{"id":7596,"date":"2011-05-07T14:00:00","date_gmt":"2011-05-07T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/zensus-2011-der-datenschutz-zaehlt\/"},"modified":"2021-09-04T00:04:09","modified_gmt":"2021-09-03T22:04:09","slug":"zensus-2011-der-datenschutz-zaehlt","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/zensus-2011-der-datenschutz-zaehlt\/","title":{"rendered":"Zensus 2011: Der Datenschutz z\u00e4hlt!"},"content":{"rendered":"<p><i>Informationen zur Volksz\u00e4hlung<\/p>\n<p>Zum 9. Mai 2011, dem Stichtag f\u00fcr den Zensus, werden derzeit per Post die Besuche der &#8222;Erhebungsbeauftragten&#8220; des Statistischen Bundesamtes f\u00fcr die Haushaltsbefragungen angek\u00fcndigt.<\/i><\/p>\n<p>Grundlage f&uuml;r den Zensus ist die EU-Verordnung &uuml;ber Volks- und Wohnungsz&auml;hlungen vom 9. Juli 2008 f&uuml;r alle EU-Mitgliedstaaten. Bundesweit werden knapp 10 Prozent der Wohnbev&ouml;lkerung direkt befragt. Die Stichprobengro&szlig;e schwankt zwischen den Bundesl&auml;ndern und ist in Stadtstaaten geringer: In Berlin sollen lediglich 3,6 Prozent befragt werden, in Rheinland-Pfalz 13,3 Prozent.<\/p>\n<p>Der Verzicht auf eine Befragung aller BewohnerInnen zeigt im Vergleich zur letzten Volksz&auml;hlung 1987 (in Westdeutschland, DDR-B&uuml;rgerInnen wurden 1981 zuletzt erfasst) ein datensparsameres Vorgehen: Sicher auch ein Ergebnis der damaligen Proteste. Doch auch der aktuelle Zensus ist eine Totalerhebung: Zusammen mit der laufenden Erhebung aller Wohnungseigent&uuml;mer (zugleich Grundlage zur Erfassung der Wohnungen) wird etwa ein Drittel der Bev&ouml;lkerung direkt befragt. Die Anschriften der Eigent&uuml;mer wurden von Finanz&auml;mtern, der M&uuml;llabfuhr oder dem Stromversorger bezogen. Weitere Daten der gesamten Bev&ouml;lkerung werden &#8222;registergest&uuml;tzt&#8220; indirekt einbezogen. Basierend auf dem Melderegister des Wohnorts werden hierf&uuml;r weitere existierende Datenquellen zusammengef&uuml;hrt: Daten der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit (ca. 27 Mio. sozialversicherungspflichtig Besch&auml;ftigte, Bezieher von Arbeitslosengeld und Arbeitssuchende) oder die Daten der &ouml;ffentlichen Arbeitgeber &uuml;ber etwa 1,8 Mio. Beamte, RichterInnen und SoldatInnen. Weitere Daten liefern zus&auml;tzliche Befragungen sowie Berechnungsverfahren (&#8222;Haushaltegenerierung&#8220;).<\/p>\n<p>Zweck der Befragung sei es, ungenaue Bev&ouml;lkerungszahlen, etwa zur Berechnung von Stimmbezirken oder f&uuml;r Finanzzuweisungen an Kommunen, zu korrigieren. Dar&uuml;ber hinaus sollen Basisdaten f&uuml;r Wissenschaft und Forschung, k&uuml;nftige Planungsvorhaben und (internationale) Vergleiche gewonnen werden. Abgesehen von den hohen Kosten von derzeit gesch&auml;tzten 750 Mio. Euro f&uuml;r die Durchf&uuml;hrung des Zensus w&auml;re hiergegen grunds&auml;tzlich wenig einzuwenden.<\/p>\n<p>Zweifelhaft ist jedoch der empirische Ertrag einiger Fragen, wie z.B. die &#8211; als freiwillig gekennzeichnete &#8211; Angabe zum &#8222;Bekenntnis zu einer Religion, Glaubensrichtung oder zu einer Weltanschauung&#8220;. Als Alternativen angeboten werden hierbei: Christentum, Judentum, Islam (sunnitisch, schiitisch oder alevitisch), Buddhismus, Hinduismus, Sonstige sowie &#8222;Keiner Religion, Glaubensrichtung oder Weltanschauung&#8220;. Diese nicht von der EU vorgegebene Bekenntnis-Frage soll offenbar auch eine Gr&ouml;&szlig;enordnung f&uuml;r die Zahl der hierzulande lebenden Muslime liefern, die &#8211; anders als Mitglieder christlicher und j&uuml;discher Gemeinden &#8211; keinen offiziellen Mitgliedsstatus haben. Die Humanistische Union kritisiert die &uuml;ber-obligatorische Erfassung solcher sensiblen Daten im Erhebungsbogen. Dass die Angabe freiwillig ist, ist auf dem Bogen leicht zu &uuml;bersehen; fraglich ist zudem, ob jede\/r Befrager\/in darauf ausreichend hinweist. Grunds&auml;tzlich versprechen die Angaben hierzu wegen der Freiwilligkeit und mangels Nachpr&uuml;fbarkeit ohnehin wenig belastbare Ergebnisse.<\/p>\n<p>Ebenfalls nicht von der EU-Richtlinie gefordert, ist die Abfrage des &#8222;Migrationshintergrundes&#8220;. Die Befragten sind hierbei jedoch verpflichtet anzugeben, ob und aus welchem Staat sie oder ihre Eltern nach 1955 &#8222;in das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland&#8220; zugezogen sind. Fragen nach Religionszugeh&ouml;rigkeit, Glaubensrichtung und Migrationshintergrund k&ouml;nnen diskriminierend wirken. Solche Datensammlungen wecken zudem Begehrlichkeiten bei Polizei und Geheimdiensten. Die Erfahrungen mit der Rasterfahndung nach den Terroranschl&auml;gen vom 11. September 2001 zeigten deutlich, dass die Sicherheitsbeh&ouml;rden an solchen Daten interessiert sind.<\/p>\n<p>Die Humanistische Union wendet sich ebenfalls gegen die gesonderte Erhebung der Bewohnerinnen und Bewohner von Wohnheimen und Gemeinschaftsunterk&uuml;nften wie z.B. Studierendenwohnheime, Internate, Obdachlosenheime, Kl&ouml;ster oder Seniorenwohnheime. Die von allen Bewohnern solcher Einrichtungen geforderte Angabe des Namens neben Geburtsdatum und Geburtsort und einigen weiteren Angaben zur Person erscheint f&uuml;r die Durchf&uuml;hrung des Zensus nicht erforderlich. Falls die Anschrift des Wohnheims bzw. der Gemeinschaftsunterkunft zuf&auml;llig auch f&uuml;r die Haushaltebefragung ausgew&auml;hlt wurde, muss von allen Bewohnern dieser Adresse ebenfalls der umfassendere Erhebungsbogen beantwortet werden.<\/p>\n<p>Besondere R&uuml;cksicht erfordert nach Auffassung der Humanistischen Union die Erhebung in sogenannten &#8222;sensiblen Einrichtungen&#8220; wie z.B. Fl&uuml;chtlingslager, Notunterk&uuml;nfte, psychiatrische Kliniken, Waisenh&auml;user oder Gef&auml;ngnisse. In solchen Einrichtungen werden die Bewohnerinnen und Bewohner nicht selbst befragt, sondern nur &#8222;auf geeignete Weise&#8220; &uuml;ber die Erhebung informiert. Die Angaben sind dann von der Leitung der Einrichtung im Rahmen der ihr vorliegenden Kenntnisse zu machen. Neben der m&ouml;glichen Diskriminierung von Bewohnerinnen und Bewohnern solcher Einrichtungen ist nach Auffassung der Humanistischen Union auch hier eine Namensangabe f&uuml;r den Zweck des Zensus unverst&auml;ndlich.<\/p>\n<p>F&uuml;r die weitere Durchf&uuml;hrung des Zensus fordert die Humanistische Union die strikte Beachtung folgender datenschutzrechtlicher Erfordernisse:<\/p>\n<ul>\n<li>K&uuml;rzung der gesetzlich geregelten Aufbewahrungsfrist der Daten von derzeit bis zu vier Jahren nach dem Berichtszeitpunkt (geplant: 2013), also etwa bis 2017. Diese Aufbewahrungsfrist ist unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig lang. Dies gilt auch f&uuml;r die Aufl&ouml;sung des bundesweiten Anschriften- und Geb&auml;uderegisters, die bis zum 9. Mai 2017 erfolgen muss.<\/li>\n<li>Verhinderung missbr&auml;uchlicher personalisierter Abfragen z.B. infolge einer Verkn&uuml;pfung der Erhebungsb&ouml;gen mit den Registerdaten &uuml;ber eine spezifische Ordnungsnummer.<\/li>\n<li>Die Verarbeitung und Speicherung der Daten sowohl in den verarbeitenden Stellen der L&auml;nder sowie nach der Zusammenf&uuml;hrung der Datens&auml;tze in Bayern hat strengsten Qualit&auml;tsstandards zu gen&uuml;gen, um Missbrauchsgefahren auszuschlie&szlig;en. J&uuml;ngste Erfahrungen mit Datendiebstahl durch Externe sowie Veruntreuung von Daten durch Mitarbeiter (&#8222;Steuer-CD&#8220;) deuten auf vorhandene Restrisiken.<\/li>\n<li>Strenge Einhaltung des R&uuml;ckspielverbots, das im Volksz&auml;hlungsurteil von 1983 geregelt wurde: F&uuml;r statistische Zwecke erhobene Daten d&uuml;rfen nicht an andere Verwaltungen, wie Polizeien, Melde&auml;mter oder Finanzamt &uuml;bermittelt werden.<\/li>\n<li>Genaues Beachten des Abschottungsgebots: Die erhobenen Daten m&uuml;ssen von s&auml;mtlichen anderen Verwaltungsabteilungen der Gemeinden und anderer Gebietsk&ouml;rperschaften getrennt bleiben.<\/li>\n<li>Einrichtung und Umsetzung technischer Normen und Verfahrensregeln h&ouml;chster Qualit&auml;t bez&uuml;glich Datenschutz und technischer Infrastruktur.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Anstelle der wenig transparenten Planung und Vorbereitung des Zensus h&auml;tte nach Auffassung der Humanistischen Union eine fr&uuml;hzeitige Beteiligung der Bev&ouml;lkerung entsprechend der Vorgaben des Volksz&auml;hlungsurteils des Bundesverfassungsgerichts von 1983 stattfinden m&uuml;ssen. Die Mitte April angelaufene Informationskampagne des Statistischen Bundesamtes erm&ouml;glicht keine partizipative Beteiligung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger.<\/p>\n<p>Statt abgestufter Zwangsregelungen zur Durchsetzung der Erhebungen w&auml;re f&uuml;r die in zehn Jahren vorgesehene erneute Durchf&uuml;hrung einer Erhebung eine freiwillige Beteiligung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in Erw&auml;gung zu ziehen, auch im Hinblick auf die gew&uuml;nschte Datenqualit&auml;t.<\/p>\n<p><b>Was k&ouml;nnen Sie tun, wenn der\/die BefragerIn vor der T&uuml;r steht?<\/b><\/p>\n<p>Die BefragerInnen k&uuml;ndigen sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes vorher schriftlich mit einem Terminvorschlag an. Es ist jedoch niemand verpflichtet, den Fragebogen gemeinsam mit dem Erhebungsbeauftragten auszuf&uuml;llen oder ihn in die Wohnung zu lassen. Sie k&ouml;nnen sich den Erhebungsbogen mit R&uuml;ckumschlag auch aush&auml;ndigen lassen, um diesen selbst auszuf&uuml;llen und an die Erhebungsstelle zur&uuml;ckzusenden.<\/p>\n<p>Links<\/p>\n<dd>\n<p class=\"bodytext\"><a href=\"http:\/\/zensus11.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AK Zensus: #zensus11 &#8211; Stoppt die Vollerfassung!<\/a>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><a href=\"http:\/\/www.zensus2011.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Statistisches Bundesamt &#8211; Zensus 2011<\/a><\/p>\n<\/dd>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-7596","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-datenschutz"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zensus 2011: Der Datenschutz z\u00e4hlt! - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/zensus-2011-der-datenschutz-zaehlt\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zensus 2011: Der Datenschutz z\u00e4hlt! - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Informationen zur Volksz\u00e4hlung Zum 9. 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