{"id":2919,"count":0,"description":"<h1>Fritz-Bauer-Preis 2004 an die Frauenrechtlerin Dr. Susanne von Paczensky<\/h1><div><h1>Rede der Preistr&auml;gerin Susanne von Paczensky<\/h1><\/div><p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Preis von einer so hochgeachteten Institution, ein ganzer Saal voller Sympathisanten und Gl&uuml;ckw&uuml;nscher, eine Lobrede von einer so sachkundigen und liebevollen Person. Es kommt mir vor, als h&auml;tte Fortuna ihr ganzes Gl&uuml;ckshorn in einem Schwall &uuml;ber mir ausgegossen und ich bin auch etwas bet&auml;ubt. Habe ich wirklich so viele gute Eigenschaften? Ich sp&uuml;re, wie mein angeborener Widerspruchsgeist sich in mir vordr&auml;ngt und eine Liste meiner Nachteile und Vers&auml;umnisse vorlegen m&ouml;chte. Aber das ist jetzt nicht der Moment. Heute ist Freudentag.\n<\/p>\n<p>Ich freue mich und bedanke mich bei der Humanistischen Union, eine Organisation, die ich immer bewundert habe wegen ihrer Standhaftigkeit und Eigenst&auml;ndigkeit. Dabei habe ich wahrscheinlich nicht alle ihre guten Taten verfolgt, aber einige sind mir aufgefallen, allen voran L&uuml;beck mit einer der ersten Beratungsstellen zum Paragraf 218. Ich habe daher Herrn Wollenschl&auml;ger immer als eine der bedeutendsten Pers&ouml;nlichkeiten angesehen, was vielleicht nur daran liegt, dass er sich meines Lieblingsthemas angenommen hat.\n<\/p>\n<p>Ich bin stolz, in die Reihe der Preistr&auml;ger eingegliedert zu werden, von denen ich viele kenne und sch&auml;tze: Menschen, die gegen den Strom schwimmen, die ihre Meinung sagen, die sich &uuml;ber Unrecht emp&ouml;ren und sich nicht das Maul verbieten lassen. Am meisten bedeutet mir aber der Name des Gr&uuml;nders, Fritz Bauer. Ich habe diesen gro&szlig;en Juristen schon fr&uuml;h bewundert und wollte auch gerne so scharf und so liberal, so milde und so streng sein k&ouml;nnen, was mir wie eine geradezu geniale Mischung notwendiger Eigenschaften erschien. Er war nach dem Krieg ein Wegweiser f&uuml;r alle Menschen, die sich Gedanken &uuml;ber Gerechtigkeit machen, und f&uuml;r mich war er noch einmal auf eine ganz pers&ouml;nliche Weise ein Vorbild: Als ich in den 50er Jahren schwankte, wie ich es machen sollte, wieder in Deutschland zu leben, nachdem ich das Land zornschnaubend und &auml;rgerlich verlassen hatte und acht Jahre sp&auml;ter wieder zur&uuml;ckgekehrt war. Musste ich jetzt immer zornig sein, mich immer auf Distanz halten, als missmutiger Volksverbesserer, wie ich es bei den anderen Nazigesch&auml;digten oft beobachten konnte? Diese Rolle gefiel mir gar nicht. Ich konnte mich zum Gl&uuml;ck an einigen Remigranten orientieren, die ihre schlechten Erfahrungen mit den Deutschen anders umsetzten. Fritz Bauer, in Hamburg Peter Blachstein, Herbert Weichmann, lauter Juden, die beim Wiederaufbau Deutschlands, bei der Demokratisierung und Stabilisierung unserer Demokratie eine entscheidende Rolle spielten, ohne dass sie viel auf ihrer eigenen Leidensgeschichte beharrten. An ihnen habe ich mich damals zu orientieren versucht. Ich wollte nicht Nazi-Gesch&auml;digte sein, ich wollte deutsche Mitb&uuml;rgerin sein. Der richtigste Weg dazu erschien mir, 1959 in die SPD einzutreten und mir vorzunehmen, dass ich immer ein Drittel meiner Arbeitskraft f&uuml;r gesellschaftliche Aufgaben einsetzen wollte, oder wie ich es wahrscheinlich lieber ausdr&uuml;cken w&uuml;rde, f&uuml;r eine gerechtere Welt.\n<\/p>\n<p>Das war zun&auml;chst der Strafvollzug, der damals gerade in Hamburg in ein Stadium solcher Verrottetheit eingetreten war, dass eine Reform unumg&auml;nglich war. In dieses Reformvorhaben st&uuml;rzte ich mich mit anderen Hamburger Linken mit dem Plan, die Kluft aufzuheben, die Verbrecher zum Untermenschen macht und die W&auml;rter zu sadistischen Vollstreckern. Ob wir uns bei diesem Ziel explizit auf Fritz Bauer bezogen haben, wei&szlig; ich nicht mehr, aber wir h&auml;tten es jedenfalls tun sollen. Ich fand Freunde und Mitstreiter, eine davon ist hier, Eva R&uuml;hmkorf. Unsere Freundschaft begr&uuml;ndet sich auf dieses Reformvorhaben. Ich hatte das Gl&uuml;ck, als Justizdeputierte am Alltag der Gef&auml;ngnisse teilzunehmen und am Versuch, Menschenw&uuml;rde im Knast einzuf&uuml;hren: eine nicht selbstverst&auml;ndliche Aufgabe. Es ist nicht alles gelungen, aber es ist doch vieles gelungen, was man daran sieht, was jetzt alles in Hamburg abgeschafft wird. In diesen Tagen wird das zertr&uuml;mmert, was wir vor zwanzig Jahren in m&uuml;hsamer Kleinarbeit zusammengestellt haben. Das ist sehr schmerzlich, aber in anderer Weise auch tr&ouml;stlich: Es hat doch lange gedauert.\n<\/p>\n<p>Ich war damals als Journalistin t&auml;tig, ich war immer selbst&auml;ndig, wobei mein Brotverdienst und meine politischen Interessen leider nicht immer gut zusammengepasst haben. F&uuml;r Au&szlig;enstehende sieht es wahrscheinlich so aus, als ob diese Artikel von selbst in den Zeitschriften wachsen, aber sie m&uuml;ssen m&uuml;hsam reingeschubst werden und man muss m&uuml;hsam die Chefredakteure und andere Personen dazu bewegen, dass sie diese Themen interessant finden sollten. Da war ich wahrscheinlich nicht immer geschickt genug, jedenfalls gab es viele Entt&auml;uschungen. Viele Zeitschriften, die mich als Reporterin sch&auml;tzten und mir Auftr&auml;ge gaben und mich auch gut bezahlten, die wollten aber gar nichts von diesen sozialen Anliegen wissen. Einmal im Jahr vielleicht eine sensationelle M&ouml;rderin oder auch mal eine verzweifelte Mutter am Rande des Wahns, aber doch nichts Graues, nichts Aufm&uuml;pfiges und schon gar nicht Paragraf 218. Ich habe jahrelang &uuml;berall versucht, Artikel zum Schwangerschaftsabbruch loszuwerden, es ist mir fast nie gelungen, schon deshalb musste man die Buchreihe erfinden. Ich w&auml;re an Frustration gestorben, wenn sie nicht meines Weges gekommen w&auml;re. Es war ein g&uuml;tiges Geschick, dass hei&szlig;t eigentlich war es Freimut Duve, der die Form des g&uuml;tigen Geschicks annahm und mir dieses Angebot machte. Ich begann ganz unerfahren, \"learning by doing\" mit vielen Pannen und mit gro&szlig;er Befriedigung. Das war mein sch&ouml;nster Job, weil ich mein eigener Herr war und mit anderen zusammen war. Ich habe alle meine Autorinnen geliebt, auch wenn einige mir davon viel &Auml;rger gemacht haben. Ich war wahrscheinlich recht autorit&auml;r, habe die Autorinnen ger&uuml;ttelt und gesch&uuml;ttelt, damit sie ihr Bestes gaben.\n<\/p>\n<p>Der zentrale Punkt in der Frauenbewegung war f&uuml;r mich der Paragraf 218, vor allem, weil er sich mit meinem eigenen Leben befasste. Die anderen guten Zwecke, f&uuml;r die ich mich so einsetzte, wie anst&auml;nde Behandlung von Strafgefangenen, das ging mich in gewisser Weise gar nichts an. Ich war nicht strafgefangen und w&uuml;rde es auch wahrscheinlich nie werden. Aber Abtreiberin war ich und zwar unter Hitler, als die Todesstrafe darauf stand. Und diese Lebensabschnitte, die waren mit solchen Dem&uuml;tigungen, mit solcher Angst verbunden, dass ich das nie richtig &uuml;berwunden habe, au&szlig;er in dem Kampf, dass es anderen nicht mehr passieren sollte. Ich musste ein ganz privates Trauma aufarbeiten, das immer wieder erneuert wurde, weil ich so viel beschimpft wurde. Ich wei&szlig; nicht, ob Sie sich daran erinnern, was alles von uns gesagt wurde. Politiker und Priester, Leitartikler und Chef&auml;rzte, - lauter gute Christen haben sich an diesen Massenbeleidigungen beteiligt: Die Frauen wollen ja nur ihre Figur bewahren, ihren Busen wollen sie nicht riskieren, sie wollen nicht auf den Fasching verzichten oder sie haben einen Skiurlaub gebucht. Jeder wusste genau, was in uns vorgeht, jeder konnte sich &uuml;ber die Seele, die Unm&uuml;tterlichkeit und den Egoismus der Frauen auslassen. &Uuml;ber die Komplement&auml;reigenschaften der M&auml;nner wurde eigentlich nie ein Wort verloren.\n<\/p>\n<p>Ganz genau wei&szlig; ich nicht, warum Frauen, die die Abtreibung verteidigen, solchen Zorn und solche Wut hervorrufen. Ich habe viele Todesdrohungen erhalten. Jedes Mal, wenn ich an Rundfunk- oder Fernsehdiskussionen teilnahm, habe ich Sackweise anonyme Briefe bekommen. Die meisten waren hasserf&uuml;llt und brutal: \"warum meine Mutter mich nicht abgetrieben hat\" oder \"ich sollte erschossen werden wie ein Vieh\". Ich habe diese Briefe noch zu Hause liegen. Sie haben mich nat&uuml;rlich sehr gekr&auml;nkt, noch dazu hat es mich f&uuml;r andere Frauen mitgekr&auml;nkt. Sie haben mich auch angespornt, mir auch Feuer unterm Hintern gemacht.\n<\/p>\n<p>Das ist nun alles sehr lange her, und wir k&ouml;nnen eigentlich sehr froh sein, was dabei herausgekommen ist. Auch wenn wir nicht sozusagen das philosophische Recht auf Abtreibung haben, so haben wir fast doch das faktische Recht. &Uuml;ber 130.000 Frauen haben im letzten Jahr abgetrieben. Keine von denen musste irgendetwas Schreckliches erdulden, weder um ihr Leben f&uuml;rchten noch beleidigt werden, noch Schmerzen haben, und das ist doch ein sch&ouml;ner Erfolg. Ich kenne keine anderen politischen Felder, wo man solche Erfolge hat, und das hat mir immer Mut gemacht. Was ich mir w&uuml;nsche, was ich allen Frauen und vielleicht auch manchen M&auml;nnern ans Herz legen m&ouml;chte: den Schwangerschaftsabbruch nicht als Satanswerk, sondern als einen Teil des Lebens zu betrachten.\n<\/p>\n<p>Neulich gab es das 50-j&auml;hrige Jubil&auml;um der Brigitte. Im Festheft hatten sie eine lange Geschichte &uuml;ber das Kinderkriegen. Eine Frau hatte eine total verh&auml;ngnisvolle Schwangerschaft, die sie abbrechen wollte. Sie hatte sich angemeldet, ging in die Klinik und hatte einen Termin, und dann kehrte sie auf der Schwelle um und ging nach Hause und bekam das Kind doch. Das wurde als eine bewundernswerte, positive Handlungsweise gew&uuml;rdigt. Dabei fiel mir auf, dass ich das st&auml;ndig h&ouml;re, wenn eine Abtreibung im Kino vorkommt oder im Fernsehen oder im Roman, dann endet es meistens so, dass die Frau sich besinnt und alle sind froh, dass Gott sei Dank das Kind gerettet ist. Da stimmt aber etwas nicht. Die meisten Abtreibungen werden durchgef&uuml;hrt und nicht auf der Schwelle abgebrochen. An diesen Frauen ist &uuml;berhaupt nichts falsch, sie handeln vern&uuml;nftig und planvoll, und es nichts daran auszusetzen. Aber sie werden nie erw&auml;hnt, und es kommen auch keine Frauen vor, die von ihrer Abtreibung sprechen. Obwohl doch sicher auch in diesem Saal viele sitzen mit dieser Erfahrung, so wird sie doch in den Lebensgeschichten und Erinnerungen ausgelassen. Eigentlich k&ouml;nnte da, wo wir erz&auml;hlen, wie wir Masern hatten oder wie wir uns einen Fu&szlig; gebrochen haben, oder wie wir uns mit unserer Mutter verkracht haben und auszogen - unter solchen dramatischen Erfahrungen w&uuml;rde doch auch die Abtreibung als eine erz&auml;hlenswerte oder mit anderen teilbare Erinnerung vorkommen k&ouml;nnen. Das w&uuml;rde der Realit&auml;t mehr entsprechen und auch der W&uuml;rde dieses Vorgangs. Eine Abtreibung ist genauso ein trauriges wie auch ein erleichterndes Erlebnis. Sie kann schmerzhaft sein oder schmerzlos, es gibt viele Arten, sie passt in das Leben von Frauen, und sie soll nicht verschwiegen werden. Dadurch entsteht der Eindruck, dass es sich eben doch um etwas Dreckiges handelt, und den m&ouml;chte ich gerne bek&auml;mpfen.\n<\/p>\n<p align=\"right\"><i>Susanne von Paczensky<\/i><\/p>","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/buergerrechtspreise\/fritz-bauer-preis\/2004-fritz-bauer-preis\/fritz-bauer-preis-2004-an-die-frauenrechtlerin-dr-susanne-von-paczensky\/","name":"Fritz-Bauer-Preis 2004 an die Frauenrechtlerin Dr. Susanne von Paczensky","slug":"fritz-bauer-preis-2004-an-die-frauenrechtlerin-dr-susanne-von-paczensky","taxonomy":"category","parent":2895,"meta":[],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Fritz-Bauer-Preis 2004 an die Frauenrechtlerin Dr. Susanne von Paczensky Archive - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/veranstaltungen\/buergerrechtspreise\/fritz-bauer-preis\/2004-fritz-bauer-preis\/fritz-bauer-preis-2004-an-die-frauenrechtlerin-dr-susanne-von-paczensky\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Fritz-Bauer-Preis 2004 an die Frauenrechtlerin Dr. Susanne von Paczensky Archive - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Fritz-Bauer-Preis 2004 an die Frauenrechtlerin Dr. Susanne von Paczensky Rede der Preistr&auml;gerin Susanne von Paczensky &nbsp; Ein Preis von einer so hochgeachteten Institution, ein ganzer Saal voller Sympathisanten und Gl&uuml;ckw&uuml;nscher, eine Lobrede von einer so sachkundigen und liebevollen Person. 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Ich bin stolz, in die Reihe der Preistr&auml;ger eingegliedert zu werden, von denen ich viele kenne und sch&auml;tze: Menschen, die gegen den Strom schwimmen, die ihre Meinung sagen, die sich &uuml;ber Unrecht emp&ouml;ren und sich nicht das Maul verbieten lassen. Am meisten bedeutet mir aber der Name des Gr&uuml;nders, Fritz Bauer. Ich habe diesen gro&szlig;en Juristen schon fr&uuml;h bewundert und wollte auch gerne so scharf und so liberal, so milde und so streng sein k&ouml;nnen, was mir wie eine geradezu geniale Mischung notwendiger Eigenschaften erschien. Er war nach dem Krieg ein Wegweiser f&uuml;r alle Menschen, die sich Gedanken &uuml;ber Gerechtigkeit machen, und f&uuml;r mich war er noch einmal auf eine ganz pers&ouml;nliche Weise ein Vorbild: Als ich in den 50er Jahren schwankte, wie ich es machen sollte, wieder in Deutschland zu leben, nachdem ich das Land zornschnaubend und &auml;rgerlich verlassen hatte und acht Jahre sp&auml;ter wieder zur&uuml;ckgekehrt war. Musste ich jetzt immer zornig sein, mich immer auf Distanz halten, als missmutiger Volksverbesserer, wie ich es bei den anderen Nazigesch&auml;digten oft beobachten konnte? Diese Rolle gefiel mir gar nicht. Ich konnte mich zum Gl&uuml;ck an einigen Remigranten orientieren, die ihre schlechten Erfahrungen mit den Deutschen anders umsetzten. Fritz Bauer, in Hamburg Peter Blachstein, Herbert Weichmann, lauter Juden, die beim Wiederaufbau Deutschlands, bei der Demokratisierung und Stabilisierung unserer Demokratie eine entscheidende Rolle spielten, ohne dass sie viel auf ihrer eigenen Leidensgeschichte beharrten. An ihnen habe ich mich damals zu orientieren versucht. Ich wollte nicht Nazi-Gesch&auml;digte sein, ich wollte deutsche Mitb&uuml;rgerin sein. Der richtigste Weg dazu erschien mir, 1959 in die SPD einzutreten und mir vorzunehmen, dass ich immer ein Drittel meiner Arbeitskraft f&uuml;r gesellschaftliche Aufgaben einsetzen wollte, oder wie ich es wahrscheinlich lieber ausdr&uuml;cken w&uuml;rde, f&uuml;r eine gerechtere Welt. Das war zun&auml;chst der Strafvollzug, der damals gerade in Hamburg in ein Stadium solcher Verrottetheit eingetreten war, dass eine Reform unumg&auml;nglich war. In dieses Reformvorhaben st&uuml;rzte ich mich mit anderen Hamburger Linken mit dem Plan, die Kluft aufzuheben, die Verbrecher zum Untermenschen macht und die W&auml;rter zu sadistischen Vollstreckern. Ob wir uns bei diesem Ziel explizit auf Fritz Bauer bezogen haben, wei&szlig; ich nicht mehr, aber wir h&auml;tten es jedenfalls tun sollen. Ich fand Freunde und Mitstreiter, eine davon ist hier, Eva R&uuml;hmkorf. Unsere Freundschaft begr&uuml;ndet sich auf dieses Reformvorhaben. Ich hatte das Gl&uuml;ck, als Justizdeputierte am Alltag der Gef&auml;ngnisse teilzunehmen und am Versuch, Menschenw&uuml;rde im Knast einzuf&uuml;hren: eine nicht selbstverst&auml;ndliche Aufgabe. Es ist nicht alles gelungen, aber es ist doch vieles gelungen, was man daran sieht, was jetzt alles in Hamburg abgeschafft wird. In diesen Tagen wird das zertr&uuml;mmert, was wir vor zwanzig Jahren in m&uuml;hsamer Kleinarbeit zusammengestellt haben. Das ist sehr schmerzlich, aber in anderer Weise auch tr&ouml;stlich: Es hat doch lange gedauert. Ich war damals als Journalistin t&auml;tig, ich war immer selbst&auml;ndig, wobei mein Brotverdienst und meine politischen Interessen leider nicht immer gut zusammengepasst haben. F&uuml;r Au&szlig;enstehende sieht es wahrscheinlich so aus, als ob diese Artikel von selbst in den Zeitschriften wachsen, aber sie m&uuml;ssen m&uuml;hsam reingeschubst werden und man muss m&uuml;hsam die Chefredakteure und andere Personen dazu bewegen, dass sie diese Themen interessant finden sollten. Da war ich wahrscheinlich nicht immer geschickt genug, jedenfalls gab es viele Entt&auml;uschungen. Viele Zeitschriften, die mich als Reporterin sch&auml;tzten und mir Auftr&auml;ge gaben und mich auch gut bezahlten, die wollten aber gar nichts von diesen sozialen Anliegen wissen. Einmal im Jahr vielleicht eine sensationelle M&ouml;rderin oder auch mal eine verzweifelte Mutter am Rande des Wahns, aber doch nichts Graues, nichts Aufm&uuml;pfiges und schon gar nicht Paragraf 218. Ich habe jahrelang &uuml;berall versucht, Artikel zum Schwangerschaftsabbruch loszuwerden, es ist mir fast nie gelungen, schon deshalb musste man die Buchreihe erfinden. Ich w&auml;re an Frustration gestorben, wenn sie nicht meines Weges gekommen w&auml;re. Es war ein g&uuml;tiges Geschick, dass hei&szlig;t eigentlich war es Freimut Duve, der die Form des g&uuml;tigen Geschicks annahm und mir dieses Angebot machte. Ich begann ganz unerfahren, &#8222;learning by doing&#8220; mit vielen Pannen und mit gro&szlig;er Befriedigung. Das war mein sch&ouml;nster Job, weil ich mein eigener Herr war und mit anderen zusammen war. Ich habe alle meine Autorinnen geliebt, auch wenn einige mir davon viel &Auml;rger gemacht haben. Ich war wahrscheinlich recht autorit&auml;r, habe die Autorinnen ger&uuml;ttelt und gesch&uuml;ttelt, damit sie ihr Bestes gaben. Der zentrale Punkt in der Frauenbewegung war f&uuml;r mich der Paragraf 218, vor allem, weil er sich mit meinem eigenen Leben befasste. Die anderen guten Zwecke, f&uuml;r die ich mich so einsetzte, wie anst&auml;nde Behandlung von Strafgefangenen, das ging mich in gewisser Weise gar nichts an. Ich war nicht strafgefangen und w&uuml;rde es auch wahrscheinlich nie werden. Aber Abtreiberin war ich und zwar unter Hitler, als die Todesstrafe darauf stand. Und diese Lebensabschnitte, die waren mit solchen Dem&uuml;tigungen, mit solcher Angst verbunden, dass ich das nie richtig &uuml;berwunden habe, au&szlig;er in dem Kampf, dass es anderen nicht mehr passieren sollte. Ich musste ein ganz privates Trauma aufarbeiten, das immer wieder erneuert wurde, weil ich so viel beschimpft wurde. Ich wei&szlig; nicht, ob Sie sich daran erinnern, was alles von uns gesagt wurde. Politiker und Priester, Leitartikler und Chef&auml;rzte, &#8211; lauter gute Christen haben sich an diesen Massenbeleidigungen beteiligt: Die Frauen wollen ja nur ihre Figur bewahren, ihren Busen wollen sie nicht riskieren, sie wollen nicht auf den Fasching verzichten oder sie haben einen Skiurlaub gebucht. Jeder wusste genau, was in uns vorgeht, jeder konnte sich &uuml;ber die Seele, die Unm&uuml;tterlichkeit und den Egoismus der Frauen auslassen. &Uuml;ber die Komplement&auml;reigenschaften der M&auml;nner wurde eigentlich nie ein Wort verloren. Ganz genau wei&szlig; ich nicht, warum Frauen, die die Abtreibung verteidigen, solchen Zorn und solche Wut hervorrufen. Ich habe viele Todesdrohungen erhalten. Jedes Mal, wenn ich an Rundfunk- oder Fernsehdiskussionen teilnahm, habe ich Sackweise anonyme Briefe bekommen. Die meisten waren hasserf&uuml;llt und brutal: &#8222;warum meine Mutter mich nicht abgetrieben hat&#8220; oder &#8222;ich sollte erschossen werden wie ein Vieh&#8220;. Ich habe diese Briefe noch zu Hause liegen. Sie haben mich nat&uuml;rlich sehr gekr&auml;nkt, noch dazu hat es mich f&uuml;r andere Frauen mitgekr&auml;nkt. Sie haben mich auch angespornt, mir auch Feuer unterm Hintern gemacht. Das ist nun alles sehr lange her, und wir k&ouml;nnen eigentlich sehr froh sein, was dabei herausgekommen ist. Auch wenn wir nicht sozusagen das philosophische Recht auf Abtreibung haben, so haben wir fast doch das faktische Recht. &Uuml;ber 130.000 Frauen haben im letzten Jahr abgetrieben. Keine von denen musste irgendetwas Schreckliches erdulden, weder um ihr Leben f&uuml;rchten noch beleidigt werden, noch Schmerzen haben, und das ist doch ein sch&ouml;ner Erfolg. Ich kenne keine anderen politischen Felder, wo man solche Erfolge hat, und das hat mir immer Mut gemacht. Was ich mir w&uuml;nsche, was ich allen Frauen und vielleicht auch manchen M&auml;nnern ans Herz legen m&ouml;chte: den Schwangerschaftsabbruch nicht als Satanswerk, sondern als einen Teil des Lebens zu betrachten. Neulich gab es das 50-j&auml;hrige Jubil&auml;um der Brigitte. Im Festheft hatten sie eine lange Geschichte &uuml;ber das Kinderkriegen. Eine Frau hatte eine total verh&auml;ngnisvolle Schwangerschaft, die sie abbrechen wollte. Sie hatte sich angemeldet, ging in die Klinik und hatte einen Termin, und dann kehrte sie auf der Schwelle um und ging nach Hause und bekam das Kind doch. Das wurde als eine bewundernswerte, positive Handlungsweise gew&uuml;rdigt. Dabei fiel mir auf, dass ich das st&auml;ndig h&ouml;re, wenn eine Abtreibung im Kino vorkommt oder im Fernsehen oder im Roman, dann endet es meistens so, dass die Frau sich besinnt und alle sind froh, dass Gott sei Dank das Kind gerettet ist. Da stimmt aber etwas nicht. Die meisten Abtreibungen werden durchgef&uuml;hrt und nicht auf der Schwelle abgebrochen. An diesen Frauen ist &uuml;berhaupt nichts falsch, sie handeln vern&uuml;nftig und planvoll, und es nichts daran auszusetzen. Aber sie werden nie erw&auml;hnt, und es kommen auch keine Frauen vor, die von ihrer Abtreibung sprechen. 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Es kommt mir vor, als h&auml;tte Fortuna ihr ganzes Gl&uuml;ckshorn in einem Schwall &uuml;ber mir ausgegossen und ich bin auch etwas bet&auml;ubt. Habe ich wirklich so viele gute Eigenschaften? Ich sp&uuml;re, wie mein angeborener Widerspruchsgeist sich in mir vordr&auml;ngt und eine Liste meiner Nachteile und Vers&auml;umnisse vorlegen m&ouml;chte. Aber das ist jetzt nicht der Moment. Heute ist Freudentag. Ich freue mich und bedanke mich bei der Humanistischen Union, eine Organisation, die ich immer bewundert habe wegen ihrer Standhaftigkeit und Eigenst&auml;ndigkeit. Dabei habe ich wahrscheinlich nicht alle ihre guten Taten verfolgt, aber einige sind mir aufgefallen, allen voran L&uuml;beck mit einer der ersten Beratungsstellen zum Paragraf 218. Ich habe daher Herrn Wollenschl&auml;ger immer als eine der bedeutendsten Pers&ouml;nlichkeiten angesehen, was vielleicht nur daran liegt, dass er sich meines Lieblingsthemas angenommen hat. Ich bin stolz, in die Reihe der Preistr&auml;ger eingegliedert zu werden, von denen ich viele kenne und sch&auml;tze: Menschen, die gegen den Strom schwimmen, die ihre Meinung sagen, die sich &uuml;ber Unrecht emp&ouml;ren und sich nicht das Maul verbieten lassen. Am meisten bedeutet mir aber der Name des Gr&uuml;nders, Fritz Bauer. Ich habe diesen gro&szlig;en Juristen schon fr&uuml;h bewundert und wollte auch gerne so scharf und so liberal, so milde und so streng sein k&ouml;nnen, was mir wie eine geradezu geniale Mischung notwendiger Eigenschaften erschien. Er war nach dem Krieg ein Wegweiser f&uuml;r alle Menschen, die sich Gedanken &uuml;ber Gerechtigkeit machen, und f&uuml;r mich war er noch einmal auf eine ganz pers&ouml;nliche Weise ein Vorbild: Als ich in den 50er Jahren schwankte, wie ich es machen sollte, wieder in Deutschland zu leben, nachdem ich das Land zornschnaubend und &auml;rgerlich verlassen hatte und acht Jahre sp&auml;ter wieder zur&uuml;ckgekehrt war. Musste ich jetzt immer zornig sein, mich immer auf Distanz halten, als missmutiger Volksverbesserer, wie ich es bei den anderen Nazigesch&auml;digten oft beobachten konnte? Diese Rolle gefiel mir gar nicht. Ich konnte mich zum Gl&uuml;ck an einigen Remigranten orientieren, die ihre schlechten Erfahrungen mit den Deutschen anders umsetzten. Fritz Bauer, in Hamburg Peter Blachstein, Herbert Weichmann, lauter Juden, die beim Wiederaufbau Deutschlands, bei der Demokratisierung und Stabilisierung unserer Demokratie eine entscheidende Rolle spielten, ohne dass sie viel auf ihrer eigenen Leidensgeschichte beharrten. An ihnen habe ich mich damals zu orientieren versucht. Ich wollte nicht Nazi-Gesch&auml;digte sein, ich wollte deutsche Mitb&uuml;rgerin sein. Der richtigste Weg dazu erschien mir, 1959 in die SPD einzutreten und mir vorzunehmen, dass ich immer ein Drittel meiner Arbeitskraft f&uuml;r gesellschaftliche Aufgaben einsetzen wollte, oder wie ich es wahrscheinlich lieber ausdr&uuml;cken w&uuml;rde, f&uuml;r eine gerechtere Welt. Das war zun&auml;chst der Strafvollzug, der damals gerade in Hamburg in ein Stadium solcher Verrottetheit eingetreten war, dass eine Reform unumg&auml;nglich war. In dieses Reformvorhaben st&uuml;rzte ich mich mit anderen Hamburger Linken mit dem Plan, die Kluft aufzuheben, die Verbrecher zum Untermenschen macht und die W&auml;rter zu sadistischen Vollstreckern. Ob wir uns bei diesem Ziel explizit auf Fritz Bauer bezogen haben, wei&szlig; ich nicht mehr, aber wir h&auml;tten es jedenfalls tun sollen. Ich fand Freunde und Mitstreiter, eine davon ist hier, Eva R&uuml;hmkorf. Unsere Freundschaft begr&uuml;ndet sich auf dieses Reformvorhaben. Ich hatte das Gl&uuml;ck, als Justizdeputierte am Alltag der Gef&auml;ngnisse teilzunehmen und am Versuch, Menschenw&uuml;rde im Knast einzuf&uuml;hren: eine nicht selbstverst&auml;ndliche Aufgabe. Es ist nicht alles gelungen, aber es ist doch vieles gelungen, was man daran sieht, was jetzt alles in Hamburg abgeschafft wird. In diesen Tagen wird das zertr&uuml;mmert, was wir vor zwanzig Jahren in m&uuml;hsamer Kleinarbeit zusammengestellt haben. Das ist sehr schmerzlich, aber in anderer Weise auch tr&ouml;stlich: Es hat doch lange gedauert. Ich war damals als Journalistin t&auml;tig, ich war immer selbst&auml;ndig, wobei mein Brotverdienst und meine politischen Interessen leider nicht immer gut zusammengepasst haben. F&uuml;r Au&szlig;enstehende sieht es wahrscheinlich so aus, als ob diese Artikel von selbst in den Zeitschriften wachsen, aber sie m&uuml;ssen m&uuml;hsam reingeschubst werden und man muss m&uuml;hsam die Chefredakteure und andere Personen dazu bewegen, dass sie diese Themen interessant finden sollten. Da war ich wahrscheinlich nicht immer geschickt genug, jedenfalls gab es viele Entt&auml;uschungen. Viele Zeitschriften, die mich als Reporterin sch&auml;tzten und mir Auftr&auml;ge gaben und mich auch gut bezahlten, die wollten aber gar nichts von diesen sozialen Anliegen wissen. Einmal im Jahr vielleicht eine sensationelle M&ouml;rderin oder auch mal eine verzweifelte Mutter am Rande des Wahns, aber doch nichts Graues, nichts Aufm&uuml;pfiges und schon gar nicht Paragraf 218. Ich habe jahrelang &uuml;berall versucht, Artikel zum Schwangerschaftsabbruch loszuwerden, es ist mir fast nie gelungen, schon deshalb musste man die Buchreihe erfinden. Ich w&auml;re an Frustration gestorben, wenn sie nicht meines Weges gekommen w&auml;re. Es war ein g&uuml;tiges Geschick, dass hei&szlig;t eigentlich war es Freimut Duve, der die Form des g&uuml;tigen Geschicks annahm und mir dieses Angebot machte. Ich begann ganz unerfahren, &#8222;learning by doing&#8220; mit vielen Pannen und mit gro&szlig;er Befriedigung. Das war mein sch&ouml;nster Job, weil ich mein eigener Herr war und mit anderen zusammen war. Ich habe alle meine Autorinnen geliebt, auch wenn einige mir davon viel &Auml;rger gemacht haben. Ich war wahrscheinlich recht autorit&auml;r, habe die Autorinnen ger&uuml;ttelt und gesch&uuml;ttelt, damit sie ihr Bestes gaben. Der zentrale Punkt in der Frauenbewegung war f&uuml;r mich der Paragraf 218, vor allem, weil er sich mit meinem eigenen Leben befasste. Die anderen guten Zwecke, f&uuml;r die ich mich so einsetzte, wie anst&auml;nde Behandlung von Strafgefangenen, das ging mich in gewisser Weise gar nichts an. Ich war nicht strafgefangen und w&uuml;rde es auch wahrscheinlich nie werden. Aber Abtreiberin war ich und zwar unter Hitler, als die Todesstrafe darauf stand. Und diese Lebensabschnitte, die waren mit solchen Dem&uuml;tigungen, mit solcher Angst verbunden, dass ich das nie richtig &uuml;berwunden habe, au&szlig;er in dem Kampf, dass es anderen nicht mehr passieren sollte. Ich musste ein ganz privates Trauma aufarbeiten, das immer wieder erneuert wurde, weil ich so viel beschimpft wurde. Ich wei&szlig; nicht, ob Sie sich daran erinnern, was alles von uns gesagt wurde. Politiker und Priester, Leitartikler und Chef&auml;rzte, &#8211; lauter gute Christen haben sich an diesen Massenbeleidigungen beteiligt: Die Frauen wollen ja nur ihre Figur bewahren, ihren Busen wollen sie nicht riskieren, sie wollen nicht auf den Fasching verzichten oder sie haben einen Skiurlaub gebucht. Jeder wusste genau, was in uns vorgeht, jeder konnte sich &uuml;ber die Seele, die Unm&uuml;tterlichkeit und den Egoismus der Frauen auslassen. &Uuml;ber die Komplement&auml;reigenschaften der M&auml;nner wurde eigentlich nie ein Wort verloren. Ganz genau wei&szlig; ich nicht, warum Frauen, die die Abtreibung verteidigen, solchen Zorn und solche Wut hervorrufen. Ich habe viele Todesdrohungen erhalten. Jedes Mal, wenn ich an Rundfunk- oder Fernsehdiskussionen teilnahm, habe ich Sackweise anonyme Briefe bekommen. Die meisten waren hasserf&uuml;llt und brutal: &#8222;warum meine Mutter mich nicht abgetrieben hat&#8220; oder &#8222;ich sollte erschossen werden wie ein Vieh&#8220;. Ich habe diese Briefe noch zu Hause liegen. Sie haben mich nat&uuml;rlich sehr gekr&auml;nkt, noch dazu hat es mich f&uuml;r andere Frauen mitgekr&auml;nkt. Sie haben mich auch angespornt, mir auch Feuer unterm Hintern gemacht. Das ist nun alles sehr lange her, und wir k&ouml;nnen eigentlich sehr froh sein, was dabei herausgekommen ist. Auch wenn wir nicht sozusagen das philosophische Recht auf Abtreibung haben, so haben wir fast doch das faktische Recht. &Uuml;ber 130.000 Frauen haben im letzten Jahr abgetrieben. Keine von denen musste irgendetwas Schreckliches erdulden, weder um ihr Leben f&uuml;rchten noch beleidigt werden, noch Schmerzen haben, und das ist doch ein sch&ouml;ner Erfolg. Ich kenne keine anderen politischen Felder, wo man solche Erfolge hat, und das hat mir immer Mut gemacht. Was ich mir w&uuml;nsche, was ich allen Frauen und vielleicht auch manchen M&auml;nnern ans Herz legen m&ouml;chte: den Schwangerschaftsabbruch nicht als Satanswerk, sondern als einen Teil des Lebens zu betrachten. Neulich gab es das 50-j&auml;hrige Jubil&auml;um der Brigitte. Im Festheft hatten sie eine lange Geschichte &uuml;ber das Kinderkriegen. Eine Frau hatte eine total verh&auml;ngnisvolle Schwangerschaft, die sie abbrechen wollte. Sie hatte sich angemeldet, ging in die Klinik und hatte einen Termin, und dann kehrte sie auf der Schwelle um und ging nach Hause und bekam das Kind doch. Das wurde als eine bewundernswerte, positive Handlungsweise gew&uuml;rdigt. Dabei fiel mir auf, dass ich das st&auml;ndig h&ouml;re, wenn eine Abtreibung im Kino vorkommt oder im Fernsehen oder im Roman, dann endet es meistens so, dass die Frau sich besinnt und alle sind froh, dass Gott sei Dank das Kind gerettet ist. Da stimmt aber etwas nicht. Die meisten Abtreibungen werden durchgef&uuml;hrt und nicht auf der Schwelle abgebrochen. An diesen Frauen ist &uuml;berhaupt nichts falsch, sie handeln vern&uuml;nftig und planvoll, und es nichts daran auszusetzen. Aber sie werden nie erw&auml;hnt, und es kommen auch keine Frauen vor, die von ihrer Abtreibung sprechen. Obwohl doch sicher auch in diesem Saal viele sitzen mit dieser Erfahrung, so wird sie doch in den Lebensgeschichten und Erinnerungen ausgelassen. Eigentlich k&ouml;nnte da, wo wir erz&auml;hlen, wie wir Masern hatten oder wie wir uns einen Fu&szlig; gebrochen haben, oder wie wir uns mit unserer Mutter verkracht haben und auszogen &#8211; unter solchen dramatischen Erfahrungen w&uuml;rde doch auch die Abtreibung als eine erz&auml;hlenswerte oder mit anderen teilbare Erinnerung vorkommen k&ouml;nnen. Das w&uuml;rde der Realit&auml;t mehr entsprechen und auch der W&uuml;rde dieses Vorgangs. Eine Abtreibung ist genauso ein trauriges wie auch ein erleichterndes Erlebnis. Sie kann schmerzhaft sein oder schmerzlos, es gibt viele Arten, sie passt in das Leben von Frauen, und sie soll nicht verschwiegen werden. Dadurch entsteht der Eindruck, dass es sich eben doch um etwas Dreckiges handelt, und den m&ouml;chte ich gerne bek&auml;mpfen. 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