{"id":13044,"date":"2008-03-13T10:36:00","date_gmt":"2008-03-13T09:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/presse\/die-neue-gretchenfrage-1\/"},"modified":"2008-03-13T12:00:00","modified_gmt":"2008-03-13T11:00:00","slug":"die-neue-gretchenfrage-1","status":"publish","type":"presse","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/pressemeldungen\/die-neue-gretchenfrage-1\/","title":{"rendered":"Die neue Gretchenfrage"},"content":{"rendered":"<p>Hat der Glaube oder haben die Menschenrechte Vorrang?<\/p>\n<p>Viele Muslime wissen nicht, wie sie sich entscheiden sollen.<\/p>\n<p>Aber auch Christen pl\u00e4dieren nicht immer f\u00fcr Toleranz<\/p>\n<p>Frankfurter Rundschau vom 13.03.2008<\/p>\n<p>Probleme mit Muslimen basieren auf der Anma\u00dfung, die einzig wahre Religion zu vertreten. Daraus leiten sich Absolutheitsanspr\u00fcche und Ausgrenzungstendenzen ab, welche aber auch dem Christentum eigen sind. Man findet in den theologischen Grundlagenschriften von Bibel und Koran keineswegs nur Pl\u00e4doyers f\u00fcr Freiheit und Toleranz, sondern auch die Diffamierung von Anders- und Nichtgl\u00e4ubigen. Beide Glaubens-richtungen traten als Religionen des Friedens und der Liebe auf, gleichwohl war deren Geschichte h\u00e4ufig nicht von diesen Prinzipien gepr\u00e4gt. Daf\u00fcr sprechen auf der einen Seite die fr\u00fchen innerchristlichen Verfolgungen bis zur Unterst\u00fctzung von Diktaturen im 20. Jahrhundert und auf der anderen Seite die ersten Eroberungsfeldz\u00fcge Mohammeds bis zur gegenw\u00e4rtigen Diktatur im Iran. Dabei handelte es sich nicht um eine Abkehr von den behaupteten&#132;eigentlichen Werten&#147; der jeweiligen Religion. Vielmehr waren die historischen Folgen kompatibel mit dem exklusiven Anspruch auf den einzigen Weg zum Heil. Aufkl\u00e4rung ohne Wirkung Will man diesen verbindlich auf den Geltungsbereich von Gesellschaft und Staat \u00fcbertragen, besteht ein Spannungsverh\u00e4ltnis zu Demokratie und Grundrechten.<br \/>Durch die Ideen der Aufkl\u00e4rung und der mit ihr verbundenen Religionskritik, durch die Demokratisierung der Gesellschaften und dem damit verbundenen Pluralismus verloren die Kirchen in den letzten vierhundert Jahren an gesellschaftlicher und politischer Macht. Wenn auch sp\u00e4t bekannten sie sich seit Mitte des 20. Jahrhundert s00 (\u00fcberwiegend) zu den Wertvorstellungen von Demokratie und Menschenrechten. Zwar l\u00e4sst sich in Deutschland nicht wie in den USA eine konsequente institutionelle Trennung von Kirche und Staat ausmachen. Gleichwohl reduziert sich doch die Rolle des institutionalisierten Christentums weitgehend auf den Stellenwert einer (allerdings staatlich- bevorzugten) Interessenvertretungsorganisation unter vielen. In der islamischen Welt hatte sich bereits im zeitlichen Vorfeld der europ\u00e4ischen eine Art islamische Aufkl\u00e4rung herausgebildet. Die Protagonisten derartiger Auffassungen, welche der menschlichen Vernunft einen h\u00f6heren gesellschaftlichen Stellenwert zuweisen wollten, konnten sich allerdings nicht durchsetzen. So blieb die Religion eine zentrale identit\u00e4tsstiftende Gr\u00f6\u00dfe, ohne in ihren Annahmen einer kritischen Pr\u00fcfung ausgesetzt zu werden. In der Folge stagnierte die gesellschaftliche Dynamik, stand doch der religi\u00f6se Glaube weiterhin \u00fcber der menschlichen Vernunft. Darin kann ein, aber nicht der einzige Grund f\u00fcr den R\u00fcckfall der arabischen gegen\u00fcber der westlichen Welt gesehen werden. Dies erkl\u00e4rt auch, warum die Demokratisierungswellen des 20. Jahrhunderts an den islamischen L\u00e4ndern vorbeiliefen. Ehemalige Koloniall\u00e4nder in anderen Regionen wandelten sich viel st\u00e4rker. Besteht ein Gegensatz von Demokratie und Islam? Die Antwort auf diese Frage lautet &#132;ja&#147; und &#132;nein&#147; zugleich. Das &#132;Ja&#147; erfolgt, weil die Auffassung von einem Islam als ganzheitlicher Lebensweise f\u00fcr eine Gesellschaft Grundrechten, Pluralismus und S\u00e4kularit\u00e4t entgegensteht. In einem solchen Sinne wird die Gottessouver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber die Volkssouver\u00e4nit\u00e4t gestellt. Das Fehlen von Aufkl\u00e4rung und Selbstkritik gegen\u00fcber der eigenen Religion und die starke Verschmelzung von Glaube und Rechtsordnung kommen als weitere Gesichtspunkte hinzu.<\/p>\n<p>Ethisches Selbstverst\u00e4ndnis<\/p>\n<p>DieAntwort &#132;Nein&#147; erfolgt,weil es keinen einheitlichen Islam gibt und er die unterschiedlichstenDeutungen gestattet. Insofern bildeten sich in einigen islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern strukturelle Ans\u00e4tze f\u00fcr demokratische und rechtsstaatliche Systeme, beispielsweise in Indonesien oder der T\u00fcrkei.Weitaus bedeutsamer sind die Muslime in westlichen L\u00e4ndern.<br \/>Sie leben ihren individuellen Glauben bei gleichzeitigem Bekenntnis zu Demokratie und Rechts- staatlichkeit. Hierbei zeigt sich erneut die Ambivalenz der Religionen im Allgemeinen und des Islam im Besonderen: Letzterer ist sowohl mit der Demokratie als auch mit demIslamismus kompatibel, da es in Geschichte wie im Koran Ansatzpunkte f\u00fcr Deutungen in beide Richtungen gibt. Jede dieser Interpretationen blendet notwendigerweise anders lautende Aspekte aus und verf\u00e4hrt<br \/>in der jeweiligen Islam-Deutung einseitig und selektiv. Die dabei deutlich werdende Ambivalenz unter den Muslimen der Gegenwart l\u00e4sst sich bei den Christen in der historischen Gesamtschau ebenfalls ausmachen. Dies h\u00e4ngt mit der &#150; positiv formuliert &#150; Vielfalt oder &#150; negativ formuliert &#150; mit der Widerspr\u00fcchlichkeit der Religionen zusammen. Inwieweit man eine solche Lehre zur normativen Grundlage des eigenen ethischen Selbst-verst\u00e4ndnisses macht,muss jeder und jede selbst entscheiden. Die Pr\u00e4senz von gl\u00e4ubigen Muslimen als demokratische Staatsb\u00fcrger belegt die Kompatibilit\u00e4t von Demokratie und Islam. Welche Konsequenzen ergeben sichf \u00fcr Muslime hinsichtlichder Integration in einer offenen multireligi\u00f6sen Gesellschaft? Da die Religionsfreiheit als Menschenrecht ein tragender Bestandteil des demokratischen Verfassungsstaates ist, m\u00fcssen alle Artikulationsformen des islamischen Glaubens geduldet werden &#150; sofern sie nicht anderen grundlegenden Geboten und Rechtenwidersprechen. Hierbei k\u00f6nnen selbst dogmatische und orthodoxe Deutungen des Islam Toleranz erfahren, so lange daraus nicht Handlungen gegen Menschenrechte und Rechtsprinzipien von der Frauenunterdr\u00fcckung bis zur Gewalt folgen. Auch die Assimilation an die kulturellen Wertvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft stellt keine Notwendigkeit f\u00fcr die individuelle Anerkennung in einer pluralistischen Gesellschaft dar. Sozialordnungen k\u00f6nnen das Prinzip &#132;Einheit in Vielfalt&#147; aber nur als gelebte Wirklichkeit praktizieren, wenn es eine allgemein verbindliche Basis von Normen im Sinne eines nicht-kontroversen Sektors oder \u00fcberlappenden Konsens gibt. Nur bei der Akzeptanz bestimmter Regeln und Werte ist die Koexistenz unterschiedlicher ethischer, kultureller, politischer, religi\u00f6ser oder sozialer Tendenzen m\u00f6glich. Zu den Minimalbedingungen geh\u00f6ren die Kenntnis der Landessprache, die Akzeptanz der Grund- und Menschenrechte sowie die Einhaltung von Recht und Gesetz. Gerade der mittlere Gesichtspunkt bildet den zentralen Kern der unabdingbaren Normen und ist kultureller und religi\u00f6ser Identit\u00e4t \u00fcbergeordnet. Die zentrale Frage, die sich somit nicht nur f\u00fcr Muslime stellt, lautet: Haben die Glaubensinhalte oder die Menschenrechte Vorrang? Vielleicht bildet dieser Satz die neue Gretchenfrage f\u00fcr das Leben in der multireligi\u00f6sen Welt des 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Armin Pfahl-Traughber lehrt an der Fachhochschule<br \/>des Bundes in Br\u00fchl und als Lehrbeauftragter an der Universit\u00e4t Bonn<br \/>und ver\u00f6ffentlichte zahlreiche Aufs\u00e4tze und B\u00fccher zu den<br \/>Themen Antisemitismus, Extemismus, Ideengeschichte, Islamismus,<br \/>Terrorismus und Zeitgeschichte.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[86],"tags":[2607],"autoren":[1865],"class_list":["post-13044","presse","type-presse","status-publish","hentry","category-medienresonanz","tag-frankfurt-medienresonanz","autoren-armin-pfahl-traughber"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die neue Gretchenfrage - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/pressemeldungen\/die-neue-gretchenfrage-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die neue Gretchenfrage - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Hat der Glaube oder haben die Menschenrechte Vorrang? 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