{"id":7753,"date":"2008-07-04T16:00:00","date_gmt":"2008-07-04T14:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/gesinnungsstrafrecht-ist-die-falsche-antwort-auf-die-probleme-sterbewilliger-menschen\/"},"modified":"2021-08-30T15:38:51","modified_gmt":"2021-08-30T13:38:51","slug":"gesinnungsstrafrecht-ist-die-falsche-antwort-auf-die-probleme-sterbewilliger-menschen","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/gesinnungsstrafrecht-ist-die-falsche-antwort-auf-die-probleme-sterbewilliger-menschen\/","title":{"rendered":"Gesinnungsstrafrecht ist die falsche Antwort auf die Probleme sterbewilliger Menschen"},"content":{"rendered":"<p>Sven L&uuml;ders<\/p>\n<p>Die Humanistische Union verurteilt den Versuch des Bundesrates, die Probleme sterbewilliger Menschen mit neuen Strafnormen l&ouml;sen zu wollen. Der Bundesrat hat in seiner Sitzung am heutigen Freitag (4. Juli 2008) zwar einen entsprechenden Gesetzentwurf (BR-Drs. 230\/06) in die Aussch&uuml;sse zur&uuml;ck &uuml;berwiesen. In einem Entschlie&szlig;ungsantrag bekr&auml;ftigen die L&auml;ndervertreter jedoch ihre Absicht, bis zum Ende des Jahres einen neuen Straftatbestand der gewerblichen Suizidbeihilfe ( &sect; 217 StGB) zu schaffen, der die organisierte Begleitung \/ Unterst&uuml;tzung suizidwilliger Menschen verbietet.<\/p>\n<p>Das Ansinnen, eine organisierte oder gewerbliche Suizidbegleitung verbieten zu wollen, weist die Bundesvorsitzende der Humanistischen Union, Prof. Dr. Rosemarie Will, scharf zur&uuml;ck: &#8222;Mit strafrechtlichen Sanktionen lassen sich nicht die existentiellen Probleme des Sterbens regeln, Vereinsverbote und &#8218;Ma&szlig;nahmen der Sicherheitsbeh&ouml;rden&#8216; helfen niemandem. Wer die Gefahren eines kommerziellen Missbrauchs organisierter Suizid- oder Sterbehilfe f&uuml;rchtet, sollte klare gesetzliche Regeln f&uuml;r derartige Angebote formulieren. Das einfache Verbot einer professionellen Suizidbegleitung ignoriert jedoch die Probleme sterbewilliger Menschen.&#8220; Es geh&ouml;re zum unver&auml;u&szlig;erlichen Recht auf Selbstbestimmung eines jeden&nbsp;Menschen, seinem eigenen Leben unter Umst&auml;nden auch ein selbstgew&auml;hltes Ende zu setzen. &#8222;Es ist nicht verwunderlich, dass in einer Gesellschaft, die f&uuml;r alle m&ouml;glichen Dinge des allt&auml;glichen Lebens kommerzielle Dienstleistungen bereith&auml;lt, auch Sterbewillige den Wunsch nach einer professionellen Unterst&uuml;tzung versp&uuml;ren. Derartige Hilfestellungen &#8211; sinnvoll reguliert &#8211; k&ouml;nnen unter Umst&auml;nden nicht nur die Sterbewilligen, sondern auch Dritte vor den unbeabsichtigten Folgen von Selbstmordversuchen sch&uuml;tzen.&#8220;<\/p>\n<p>Ein Verbot organisierter Suizidhilfe, wie sie der heute beratene Gesetzentwurf vorsah, stellt nach Auffassung von Rosemarie Will rechtsstaatliche Grundstrukturen des Strafrechts in Frage: &#8222;Die Kriminalisierung von Organisationen, die Unterst&uuml;tzung und Beihilfe zum Suizid leisten, f&uuml;hrt zu einem Gesinnungsstrafrecht.&#8220; Die Autoren des Gesetzes w&uuml;rden selbst einr&auml;umen, dass damit &#8218;ein Verhalten mit Strafe bedroht wird, dass weit im Vorfeld denkbarer Rechtsgutsverletzungen angesiedelt ist&#8216; (BR-Drs. 436\/08, 8f.). Die Absicht des Bundesrates, insbesondere jene Personen zu bestrafen, die eine &#8218;ma&szlig;gebende Rolle in einem derartigen Gewerbe&#8216; &uuml;bernehmen, werden pauschal die Grundrechte aller Suizidhelfer eingeschr&auml;nkt. &#8222;Ich kann mir nicht vorstellen&#8220;, so Rosemarie Will, &#8222;dass eine derartige Einschr&auml;nkung der allgemeinen Handlungsfreiheit vor dem Grundgesetz Bestand haben k&ouml;nnte.&#8220;<\/p>\n<p>Anstelle einer Kriminalisierung der Suizidhilfe fordert die Humanistische Union den Gesetzgeber auf, endlich die Straffreiheit f&uuml;r passive und indirekte Sterbehilfe innerhalb des Strafgesetzbuches klarzustellen sowie die Sterbebegleitung durch &Auml;rzte beim assistierten Suizid und die aktive Sterbehilfe zu erlauben. Die entsprechenden Gesetzesvorschl&auml;ge der B&uuml;rgerrechtsorganisation finden Sie unter dem u.a. Verweis.<\/p>\n<h5>Hintergrund:<\/h5>\n<p>Die L&auml;nder Hessen, Saarland und Th&uuml;ringen haben im M&auml;rz 2008 den &#8222;Entwurf eines Gesetzes zum Verbot der gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;igenVermittlung von Gelegenheiten zur Selbstt&ouml;tung (&#8230; StrR&Auml;ndG)&#8220; (<a href=\"http:\/\/www.bundesrat.de\/cln_051\/SharedDocs\/Drucksachen\/2006\/0201-300\/230-06%2CtemplateId=raw%2Cproperty=publicationFile.pdf\/230-06.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BR-Drs. 230\/06<\/a>) in den Bundesrat eingebracht. Dieser Entwurf wurde w&auml;hrend der Beratungen im Rechts- und Gesundheitsausschuss des Bundesrates erweitert (<a href=\"http:\/\/www.bundesrat.de\/cln_051\/SharedDocs\/Drucksachen\/2008\/0401-500\/436-08%2CtemplateId=raw%2Cproperty=publicationFile.pdf\/436-08.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BR-Drs. 436\/08<\/a>). Die Initiative zielt darauf ab, jegliche Form der gewerblichen \/ organisierten Suizidbegleitung unter Strafe zu stellen. Dazu wird folgender &sect; 217 Strafgesetzbuch vorgeschlagen:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8220; &sect; 217 Gewerbliche und organisierte Suizidbeihilfe\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">(1) Wer ein Gewerbe betreibt oder eine Vereinigung gr&uuml;ndet, deren Zweck oder T&auml;tigkeit darauf gerichtet ist, anderen die Gelegenheit zur Selbstt&ouml;tung zu gew&auml;hren oder zu verschaffen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">(2) Ebenso wird bestraft, wer f&uuml;r eine Vereinigung der in Absatz 1 bezeichneten Art als Mitglied oder Au&szlig;enstehender geistig oder wirtschaftlich eine ma&szlig;gebende Rolle spielt.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>In seinen Beratungen am 4. Juli 2008 verwies der Bundesrat den Entwurf zur weiteren Bearbeitung in die Aussch&uuml;sse zur&uuml;ck und verabschiedete zugleich&nbsp;folgende Entschlie&szlig;ung (BR-Drs. 436\/1\/08):<\/p>\n<p>&#8222;1. In Deutschland zeichnen sich Entwicklungen ab, die zum Ziel haben, die Beihilfe zur Selbstt&ouml;tung in gewerblicher Form anzubieten. Hier besteht die Gefahr, dass aus einer momentanen Verzweiflungssituation die unumkehrbare Entscheidung zum Suizid getroffen wird, die ohne die erleichterte Verf&uuml;gbarkeit von zur<br \/>Selbstt&ouml;tung geeigneten Mitteln und Gegenst&auml;nden nicht erfolgt w&auml;re. Im &Uuml;brigen kann sich daraus ein, wenn auch nur subjektiv empfundener, Erwartungsdruck auf schwerkranke und alte Menschen entwickeln. Dar&uuml;berhinaus widerspricht es dem Menschenbild des Grundgesetzes, wenn mit dem Suizid und dem<br \/>Leid von Menschen Gesch&auml;fte gemacht werden. Einer &#8222;Kommerzialisierung des Sterbens&#8220; muss unter allen Umst&auml;nden Einhalt geboten werden.<\/p>\n<p>2. Vor diesem Hintergrund sollten, um den betroffenen Menschen zu helfen, die Palliativmedizin und die Hospizarbeit gest&auml;rkt werden. Dar&uuml;ber hinaus sollte in Deutschland ein Straftatbestand geschaffen werden, mit dem die gewerbliche Suizidbeihilfe unter Strafe gestellt wird. Er sollte die folgenden Eckpunkte aufgreifen:<\/p>\n<p>&#8211; das Betreiben eines Gewerbes, dessen Zweck oder T&auml;tigkeit darauf gerichtet ist, anderen die Gelegenheit zur Selbstt&ouml;tung zu gew&auml;hren oder zu verschaffen,<br \/>&#8211; das gewerbliche Anbieten und Vertreiben von Mitteln zum Zweck der Selbstt&ouml;tung und<br \/>&#8211; die &Uuml;bernahme einer ma&szlig;gebenden Rolle in einem derartigen Gewerbe.<\/p>\n<p>Zu pr&uuml;fen bleibt, inwieweit auch die Gr&uuml;ndung einer Vereinigung und eine ma&szlig;gebliche Rolle in einer solchen Vereinigung, deren Zweck auf derartige Ziele gerichtet ist, unter Strafe gestellt werden kann.<\/p>\n<p>3. Der Bundesrat h&auml;lt es f&uuml;r erforderlich, dass auf dieser Grundlage noch in diesem Jahr gesetzgeberisch gehandelt wird.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[32],"tags":[],"class_list":["post-7753","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-sterbehilfe"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gesinnungsstrafrecht ist die falsche Antwort auf die Probleme sterbewilliger Menschen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/gesinnungsstrafrecht-ist-die-falsche-antwort-auf-die-probleme-sterbewilliger-menschen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gesinnungsstrafrecht ist die falsche Antwort auf die Probleme sterbewilliger Menschen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Sven L&uuml;ders Die Humanistische Union verurteilt den Versuch des Bundesrates, die Probleme sterbewilliger Menschen mit neuen Strafnormen l&ouml;sen zu wollen. 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