{"id":8070,"date":"2006-07-03T19:50:00","date_gmt":"2006-07-03T17:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/bundesverfassungsgericht-und-rasterfahndung-nach-30-jahren-zurueck-in-die-buechse\/"},"modified":"2021-09-04T00:05:05","modified_gmt":"2021-09-03T22:05:05","slug":"bundesverfassungsgericht-und-rasterfahndung-nach-30-jahren-zurueck-in-die-buechse","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/bundesverfassungsgericht-und-rasterfahndung-nach-30-jahren-zurueck-in-die-buechse\/","title":{"rendered":"Bundesverfassungsgericht und Rasterfahndung: Nach 30 Jahren zur\u00fcck in die B\u00fcchse?"},"content":{"rendered":"<p><i>Mitteilungen Nr. 193, S. 2-3<\/i><\/p>\n<p>Schon f&uuml;r Horst Herold und die wehrhafte BRD im Kampf gegen die RAF war sie die gro&szlig;e Zauberwaffe &ndash; f&uuml;r ihre Gegner allerdings direkt aus der B&uuml;chse der Pandora. Nach der Entscheidung der Karlsruher Richter, die am 23. Mai bekannt wurde, scheinen ihr allerdings die Z&auml;hne gezogen. Die Rede ist von der Rasterfahndung. Die HU hat Jahrzehnte vehement gegen ihren Einsatz gestritten. Aus der &Uuml;berzeugung, dass es sich um eine Polizeima&szlig;nahme handelt, die mit einem demokratischen Rechtsstaat nicht zu vereinbaren ist. Denn die Rasterfahndung zielt von Anfang an auf eine v&ouml;llig unbestimmte Vielzahl von B&uuml;rgern. Es gibt keinen Tatverd&auml;chtigen, auch keine Tat, aber auch keine konkrete Gefahr, die auf eine m&ouml;gliche Straftat hinwiese.<\/p>\n<p>Technisch geht das in ungef&auml;hr so: zun&auml;chst wird abstrakt ein T&auml;terprofil\/Raster ersonnen (z.B. m&auml;nnlich, 30 Jahre, islamischen Glaubens). Anschlie&szlig;end wird das Profil an eine Vielzahl von Stellen &uuml;bergeben. Diese sind gehalten, ihre personenbezogenen Datenbest&auml;nde auf das vorgegebene Profil hin abzugleichen. Die &#8222;Treffer&#8220; sind der Polizei zu &uuml;bergeben. Die so gewonnenen Namen werden mit weiteren Dateien der Polizei abgeglichen. Am Ende wirft der Computer den Namen des potentiellen T&auml;ters aus. Dieser muss nur noch so lange beschattet werden, bis man ihn auf frischer Tat oder bei der Vorbereitung ertappt und festnehmen kann.<\/p>\n<p>So weit die Theorie. Bis heute aber gibt es nur einen Fall, bei dem es hei&szlig;t, es sei einer der RAF-T&auml;ter mit Hilfe dieser Methode gefasst worden. Gleichwohl: nach dem 11. September 2001 erlebte die Rasterfahndung ihr Comeback und einen traurigen H&ouml;hepunkt. M&ouml;gliche &#8222;Schl&auml;fer&#8220; sollten gefasst werden. S&auml;mtliche Landeskriminal&auml;mter traten in einer konzertierten Aktion und einem abgestimmten Schl&auml;ferprofil an Registerbeh&ouml;rden, &Auml;mter und Universit&auml;ten heran. Insgesamt 5,2 Millionen Datens&auml;tze wurden daraufhin an die Polizeien &uuml;bermittelt. Von dort gingen sie an das Bundeskriminalamt, das weitere Abgleiche vornahm. Die Auswertung dauerte 18 Monate. Nicht ein einziger &bdquo;Schl&auml;fer&ldquo; wurde gefasst.<\/p>\n<p>Gegen die damalige Aktion hatte ein davon betroffener, in NRW lebender marokkanischer Student bis zum Bundesverfassungsgericht (BVerfG) geklagt. Das Gericht hat ihm nun in einer von vielen als wegweisend wahrgenommenen Entscheidung Recht gegeben.<\/p>\n<p>Aber was hat das Gericht eigentlich genau entschieden? Die damalige in Nordrhein-Westfalen durchgef&uuml;hrte Rasterfahndung war aufgrund eines Amtsgerichtsbeschlusses, der sich auf &sect; 31 des Landespolizeigesetzes st&uuml;tzte, durchgef&uuml;hrt worden. Die Vorschrift regelt die Voraussetzungen einer Rasterfahndung. Danach kann nur gerastert werden, soweit es zur Abwehr einer gegenw&auml;rtigen Gefahr f&uuml;r die&nbsp;Sicherheit oder f&uuml;r Leib und Leben von Personen erforderlich ist. Das Bundesverfassungsgericht kommt in seiner Entscheidung vom 4. April 2006 zum Ergebnis, dass nur die Beschl&uuml;sse der Gerichte (neben dem Amtsgericht hatten Landgericht und Oberlandesgericht die erstinstanzliche Entscheidung best&auml;tigt) als unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig aufzuheben seien. Die zugrunde liegende Befugnisnorm hielt das Gericht f&uuml;r noch verfassungsgem&auml;&szlig; &ndash; sofern man diese richtig liest, so die Richter. Die Gerichte in Nordrhein-Westfalen hatten eine (f&uuml;r die Rasterfahndung notwendige) gegenw&auml;rtige Gefahr als gegeben angesehen, weil der zu erwartende Schaden eines drohenden Terrorangriffs so gro&szlig; sei, dass es auf den Nachweis der Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts im Verh&auml;ltnis nicht mehr so stark ankomme. Vielmehr reiche eine auch nur entfernte abstrakte M&ouml;glichkeit des&nbsp; Schadenseintritts (sprich eines Anschlags in Deutschland) aus. Diese Sichtweise verwirft das BVerfG in seiner jetzigen Entscheidung. Allerdings r&uuml;ttelt es auch an der ehrw&uuml;rdigen Formel der &#8222;gegenw&auml;rtigen Gefahr&#8220; (sch&auml;digendes Ereignis hat bereits begonnen oder ist in allern&auml;chster Zeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu erwarten). Von Verfassungs wegen m&uuml;sse sich die Eingriffsschwelle f&uuml;r die Rasterfahndung nicht an einer gegenw&auml;rtigen Gefahr orientieren, sie sei zu eng gefasst, da die Polizei wegen des gro&szlig;en Aufwandes bei der Rasterfahndung dann stets zu sp&auml;t beginnen werde (Rdnr. 141 f.). Stattdessen sei eine konkrete Gefahr f&uuml;r die Zul&auml;ssigkeit des Rasterns erforderlich. Und zwar eine konkrete Gefahr f&uuml;r die in der Norm benannten Rechtsg&uuml;ter. Sie muss sich auf Tatsachen beziehen (Rdnr. 145), kann aber auch eine Dauergefahr sein. Vage Anhaltspunkte oder blo&szlig;e Vermutungen &ndash; wie eine allgemeine Bedrohungslage nach dem 11. September &ndash; reichen jedenfalls nicht aus.<\/p>\n<p>Mit dem Begriff der konkreten Gefahr kehrt das BVerfG zum guten alten Vokabular des Polizeirechts zur&uuml;ck. F&uuml;r die Rasterfahndung sagt das Gericht sogar ausdr&uuml;cklich: &#8222;diese darf nicht im Vorfeld einer konkreten Gefahr erm&ouml;glicht werden&#8220;, und erteilt damit allen Sicherheitsstrategen eine Absage, die bereits im sogenannten Vorfeld von Gefahren dieses Instrument der Polizei zur Anwendung bringen wollen.<\/p>\n<p>Allerdings ist das Urteil keine generelle Absage an Vorfeldeingriffe (Rdnr. 134). Wenn die Polizei unterhalb der tradierten Gefahrenschwelle handelt, m&uuml;ssen &ndash; je nach Schwere des Eingriffs &ndash; besondere Anforderungen an die Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit von Grundrechtseingriffen erf&uuml;llt sein. Und darin liegt das f&uuml;r B&uuml;rgerrechtlerInnen so Spannende dieses Beschlusses. Das Gericht nutzt die Gelegenheit, um fast leidenschaftlich die Schwere des Eingriffs der Rasterfahndung zu verdeutlichen. Eingegriffen wird in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, also das Recht der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, grunds&auml;tzlich selbst zu entscheiden, wer was wann &uuml;ber sie wissen darf. Das Bundesverfassungsgericht nimmt sich viel Zeit, alle wesentlichen Formeln des Volksz&auml;hlungsurteils von 1983 zu best&auml;tigen und teilweise auch zu erneuern. Es ist also auch eine lesenswerte Fundgrube f&uuml;r Datensch&uuml;tzerInnen. Grundrechtsdogmatisch enth&auml;lt es ein deutliches Bekenntnis zum Verst&auml;ndnis von Grundrechten als den Abwehrrechten der B&uuml;rger gegen&uuml;ber dem Staat. Der Schutzpflichtdogmatik werden mit Blick auf das vielbeschworene &#8222;Grundecht auf Sicherheit&#8220; enge Grenzen bescheinigt.<\/p>\n<p>F&uuml;r andere Landespolizeigesetze hei&szlig;t es jetzt wieder einmal Nachbessern. Mit verfassungskonformer Auslegung ist es in den meisten F&auml;llen nicht getan. Im Zuge der letzten Versch&auml;rfungen hatten einige Gesetzgeber in den L&auml;ndern die Eingriffsschwellen f&uuml;r die Rasterfahndung vollst&auml;ndig von der Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts entkoppelt und ins Vorfeld verlegt. Dazu geh&ouml;ren beispielsweise Baden-W&uuml;rttemberg, Bayern, Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Th&uuml;ringen und der aktuelle Gesetzentwurf in Mecklenburg-Vorpommern.<\/p>\n<p>Erste Reaktionen auf das Urteil sprechen auch von der &Uuml;bertragbarkeit seiner Wertungen auf die Rechtm&auml;&szlig;igkeit anderer polizeilicher Instrumente. So k&ouml;nnten L&auml;ndernormen f&uuml;r den automatischen Kfz-Kennzeichenabgleich, die Video&uuml;berwachung, die Schleierfahndung u.a.m. zumindest von den Gerichten zuk&uuml;nftig enger zu interpretieren sein. Auch f&uuml;r die IMSI-Catcher-Klage der HU oder geplante Aktivit&auml;ten der HU gegen die drohende Vorratsdatenspeicherung enth&auml;lt das Urteil wichtige Hinweise. Ohne Zweifel wird die Welt mit Gerichtsurteilen nicht sofort gut. Aber Karlsruhe scheint einmal mehr ein wichtiger Verb&uuml;ndeter in einem Kampf, der &uuml;ber viele, viele Runden geht. Das Ziel, jeweils neu zu erstreiten, lautet: ein freiheitliches, die Selbstbestimmung seiner B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger achtendes Gemeinwesen.<\/p>\n<p><i>Nils Leopold<\/i><\/p>\n<p>Der Beschluss (1 BvR 518\/02) v. 4.4.2006 kann im Internet abgerufen werden unter: <a href=\"http:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/entscheidungen\/rs20060404_1bvr051802.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.bundesverfassungsgericht.de\/entscheidungen\/rs20060404_1bvr051802.htm<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[46,12],"tags":[],"class_list":["post-8070","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-anti-terror-kampf","category-datenschutz"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Bundesverfassungsgericht und Rasterfahndung: Nach 30 Jahren zur\u00fcck in die B\u00fcchse? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/bundesverfassungsgericht-und-rasterfahndung-nach-30-jahren-zurueck-in-die-buechse\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Bundesverfassungsgericht und Rasterfahndung: Nach 30 Jahren zur\u00fcck in die B\u00fcchse? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 193, S. 2-3 Schon f&uuml;r Horst Herold und die wehrhafte BRD im Kampf gegen die RAF war sie die gro&szlig;e Zauberwaffe &ndash; f&uuml;r ihre Gegner allerdings direkt aus der B&uuml;chse der Pandora. 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