{"id":8279,"date":"2005-02-11T16:20:00","date_gmt":"2005-02-11T15:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/intolerantes-evangelium\/"},"modified":"2021-09-04T00:05:31","modified_gmt":"2021-09-03T22:05:31","slug":"intolerantes-evangelium","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/intolerantes-evangelium\/","title":{"rendered":"Intolerantes Evangelium"},"content":{"rendered":"<p><i>Eine Rezension des neuesten Werkes des G\u00f6ttinger Theologen Gerd L\u00fcdemann<\/p>\n<p>Mitteilungen Nr. 188, S.19<\/i><\/p>\n<p><i>Gerd L\u00fcdemann: Die Intoleranz des Evangeliums. Erl\u00e4utert an ausgew\u00e4hlten Schriften des Neuen Testaments. Springe: Zu Klampen 2004, 270 S., &#8364; 19,80.<\/i><\/p>\n<p>\u00dcber die Theologenschaft hinaus ist Gerd L\u00fcdemann (58) mittlerweile kein Unbekannter mehr. 1994 hatte er mit einer profunden Studie \u00fcber die &#8222;Auferstehung Jesu&#8220; Schlagzeilen gemacht, in der er die von den meisten seiner Fachkollegen stillschweigend geteilte \u00dcberzeugung aussprach, dass Jesus lediglich in der Phantasie der J\u00fcnger auferstanden sei. Sein lautes Denken versetzte die Theologenschar in Aufregung, die evangelische Amtskirche belegte ihn daraufhin mit Zensur und betrieb seine Enthebung vom Lehrstuhl f\u00fcr Neues Testament. Als Ersatz hat ihm die G\u00f6ttinger Hochschule den neuen Lehrstuhl &#8222;Geschichte und Literatur des fr\u00fchen Christentums&#8220; eingerichtet. Seither darf er jedoch keine Pr\u00fcfungen mehr abnehmen. Zudem leitet er das Archiv &#8222;Religionsgeschichtliche Schule&#8220; an der dortigen Theologischen Fakult\u00e4t.<\/p>\n<p>Auch in seinem neu erschienenen Buch sucht L\u00fcdemann unabh\u00e4ngig von Theologie und Kirche die Anf\u00e4nge der christlichen Religion zu beleuchten, indem er der Frage nachgeht, wie es denn um deren Toleranz bestellt sei. Seine Analyse polemischer neutestamentlicher Texte (bes. der Briefe: 2Thess., 2\/3Joh, Past, Jud, 2Petr; Kap. III-VI), die er mit der j\u00fcdischen wie griechisch-r\u00f6mischen Kultur kontrastiert (II), f\u00fchrt ihn zu einem negativen Befund: Beseelt vom exklusiven Monotheismus und dem Bewusstsein der Erw\u00e4hltheit verfahren die fr\u00fchchristlichen Autoren, die einem streng dualistischen Weltbild anhingen, mit Andersgl\u00e4ubigen keineswegs zimperlich und stellen sie der &#8222;ewigen Verdammnis&#8220; anheim (vgl. u.a. Mk 16,16). Damit nicht genug, werden sogar christliche Dissidenten mit der Verteufelung bedacht (Jud 13) und auch die Frauen, die ja die Vertreibung aus dem Paradies zu verantworten h\u00e4tten, in die zweite Reihe gestellt (1Tim 2,9-15).<\/p>\n<p>Im Schlusskapitel (VII) zeigt der humanistisch gesinnte Autor sodann, wie krass derartige Glaubensfundamente dem modernen Selbstverst\u00e4ndnis der christlichen Kirchen widersprechen, das cham\u00e4leonartige Z\u00fcge trage (&#8222;Die Kirche glaubt alles und nichts&#8220; [S. 214]). Um ihre Klientel nicht zu verlieren, l\u00e4sen jene in ihre heiligen Texte zumeist das hinein, was ihnen gerade zeitgem\u00e4\u00df erschiene. Und so predigten sie auch im Namen der Bibel die von der Aufkl\u00e4rung erk\u00e4mpfte Toleranz wie auch etwa die Gleichberechtigung der Frau; dar\u00fcber hinaus empf\u00f6hlen sie sich sogar dem Staat als Experten bei der Umsetzung von Toleranz in Religionsfreiheit. Demgegen\u00fcber verpflichteten sie allerdings noch immer ihre geistlichen Amtstr\u00e4ger auf Bibel und alte Bekenntnisse und seien tunlichst darauf bedacht, die dunklen Seiten der Bibel zu retuschieren, die von den alttestamentlichen Genozid-Erz\u00e4hlungen \u00fcber den rechtgl\u00e4ubigen Rigorismus bis zur neutestamentlichen Pseudepigraphie reichten.<\/p>\n<p>Im Anhang (VIII) bietet der Autor als Hintergrund der behandelten Texte unter anderem Ausz\u00fcge aus gnostischen Originalschriften (aus dem ober\u00e4gyptischen Nag Hammadi, ca. 300-350 n. Chr.). Schlie\u00dflich setzt er sich noch kritisch mit dem im Neuen Testament weit verbreiteten Ph\u00e4nomen der Pseudepigraphie auseinander. Laut wissenschaftlicher Theologie, die ja von der Kirche vorbestellte Ergebnisse erzielen muss, sei diese wunderlicherweise aus &#8222;\u00f6kumenischer Verantwortung&#8220; entstanden und sei gerechtfertigt, &#8222;um den wahren Glauben zu sch\u00fctzen&#8220; (so Udo Schnelle u. Rubens Zimmermann, der in diesem Zusammenhang allen Ernstes von &#8222;L\u00fcgen f\u00fcr die Wahrheit&#8220; spricht, zit. nach L\u00fcdemann, S. 260 f.).<\/p>\n<p>Mit seiner unverbl\u00fcmten Analyse, die mitunter den sarkastischen Unterton bevorzugt und bewegende pers\u00f6nliche Erinnerungen einstreut, hat L\u00fcdemann eine durchaus zuverl\u00e4ssige Studie vorgelegt. Sie erm\u00f6glicht auch dem Laien, sich jenseits der kirchlichen Bevormundung \u00fcber die geistigen Grundlagen der christlichen Kirche zu vergewissern, der es in der Tat an der Wahrhaftigkeit mangelt.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-8279","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-staat-religion-weltanschauung"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Intolerantes Evangelium - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/intolerantes-evangelium\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Intolerantes Evangelium - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Eine Rezension des neuesten Werkes des G\u00f6ttinger Theologen Gerd L\u00fcdemann Mitteilungen Nr. 188, S.19 Gerd L\u00fcdemann: Die Intoleranz des Evangeliums. 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