{"id":8404,"date":"1975-11-16T11:30:00","date_gmt":"1975-11-16T10:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/protestantische-kirche-zwischen-kaiserreich-und-drittem-reich\/"},"modified":"2021-09-04T00:05:47","modified_gmt":"2021-09-03T22:05:47","slug":"protestantische-kirche-zwischen-kaiserreich-und-drittem-reich","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/protestantische-kirche-zwischen-kaiserreich-und-drittem-reich\/","title":{"rendered":"Protestantische Kirche zwischen Kaiserreich und Drittem Reich"},"content":{"rendered":"<p><i>aus: vorg\u00e4nge Nr. 16 (Heft 4\/1975), S. 101-103<\/i><\/p>\n<p><i>J. R. C. Wright: &#8222;Above Parties&#8221; &#8211; The Political Attitudes of the German Protestant Church Leadership 1918-1933. Oxford University Press, London 1974, 197 Seiten, 5 Pfund.<\/i><\/p>\n<p>Ernst Troeltsch sagt in seinem kurz vor dem Ersten Weltkrieg erschienenen gro\u00dfen Werk \u00fcber &#8222;Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen&#8221;: &#8222;In der gro\u00dfen Angriffsstellung, welche nach der Auswirkung des 18. Jahrhunderts in der franz\u00f6sischen Revolution die \u00e4lteren Geistesm\u00e4chte gegen die moderne Welt wieder einnahmen und in der sie unter Vereinigung ideologischer und praktischer politisch-sozialer M\u00e4chte siegreich gegen die neue Welt vorr\u00fcckten, ist die Restauration des preu\u00dfisch-deutschen Luthertums eines der sozialgeschichtlich wichtigsten Ereignisse. Es verband sich mit der Reaktion des monarchischen Gedankens, des agrarischen Patriarchalismus, der milit\u00e4rischen Machtinstinkte, gab der Restauration den ideellen und ethischen R\u00fcckhalt, wurde darum wieder von den sozial und politisch reaktion\u00e4ren M\u00e4chten mit allen Gewaltmitteln gest\u00fctzt, heiligte den realistischen Machtsinn und die dem preu\u00dfischen Militarismus unentbehrlichen ethischen Tugenden des Gehorsams, der Piet\u00e4t und des Autorit\u00e4tsgef\u00fchls. So wurde Christentum und konservative Staatsgesinnung identisch, verschwisterten sich Gl\u00e4ubigkeit und realistischer Machtsinn, reine Lehre und Verherrlichung des Krieges und des Herrenstandpunktes. So wurden die kirchlichen Reformbestrebungen gleichzeitig mit der liberalen Ideenwelt unterdr\u00fcckt, die Anh\u00e4nger der modernen sozialen und geistigen Tendenzen in eine schroffe Kirchenfeindschaft hineingetrieben und dem gegen\u00fcber dann alle christlich und religi\u00f6s F\u00fchlenden f\u00fcr den Konservativismus in Beschlag genommen. Als wesentliches Element in den Kr\u00e4ften der Restauration hat es seinen wichtigen Anteil an der aus den restaurativen Kr\u00e4ften hervorgegangenen politisch-milit\u00e4rischen Entwicklung Preu\u00dfen-Deutschlands und findet es sich in schroffstem Gegensatz zu den andern Elementen, die an der Entstehung des neuen Deutschland gearbeitet haben, den demokratisch-unitarischen und modern-sozialen und wirtschaftlichen Bewegungen&#8220; (Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen, 1912. Nachdruck Aalen 1961, Seite 603f).<br \/>So war das Luthertum ein Ferment jener gesellschaftlich-politischen Ordnung, die den \u00dcbergang Deutschlands zur modernen liberalen Demokratie bis 1918 hartn\u00e4ckig blockierte. Mit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches aber verlor die protestantische Kirche den R\u00fcckhalt, den sie bis dahin an den herrschenden konservativen M\u00e4chten gehabt hatte.<br \/>Wie reagierte die protestantische Kirchenf\u00fchrung auf diese &#8222;Systemver\u00e4nderung&#8221; von 1918? Wie weit trug sie zur Stabilisierung oder zur Aush\u00f6hlung der Weimarer Republik bei? Und wie verhielt sie sich 1933 angesichts der &#8222;Machtergreifung&#8221; des Nationalsozialismus? Differenzierte Antworten auf diese Fragen findet man in der 1974 erschienenen Untersuchung des englischen Historikers J. R. C. Wright. Der Verfasser kn\u00fcpft an die schon vorliegende Literatur an (nicht zuletzt an die in der Bundesrepublik publizierten Arbeiten), er hat dar\u00fcber hinaus aber auch aufschlu\u00dfreiches kirchliches Quellenmaterial neu erschlossen und \u00fcberdies eine Reihe von Kirchenf\u00fchrern der 20er und 30er Jahre pers\u00f6nlich interviewt. Zu den Vorz\u00fcgen des auf relativ knappem Raum au\u00dferordentlich informativen Buches geh\u00f6rt die Sachlichkeit des Autors, der auf pauschale Anklage und Polemik verzichtet. Um so mehr Gewicht hat sein sehr kritisches Gesamturteil \u00fcber die Haltung der protestantischen Kirchenf\u00fchrung zwischen 1918 und 1933.<br \/>Mit den November-Ereignissen 1918 war f\u00fcr die Kirche zun\u00e4chst eine Zeit der Ungewi\u00dfheit gekommen, die durch die neue Reichsverfassung beendet wurde. Die Kirche hatte, wie Wright betont, &#8222;allen Grund, mit der Weimarer Verfassung zufrieden zu sein. Die Bef\u00fcrchtungen des November hinsichtlich eines feindlichen Trennungsprogramms waren zerstreut. Kirchliche Privilegien wurden best\u00e4tigt, w\u00e4hrend die staatliche Kontrolle \u00fcber die Kirche reduziert war. Die SPD hatte recht, wenn sie geltend machte, das habe eine Situation geschaffen, in der die Kirche vom Staat frei war, der Staat aber nicht frei von der Kirche&#8221; (19).<br \/>Diese f\u00fcr die Kirche durchaus g\u00fcnstige Entwicklung wurde von ihr nicht durch ein unzweideutiges Bekenntnis zur Republik honoriert. Sie erleichterte allerdings den gem\u00e4\u00dfigt-konservativen Kirchenf\u00fchrern das Bem\u00fchen um einen Modus vivendi mit dem Staat von Weimar; eine pragmatische Politik, die schlie\u00dflich zum Preu\u00dfischen Kirchenvertrag von 1931 f\u00fchrte. Wright bezeichnet ihn als &#8222;die gr\u00f6\u00dfte Errungenschaft der Kirchenf\u00fchrung in der Zeit der Weimarer Republik&#8221;; der Vertrag &#8222;markierte einen bedeutenden Schritt in Richtung auf eine Anerkennung der Republik durch die Kirche&#8221; (33).<br \/>Die protestantische Kirchenf\u00fchrung akzeptierte in ihrer Mehrheit die Republik, solange es keine Alternative zu ihr gab. Die liberalen und demokratischen Grundprinzipien der Republik aber akzeptierte sie nicht. Sie beteuerte wiederholt die &#8222;\u00dcberparteilichkeit&#8221; der Kirche, nahm jedoch in weltanschaulichen und politischen Fragen eindeutig f\u00fcr die konservativen Parteien Stellung. Wright sagt treffend: &#8222;Die Vorstellung eines erhabenen Bereichs des nationalen Lebens oberhalb der Parteipolitik war &#8230; ein Grundzug\u00a0 r e c h t e r\u00a0 politischer Einstellung. Sie entsprach dem Mythos vom Kaiser als dem unparteilichen Diener der ganzen Nation.&#8221; Und: &#8222;Die Situation wurde b\u00fcndig zusammengefa\u00dft in dem Reim: ,Die Kirche ist politisch neutral, aber sie w\u00e4hlt deutschnational!&#8221; (49).<br \/>Auch in den Jahren der Republik blieb der deutsche Protestantismus, von Ausnahmen abgesehen, einem traditionalistischen antiliberalen und prononciert &#8222;nationalen&#8221; Ordnungs-Denken verhaftet. Die Kirchenf\u00fchrung identifizierte sich im allgemeinen nicht mit der aggressiven antirepublikanischen Rechten der sp\u00e4ten 20er und fr\u00fchen 30er Jahre. Die Zahl der protestantischen Pastoren, die vor 1933 Mitglieder der NSDAP wurden, hielt sich in engen Grenzen. Und es fehlte nicht an innerkirchlichen Warnungen vor dem erkl\u00e4rten Rassismus der Hitlerbewegung. Doch die meisten Kirchenf\u00fchrer waren, um wieder Wright zu zitieren, &#8222;gegen\u00fcber der ,nationalen Opposition` nicht so feindlich wie gegen\u00fcber der sozialistischen Bewegung. Die Kirchenf\u00fchrer betrachteten die ,nationale Opposition` als in ihren Grundlagen gesund und machten f\u00fcr ihre ,Fehler` die Art und Weise verantwortlich, wie die fr\u00fcheren Gegner Deutschland hatten leiden lassen&#8221; (74). Die NSDAP ihrerseits taktierte vor 1933 durchaus geschickt: sie betonte &#8211; ungeachtet der aggressiven Kirchenfeindschaft, wie sie Alfred Rosenberg und andere proklamierten &#8211; die nationale Bedeutung des positiven Christentums und versicherte der Kirche ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit.<br \/>Die positiven Reaktionen der protestantischen Kirchenf\u00fchrung auf die Ereignisse von 1933 standen in deutlichem Gegensatz zu ihrer distanzierten Haltung gegen\u00fcber der Republik 1918\/19. Sie begr\u00fc\u00dfte die &#8222;Machtergreifung&#8221; der &#8222;nationalen Opposition&#8221; und bot dieser &#8211; im Vertrauen auf die Beteuerungen der Hitlerpartei selbst &#8211; ihre loyale Mitarbeit beim Aufbau eines &#8222;neuen Deutschland&#8221; an. Das war nicht blo\u00dfer Oppor- tunismus, nicht einfach taktische Anpassung an neue politische Realit\u00e4ten, es entsprach vielmehr den politischen Grund\u00fcberzeugungen der Kirchenf\u00fchrung. Diese sah keine grunds\u00e4tzlichen Hindernisse f\u00fcr eine vertrauensvolle Kooperation mit den neuen Machthabern, deren Programm einer &#8222;nationalen Erneuerung&#8221; sie im Prinzip durchaus zustimmte.<br \/>Wright bezeichnet die Grundhaltung der Kirchenf\u00fchrung gegen\u00fcber der Hitlerbewegung als .,,kritische Sympathie&#8220; (96). In einer Zusammenfassung seiner Forschungsergebnisse stellt er fest: &#8222;Durch die NSDAP wurde das Ideal eines autorit\u00e4ren Staates das Programm einer Massenbewegung, und es schien m\u00f6glich, da\u00df die Hohenzollern-Dynastie wiedereingesetzt w\u00fcrde. Als Reichskanzler erkl\u00e4rte Hitler, er messe den beiden Kirchen gr\u00f6\u00dfte Bedeutung bei und fordere ihre Mitarbeit. Die Kirchenf\u00fchrer antworteten, indem sie das Dritte Reich als ein Geschenk Gottes willkommen hie\u00dfen&#8221; (147).<br \/>So sanktionierte die F\u00fchrung der protestantischen Kirche das neue Regime und nahm stillschweigend hin, was bereits in der Anfangsphase des Dritten Reiches geschah: &#8222;Trotz ihrer Versicherung, der ganzen Nation zu dienen, opponierte die protestantische F\u00fchrung keinem Aspekt der von den Nazis zwischen M\u00e4rz und Juli 1933 durchgef\u00fchrten politischen Revolution &#8211; au\u00dfer da, wo die Unabh\u00e4ngigkeit der Kirche direkt bedroht war. Sie ignorierten die Zerst\u00f6rung der Gewerkschaften und politischen Parteien und die S\u00e4uberung von katholischen, sozialistischen und j\u00fcdischen Beamten. Sie versuchten nicht einmal protestantische Theologieprofessoren zu sch\u00fctzen, die liberale oder sozialistische Sympathien hatten. Sie schlossen auch die Augen vor der Gewaltt\u00e4tigkeit, die die Revolution begleitete. Selbst da, wo protestantische F\u00fchrer \u00fcber Reformma\u00dfnahmen der Regierung ungl\u00fccklich waren &#8211; so waren sie zum Beispiel besorgt, das Erm\u00e4chtigungs- gesetz k\u00f6nne dazu benutzt werden, die religi\u00f6sen Garantien der Weimarer Verfassung zu annullieren &#8211; f\u00fchlten sie sich zu schwach, eine Intervention zu riskieren. Sie akzeptierten auch die Aufhebung der L\u00e4nderautonomie ohne Protest&#8221; (112).<br \/>Protest und Widerstand regten sich erst, als dieneuen Machthaber seit Sommer 1933 die Kirche unter ihre unmittelbare ideologisch-politische . Kontrolle zu bringen suchten &#8211; mit Hilfe er sogenannten &#8222;Deutschen Christen&#8221; innerhalb der protestantischen Kirchen. Dieser Gleichschaltungsversuch, dem indes kein voller Erfolg beschieden war, bildete den Auftakt zum &#8222;Kirchenkampf&#8221; . Im darauffolgenden Jahr konstituierte sich die &#8222;Bekennende Kirche&#8221;.<br \/>Wie Wright zeigt, war auch die Opposition der &#8222;Bekennenden Kirche&#8221; gegen das NS-Regime durchweg eine partielle, keine prinzipielle, eine theologisch und kirchlich, nicht aber politisch motivierte Opposition. &#8222;In den ersten Jahren des Kirchenkampf es versicherte die Bekennende Kirche wiederholt ihre Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber dem Staat. Martin Niem\u00f6ller sandte Hitler ein Gl\u00fcckwunschtelegramm als Deutschland 1933 den V\u00f6lkerbund verlie\u00df, und die F\u00fchrer der Bekennenden Kirche wiederum gratulierten Hitler zum Ergebnis der Volksabstimmung an der Saar 1935&#8221; (168), im letzteren Falle allerdings gegen den Willen Niem\u00f6llers. Auch die &#8222;Bekennende Kirche&#8221; blieb, nach Wright, &#8222;in den Einstellungen befangen, die die protestantische F\u00fchrung dazu gebracht hatten, der ,nationalen Revolution` von 1933 Beifall zu spenden&#8221; (170). Am Arierparagraphen und sp\u00e4ter an der Euthanasie schieden sich dann freilich die Geister.<br \/>Wright r\u00fcckt bei der skizzenhaften Darstellung der Anf\u00e4nge des Kirchenkampfes die Proportionen zurecht :&#8222;Es wird gew\u00f6hnlich angenommen, das Dritte Reich sei eine Zeit der Kirchenverfolgung und des Kirchenkampfes gewesen. Keine dieser beiden Beschreibungen gibt ad\u00e4quat wieder, was geschah. Die christlichen Kirchen wurden nicht in der Weise verfolgt, wie deutsche Kommunisten, Juden oder Zeugen Jehovas&#8220; (148). Es wird deutlich, da\u00df der &#8222;Kirchenkampf&#8221; keine prinzipielle Konfrontation zwischen NS-Regime und Kirche war, sondern ein begrenzter Konflikt, in dem es prim\u00e4r um die Unab- h\u00e4ngigkeit der Kirche im Dritten Reich ging. Es gab weder eine totale Kirchenfeindschaft des Regimes noch eine unzweideutige Regime-Kritik seitens der Kirche. Die Verfolgung der Kirche blieb ebenso partiell wie umgekehrt der kirchliche Protest gegen bestimmte Ma\u00dfnahmen des Regimes. Wright spricht von einem &#8222;unsicheren Modus vivendi&#8221; von Drittem Reich und protestantischer Kirche bis in den Krieg hinein.<\/p>\n<p>Eine baldige \u00dcbersetzung des Buches ins Deutsche w\u00e4re verdienstlich.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-8404","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-staat-religion-weltanschauung"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Protestantische Kirche zwischen Kaiserreich und Drittem Reich - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/protestantische-kirche-zwischen-kaiserreich-und-drittem-reich\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Protestantische Kirche zwischen Kaiserreich und Drittem Reich - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 16 (Heft 4\/1975), S. 101-103 J. 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