{"id":7551,"date":"2003-12-05T15:31:00","date_gmt":"2003-12-05T14:31:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/ler-auch-in-berlin-fuer-ein-religions-und-kulturkundliches-fach-fuer-alle-schuelerinnen-und-schueler\/"},"modified":"2020-08-03T07:52:55","modified_gmt":"2020-08-03T05:52:55","slug":"ler-auch-in-berlin-fuer-ein-religions-und-kulturkundliches-fach-fuer-alle-schuelerinnen-und-schueler","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/ler-auch-in-berlin-fuer-ein-religions-und-kulturkundliches-fach-fuer-alle-schuelerinnen-und-schueler\/","title":{"rendered":"LER auch in Berlin? F\u00fcr ein religions- und kulturkundliches Fach f\u00fcr alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler"},"content":{"rendered":"<p>Humanistische Union Berlin<\/p>\n<p>Stellungnahme der HUMANISTISCHEN UNION e.V., Landesverband Berlin im Rahmen der \u00f6ffentlichen Gespr\u00e4chsrunde zur Tagung &#8222;Humanismus und Wertebildung&#8220; am 5. Dezember 2003 in Potsdam<\/p>\n<p>Die Humanistische Union Berlin bef\u00fcrwortet die Einf\u00fchrung eines neuen Unterrichtsfaches an den Berliner Schulen, zu dessen wesentlichen Inhalten eine Grundbildung zu Religionen, Weltanschauungen und Kulturen geh\u00f6rt. Das neue Fach sollte sich an den Erfahrungen mit dem Brandenburger Fach &#8222;Lebensgestaltung &#8211; Ethik &#8211;\u00a0 Religionskunde&#8220; (LER) orientieren. Im Sinne einer gemeinsamen Bildungslandschaft und im Hinblick auf eine m\u00f6gliche Fusion kommt diesem Modell in der Diskussion eine besondere Bedeutung zu. Gleichzeitig sind die Anforderungen an ein neues Fach f\u00fcr Berlin genauer zu spezifizieren. Denn erstens zeichnet sich Berlin durch eine h\u00f6here kulturelle und religi\u00f6se Vielfalt aus als Brandenburg. Zweitens werden in der Berliner Diskussion mit dem K\u00fcrzel &#8222;LER&#8220; recht unterschiedliche Vorstellungen verbunden und auch in Brandenburg hat das Modell seit seiner Entstehung Ver\u00e4nderungen erfahren.<\/p>\n<h5><span id=\"beruecksichtigung-der-religioesen-und-kulturellen-vielfalt-berlins\">Ber&uuml;ck&shy;sich&shy;ti&shy;gung der religi&ouml;sen und kulturellen Vielfalt Berlins <\/span><\/h5>\n<p>Wir wollen ein Fach, in dem die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler die M\u00f6glichkeit erhalten, sich Kenntnisse \u00fcber die unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen anzueignen, die in Berlin existieren. St\u00e4rker als andere Bundesl\u00e4nder ist Berlin in dieser Hinsicht durch Vielfalt gepr\u00e4gt. Mehr als 50 % der Bev\u00f6lkerung sind konfessionslos, ca. 25 % geh\u00f6ren der Evangelischen Kirche, ca. 8 % der Katholischen Kirche und ca. 6 % islamischen Religionsgemeinschaften an. Etwa 12.000 Mitglieder der J\u00fcdischen Religionsgemeinschaft leben hier. Dar\u00fcber hinaus gibt es mehr als 120 weitere Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften.\u00a0 Eine 2003 erschienene Studie &#8222;Religion in Berlin&#8220; spricht von mehr als 400 religi\u00f6sen Gemeinschaften.<\/p>\n<h5><span id=\"interkultureller-ansatz\">Inter&shy;kul&shy;tu&shy;reller Ansatz<\/span><\/h5>\n<p>In Berlin leben \u00fcber eine halbe Million Menschen nichtdeutscher Herkunft, sie kommen aus 182 Staaten. Vor dem Hintergrund der ethnischen Vielfalt w\u00fcnschen wir uns ein Fach, in dem Raum gegeben ist, interkulturelle Verst\u00e4ndigung, wechselseitige Anerkennung\u00a0 und Toleranz einzu\u00fcben. Das erfordert einen Ansatz, der weder einer &#8222;Leitkultur&#8220; verschrieben ist, noch einem blo\u00dfen Kulturrelativismus.<\/p>\n<h5><span id=\"gemeinsames-fach-fuer-alle\">Gemeinsames Fach f&uuml;r alle<\/span><\/h5>\n<p>Damit die kulturelle Vielfalt Berlins als Bereicherung erfahrbar wird, bedarf es es der Integration und der verst\u00e4ndigen Auseinandersetzung mit Verschiedenheit. Dieses Ziel wird am besten erreicht, wenn Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler nicht nach Religionen auseinanderdividiert werden. Alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sollen etwas \u00fcber Religionen erfahren, die nicht ihre eigenen sind. Daher treten wir f\u00fcr ein obligatorisches Fach f\u00fcr alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ein. Eine Befreiungsm\u00f6glichkeit von dem Fach wegen Teilnahme an einem bekenntnisgebundenen Unterricht lehnen wir ab &#8211; auch weil es die Neutralit\u00e4t des Faches in Frage stellen w\u00fcrde.<\/p>\n<h5><span id=\"staatliche-verantwortung\">Staatliche Verant&shy;wor&shy;tung <\/span><\/h5>\n<p>In einem religi\u00f6s-weltanschaulich neutralen, ordentlichen Schulfach\u00a0 k\u00f6nnen religi\u00f6se oder weltanschauliche Inhalte nicht aus einer &#8222;Binnensicht&#8220; vermittelt werden &#8211; dies muss den Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaften selbst \u00fcberlassen bleiben. M\u00f6glich ist jedoch Religions- und Weltanschauungskunde, die sich der Einflussnahme in eine bestimmte Richtung enth\u00e4lt.<br \/>Eine angemessene Beteiligung von Kultur-, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften an der Konzeption und Praxis des neuen Faches im Sinne einer offenen Schule und der Auseinandersetzung mit Vertreterinnen und Vertretern der Gemeinschaften in so genannten &#8222;Fenstern&#8220; w\u00fcrde den Unterricht bereichern. Derartige &#8222;Fenster&#8220; m\u00fcssen aber in ein integratives Gesamtkonzept eingebettet sein, das der gebotenen Neutralit\u00e4t des staatlichen Faches gerecht wird.<\/p>\n<h5><span id=\"anforderungen-an-den-unterricht\">Anfor&shy;de&shy;rungen an den Unterricht<\/span><\/h5>\n<p>Die Lehrerinnen und Lehrer des neuen Faches haben die anspruchsvolle Aufgabe, unterschiedliche Kulturen, Religionen und Weltanschauungen unvoreingenommen, respektvoll und differenziert darzustellen. Als Bezugswissenschaften f\u00fcr das Fach kommen insbesondere Kulturwissenschaft, Religionswissenschaft, Ethnologie, Philosophie, Soziologie und Psychologie in Betracht. Hinsichtlich Inhalt und Gestaltung muss sich das Fach auf altersspezifische Lernbed\u00fcrfnisse einstellen und sollte\u00a0 Bez\u00fcge zur allt\u00e4glichen Lebenswelt der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler herstellen. Dabei sollte m\u00f6glichst ein vergleichender Ansatz verfolgt werden, der sowohl Unterschiede (auch innerhalb der Bekenntnisgemeinschaften) als auch Gemeinsamkeiten erkennen l\u00e4sst. Es bietet sich an, die verschiedenen Bekenntnissysteme in Bezug auf \u00fcbergreifende Themen (z.B. Umgang mit dem Tod, Feste, Geschlechterverh\u00e4ltnis) darzustellen.<\/p>\n<h5><span id=\"kompetenzansatz-statt-wertevermittlung\">Kompe&shy;tenzan&shy;satz statt &bdquo;Werte&shy;ver&shy;mitt&shy;lung&ldquo; <\/span><\/h5>\n<p>Die Besch\u00e4ftigung mit ethischen Fragen findet am Besten in der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Vorstellungen statt. Verbindliche &#8222;Werte&#8220; in einer pluralistischen Gesellschaft m\u00fcssen mehr sein als auswendig gelernte Normen. Statt &#8222;Werteerziehung&#8220; verfolgen wir den Ansatz einer Aneignung von Kompetenzen, darunter auch die Kompetenz, sich kritisch mit eigenen und fremden Wertvorstellungen auseinandersetzen zu k\u00f6nnen. Statt der blo\u00dfen Vermittlung von Sekund\u00e4rtugenden bedarf der Entwicklung eines Verst\u00e4ndnisses von Regeln, die ein m\u00f6glichst friedliches, gleichberechtigtes und freies Zusanmmenleben in Vielfalt erm\u00f6glichen.<\/p>\n<h5><span id=\"schlussbemerkung\">Schlussbemerkung<\/span><\/h5>\n<p>Ein f\u00fcr alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gemeinsames Fach w\u00e4re eine innovative und zukunftsweisende Antwort auf die Chancen und Herausforderungen, die durch die religi\u00f6se, weltanschauliche und kulturelle Vielfalt in Berlin gegeben ist. Dieses Modell ist am besten geeignet, der Gleichberechtigung der verschiedenen Bekenntnisgemeinschaften und der religi\u00f6s-weltanschaulichen Neutralit\u00e4t des Staates gerecht zu werden. Hinsichtlich dieser Kriterien w\u00e4re die Schaffung eines Wahlpflichtfaches ein R\u00fcckschritt. Demgegen\u00fcber w\u00e4re das derzeitige Berliner Modell des uneingeschr\u00e4nkt freiwilligen Religions- und Weltanschauungsunterrichts in Berlin vorzuziehen. Doch auch dieses Modell st\u00f6\u00dft an Grenzen. Eine Einbeziehung von immer mehr\u00a0 Bekenntnisgemeinschaften in die Angebote ist organisatorisch nicht leistbar und vor dem Hintergrund des Integrationsgedankens auch nicht die beste L\u00f6sung.<\/p>\n<p><i>Zur HUMANISTISCHEN UNION<\/i><\/p>\n<p><i>Die HUMANISTISCHE UNION (HU) ist 1961 in M\u00fcnchen als erste B\u00fcrgerrechtsorganisation der Bundesrepublik gegr\u00fcndet worden. Sie engagiert sich f\u00fcr den Erhalt und Ausbau der Grund- und Freiheitsrechte. Seit ihrer Gr\u00fcndung tritt die HU ein f\u00fcr die ungehinderte Entfaltung der verschiedenen religi\u00f6sen, philosophischen, weltanschaulichen, wissenschaftlichen und k\u00fcnstlerischen Str\u00f6mungen in Deutschland. Vor diesem Hintergrund fordert die HU die konsequente Trennung von Staat und Kirchen und die Gleichberechtigung der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Die HU ist &#8211; im Unterschied zum Humanistischen Verband Deutschlands &#8211; keine Weltanschauungsgemeinschaft. <\/i><\/p>\n<p><i>In der Diskussion um die Zukunft des Religions-, Weltanschauungs- und Ethikunterrichts in Berlin hat sich die HU f\u00fcr die uneingeschr\u00e4nkte Freiwilligkeit des konfessionellen Religions- bzw. des Lebenskundeunterrichts eingesetzt und ein Wahlpflichtfach Religion abgelehnt. Sie hat sich f\u00fcr ein Gleichberechtigung auch kleinerer Glaubensgeneinschaften eingesezt und 1999 ein Fach &#8222;Kulturen, Religionen und Weltanschauungen&#8220; vorgeschlagen. <br \/><\/i><\/p>\n<p>Kategorie: Religion: Schule<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-7551","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-schule-religion"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>LER auch in Berlin? 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