{"id":2915,"count":0,"description":"<h1>Laudatio f&uuml;r Sepp Obermeier und Chung Yee Tang-Obermeier<\/h1><p>von Klaus von Welser\n<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sehr geehrte Frau Tang&#150;Obermeier, sehr geehrter Herr Obermeier,<br>meine sehr geehrten Damen und Herren,\n<\/p>\n<p>wenn es ein &#132;Brehms Tierleben&#147; vom Menschen g&auml;be, so m&uuml;&szlig;te darin sicherlich der Satz stehen: Der aufrechte Gang ist dem Menschen nat&uuml;rlich.\n<\/p>\n<p>Haben wir nicht im Biologieunterricht gelernt, da&szlig; es den Menschen vor dem Tier auszeichnet, da&szlig; er sich aufgerichtet hat(?)! Und mit dem aufrechten Gang habe er mehr &Uuml;berblick bekommen, (wobei ich nicht mehr wei&szlig;, was Ursache war, und was Wirkung). Und mit dem &Uuml;berblick wuchs das Gehirn, wie jedermann wei&szlig;. So erst wurde ja &uuml;berhaupt aus dem Tier der Mensch. Denn der Mensch ist eben das besondere Tier, das sich selbst gerne &uuml;ber sein Gehirn definiert.<br>Insofern ist es leicht hirnrissig, da&szlig; wir hier den Aufrechten Gang feiern, als w&auml;r er eine neue Erfindung. <br>Andererseits sollte das eigentlich niemanden st&ouml;ren. Wenn die Menschen zum Beispiel w&uuml;&szlig;ten, an welchem Tag das Rad erfunden worden ist, dann w&uuml;rden sie es sicherlich auch jedes Jahr feiern und alle hundert Jahre bestimmt nochmals extra. Warum sollen also wir nicht eine noch viel &auml;ltere Erfindung feiern, noch dazu eine, die von derart konstituierender Grunds&auml;tzlichkeit f&uuml;r die Menschheit ist? Praktisch die Geburt der Menschheit. Weil nun aber der Geburtstag des Aufrechten Ganges nicht bekannt ist, hat sich die Humanistische Union etwas anderes ausgedacht, um einem weit verbreiteten Bed&uuml;rfnis zu helfen: Das Ehepaar Obermeier, als Vertreter des Aufrechten Ganges. Niemand kann bestreiten, da&szlig; Obermeiers aufrecht gehen, jedenfalls haben wir sie senkrecht hier hereinkommen sehen. \n<\/p>\n<p>Aber es gibt kein &#132;Brehms Tierleben&#147; vom Menschen, dazu ist der Mensch zu wenig verl&auml;&szlig;lich im Vergleich mit den Tieren. Und deswegen hat beim Menschen alles eine mehrfache Bedeutung, einen nat&uuml;rliche und eine geistige; und daher ist auch der Aufrechte Gang des Menschen dem Menschen zwar nat&uuml;rlich, aber nicht selbstverst&auml;ndlich. Er kann auch kriechen und er kann auch fliegen, und alles das in mehrfacher Bedeutung.\n<\/p>\n<p>Bevor wir uns aber ganz auf die metaphorische Ebene einlassen, wo Aufrechter Gang so viel bedeutet wie aufrichtig, moralisch, integer, tapfer, lassen Sie uns noch einen Moment auf der konkreten Bildebene bleiben. Auch das senkrechte Gehen mu&szlig; jeder Mensch erst lernen und zwar von Kindesbeinen an &#151; und schlimmer: mit Kindes-Beinen, d.h. mit noch geringen Muskeln in den Beinen. Und das genau ist die Krux. Er braucht am Anfang Hilfe und Geduld und Ermutigung. Ein Kaspar Hauser unter W&ouml;lfen w&uuml;rde das senkrechte Gehen wohl nicht erlernen. Noch eine Krux.\n<\/p>\n<p>Das Ehepaar Obermeier lebt in Bruckm&uuml;hl. Eine Tochter geht dort zur Schule. Seit 1995 k&auml;mpfen Obermeiers darum, da&szlig; in den Klassenr&auml;umen keine Kreuze h&auml;ngen. Zun&auml;chst schien es, als h&auml;tten sie Erfolg. Im August 1995 hatte das Bundesverfassungsgericht seinen ber&uuml;hmten Beschlu&szlig; ver&ouml;ffentlicht, da&szlig; die Vorschrift im Bayerischen Schulrecht, wonach in jedem Klassenzimmer ein Kreuz anzubringen ist, &#132;mit dem Grundgesetz unvereinbar und nichtig&#147; ist. Das Verwaltungsgericht M&uuml;nchen erlie&szlig; eine entsprechende Einstweilige Anordnung, die Schule in Bruckm&uuml;hl sperrte sich erst, leistete aber doch Folge, wenngleich nur auf Androhung von Zwangsma&szlig;nahmen. Dann, durch das neue bayerische Kruzifixgesetz bricht der Streit erneut aus. Nach langem Hin und Her gelangt auf dem Weg &uuml;ber das Bayerische Verwaltungsgericht die Sache endlich beim Bundesverwaltungsgericht. Dort wird m&ouml;glicherweise in diesem Fr&uuml;hjahr entschieden.<br>Zur zeit&#150; und geldraubenden gerichtlichen Auseinandersetzung kommen weitere mit Schulbeh&ouml;rde, Religionslehrerin, Elternbeirat. Demonstratives Tragen gro&szlig;er Pappkreuze auf Anleitung der Religionslehrerin. Eine andere Lehrerin weigert sich, die Tochter zu unterrichten. Statt die Lehrerin zu versetzen, will die Schule die Tochter versetzen. Telefonate, Beschwerden, keine Einigung. Dann der gro&szlig;e Coup: gegen&uuml;ber dem Hause der Obermeiers wird ein &uuml;berdimensionales Kreuz errichtet, damit sie es st&auml;ndig vor Augen haben. Auch hier wieder gerichtliche Auseinandersetzungen, nat&uuml;rlich erfolglos, weil Privatgrundst&uuml;ck, aber nicht folgenlos f&uuml;r die Menschen. Was sagt man zu solcher Provokation? Man sagt zum Beispiel einen Satz von Lichtenberg: \"Es ist nicht merkw&uuml;rdig, da&szlig; die Menschen so gern f&uuml;r die Religion fechten und so ungern nach ihren Vorschriften leben?\"<br>So viel Rechthaberei, Drohbriefe, Auftritte, Ausschmieren und Anschmieren, Nasedrehn und Bedrohen, Nicht&#150;mehr&#150;miteinander&#150;Reden und Hinterm&#150;R&uuml;cken&#150;Tuscheln, skurrile Unterstellung, Absurdes allt&auml;glich, nicht zu fassen. Es ist begrifflich nicht zu fassen und praktisch nicht zu bew&auml;ltigen. <br>Das Schlimmste dabei ist, da&szlig; das abf&auml;rben mu&szlig;. Auch der Beste mu&szlig; in einem solchen Morast ausrutschen und Fehler machen &#151; die nat&uuml;rlich erst recht genutzt werden.&nbsp; Unversehens wird man nicht nur handgemein, sondern auch gemein. Unversehens wird die Geschichte eines solchen Kampfes auch das eigene Leben pr&auml;gen. Das ist das Kafkaeske, und niemand wu&szlig;te das besser &#151; als eben Kafka. <br>Ich denke, es ist kein Zufall, da&szlig; Kafkas Liebligsbuch der Michael Kohlhaas von Kleist war. Denn der Kampf gegen das offensichtliche Unrecht verstrickt den Geist zutiefst und ver&auml;ndert ihn. Der Einstieg in eine solche Geschichte kann zun&auml;chst noch durch ein einfaches Gef&uuml;hlsparadox markiert sein, wie es Schiller anf&uuml;hrt: \"Unrecht leiden, schmeichelt edlen Seelen\". Das mag nicht jedermanns Geschmack sein, aber es ist ein Widerspruch, nicht schwerer zu verstehen wie ein wohliger Zahnschmerz.<br>Kleist aber geht weiter und beschreibt die unerh&ouml;rte Disziplin der kalten Wut. Sie kann sich zum Unheil auswachsen, gerade weil sie nicht unm&auml;&szlig;ig auf Rache zielt und verdampft, sondern &#132;nur&#147; auf dem Recht besteht, und daher &#151; solange nicht befriedigt &#151; scheinbar bescheiden mit verbissnem Mund st&auml;ndig Zinsen aufh&auml;uft, wieder ein Unrecht, eins gemerkt, bis das Unrechtskonto schlie&szlig;lich globale Ausma&szlig;e erreicht hat. Im Fall Bruckm&uuml;hl stecken durchaus einige Aspekte Kohlhass&#150;Konsequenzen, die auf die Arroganz der Beh&ouml;rden zur&uuml;ckzuf&uuml;hren w&auml;ren, bzw. dann gegebenenfalls als Antwort an sie zur&uuml;ckzuleiten sind. Das mag der Staat ausbaden.<br>Die pers&ouml;nliche Seite dessen jedoch, der das Unrecht verfolgt, sieht Kafka am deutlichsten: Da&szlig; die Verstickung des ordentlich&#150;rechtlich Denkenden die gr&ouml;&szlig;te Versuchung darstellt, weil der verstickte Denkende selbst in die Kategorien der Rechtsmaschinerie hineinf&auml;llt und ihre hermetische Vorstellungswelt &uuml;bernimmt und sich ihr anverwandelt.\n<\/p>\n<p>Ich interpretiere jetzt also den Aufrechten Gang: es geht beim aufrechten Gang nicht einfach nur um ein trotzig erhobenes Haupt. Denn erhobenen Hauptes hat schon mancher T&auml;ter get&ouml;tet,&nbsp; und ist auch manches Opfer zur Hinrichtung bereit gewesen. Das Aufrecht&#150;Dastehen allein nutzt nur wenig und erleichtert eher den Henkern ihr Handwerk. Sondern der aufrechte Gang soll tats&auml;chlich Gehen. Und sich &Uuml;berblick verschaffen.\n<\/p>\n<p>Warum ist denn das so schwer? Haben wir nicht alle unendlich viele Western gesehen, in denen der Held sich als einziger gegen das ganz Geschmei&szlig; von korrupten Sheriffs und Richtern stellt, die aus Abh&auml;ngigkeit zum jeweiligen Herrn des Territoriums ihre &Auml;mter mi&szlig;brauchen(?)! Es ist doch ganz unm&ouml;glich, ein gewisses Alter zu erreichen, ohne dergleichen Abenteuerfilme bis hin zu Bond und Eastern zu kennen. Wie kommt es, da&szlig; diese vielen Filme und Romane &auml;hnlicher&nbsp; Art, unter denen ja auch einige gute waren, da&szlig; sie uns nicht zu einem Volk mutiger Individualisten erzogen haben? Wie kommt es denn, da&szlig; wir uns menschenunw&uuml;rdige Vorschriften machen lassen, Vorschriften, die sogar unserem Gesetz widersprechen wie z.B. dem Grundgesetz der Religionsfreiheit?\n<\/p>\n<p>Soviel ich habe herausbringen k&ouml;nnen, sind auch beide Eheleute Obermeier nicht als Helden geboren worden. Beide Mitte der 50 Jahre zur Welt gekommen, Zhung Yee Tang in Honkong, Sepp Obermeier in Bruckm&uuml;hl, beide mit religi&ouml;ser Erziehung. Sie haben ihre Berufe erlernt, sie Industriekauffrau, er Ingenieur, also normale Menschen im besten und harmlosesten Sinne dieses Wortes. Und ich kann auch nichts Ungew&ouml;hnliches daran erkennen, da&szlig; beide zur Kirche in Distanz gingen, bzw., austraten, da haben sie ja noch ein paar Millionen Deutsche an ihrer Seite. Ich wei&szlig; also nicht, was es genau ist, was diese beiden an den entscheidenden Punkt gebracht hat, wo pl&ouml;tzlich der Aufrechte Gang, das bewu&szlig;te, aufrechte Gehen begann. Ich wei&szlig; nicht einmal, ob sie nun heute &uuml;berhaupt als &#132;Helden&#147; verstanden werden wollen. Ich vermute, es w&auml;re ihnen fast lieber, wenn ihr Kampf jetzt mit einem fairen Angebot beendet werden k&ouml;nnte, wenn das Anliegen auf Ruhe vor religi&ouml;ser Verfolgung anerkannt, und die Familie wieder ohne irgendeinen Sonderstatus mit den Nachbarn in Frieden leben d&uuml;rfte. Und der heutige Preis kann vielleicht nur ein wenig dazu beitragen, da&szlig; die Dem&uuml;tigungen nicht &uuml;berhand nehmen, oder da&szlig; doch wenigstens die Ermutigung sie besser ertragen hilft, bis es &#151; hoffentlich bald &#151; ausgestanden ist.\n<\/p>\n<p>Warum also &#151; die Frage ist noch nicht beantwortet &#151; braucht es bei uns so viel Mut, einen eigenen ersten Schritt zu tun und den Aufrechten Gang zu beginnen? Leben wir nicht in aufgekl&auml;rten Zeiten, haben wir nicht die Demokratie und den Rechtsstaat, und ist nicht heute eher zu viel erlaubt auf allen Feldern als zu als zu wenig?\n<\/p>\n<p>Die Antwort hei&szlig;t, wohl haben wir aufgekl&auml;rte Zeiten und Demokratie und Rechtsstaat, und vieles ist erlaubt, das fr&uuml;her verboten war &#151; aber, das sind papierene Worte, blo&szlig;e W&ouml;rter, wenn nicht konkrete Menschen im einzelnen konkreten Fall den Mut aufbringen, die Regeln in Frage zu stellen. All die genannten edlen Begriffe sind nichts wert, und die Normen, f&uuml;r die sie stehen, k&ouml;nnen &uuml;ber Nacht gestrichen werden, wenn wir die wesentliche Essenz nicht begreifen, da&szlig; die Minderheit lebensnotwendig ist. Denn sonst w&auml;ren wir eine blo&szlig;e Massengesellschaft. Es ist erschreckend, da&szlig; ein Bischof seinerzeit ank&uuml;ndigen konnte, er wolle daf&uuml;r sorgen, da&szlig; uns bayerischen Christen nicht von einer verschwindend kleinen Minderheit egoistische Einschr&auml;nkungen diktiert werden (Eder, Passau).\n<\/p>\n<p>Und folgerichtig wurde sogleich eine der zentralen Errungenschaften der europ&auml;ischen Kultur und Grundlage aller sp&auml;teren Aufkl&auml;rung mit einem Federstrich preisgegeben und geleugnet, n&auml;mlich die Trennung von Kirche und Staat. Die im Investiturstreit unseres Mittelalters durchgek&auml;mpfte Entscheidung, die uns eben jahrhundertelang vor einem Fundamentalismus nach islamischen Vorbild bewahrt hat, und die essentiell europ&auml;isch ist, besagt, da&szlig; der Staat in kirchlichen Dingen und die Kirche in staatlichen Dingen nichts zu suchen habe. Und wenn die Gesellschaft vergi&szlig;t, da&szlig; immer jemand da sein mu&szlig;, der es wagt, anders zu handeln als es seine Umgebung tut, dann erstarrt sie zum Termitenstaat und geht zugrunde. Es ist daher nicht blo&szlig; eine Gefahr, sondern einer reale Bedrohung unserer kulturellen Grundlagen, wenn der Zusammenhang von Minderheitenschutz und Demokratie nicht mehr gesehen, ja sogar in sein Gegenteil verkehrt wird, wie es viele bayerische Politiker damals offenbart haben. Einer sprach von der Bevormundung der Mehrheit durch ein kleine Minderheit. (Freller, CSU)<br>(Schon wieder h&ouml;ren Sie hier von der &#132;kleinen&#147;, von der &#132;verschwindend kleinen&#147; Minderheit &#150; ganz offenbar ist hier der Wunsch der Vater des Gedankens: sie soll doch verschwinden, diese kleine Minderheit, denken sie.) In der Massengesellschaft k&ouml;nnte eigentlich konsequenterweise die aufwendige Prozedur von demokratischen Wahlen durch demoskopische Befragungen ersetzt werden. Manche scheinen das anzustreben. Und Gesetze br&auml;uchten dann blo&szlig; noch die Ergebnisse der Mehrheitsmeinung als blo&szlig;e Ausf&uuml;hrungsbestimmungen direkt an die Polizei geben.\n<\/p>\n<p>Hier wird schon ungef&auml;hr deutlich, warum es heute immer schwerer wird, seine individuellen Rechte zu nutzen (&uuml;brigens nicht nur egoistisch, sondern wom&ouml;glich auch zum Wohle der Anderen, z.B. wenn man pers&ouml;nlich etwas Neues testet); schwerer auch dort, wo es formal rechtlich noch m&ouml;glich w&auml;re: die Massengesellschaft.<br>Vielleicht l&auml;&szlig;t sich dieses Ph&auml;nomen mit einer positiven Beschreibung eines unverd&auml;chtigen Zeugen besser angehen. Vor 200 Jahren konnte Goethe noch sagen:<br>&#132;Was nicht originell ist, daran ist nichts gelegen. Was aber originell ist, tr&auml;gt immer die Gebrechen des Individuums an sich&#147;.<br>Er war sich sicher, da&szlig; an jedem Menschen das jeweils Besondere das Wertvollste war. Und f&uuml;r dieses nahm man diese oder jene Schrulligkeit liberal in Kauf. Heute kommunizieren wir umgekehrt vorallem das, was wir alle gemeinsam haben. Der Begriff des Originals ist schon Anfang des Jahrhunderts aufs Skurrile herunter gekommen. Heute werden andererseits die Gebrechen des Individuums entweder ganz wegretuschiert oder sie werden im Gegenteil zum eigenen Stil aufgebauscht, der aber dann als Typ festgenagelt ist. <br>Heute leben wir in einer Beifalls&#150;Kultur. Sie k&ouml;nnen im Fernsehen fast keine Gespr&auml;chsrunde mehr sehen, wo nicht nach jedem Redebeitrag das Publikum durch Beifallskundgebungen eine Wertung abgibt. Ein normales Gespr&auml;ch wie unter Fachkollegen oder unter Freunden oder gar in der Familie ist dadurch unm&ouml;glich. Gut oder schlecht hei&szlig;t sofort die Frage, nachklingen lassen, nach&#150;denken im Sinne von hinterher noch denken wird abgehackt und ist damit als Thema abgehakt. Inzwischen hat sich das, was ich zun&auml;chst f&uuml;r eine Unsitte hielt, auch auf &ouml;ffentliche Podien ohne Fernsehen &uuml;bertragen. Das Publikum lauscht nicht mehr gespannt dem Hin und Wider der Argumente, sondern urteilt &uuml;ber jedes St&uuml;ck des Schlagabtausches einzeln wie bei einem Ballwechsel im Sport. Die Wirkung dieser Reglementierung ist enorm. Der Beifall ist das Fallbeil. Die Gespr&auml;chsteilnehmer begegnen sich nicht mehr, keiner kann einen anderen auf eine Gedankenreise mitnehmen (dies schon wegen der Redezeiten nicht), nie kann einer mitgehen oder gar nachgeben, niemand sagt mehr etwas Individuelles oder gar Neues, sondern alle stellen zusammen ein nettes Mosaikmuster her aus vorher mitgebrachten Textbausteinen.<br>Das Symbol dieser Applaus&#150;Kultur ist die Beifalls&#150;Konserve vom Band, das jederzeit einspielbare Klatschen und Lachen eines Publikums, das in vielen F&auml;llen schon gar nicht mehr gezeigt wird, also gar nicht da ist. Was keinen Beifall erh&auml;lt, existiert nicht.<br>Aber eines scheint mir klar: In einer solchen Kultur hat nur derjenige eine Chance, der sofort ankommt, gleichg&uuml;ltig ob Politiker oder K&uuml;nstler oder Journalist. F&uuml;r den Mut den einer erst noch fassen mu&szlig;, seinen eigenen aufrechten Gang zu beginnen, sind diese Umst&auml;nde &auml;u&szlig;erst ung&uuml;nstig. Umso erstaunlicher ist es, da&szlig; es doch Menschen wie Obermeiers gibt, denen der Aufrechte Gang nat&uuml;rlich ist.\n<\/p>\n<p>Denn zum Entwickeln braucht jedes lebendige Organ und erst recht der Geist des Menschen einen gesch&uuml;tzten Zwischenraum. Auch Gedanken&#150;Vorstellungen m&uuml;ssen geprobt werden, Phantasier&auml;ume m&uuml;ssen eingerichtet werden. Daf&uuml;r hat die Beifallskultur keine Zeit, keine Geduld, keine Phantasie. Wer sich gar nicht mehr aufgefordert f&uuml;hlt, ein Anderes als das ihm Gewohnte zu denken, sondern nur noch alles durchcheckt Ist&#150;meine&#150;Meinung\/Ist&#150;nicht&#150;meine&#150;Meinung, pa&szlig;t\/pa&szlig;t&#150;nicht, wie soll der &uuml;berhaupt auf die Idee kommen, da&szlig; ihm etwas fehlt &#151; au&szlig;er Geld. Insofern ist der klassische Kampf gegen das Unrecht ein Nichts, verglichen mit dem jetzigen Kampf gegen die kulturell best&auml;tigte, gediegene Phantasielosigkeit.&nbsp; Der Daumen des Nero mutiert vom Vollstreckungsorgan (bzw. Anzeige, was zu vollstecken sei) zum Wahrheitsfindungsinstrument, sozusagen die armseligste W&uuml;nschelrute, die es je gab.&nbsp; Ich will das hier nicht zu Ende denken. Eine schuldunf&auml;hige Gesellschaft zeichnet sich ab. Immer seltener will jemand begr&uuml;nden, warum er etwas tut; immer h&auml;ufiger h&ouml;rt man stattdessen &#132;Warum nicht?&#147;. Karl Kraus hat es wohl schon kommen sehen, als er einst sagte: &#132;Als gr&ouml;&szlig;tes Erschwernis hat mir immer gegolten, da&szlig; einer nichts daf&uuml;r gekonnt hat&#147;. <br>Umso mehr m&uuml;ssen wir, glaube ich, den Obermeiers dankbar sein, da&szlig; sie in ihrem Bruckm&uuml;hl, ohne auf irgendeinen Beifall hoffen zu k&ouml;nnen, also doppelt unzeitgem&auml;&szlig;, den Kampf gegen die unheilige Allianz aus falscher Theologie, falscher Rechtsprechung und falscher Kulturpolitik begonnen und dazu noch so lange durchgehalten haben. \n<\/p>\n<p>Ich danke Ihnen.\n<\/p>\n<p>M&uuml;nchen, Seidlvilla, 28.1.1999<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/buergerrechtspreise\/aufrechter-gang\/1998\/laudatio-fuer-sepp-obermeier-und-chung-yee-tang-obermeier\/\">Nach oben<\/a><\/p>","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/buergerrechtspreise\/aufrechter-gang\/1998\/laudatio-fuer-sepp-obermeier-und-chung-yee-tang-obermeier\/","name":"Laudatio f\u00fcr Sepp Obermeier und Chung Yee Tang-Obermeier","slug":"laudatio-fuer-sepp-obermeier-und-chung-yee-tang-obermeier","taxonomy":"category","parent":2649,"meta":[],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Laudatio f\u00fcr Sepp Obermeier und Chung Yee Tang-Obermeier Archive - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/buergerrechtspreise\/aufrechter-gang\/1998\/laudatio-fuer-sepp-obermeier-und-chung-yee-tang-obermeier\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Laudatio f\u00fcr Sepp Obermeier und Chung Yee Tang-Obermeier Archive - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Laudatio f&uuml;r Sepp Obermeier und Chung Yee Tang-Obermeier von Klaus von Welser &nbsp; Sehr geehrte Frau Tang&#150;Obermeier, sehr geehrter Herr Obermeier,meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn es ein &#132;Brehms Tierleben&#147; vom Menschen g&auml;be, so m&uuml;&szlig;te darin sicherlich der Satz stehen: Der aufrechte Gang ist dem Menschen nat&uuml;rlich. 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Warum sollen also wir nicht eine noch viel &auml;ltere Erfindung feiern, noch dazu eine, die von derart konstituierender Grunds&auml;tzlichkeit f&uuml;r die Menschheit ist? Praktisch die Geburt der Menschheit. Weil nun aber der Geburtstag des Aufrechten Ganges nicht bekannt ist, hat sich die Humanistische Union etwas anderes ausgedacht, um einem weit verbreiteten Bed&uuml;rfnis zu helfen: Das Ehepaar Obermeier, als Vertreter des Aufrechten Ganges. Niemand kann bestreiten, da&szlig; Obermeiers aufrecht gehen, jedenfalls haben wir sie senkrecht hier hereinkommen sehen. Aber es gibt kein &#132;Brehms Tierleben&#147; vom Menschen, dazu ist der Mensch zu wenig verl&auml;&szlig;lich im Vergleich mit den Tieren. Und deswegen hat beim Menschen alles eine mehrfache Bedeutung, einen nat&uuml;rliche und eine geistige; und daher ist auch der Aufrechte Gang des Menschen dem Menschen zwar nat&uuml;rlich, aber nicht selbstverst&auml;ndlich. Er kann auch kriechen und er kann auch fliegen, und alles das in mehrfacher Bedeutung. Bevor wir uns aber ganz auf die metaphorische Ebene einlassen, wo Aufrechter Gang so viel bedeutet wie aufrichtig, moralisch, integer, tapfer, lassen Sie uns noch einen Moment auf der konkreten Bildebene bleiben. Auch das senkrechte Gehen mu&szlig; jeder Mensch erst lernen und zwar von Kindesbeinen an &#151; und schlimmer: mit Kindes-Beinen, d.h. mit noch geringen Muskeln in den Beinen. Und das genau ist die Krux. Er braucht am Anfang Hilfe und Geduld und Ermutigung. Ein Kaspar Hauser unter W&ouml;lfen w&uuml;rde das senkrechte Gehen wohl nicht erlernen. Noch eine Krux. Das Ehepaar Obermeier lebt in Bruckm&uuml;hl. Eine Tochter geht dort zur Schule. Seit 1995 k&auml;mpfen Obermeiers darum, da&szlig; in den Klassenr&auml;umen keine Kreuze h&auml;ngen. Zun&auml;chst schien es, als h&auml;tten sie Erfolg. Im August 1995 hatte das Bundesverfassungsgericht seinen ber&uuml;hmten Beschlu&szlig; ver&ouml;ffentlicht, da&szlig; die Vorschrift im Bayerischen Schulrecht, wonach in jedem Klassenzimmer ein Kreuz anzubringen ist, &#132;mit dem Grundgesetz unvereinbar und nichtig&#147; ist. Das Verwaltungsgericht M&uuml;nchen erlie&szlig; eine entsprechende Einstweilige Anordnung, die Schule in Bruckm&uuml;hl sperrte sich erst, leistete aber doch Folge, wenngleich nur auf Androhung von Zwangsma&szlig;nahmen. Dann, durch das neue bayerische Kruzifixgesetz bricht der Streit erneut aus. Nach langem Hin und Her gelangt auf dem Weg &uuml;ber das Bayerische Verwaltungsgericht die Sache endlich beim Bundesverwaltungsgericht. Dort wird m&ouml;glicherweise in diesem Fr&uuml;hjahr entschieden.Zur zeit&#150; und geldraubenden gerichtlichen Auseinandersetzung kommen weitere mit Schulbeh&ouml;rde, Religionslehrerin, Elternbeirat. Demonstratives Tragen gro&szlig;er Pappkreuze auf Anleitung der Religionslehrerin. Eine andere Lehrerin weigert sich, die Tochter zu unterrichten. Statt die Lehrerin zu versetzen, will die Schule die Tochter versetzen. Telefonate, Beschwerden, keine Einigung. Dann der gro&szlig;e Coup: gegen&uuml;ber dem Hause der Obermeiers wird ein &uuml;berdimensionales Kreuz errichtet, damit sie es st&auml;ndig vor Augen haben. Auch hier wieder gerichtliche Auseinandersetzungen, nat&uuml;rlich erfolglos, weil Privatgrundst&uuml;ck, aber nicht folgenlos f&uuml;r die Menschen. Was sagt man zu solcher Provokation? Man sagt zum Beispiel einen Satz von Lichtenberg: &#8222;Es ist nicht merkw&uuml;rdig, da&szlig; die Menschen so gern f&uuml;r die Religion fechten und so ungern nach ihren Vorschriften leben?&#8220;So viel Rechthaberei, Drohbriefe, Auftritte, Ausschmieren und Anschmieren, Nasedrehn und Bedrohen, Nicht&#150;mehr&#150;miteinander&#150;Reden und Hinterm&#150;R&uuml;cken&#150;Tuscheln, skurrile Unterstellung, Absurdes allt&auml;glich, nicht zu fassen. Es ist begrifflich nicht zu fassen und praktisch nicht zu bew&auml;ltigen. Das Schlimmste dabei ist, da&szlig; das abf&auml;rben mu&szlig;. Auch der Beste mu&szlig; in einem solchen Morast ausrutschen und Fehler machen &#151; die nat&uuml;rlich erst recht genutzt werden.&nbsp; Unversehens wird man nicht nur handgemein, sondern auch gemein. Unversehens wird die Geschichte eines solchen Kampfes auch das eigene Leben pr&auml;gen. Das ist das Kafkaeske, und niemand wu&szlig;te das besser &#151; als eben Kafka. Ich denke, es ist kein Zufall, da&szlig; Kafkas Liebligsbuch der Michael Kohlhaas von Kleist war. Denn der Kampf gegen das offensichtliche Unrecht verstrickt den Geist zutiefst und ver&auml;ndert ihn. Der Einstieg in eine solche Geschichte kann zun&auml;chst noch durch ein einfaches Gef&uuml;hlsparadox markiert sein, wie es Schiller anf&uuml;hrt: &#8222;Unrecht leiden, schmeichelt edlen Seelen&#8220;. Das mag nicht jedermanns Geschmack sein, aber es ist ein Widerspruch, nicht schwerer zu verstehen wie ein wohliger Zahnschmerz.Kleist aber geht weiter und beschreibt die unerh&ouml;rte Disziplin der kalten Wut. Sie kann sich zum Unheil auswachsen, gerade weil sie nicht unm&auml;&szlig;ig auf Rache zielt und verdampft, sondern &#132;nur&#147; auf dem Recht besteht, und daher &#151; solange nicht befriedigt &#151; scheinbar bescheiden mit verbissnem Mund st&auml;ndig Zinsen aufh&auml;uft, wieder ein Unrecht, eins gemerkt, bis das Unrechtskonto schlie&szlig;lich globale Ausma&szlig;e erreicht hat. Im Fall Bruckm&uuml;hl stecken durchaus einige Aspekte Kohlhass&#150;Konsequenzen, die auf die Arroganz der Beh&ouml;rden zur&uuml;ckzuf&uuml;hren w&auml;ren, bzw. dann gegebenenfalls als Antwort an sie zur&uuml;ckzuleiten sind. Das mag der Staat ausbaden.Die pers&ouml;nliche Seite dessen jedoch, der das Unrecht verfolgt, sieht Kafka am deutlichsten: Da&szlig; die Verstickung des ordentlich&#150;rechtlich Denkenden die gr&ouml;&szlig;te Versuchung darstellt, weil der verstickte Denkende selbst in die Kategorien der Rechtsmaschinerie hineinf&auml;llt und ihre hermetische Vorstellungswelt &uuml;bernimmt und sich ihr anverwandelt. Ich interpretiere jetzt also den Aufrechten Gang: es geht beim aufrechten Gang nicht einfach nur um ein trotzig erhobenes Haupt. Denn erhobenen Hauptes hat schon mancher T&auml;ter get&ouml;tet,&nbsp; und ist auch manches Opfer zur Hinrichtung bereit gewesen. Das Aufrecht&#150;Dastehen allein nutzt nur wenig und erleichtert eher den Henkern ihr Handwerk. Sondern der aufrechte Gang soll tats&auml;chlich Gehen. Und sich &Uuml;berblick verschaffen. Warum ist denn das so schwer? Haben wir nicht alle unendlich viele Western gesehen, in denen der Held sich als einziger gegen das ganz Geschmei&szlig; von korrupten Sheriffs und Richtern stellt, die aus Abh&auml;ngigkeit zum jeweiligen Herrn des Territoriums ihre &Auml;mter mi&szlig;brauchen(?)! Es ist doch ganz unm&ouml;glich, ein gewisses Alter zu erreichen, ohne dergleichen Abenteuerfilme bis hin zu Bond und Eastern zu kennen. Wie kommt es, da&szlig; diese vielen Filme und Romane &auml;hnlicher&nbsp; Art, unter denen ja auch einige gute waren, da&szlig; sie uns nicht zu einem Volk mutiger Individualisten erzogen haben? Wie kommt es denn, da&szlig; wir uns menschenunw&uuml;rdige Vorschriften machen lassen, Vorschriften, die sogar unserem Gesetz widersprechen wie z.B. dem Grundgesetz der Religionsfreiheit? Soviel ich habe herausbringen k&ouml;nnen, sind auch beide Eheleute Obermeier nicht als Helden geboren worden. Beide Mitte der 50 Jahre zur Welt gekommen, Zhung Yee Tang in Honkong, Sepp Obermeier in Bruckm&uuml;hl, beide mit religi&ouml;ser Erziehung. Sie haben ihre Berufe erlernt, sie Industriekauffrau, er Ingenieur, also normale Menschen im besten und harmlosesten Sinne dieses Wortes. Und ich kann auch nichts Ungew&ouml;hnliches daran erkennen, da&szlig; beide zur Kirche in Distanz gingen, bzw., austraten, da haben sie ja noch ein paar Millionen Deutsche an ihrer Seite. Ich wei&szlig; also nicht, was es genau ist, was diese beiden an den entscheidenden Punkt gebracht hat, wo pl&ouml;tzlich der Aufrechte Gang, das bewu&szlig;te, aufrechte Gehen begann. Ich wei&szlig; nicht einmal, ob sie nun heute &uuml;berhaupt als &#132;Helden&#147; verstanden werden wollen. Ich vermute, es w&auml;re ihnen fast lieber, wenn ihr Kampf jetzt mit einem fairen Angebot beendet werden k&ouml;nnte, wenn das Anliegen auf Ruhe vor religi&ouml;ser Verfolgung anerkannt, und die Familie wieder ohne irgendeinen Sonderstatus mit den Nachbarn in Frieden leben d&uuml;rfte. Und der heutige Preis kann vielleicht nur ein wenig dazu beitragen, da&szlig; die Dem&uuml;tigungen nicht &uuml;berhand nehmen, oder da&szlig; doch wenigstens die Ermutigung sie besser ertragen hilft, bis es &#151; hoffentlich bald &#151; ausgestanden ist. Warum also &#151; die Frage ist noch nicht beantwortet &#151; braucht es bei uns so viel Mut, einen eigenen ersten Schritt zu tun und den Aufrechten Gang zu beginnen? Leben wir nicht in aufgekl&auml;rten Zeiten, haben wir nicht die Demokratie und den Rechtsstaat, und ist nicht heute eher zu viel erlaubt auf allen Feldern als zu als zu wenig? Die Antwort hei&szlig;t, wohl haben wir aufgekl&auml;rte Zeiten und Demokratie und Rechtsstaat, und vieles ist erlaubt, das fr&uuml;her verboten war &#151; aber, das sind papierene Worte, blo&szlig;e W&ouml;rter, wenn nicht konkrete Menschen im einzelnen konkreten Fall den Mut aufbringen, die Regeln in Frage zu stellen. All die genannten edlen Begriffe sind nichts wert, und die Normen, f&uuml;r die sie stehen, k&ouml;nnen &uuml;ber Nacht gestrichen werden, wenn wir die wesentliche Essenz nicht begreifen, da&szlig; die Minderheit lebensnotwendig ist. Denn sonst w&auml;ren wir eine blo&szlig;e Massengesellschaft. Es ist erschreckend, da&szlig; ein Bischof seinerzeit ank&uuml;ndigen konnte, er wolle daf&uuml;r sorgen, da&szlig; uns bayerischen Christen nicht von einer verschwindend kleinen Minderheit egoistische Einschr&auml;nkungen diktiert werden (Eder, Passau). Und folgerichtig wurde sogleich eine der zentralen Errungenschaften der europ&auml;ischen Kultur und Grundlage aller sp&auml;teren Aufkl&auml;rung mit einem Federstrich preisgegeben und geleugnet, n&auml;mlich die Trennung von Kirche und Staat. Die im Investiturstreit unseres Mittelalters durchgek&auml;mpfte Entscheidung, die uns eben jahrhundertelang vor einem Fundamentalismus nach islamischen Vorbild bewahrt hat, und die essentiell europ&auml;isch ist, besagt, da&szlig; der Staat in kirchlichen Dingen und die Kirche in staatlichen Dingen nichts zu suchen habe. Und wenn die Gesellschaft vergi&szlig;t, da&szlig; immer jemand da sein mu&szlig;, der es wagt, anders zu handeln als es seine Umgebung tut, dann erstarrt sie zum Termitenstaat und geht zugrunde. Es ist daher nicht blo&szlig; eine Gefahr, sondern einer reale Bedrohung unserer kulturellen Grundlagen, wenn der Zusammenhang von Minderheitenschutz und Demokratie nicht mehr gesehen, ja sogar in sein Gegenteil verkehrt wird, wie es viele bayerische Politiker damals offenbart haben. Einer sprach von der Bevormundung der Mehrheit durch ein kleine Minderheit. (Freller, CSU)(Schon wieder h&ouml;ren Sie hier von der &#132;kleinen&#147;, von der &#132;verschwindend kleinen&#147; Minderheit &#150; ganz offenbar ist hier der Wunsch der Vater des Gedankens: sie soll doch verschwinden, diese kleine Minderheit, denken sie.) In der Massengesellschaft k&ouml;nnte eigentlich konsequenterweise die aufwendige Prozedur von demokratischen Wahlen durch demoskopische Befragungen ersetzt werden. Manche scheinen das anzustreben. Und Gesetze br&auml;uchten dann blo&szlig; noch die Ergebnisse der Mehrheitsmeinung als blo&szlig;e Ausf&uuml;hrungsbestimmungen direkt an die Polizei geben. Hier wird schon ungef&auml;hr deutlich, warum es heute immer schwerer wird, seine individuellen Rechte zu nutzen (&uuml;brigens nicht nur egoistisch, sondern wom&ouml;glich auch zum Wohle der Anderen, z.B. wenn man pers&ouml;nlich etwas Neues testet); schwerer auch dort, wo es formal rechtlich noch m&ouml;glich w&auml;re: die Massengesellschaft.Vielleicht l&auml;&szlig;t sich dieses Ph&auml;nomen mit einer positiven Beschreibung eines unverd&auml;chtigen Zeugen besser angehen. Vor 200 Jahren konnte Goethe noch sagen:&#132;Was nicht originell ist, daran ist nichts gelegen. Was aber originell ist, tr&auml;gt immer die Gebrechen des Individuums an sich&#147;.Er war sich sicher, da&szlig; an jedem Menschen das jeweils Besondere das Wertvollste war. Und f&uuml;r dieses nahm man diese oder jene Schrulligkeit liberal in Kauf. Heute kommunizieren wir umgekehrt vorallem das, was wir alle gemeinsam haben. Der Begriff des Originals ist schon Anfang des Jahrhunderts aufs Skurrile herunter gekommen. Heute werden andererseits die Gebrechen des Individuums entweder ganz wegretuschiert oder sie werden im Gegenteil zum eigenen Stil aufgebauscht, der aber dann als Typ festgenagelt ist. Heute leben wir in einer Beifalls&#150;Kultur. Sie k&ouml;nnen im Fernsehen fast keine Gespr&auml;chsrunde mehr sehen, wo nicht nach jedem Redebeitrag das Publikum durch Beifallskundgebungen eine Wertung abgibt. Ein normales Gespr&auml;ch wie unter Fachkollegen oder unter Freunden oder gar in der Familie ist dadurch unm&ouml;glich. Gut oder schlecht hei&szlig;t sofort die Frage, nachklingen lassen, nach&#150;denken im Sinne von hinterher noch denken wird abgehackt und ist damit als Thema abgehakt. Inzwischen hat sich das, was ich zun&auml;chst f&uuml;r eine Unsitte hielt, auch auf &ouml;ffentliche Podien ohne Fernsehen &uuml;bertragen. Das Publikum lauscht nicht mehr gespannt dem Hin und Wider der Argumente, sondern urteilt &uuml;ber jedes St&uuml;ck des Schlagabtausches einzeln wie bei einem Ballwechsel im Sport. Die Wirkung dieser Reglementierung ist enorm. Der Beifall ist das Fallbeil. Die Gespr&auml;chsteilnehmer begegnen sich nicht mehr, keiner kann einen anderen auf eine Gedankenreise mitnehmen (dies schon wegen der Redezeiten nicht), nie kann einer mitgehen oder gar nachgeben, niemand sagt mehr etwas Individuelles oder gar Neues, sondern alle stellen zusammen ein nettes Mosaikmuster her aus vorher mitgebrachten Textbausteinen.Das Symbol dieser Applaus&#150;Kultur ist die Beifalls&#150;Konserve vom Band, das jederzeit einspielbare Klatschen und Lachen eines Publikums, das in vielen F&auml;llen schon gar nicht mehr gezeigt wird, also gar nicht da ist. Was keinen Beifall erh&auml;lt, existiert nicht.Aber eines scheint mir klar: In einer solchen Kultur hat nur derjenige eine Chance, der sofort ankommt, gleichg&uuml;ltig ob Politiker oder K&uuml;nstler oder Journalist. F&uuml;r den Mut den einer erst noch fassen mu&szlig;, seinen eigenen aufrechten Gang zu beginnen, sind diese Umst&auml;nde &auml;u&szlig;erst ung&uuml;nstig. Umso erstaunlicher ist es, da&szlig; es doch Menschen wie Obermeiers gibt, denen der Aufrechte Gang nat&uuml;rlich ist. Denn zum Entwickeln braucht jedes lebendige Organ und erst recht der Geist des Menschen einen gesch&uuml;tzten Zwischenraum. Auch Gedanken&#150;Vorstellungen m&uuml;ssen geprobt werden, Phantasier&auml;ume m&uuml;ssen eingerichtet werden. Daf&uuml;r hat die Beifallskultur keine Zeit, keine Geduld, keine Phantasie. Wer sich gar nicht mehr aufgefordert f&uuml;hlt, ein Anderes als das ihm Gewohnte zu denken, sondern nur noch alles durchcheckt Ist&#150;meine&#150;Meinung\/Ist&#150;nicht&#150;meine&#150;Meinung, pa&szlig;t\/pa&szlig;t&#150;nicht, wie soll der &uuml;berhaupt auf die Idee kommen, da&szlig; ihm etwas fehlt &#151; au&szlig;er Geld. Insofern ist der klassische Kampf gegen das Unrecht ein Nichts, verglichen mit dem jetzigen Kampf gegen die kulturell best&auml;tigte, gediegene Phantasielosigkeit.&nbsp; Der Daumen des Nero mutiert vom Vollstreckungsorgan (bzw. Anzeige, was zu vollstecken sei) zum Wahrheitsfindungsinstrument, sozusagen die armseligste W&uuml;nschelrute, die es je gab.&nbsp; Ich will das hier nicht zu Ende denken. Eine schuldunf&auml;hige Gesellschaft zeichnet sich ab. Immer seltener will jemand begr&uuml;nden, warum er etwas tut; immer h&auml;ufiger h&ouml;rt man stattdessen &#132;Warum nicht?&#147;. Karl Kraus hat es wohl schon kommen sehen, als er einst sagte: &#132;Als gr&ouml;&szlig;tes Erschwernis hat mir immer gegolten, da&szlig; einer nichts daf&uuml;r gekonnt hat&#147;. Umso mehr m&uuml;ssen wir, glaube ich, den Obermeiers dankbar sein, da&szlig; sie in ihrem Bruckm&uuml;hl, ohne auf irgendeinen Beifall hoffen zu k&ouml;nnen, also doppelt unzeitgem&auml;&szlig;, den Kampf gegen die unheilige Allianz aus falscher Theologie, falscher Rechtsprechung und falscher Kulturpolitik begonnen und dazu noch so lange durchgehalten haben. Ich danke Ihnen. 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Sehr geehrte Frau Tang&#150;Obermeier, sehr geehrter Herr Obermeier,meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn es ein &#132;Brehms Tierleben&#147; vom Menschen g&auml;be, so m&uuml;&szlig;te darin sicherlich der Satz stehen: Der aufrechte Gang ist dem Menschen nat&uuml;rlich. Haben wir nicht im Biologieunterricht gelernt, da&szlig; es den Menschen vor dem Tier auszeichnet, da&szlig; er sich aufgerichtet hat(?)! Und mit dem aufrechten Gang habe er mehr &Uuml;berblick bekommen, (wobei ich nicht mehr wei&szlig;, was Ursache war, und was Wirkung). Und mit dem &Uuml;berblick wuchs das Gehirn, wie jedermann wei&szlig;. So erst wurde ja &uuml;berhaupt aus dem Tier der Mensch. Denn der Mensch ist eben das besondere Tier, das sich selbst gerne &uuml;ber sein Gehirn definiert.Insofern ist es leicht hirnrissig, da&szlig; wir hier den Aufrechten Gang feiern, als w&auml;r er eine neue Erfindung. Andererseits sollte das eigentlich niemanden st&ouml;ren. Wenn die Menschen zum Beispiel w&uuml;&szlig;ten, an welchem Tag das Rad erfunden worden ist, dann w&uuml;rden sie es sicherlich auch jedes Jahr feiern und alle hundert Jahre bestimmt nochmals extra. Warum sollen also wir nicht eine noch viel &auml;ltere Erfindung feiern, noch dazu eine, die von derart konstituierender Grunds&auml;tzlichkeit f&uuml;r die Menschheit ist? Praktisch die Geburt der Menschheit. Weil nun aber der Geburtstag des Aufrechten Ganges nicht bekannt ist, hat sich die Humanistische Union etwas anderes ausgedacht, um einem weit verbreiteten Bed&uuml;rfnis zu helfen: Das Ehepaar Obermeier, als Vertreter des Aufrechten Ganges. Niemand kann bestreiten, da&szlig; Obermeiers aufrecht gehen, jedenfalls haben wir sie senkrecht hier hereinkommen sehen. Aber es gibt kein &#132;Brehms Tierleben&#147; vom Menschen, dazu ist der Mensch zu wenig verl&auml;&szlig;lich im Vergleich mit den Tieren. Und deswegen hat beim Menschen alles eine mehrfache Bedeutung, einen nat&uuml;rliche und eine geistige; und daher ist auch der Aufrechte Gang des Menschen dem Menschen zwar nat&uuml;rlich, aber nicht selbstverst&auml;ndlich. Er kann auch kriechen und er kann auch fliegen, und alles das in mehrfacher Bedeutung. Bevor wir uns aber ganz auf die metaphorische Ebene einlassen, wo Aufrechter Gang so viel bedeutet wie aufrichtig, moralisch, integer, tapfer, lassen Sie uns noch einen Moment auf der konkreten Bildebene bleiben. Auch das senkrechte Gehen mu&szlig; jeder Mensch erst lernen und zwar von Kindesbeinen an &#151; und schlimmer: mit Kindes-Beinen, d.h. mit noch geringen Muskeln in den Beinen. Und das genau ist die Krux. Er braucht am Anfang Hilfe und Geduld und Ermutigung. Ein Kaspar Hauser unter W&ouml;lfen w&uuml;rde das senkrechte Gehen wohl nicht erlernen. Noch eine Krux. Das Ehepaar Obermeier lebt in Bruckm&uuml;hl. Eine Tochter geht dort zur Schule. Seit 1995 k&auml;mpfen Obermeiers darum, da&szlig; in den Klassenr&auml;umen keine Kreuze h&auml;ngen. Zun&auml;chst schien es, als h&auml;tten sie Erfolg. Im August 1995 hatte das Bundesverfassungsgericht seinen ber&uuml;hmten Beschlu&szlig; ver&ouml;ffentlicht, da&szlig; die Vorschrift im Bayerischen Schulrecht, wonach in jedem Klassenzimmer ein Kreuz anzubringen ist, &#132;mit dem Grundgesetz unvereinbar und nichtig&#147; ist. Das Verwaltungsgericht M&uuml;nchen erlie&szlig; eine entsprechende Einstweilige Anordnung, die Schule in Bruckm&uuml;hl sperrte sich erst, leistete aber doch Folge, wenngleich nur auf Androhung von Zwangsma&szlig;nahmen. Dann, durch das neue bayerische Kruzifixgesetz bricht der Streit erneut aus. Nach langem Hin und Her gelangt auf dem Weg &uuml;ber das Bayerische Verwaltungsgericht die Sache endlich beim Bundesverwaltungsgericht. Dort wird m&ouml;glicherweise in diesem Fr&uuml;hjahr entschieden.Zur zeit&#150; und geldraubenden gerichtlichen Auseinandersetzung kommen weitere mit Schulbeh&ouml;rde, Religionslehrerin, Elternbeirat. Demonstratives Tragen gro&szlig;er Pappkreuze auf Anleitung der Religionslehrerin. Eine andere Lehrerin weigert sich, die Tochter zu unterrichten. Statt die Lehrerin zu versetzen, will die Schule die Tochter versetzen. Telefonate, Beschwerden, keine Einigung. Dann der gro&szlig;e Coup: gegen&uuml;ber dem Hause der Obermeiers wird ein &uuml;berdimensionales Kreuz errichtet, damit sie es st&auml;ndig vor Augen haben. Auch hier wieder gerichtliche Auseinandersetzungen, nat&uuml;rlich erfolglos, weil Privatgrundst&uuml;ck, aber nicht folgenlos f&uuml;r die Menschen. Was sagt man zu solcher Provokation? Man sagt zum Beispiel einen Satz von Lichtenberg: &#8222;Es ist nicht merkw&uuml;rdig, da&szlig; die Menschen so gern f&uuml;r die Religion fechten und so ungern nach ihren Vorschriften leben?&#8220;So viel Rechthaberei, Drohbriefe, Auftritte, Ausschmieren und Anschmieren, Nasedrehn und Bedrohen, Nicht&#150;mehr&#150;miteinander&#150;Reden und Hinterm&#150;R&uuml;cken&#150;Tuscheln, skurrile Unterstellung, Absurdes allt&auml;glich, nicht zu fassen. Es ist begrifflich nicht zu fassen und praktisch nicht zu bew&auml;ltigen. Das Schlimmste dabei ist, da&szlig; das abf&auml;rben mu&szlig;. Auch der Beste mu&szlig; in einem solchen Morast ausrutschen und Fehler machen &#151; die nat&uuml;rlich erst recht genutzt werden.&nbsp; Unversehens wird man nicht nur handgemein, sondern auch gemein. Unversehens wird die Geschichte eines solchen Kampfes auch das eigene Leben pr&auml;gen. Das ist das Kafkaeske, und niemand wu&szlig;te das besser &#151; als eben Kafka. Ich denke, es ist kein Zufall, da&szlig; Kafkas Liebligsbuch der Michael Kohlhaas von Kleist war. Denn der Kampf gegen das offensichtliche Unrecht verstrickt den Geist zutiefst und ver&auml;ndert ihn. Der Einstieg in eine solche Geschichte kann zun&auml;chst noch durch ein einfaches Gef&uuml;hlsparadox markiert sein, wie es Schiller anf&uuml;hrt: &#8222;Unrecht leiden, schmeichelt edlen Seelen&#8220;. Das mag nicht jedermanns Geschmack sein, aber es ist ein Widerspruch, nicht schwerer zu verstehen wie ein wohliger Zahnschmerz.Kleist aber geht weiter und beschreibt die unerh&ouml;rte Disziplin der kalten Wut. Sie kann sich zum Unheil auswachsen, gerade weil sie nicht unm&auml;&szlig;ig auf Rache zielt und verdampft, sondern &#132;nur&#147; auf dem Recht besteht, und daher &#151; solange nicht befriedigt &#151; scheinbar bescheiden mit verbissnem Mund st&auml;ndig Zinsen aufh&auml;uft, wieder ein Unrecht, eins gemerkt, bis das Unrechtskonto schlie&szlig;lich globale Ausma&szlig;e erreicht hat. Im Fall Bruckm&uuml;hl stecken durchaus einige Aspekte Kohlhass&#150;Konsequenzen, die auf die Arroganz der Beh&ouml;rden zur&uuml;ckzuf&uuml;hren w&auml;ren, bzw. dann gegebenenfalls als Antwort an sie zur&uuml;ckzuleiten sind. Das mag der Staat ausbaden.Die pers&ouml;nliche Seite dessen jedoch, der das Unrecht verfolgt, sieht Kafka am deutlichsten: Da&szlig; die Verstickung des ordentlich&#150;rechtlich Denkenden die gr&ouml;&szlig;te Versuchung darstellt, weil der verstickte Denkende selbst in die Kategorien der Rechtsmaschinerie hineinf&auml;llt und ihre hermetische Vorstellungswelt &uuml;bernimmt und sich ihr anverwandelt. Ich interpretiere jetzt also den Aufrechten Gang: es geht beim aufrechten Gang nicht einfach nur um ein trotzig erhobenes Haupt. Denn erhobenen Hauptes hat schon mancher T&auml;ter get&ouml;tet,&nbsp; und ist auch manches Opfer zur Hinrichtung bereit gewesen. Das Aufrecht&#150;Dastehen allein nutzt nur wenig und erleichtert eher den Henkern ihr Handwerk. Sondern der aufrechte Gang soll tats&auml;chlich Gehen. Und sich &Uuml;berblick verschaffen. Warum ist denn das so schwer? Haben wir nicht alle unendlich viele Western gesehen, in denen der Held sich als einziger gegen das ganz Geschmei&szlig; von korrupten Sheriffs und Richtern stellt, die aus Abh&auml;ngigkeit zum jeweiligen Herrn des Territoriums ihre &Auml;mter mi&szlig;brauchen(?)! Es ist doch ganz unm&ouml;glich, ein gewisses Alter zu erreichen, ohne dergleichen Abenteuerfilme bis hin zu Bond und Eastern zu kennen. Wie kommt es, da&szlig; diese vielen Filme und Romane &auml;hnlicher&nbsp; Art, unter denen ja auch einige gute waren, da&szlig; sie uns nicht zu einem Volk mutiger Individualisten erzogen haben? Wie kommt es denn, da&szlig; wir uns menschenunw&uuml;rdige Vorschriften machen lassen, Vorschriften, die sogar unserem Gesetz widersprechen wie z.B. dem Grundgesetz der Religionsfreiheit? Soviel ich habe herausbringen k&ouml;nnen, sind auch beide Eheleute Obermeier nicht als Helden geboren worden. Beide Mitte der 50 Jahre zur Welt gekommen, Zhung Yee Tang in Honkong, Sepp Obermeier in Bruckm&uuml;hl, beide mit religi&ouml;ser Erziehung. Sie haben ihre Berufe erlernt, sie Industriekauffrau, er Ingenieur, also normale Menschen im besten und harmlosesten Sinne dieses Wortes. Und ich kann auch nichts Ungew&ouml;hnliches daran erkennen, da&szlig; beide zur Kirche in Distanz gingen, bzw., austraten, da haben sie ja noch ein paar Millionen Deutsche an ihrer Seite. Ich wei&szlig; also nicht, was es genau ist, was diese beiden an den entscheidenden Punkt gebracht hat, wo pl&ouml;tzlich der Aufrechte Gang, das bewu&szlig;te, aufrechte Gehen begann. Ich wei&szlig; nicht einmal, ob sie nun heute &uuml;berhaupt als &#132;Helden&#147; verstanden werden wollen. Ich vermute, es w&auml;re ihnen fast lieber, wenn ihr Kampf jetzt mit einem fairen Angebot beendet werden k&ouml;nnte, wenn das Anliegen auf Ruhe vor religi&ouml;ser Verfolgung anerkannt, und die Familie wieder ohne irgendeinen Sonderstatus mit den Nachbarn in Frieden leben d&uuml;rfte. Und der heutige Preis kann vielleicht nur ein wenig dazu beitragen, da&szlig; die Dem&uuml;tigungen nicht &uuml;berhand nehmen, oder da&szlig; doch wenigstens die Ermutigung sie besser ertragen hilft, bis es &#151; hoffentlich bald &#151; ausgestanden ist. Warum also &#151; die Frage ist noch nicht beantwortet &#151; braucht es bei uns so viel Mut, einen eigenen ersten Schritt zu tun und den Aufrechten Gang zu beginnen? Leben wir nicht in aufgekl&auml;rten Zeiten, haben wir nicht die Demokratie und den Rechtsstaat, und ist nicht heute eher zu viel erlaubt auf allen Feldern als zu als zu wenig? Die Antwort hei&szlig;t, wohl haben wir aufgekl&auml;rte Zeiten und Demokratie und Rechtsstaat, und vieles ist erlaubt, das fr&uuml;her verboten war &#151; aber, das sind papierene Worte, blo&szlig;e W&ouml;rter, wenn nicht konkrete Menschen im einzelnen konkreten Fall den Mut aufbringen, die Regeln in Frage zu stellen. All die genannten edlen Begriffe sind nichts wert, und die Normen, f&uuml;r die sie stehen, k&ouml;nnen &uuml;ber Nacht gestrichen werden, wenn wir die wesentliche Essenz nicht begreifen, da&szlig; die Minderheit lebensnotwendig ist. Denn sonst w&auml;ren wir eine blo&szlig;e Massengesellschaft. Es ist erschreckend, da&szlig; ein Bischof seinerzeit ank&uuml;ndigen konnte, er wolle daf&uuml;r sorgen, da&szlig; uns bayerischen Christen nicht von einer verschwindend kleinen Minderheit egoistische Einschr&auml;nkungen diktiert werden (Eder, Passau). Und folgerichtig wurde sogleich eine der zentralen Errungenschaften der europ&auml;ischen Kultur und Grundlage aller sp&auml;teren Aufkl&auml;rung mit einem Federstrich preisgegeben und geleugnet, n&auml;mlich die Trennung von Kirche und Staat. Die im Investiturstreit unseres Mittelalters durchgek&auml;mpfte Entscheidung, die uns eben jahrhundertelang vor einem Fundamentalismus nach islamischen Vorbild bewahrt hat, und die essentiell europ&auml;isch ist, besagt, da&szlig; der Staat in kirchlichen Dingen und die Kirche in staatlichen Dingen nichts zu suchen habe. Und wenn die Gesellschaft vergi&szlig;t, da&szlig; immer jemand da sein mu&szlig;, der es wagt, anders zu handeln als es seine Umgebung tut, dann erstarrt sie zum Termitenstaat und geht zugrunde. Es ist daher nicht blo&szlig; eine Gefahr, sondern einer reale Bedrohung unserer kulturellen Grundlagen, wenn der Zusammenhang von Minderheitenschutz und Demokratie nicht mehr gesehen, ja sogar in sein Gegenteil verkehrt wird, wie es viele bayerische Politiker damals offenbart haben. Einer sprach von der Bevormundung der Mehrheit durch ein kleine Minderheit. (Freller, CSU)(Schon wieder h&ouml;ren Sie hier von der &#132;kleinen&#147;, von der &#132;verschwindend kleinen&#147; Minderheit &#150; ganz offenbar ist hier der Wunsch der Vater des Gedankens: sie soll doch verschwinden, diese kleine Minderheit, denken sie.) In der Massengesellschaft k&ouml;nnte eigentlich konsequenterweise die aufwendige Prozedur von demokratischen Wahlen durch demoskopische Befragungen ersetzt werden. Manche scheinen das anzustreben. Und Gesetze br&auml;uchten dann blo&szlig; noch die Ergebnisse der Mehrheitsmeinung als blo&szlig;e Ausf&uuml;hrungsbestimmungen direkt an die Polizei geben. Hier wird schon ungef&auml;hr deutlich, warum es heute immer schwerer wird, seine individuellen Rechte zu nutzen (&uuml;brigens nicht nur egoistisch, sondern wom&ouml;glich auch zum Wohle der Anderen, z.B. wenn man pers&ouml;nlich etwas Neues testet); schwerer auch dort, wo es formal rechtlich noch m&ouml;glich w&auml;re: die Massengesellschaft.Vielleicht l&auml;&szlig;t sich dieses Ph&auml;nomen mit einer positiven Beschreibung eines unverd&auml;chtigen Zeugen besser angehen. Vor 200 Jahren konnte Goethe noch sagen:&#132;Was nicht originell ist, daran ist nichts gelegen. Was aber originell ist, tr&auml;gt immer die Gebrechen des Individuums an sich&#147;.Er war sich sicher, da&szlig; an jedem Menschen das jeweils Besondere das Wertvollste war. Und f&uuml;r dieses nahm man diese oder jene Schrulligkeit liberal in Kauf. Heute kommunizieren wir umgekehrt vorallem das, was wir alle gemeinsam haben. Der Begriff des Originals ist schon Anfang des Jahrhunderts aufs Skurrile herunter gekommen. Heute werden andererseits die Gebrechen des Individuums entweder ganz wegretuschiert oder sie werden im Gegenteil zum eigenen Stil aufgebauscht, der aber dann als Typ festgenagelt ist. Heute leben wir in einer Beifalls&#150;Kultur. Sie k&ouml;nnen im Fernsehen fast keine Gespr&auml;chsrunde mehr sehen, wo nicht nach jedem Redebeitrag das Publikum durch Beifallskundgebungen eine Wertung abgibt. Ein normales Gespr&auml;ch wie unter Fachkollegen oder unter Freunden oder gar in der Familie ist dadurch unm&ouml;glich. Gut oder schlecht hei&szlig;t sofort die Frage, nachklingen lassen, nach&#150;denken im Sinne von hinterher noch denken wird abgehackt und ist damit als Thema abgehakt. Inzwischen hat sich das, was ich zun&auml;chst f&uuml;r eine Unsitte hielt, auch auf &ouml;ffentliche Podien ohne Fernsehen &uuml;bertragen. Das Publikum lauscht nicht mehr gespannt dem Hin und Wider der Argumente, sondern urteilt &uuml;ber jedes St&uuml;ck des Schlagabtausches einzeln wie bei einem Ballwechsel im Sport. Die Wirkung dieser Reglementierung ist enorm. Der Beifall ist das Fallbeil. Die Gespr&auml;chsteilnehmer begegnen sich nicht mehr, keiner kann einen anderen auf eine Gedankenreise mitnehmen (dies schon wegen der Redezeiten nicht), nie kann einer mitgehen oder gar nachgeben, niemand sagt mehr etwas Individuelles oder gar Neues, sondern alle stellen zusammen ein nettes Mosaikmuster her aus vorher mitgebrachten Textbausteinen.Das Symbol dieser Applaus&#150;Kultur ist die Beifalls&#150;Konserve vom Band, das jederzeit einspielbare Klatschen und Lachen eines Publikums, das in vielen F&auml;llen schon gar nicht mehr gezeigt wird, also gar nicht da ist. Was keinen Beifall erh&auml;lt, existiert nicht.Aber eines scheint mir klar: In einer solchen Kultur hat nur derjenige eine Chance, der sofort ankommt, gleichg&uuml;ltig ob Politiker oder K&uuml;nstler oder Journalist. F&uuml;r den Mut den einer erst noch fassen mu&szlig;, seinen eigenen aufrechten Gang zu beginnen, sind diese Umst&auml;nde &auml;u&szlig;erst ung&uuml;nstig. Umso erstaunlicher ist es, da&szlig; es doch Menschen wie Obermeiers gibt, denen der Aufrechte Gang nat&uuml;rlich ist. Denn zum Entwickeln braucht jedes lebendige Organ und erst recht der Geist des Menschen einen gesch&uuml;tzten Zwischenraum. Auch Gedanken&#150;Vorstellungen m&uuml;ssen geprobt werden, Phantasier&auml;ume m&uuml;ssen eingerichtet werden. Daf&uuml;r hat die Beifallskultur keine Zeit, keine Geduld, keine Phantasie. Wer sich gar nicht mehr aufgefordert f&uuml;hlt, ein Anderes als das ihm Gewohnte zu denken, sondern nur noch alles durchcheckt Ist&#150;meine&#150;Meinung\/Ist&#150;nicht&#150;meine&#150;Meinung, pa&szlig;t\/pa&szlig;t&#150;nicht, wie soll der &uuml;berhaupt auf die Idee kommen, da&szlig; ihm etwas fehlt &#151; au&szlig;er Geld. Insofern ist der klassische Kampf gegen das Unrecht ein Nichts, verglichen mit dem jetzigen Kampf gegen die kulturell best&auml;tigte, gediegene Phantasielosigkeit.&nbsp; Der Daumen des Nero mutiert vom Vollstreckungsorgan (bzw. Anzeige, was zu vollstecken sei) zum Wahrheitsfindungsinstrument, sozusagen die armseligste W&uuml;nschelrute, die es je gab.&nbsp; Ich will das hier nicht zu Ende denken. Eine schuldunf&auml;hige Gesellschaft zeichnet sich ab. Immer seltener will jemand begr&uuml;nden, warum er etwas tut; immer h&auml;ufiger h&ouml;rt man stattdessen &#132;Warum nicht?&#147;. Karl Kraus hat es wohl schon kommen sehen, als er einst sagte: &#132;Als gr&ouml;&szlig;tes Erschwernis hat mir immer gegolten, da&szlig; einer nichts daf&uuml;r gekonnt hat&#147;. Umso mehr m&uuml;ssen wir, glaube ich, den Obermeiers dankbar sein, da&szlig; sie in ihrem Bruckm&uuml;hl, ohne auf irgendeinen Beifall hoffen zu k&ouml;nnen, also doppelt unzeitgem&auml;&szlig;, den Kampf gegen die unheilige Allianz aus falscher Theologie, falscher Rechtsprechung und falscher Kulturpolitik begonnen und dazu noch so lange durchgehalten haben. Ich danke Ihnen. M&uuml;nchen, Seidlvilla, 28.1.1999 Nach oben","og_url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/buergerrechtspreise\/aufrechter-gang\/1998\/laudatio-fuer-sepp-obermeier-und-chung-yee-tang-obermeier\/","og_site_name":"Humanistische Union","twitter_card":"summary_large_image","twitter_site":"@humunion","schema":{"@context":"https:\/\/schema.org","@graph":[{"@type":"CollectionPage","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/buergerrechtspreise\/aufrechter-gang\/1998\/laudatio-fuer-sepp-obermeier-und-chung-yee-tang-obermeier\/","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/buergerrechtspreise\/aufrechter-gang\/1998\/laudatio-fuer-sepp-obermeier-und-chung-yee-tang-obermeier\/","name":"Laudatio f\u00fcr Sepp Obermeier und Chung Yee Tang-Obermeier Archive - Humanistische Union","isPartOf":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#website"},"breadcrumb":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/buergerrechtspreise\/aufrechter-gang\/1998\/laudatio-fuer-sepp-obermeier-und-chung-yee-tang-obermeier\/#breadcrumb"},"inLanguage":"de"},{"@type":"BreadcrumbList","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/buergerrechtspreise\/aufrechter-gang\/1998\/laudatio-fuer-sepp-obermeier-und-chung-yee-tang-obermeier\/#breadcrumb","itemListElement":[{"@type":"ListItem","position":1,"name":"Veranstaltungen","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/"},{"@type":"ListItem","position":2,"name":"B\u00fcrgerrechtspreise","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/buergerrechtspreise\/"},{"@type":"ListItem","position":3,"name":"Aufrechter Gang","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/buergerrechtspreise\/aufrechter-gang\/"},{"@type":"ListItem","position":4,"name":"1998","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/buergerrechtspreise\/aufrechter-gang\/1998\/"},{"@type":"ListItem","position":5,"name":"Laudatio f\u00fcr Sepp Obermeier und Chung Yee Tang-Obermeier"}]},{"@type":"WebSite","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#website","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/","name":"Humanistische Union","description":"","publisher":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#organization"},"potentialAction":[{"@type":"SearchAction","target":{"@type":"EntryPoint","urlTemplate":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?s={search_term_string}"},"query-input":{"@type":"PropertyValueSpecification","valueRequired":true,"valueName":"search_term_string"}}],"inLanguage":"de"},{"@type":"Organization","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#organization","name":"Humanistische Union e.V.","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/","logo":{"@type":"ImageObject","inLanguage":"de","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#\/schema\/logo\/image\/","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg","contentUrl":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg","width":1000,"height":536,"caption":"Humanistische Union e.V."},"image":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#\/schema\/logo\/image\/"},"sameAs":["https:\/\/x.com\/humunion","https:\/\/mastodon.social\/@humunion","https:\/\/bsky.app\/profile\/humanistischeunion.bsky.social"]}]}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/categories\/2915","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/categories"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/taxonomies\/category"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/categories\/2649"}],"wp:post_type":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/presse?categories=2915"},{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/termin?categories=2915"},{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/publikation?categories=2915"},{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/hu-json\/wp\/v2\/thema?categories=2915"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}