{"id":12670,"date":"2018-06-12T12:21:00","date_gmt":"2018-06-12T10:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/presse\/revision-der-bundesregierung-immer-noch-keine-rechtssicherheit-im-verfahren-goessner-bundesamt-f\/"},"modified":"2021-09-04T00:07:34","modified_gmt":"2021-09-03T22:07:34","slug":"revision-der-bundesregierung-immer-noch-keine-rechtssicherheit-im-verfahren-goessner-bundesamt-f","status":"publish","type":"presse","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/pressemeldungen\/revision-der-bundesregierung-immer-noch-keine-rechtssicherheit-im-verfahren-goessner-bundesamt-f\/","title":{"rendered":"Revision der Bundesregierung: Immer noch keine Rechtssicherheit im Verfahren G\u00f6ssner .\/. Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz"},"content":{"rendered":"<p><i>Bundesregierung und Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz haben k\u00fcrzlich Revision gegen das Berufungsurteil des Oberverwaltungsgerichts Nordrhein-Westfalen eingelegt. Mit diesem Urteil war die \u00fcber 38j\u00e4hrige geheimdienstliche \u00dcberwachung und Ausforschung des Rechtsanwalts, Publizisten und B\u00fcrgerrechtlers Dr. Rolf G\u00f6ssner auch in zweiter Instanz f\u00fcr unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig und grundrechtswidrig erkl\u00e4rt worden (Az. 16 A 906\/11). Mit seiner Entscheidung bescheinigt das OVG, wie schon das Verwaltungsgericht erster Instanz, dem beklagten Verfassungsschutz einen dauerhaften, schweren Versto\u00df gegen den Verfassungsgrundsatz der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit und gegen essentielle Grundrechte des Kl\u00e4gers. Aufgrund der &#8222;jahrzehntelangen, gezielt auf seine Person bezogenen Informationssammlung, -auswertung und -speicherung in Form einer Personenakte und der damit verbundenen Grundrechtseingriffe&#8220;, so das OVG, stehe dem Kl\u00e4ger ein &#8222;Rehabilitationsinteresse&#8220; zu.<\/i><\/p>\n<p>Auch die neue Bundesregierung mit ihrem zust&auml;ndigen Innen- und Heimatminister Horst Seehofer (CSU) sieht sich offenbar nicht verpflichtet, diesen skandal&ouml;sen &Uuml;berwachungsfall endlich abzuschlie&szlig;en und die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Im Gegenteil: Trotz eindeutiger Urteile in erster und zweiter Instanz zugunsten des Kl&auml;gers, mit denen dem &#8222;Verfassungsschutz&#8220; geh&ouml;rig die Leviten gelesen werden, legte sie Revision gegen das Berufungsurteil ein. Damit landet diese kafkaeske &Uuml;berwachungsgeschichte nach insgesamt 48 Jahren, und bisher zw&ouml;lf Jahren Verfahrensdauer, vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig &#8211; mit ungewissem Ausgang. Das bedeutet: Der vom Bundesinlandsgeheimdienst &#8222;Verfassungsschutz&#8220; praktisch zum &#8222;Staats- und Verfassungsfeind&#8220; erkl&auml;rte Kl&auml;ger muss noch immer auf Rechtssicherheit und seine rechtskr&auml;ftige Rehabiltierung warten &#8211; voraussichtlich wiederum jahrelang.<\/p>\n<p>Die fr&uuml;here Bundesjustizministerin <b>Sabine Leutheusser-Schnarrenberger <\/b>(FDP) hatte bereits nach der Berufung in einem Presse-Interview zu diesem Fall gesagt: &#8222;<i>Ich habe daf&uuml;r null Verst&auml;ndnis. Die Beh&ouml;rde sollte die Gerichtsentscheidung endlich akzeptieren.<\/i>&#8220; Dieser Fall rufe geradezu nach politischen Konsequenzen. Doch offensichtlich wollen Bundesregierung und Bundesamt auch dieses Urteil nicht auf sich sitzen lassen, mit dem ihnen ein fast vier Jahrzehnte langer Grundrechtsbruch zur Last gelegt wird. Tats&auml;chlich ist ein so lang w&auml;hrender Grundrechtsbruch gegen&uuml;ber einem B&uuml;rger dieses Landes bislang wohl keinem anderen staatlichen Sicherheitsorgan gerichtlich bescheinigt worden; im &Uuml;brigen h&auml;tte dieses Urteil, w&uuml;rde es denn rechtskr&auml;ftig, Auswirkungen auf gesetzliche Regelungen und k&uuml;nftige &Uuml;berwachungst&auml;tigkeit: die schier uferlose Gesinnungsschn&uuml;ffelei m&uuml;sste jedenfalls erheblich eingeschr&auml;nkt und parteilose Einzelpersonen und Berufsgeheimnistr&auml;ger m&uuml;ssten k&uuml;nftig vor geheimdienstlicher Ausforschung weit besser gesch&uuml;tzt werden. Genau dies wollen Bundesinnenminister und Bundesregierung offenkundig vermeiden und setzen mit ihrer Revision zumindest auf Zeit.<\/p>\n<p><b>Rolf G&ouml;ssner <\/b>sieht im Urteil des Oberverwaltungsgerichts (OVG), dessen Begr&uuml;ndung mittlerweile vorliegt, einen &#8222;<i>gerichtlichen Sieg &uuml;ber geheimdienstliche Verleumdungen und Willk&uuml;r sowie &uuml;ber antidemokratische Denk-, Interpretations- und Handlungsmuster eines staatlichen Sicherheitsorgans. Das ist eine erfreulich klare Entscheidung zugunsten der Meinungs-, Presse- und Berufsfreiheit und der informationellen Selbstbestimmung. Tats&auml;chlich liest sich die Urteilsbegr&uuml;ndung wie Nachhilfe-Unterricht f&uuml;r das Bundesamt f&uuml;r Verfassungsschutz: gerichtliche Nachhilfe in Sachen Demokratie, B&uuml;rgerrechte, Verfassung und Rechtsstaat.<\/i>&#8220;<\/p>\n<p><b>Rechtsanwalt Dr. Udo Kau&szlig;<\/b>: &#8222;<i>Die beiden Urteile des Verwaltungsgerichts K&ouml;ln und des OVG Nordrhein-Westfalen sind Meilensteine im Kampf gegen einen &uuml;bergriffigen Inlandsgeheimdienst, dessen Gesinnungsschn&uuml;ffelei und -kontrolle endlich rechtsstaatlich unterbunden werden m&uuml;ssen. Das gilt insbesondere auch hinsichtlich des Schutzes von Berufsgeheimnissen, die unter &Uuml;berwachungsbedingungen nicht mehr zu gew&auml;hrleisten sind.<\/i>&#8220;<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Hintergrundinformationen:<\/h2>\n<p>* Im Anhang finden sich Hintergrund-Informationen zur <b>&Uuml;berwachungs- und Verfahrensgeschichte <\/b>sowie die Pers&ouml;nliche <b>Erkl&auml;rung von Rolf G&ouml;ssner<\/b>, die er in der m&uuml;ndlichen Verhandlung am 13.03.2018 vor dem OVG M&uuml;nster abgegeben hat. Daraus kann gerne zitiert werden. Vollst&auml;ndiger oder teilweise Abdruck nach R&uuml;cksprache.<\/p>\n<p>* <b>Grundaussagen des OVG-Berufungsurteils <\/b>vom 13.03.2018 (Az. 16 A 906\/11), gegen das sich die Revision der beklagten Bundesrepublik, vertreten durch das Bundesamt f&uuml;r Verfassungsschutz wendet:<\/p>\n<p>(1) Das Oberverwaltungsgericht (OVG) NRW hat mit seiner Entscheidung vom 13.03.2018 die Berufung des beklagten Bundesamts f&uuml;r Verfassungsschutz (BfV) gegen dass Urteil des Verwaltungsgerichts K&ouml;ln zur&uuml;ckgewiesen. Das Gericht stellt ausdr&uuml;cklich fest, dass der Kl&auml;ger &#8211; entgegen den verleumderischen Behauptungen des Verfassungsschutzes &#8211; weder selbst verfassungsfeindliche Positionen vertreten habe, noch habe er &#8222;linksextremistische&#8220; Parteien oder Organisationen in deren verfassungsfeindlichen Zielen unterst&uuml;tzt. Der Kl&auml;ger fordere, so das Gericht, in vielen seiner publizistischen Beitr&auml;ge gerade die Einhaltung rechtsstaatlicher Standards und grundrechtlicher Freiheiten. Somit lagen im gesamten Be&shy;obachtungszeitraum keine &#8222;ausreichenden tats&auml;chlichen Anhaltspunkte f&uuml;r eine Be&shy;obachtung des Kl&auml;gers&#8220; vor. Die zielgerichtete Beobachtung des Kl&auml;gers und die damit verbundene F&uuml;hrung einer &uuml;ber 2.000seitigen Personenakte &uuml;ber ihn seien deshalb von Anfang an rechtswidrig und unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig.<\/p>\n<p>(2) Die Richterinnen und Richter des OVG stellen fest, dass auch scharfe, provokante oder polemische Kritik an staatlicher Sicherheitspolitik und Sicherheitsorganen wie Polizei, Geheimdiensten oder Justiz kein Grund f&uuml;r eine geheimdienstliche &Uuml;berwachung sein darf, genauso wenig wie G&ouml;ssners substantiierte Kritik (das BfV verleumdet diese als &#8222;Agitation&#8220; und &#8222;Diffamierung&#8220;) etwa am KPD-Verbot, an Berufsverboten, an der Polizeientwicklung oder am &#8222;Verfassungsschutz&#8220; (VS) selbst. Dies geh&ouml;re zu der von Art. 5 GG gesch&uuml;tzten &#8222;Machtkritik&#8220; und zum politischen Meinungskampf in einer Demokratie.<\/p>\n<p>(3) Das OVG hat deutlich gemacht und anerkannt, dass die jahrzehntelange geheimdienstliche &Uuml;berwachung des Kl&auml;gers mehrere grundrechtlich gesch&uuml;tzte Freiheiten schwer beeintr&auml;chtigte: das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, die Meinungs-, Presse-, Wissenschafts- und Lehrfreiheit sowie die Berufsfreiheit. Wegen der mit einer &Uuml;berwachung verbundenen Stigmatisierung (&#8222;Extremistenstempel&#8220;) seien besonders seine beruflichen T&auml;tigkeiten als Publizist und Rechtsanwalt betroffen. So sei er immer der Gefahr ausgesetzt gewesen, dass ihm aus der staatlichen Beobachtung berufliche und existentielle Nachteile erwachsen. Au&szlig;erdem waren Berufsgeheimnisse wie Mandatsgeheimnis und Informantenschutz unter den Bedingungen der gezielten &Uuml;berwachung nicht zu gew&auml;hrleisten, die verfassungsrechtlich gesch&uuml;tzten Vertrauensverh&auml;ltnisse zwischen Anwalt und Mandant sowie zwi&shy;schen Journalist und Informant also mehr als ersch&uuml;ttert.<\/p>\n<p>(4) Das OVG befasst sich ausdr&uuml;cklich mit dem von fremdem Geheimwissen (des Verfassungsschutzes) ausgehenden Effekt, sich dadurch einsch&uuml;chtern und von der Aus&uuml;bung seiner Grundrechte abschrecken zu lassen. Dieser Effekt m&uuml;sse nicht nur im Interesse des betroffenen Einzelnen vermieden werden, sondern auch im Interesse der Allgemeinheit: &#8222;Auch das Gemeinwohl wird hierdurch beeintr&auml;chtigt, weil die informationelle Selbstbestimmung eine elementare Funktionsbedingung eines auf Handlungs- und Mitwirkungsf&auml;higkeit seiner B&uuml;rger gegr&uuml;ndeten freiheitlichen demokratischen Gemeinwesens ist.&#8220;<\/p>\n<p>(5) Das OVG hatte in seinem Urteil die Revision wegen &#8222;grunds&auml;tzlicher Bedeutung&#8220; der Rechtssache zugelassen; dabei werden in einem Revisionsverfahren nicht noch einmal die tats&auml;chlichen Umst&auml;nde des Falles untersucht, sondern lediglich das Urteil der vorherigen Instanz auf m&ouml;gliche Rechtsfehler &uuml;berpr&uuml;ft. Das Vorliegen solcher Rechtsfehler behauptet nun die Gegenseite mit ihrer Revision &#8211; w&auml;hrend aus Kl&auml;gersicht solche nicht zu erkennen sind. Deshalb ist die gesamte &Uuml;berwachungsgeschichte mitsamt dem enormen Verfahrensaufwand nach Auffassung des Kl&auml;gers weniger ein Fall f&uuml;r das Bundesverwaltungsgericht, als vielmehr f&uuml;r den Bundesrechnungshof &#8211; wegen enormer Verschwendung &ouml;ffentlicher Gelder.<\/p>\n<p>* Die <b>Urteilsbegr&uuml;ndung (PDF) <\/b>kann gern beim Kl&auml;ger bzw. seinem Rechtsbeistand (s.u.) abgerufen werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">F&uuml;r R&uuml;ckfragen:<\/h2>\n<p>* Dr. Udo Kau&szlig;, Rechtsanwalt in Freiburg, Vorsitzender der Humanistischen Union\/Landesverband Baden-W&uuml;rttemberg, die den Prozess gegen den Verfassungsschutz unterst&uuml;tzt. Kontakt: <a href=\"mailto:ra%40rechtsanwalt-kauss.de\">ra@rechtsanwalt-kauss.de<\/a><\/p>\n<p>* RA Dr. Rolf G&ouml;ssner, Kuratoriumsmitglied der Internationalen Liga f&uuml;r Menschenrechte, die zusammen mit weiteren B&uuml;rgerrechtsorganisationen, zahlreichen Politikern, Schriftstellern und K&uuml;nstlern mehrfach gegen seine geheimdienstliche &Uuml;berwachung protestierte und diesen Prozess ebenfalls unterst&uuml;tzt: <a href=\"mailto:goessner%40uni-bremen.de\">goessner@uni-bremen.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[652],"autoren":[165],"class_list":["post-12670","presse","type-presse","status-publish","hentry","tag-pressemitteilung","autoren-udo-kauss"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Revision der Bundesregierung: Immer noch keine Rechtssicherheit im Verfahren G\u00f6ssner .\/. 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