{"id":8399,"date":"1975-11-16T13:10:00","date_gmt":"1975-11-16T12:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/editorial-1\/"},"modified":"2021-09-04T00:05:45","modified_gmt":"2021-09-03T22:05:45","slug":"editorial-1","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/editorial-1\/","title":{"rendered":"Thema: Kirche, Staat und Demokraten"},"content":{"rendered":"<p><i>Editorial, aus: vorg\u00e4nge Nr. 16 (Heft 4\/1975), S. 33-34<\/i><\/p>\n<p>Das Thema &#8222;Kirche und Staat&#8221; und &#8222;Kirche und Demokratie&#8221; (oder: &#8222;Kirche und Demokraten&#8221;) h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig in der Diskussion seit 1919 und seit 1949 &#8212; die beiden Male, wo in Deutschland (oder Westdeutschland) der Start einer republikanischen Verfassung versucht wurde. Zu diesen republikanisch-demokratischen Versuchen in Deutschland mu\u00dfte selbstverst\u00e4ndlich das Programm einer Trennung von Staat und Kirche geh\u00f6ren; denn es kann keine freiheitlich demokratische Republik geben, wenn es noch Abh\u00e4ngigkeiten des Staates von der Kirche\u00a0&#8211; und handele es sich auch nur um staatskirchenrechtliche Relikte\u00a0&#8211; gibt. Die etablierten Gro\u00dfkirchen sind, da gibts keinen Zweifel, ein Moloch, der, reicht man ihnen den kleinen Finger, mehr nimmt als die ganze Hand.<\/p>\n<p>Diese Feststellung richtet sich nicht gegen die Kirchen als Gemeinschaften von Gl\u00e4ubigen generell. Sie mu\u00df sich aber richten gegen die Amtskirchen mit ihren bestallten Autorit\u00e4ten, die\u00a0&#8211; vorallem die katholische (die evangelisch-protestantischen ziehen aus Gr\u00fcnden der &#8222;Chancengleichheit&#8221; eigentlich immer nur nach)\u00a0&#8211; schamlos jeden veralteten Rechtstitel oder jede Schw\u00e4che des Staates ausnutzen, um in einem &#8222;unmoralischen Verh\u00e4ltnis&#8221; an Verg\u00fcnstigungen herauszuholen, was nur herauszuholen ist. Was die Bisch\u00f6fe und ihre Nachbeter sich da herausnehmen, schadet gewi\u00df unserer demokratischen Gesellschaft, es schadet aber auch\u00a0&#8211; einige innerkirchlich motivierte Aufs\u00e4tze dieses Heftes belegen das nachdr\u00fccklich\u00a0&#8211; der Glaubw\u00fcrdigkeit der Kirchen oder, falls die Kirchen nicht mehr zu retten sind, der Botschaft des Jesus von Nazareth in dieser offenen, aufgekl\u00e4rten, demokratisch strukturierten Gesellschaft. Es gibt, so sagt nicht nur der eine theologische Autor dieses Heftes, keine Chancen des Christentums in unserer Republik, ohne da\u00df die Kirchen sich ihrer unmoralischen Anspr\u00fcche ent\u00e4u\u00dfern, ohne da\u00df die Christen selbst ihre Kirchenoberen vor die Alternative des Verzichts stellen. Es gibt aber, das sagen unsere Autoren selbst, kaum ein Anzeichen, da\u00df die Amtskirche diesen unabdingbaren Zusammenhang auch nur erkennt.<br \/>Unsere, der Redakteure dieser Zeitschrift Sache kann es nicht sein, sich in solche innerkirchlichen Streitfragen einzumischen. Wir k\u00f6nnen sie nur registrieren. Was uns ansteht, ist, das Verh\u00e4ltnis von Kirche und Staat unter den Bedingungen der Demokratie zu befragen. Das Ergebnis ist best\u00fcrzend genug. Seit 1945 haben sich die Gro\u00dfkirchen als Retter vor dem Faschismus geb\u00e4rdet (wenigstens vonseiten der evangelischen Kirche aber gab es ein partielles Schuldbekenntnis); tats\u00e4chlich jedoch waren die in das Faschismus-Syndrom unrettbar verstrickten Kirchen nur m\u00fchsam &#8222;gerettete Retter&#8221;. Der neue, der demokratische Staat hat ihnen trotzdem in seiner Verfassung Privilegien einger\u00e4umt, die ohnegleichen sind und die diesen Staat auf Dauer zu strangulieren verm\u00f6chten. Seit einigen Jahren leiden auch erkl\u00e4rte Christen darunter, da\u00df ihre Kirchen durch dieses &#8222;Verh\u00e4ltnis&#8221; unglaubw\u00fcrdig und wirkungslos werden k\u00f6nnten. Ihre Bisch\u00f6fe aber sind nicht willens, auch nur einen Fu\u00dfbreit Bodens aufzugeben von dem, was &#8222;der Staat&#8221; ihnen als Privilegium einmal zugestanden hat. Gleichwohl gerieren die undemokratischen sich auch noch, als m\u00fc\u00dften und k\u00f6nnten sie der demokratischen Gesellschaft Lektionen in Demokratie und Ethos geben. Eine perverse Situation gewi\u00df f\u00fcr Christen und f\u00fcr Demokraten.<\/p>\n<p>Seit Gr\u00fcndung dieser unserer Republik gibt es Vork\u00e4mpfer einer strikten Trennung von Kirche und Staat unter Demokraten sowohl wie seit einiger Zeit auch unter um die Kirche besorgten Christen. Der demokratische Staat kann nicht wirklich frei sein, ohne da\u00df diese Trennung vollzogen wird; inzwischen begreifen aber auch mehrundmehr christentumswillige Christen, da\u00df auch ihre Kirchen nicht wirklich frei sein k\u00f6nnen, ohne da\u00df sie auf ihre unseligen Verfilzungen mit der Staatsorganisation verzichten.<\/p>\n<p>Seit 1961 war es zum Beispiel die Humanistische Union, die, obwohl man ihr &#8211; wenngleich immer wieder geschehen &#8211; Kirchenfeindlichkeit nicht unterstellen kann, hartn\u00e4ckig darauf hingewiesen hat, da\u00df das &#8222;Verh\u00e4ltnis&#8221; &#8211; imgrunde zugunsten beider &#8211; dringlichst zu entfilzen sei. 1973 und 1974 waren es die Jungdemokraten und die F.D.P., die in lapidaren Thesen auf die Ungereimtheiten des geltenden Kirche-Staat-Systems hingewiesen haben. Seither gibt es viele Christen, die aussprechen, da\u00df &#8222;das System&#8221; aufdauer unertr\u00e4glich ist. Die in der sozialliberalen Koalition dominierende SPD faselt stattdessen immer noch von einer &#8222;Partnerschaft&#8221; zwischen Kirche und Staat, in der Erwartung anscheinend, diese Haltung werde ihr irgendwie einmal von den Kirchen honoriert werden. Das Gegenteil war bisher der Fall; noch jede Reform, die die Koalition zu starten versucht hat, wurde seitens der Kirchen mit schlechten W\u00fcnschen begleitet. Soweit es um die Amtskirchen geht, sind sie allemal Bauchredner der b\u00fcrgerlichen Reaktion.<\/p>\n<p>Es gibt f\u00fcr den freiheitlichen Staat sowohl wie f\u00fcr die Selbstdarstellung des Christentums keine Alternative zur strikten Trennung von Kirche und Staat. Dies Programm aber bedarf der Solidarit\u00e4t aller Demokraten &#8211; seien sie Christen oder Nichtchristen.<\/p>\n<p>GH<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-8399","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-staat-religion-weltanschauung"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Thema: Kirche, Staat und Demokraten - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/editorial-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Thema: Kirche, Staat und Demokraten - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Editorial, aus: vorg\u00e4nge Nr. 16 (Heft 4\/1975), S. 33-34 Das Thema &#8222;Kirche und Staat&#8221; und &#8222;Kirche und Demokratie&#8221; (oder: &#8222;Kirche und Demokraten&#8221;) h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig in der Diskussion seit 1919 und seit 1949 &#8212; die beiden Male, wo in Deutschland (oder Westdeutschland) der Start einer republikanischen Verfassung versucht wurde. 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