wie der Islam behandelt werden, ist kaum zu erwarten. Ebenso wenig ist damit zu rechnen, dass in einem katholischen Religionsunterricht die Gleichstellung der Geschlechter en d\u00e9tail im Sinne des Grundgesetzes dargestellt wird.<\/p>\n<p>Wenn der konfessionelle Religionsunterricht ein ordentliches Lehrfach w\u00fcrde, st\u00fcnde es allen Religionsgemeinschaften offen, einen solchen anzubieten. F\u00fcr Berlin hie\u00dfe das, dass in manchen Bezirken die Mehrzahl der Sch\u00fclerInnen statt des Ethik- einen Islamunterricht besuchen w\u00fcrde, sollte sich Pro Reli durchsetzen. Vom Christentum w\u00fcrden sie dann vermutlich gar nichts mehr erfahren.<\/p>\n<p>Der Staat aber ist gar nicht befugt, es allein den Religionsgemeinschaften zu \u00fcberlassen, soziale Kompetenz und ethische Urteilsf\u00e4higkeit zu vermitteln. Dem steht die im Grundgesetz verankerte Trennung von Staat und Kirche entgegen. Nein, der Staat muss die Kompetenzen, die er f\u00fcr das demokratische Miteinander als notwendig erachtet, selbst an \u00f6ffentlichen Schulen vermitteln. Werden Sch\u00fclerInnen per Wahlpflichtfach vor die Entscheidung gestellt, entweder den Religions- oder den Ethikunterricht zu besuchen, dann ist das genauso falsch, als w\u00fcrde man &#132;Politik&#8220; an der Schule entweder durch staatliche Lehrkr\u00e4fte oder durch politische Parteien unterrichten lassen.<\/p>\n<p>Verfassungsrechtlich ist zudem umstritten, ob in L\u00e4ndern wie Berlin und Brandenburg &#132;Religion&#8220; \u00fcberhaupt als ordentliches Lehrfach eingerichtet werden darf. Diese Bundesl\u00e4nder sind &#150; ebenso wie Bremen &#150; von dem Verfassungssatz ausgenommen, nach dem Religionsunterricht an \u00f6ffentlichen Schulen ein ordentliches Lehrfach sein muss. Auch in den \u00fcbrigen Bundesl\u00e4ndern steht das konfessionelle Fach Religion als Teil des staatlichen Unterrichts zumindest im Spannungsverh\u00e4ltnis zur grundgesetzlichen Trennung zwischen Staat und Religionsgemeinschaften. Andere Bundesl\u00e4nder sollten sich deshalb an Berlin ein Beispiel nehmen und nicht &#150; wie Pro Reli das vorschwebt &#150; umgekehrt.<\/p>\n<p><i>Kirsten Wiese<br \/>ist Anw\u00e4ltin und aktiv im Vorstand der <br \/>Humanistischen Union Berlin-Brandenburg.<\/i><\/p>\n<p>Der Beitrag erschien in einer leicht ge\u00e4nderten Fassung in der taz vom 22.9.2008. Wir danken f\u00fcr die freundliche Genehmigung zum Nachdruck.<\/p>\n<p>Kategorie: Religion: Schule<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-7542","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-schule-religion"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Religionsunterricht ist kein Ersatz f\u00fcr Ethik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/religionsunterricht-ist-kein-ersatz-fuer-ethik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Religionsunterricht ist kein Ersatz f\u00fcr Ethik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Kirsten Wiese Der Staat hat die Aufgabe, Sch\u00fclern Dialogf\u00e4higkeit beizubringen, und zwar gemeinsam mit Grundkenntnissen \u00fcber die Verfassung. 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