{"id":13130,"date":"2007-02-12T14:34:00","date_gmt":"2007-02-12T13:34:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/presse\/eine-bruecke-zu-den-buergerrechten\/"},"modified":"2007-02-12T12:00:00","modified_gmt":"2007-02-12T11:00:00","slug":"eine-bruecke-zu-den-buergerrechten","status":"publish","type":"presse","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/pressemeldungen\/eine-bruecke-zu-den-buergerrechten\/","title":{"rendered":"Eine Br\u00fccke zu den B\u00fcrgerrechten"},"content":{"rendered":"<p>In Gro\u00dfbritannien k\u00f6nnen Einwanderinnen ihren<\/p>\n<p>Aufenthaltsstatus gegenseitig legalisieren<\/p>\n<p>Frankfurter Rundschau vom 12.02.2007<\/p>\n<p>Was sind Menschenrechte wert, wenn man nichts hat als sie? Dies fragte Hannah Arendt kurz nach dem 2. Weltkrieg in ihrem ber\u00fchmten Buch \u00fcber &#8222;Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft&#8220; . Der aktuelle Fall Kurnaz zeigt, dass sich bis heute nichts ge\u00e4ndert hat an der Tatsache, dass man Menschenrechte fast nie mit Berufung auf das blo\u00dfe Menschsein durchsetzen kann, sondern fast immer nur mit Hinweis auf einen besonderen B\u00fcrgerstatus als Engl\u00e4nder, als Amerikaner, als Deutscher. Deutsche Beh\u00f6rdensahen keinen Anlass, sich vordringlich mit Kurnaz bedrohten Menschenrechten zu befassen, da er als Angeh\u00f6riger der 2. Generation &#8211; wenn auch in Deutschland geboren und aufgewachsen &#8211; kein deutscher Staatsb\u00fcrger war. Dieses Beispiel zeigt, wie sehr Migrations-prozesse \u00fcber Generationen hinweg B\u00fcrgerrechte schm\u00e4lern und damit auch die Menschenrechtssituation beeinflussen. Wie stellt sich die rechtliche Situation der Migrantinnen dar? Ganz besonders gilt die Einschr\u00e4nkung von zivilen, politischen und sozialen Rechten in der Migration f\u00fcr Frauen. Fast immer ist ein gefestigter Aufenthaltsstatus &#8211; das hei\u00dft ein Minimum zumindest an zivilen und sozialen Rechten &#8211; gebunden an eine legale bezahlte Arbeit. Oftmals ist der Aufenthaltsstatus der Frauen an den Ehemann oder den Arbeitgeber gekn\u00fcpft. F\u00fcr viele ausl\u00e4ndische Hausangestellte zum Beispiel, deren Arbeitgeber in oder nach den Golfkriegen aus der Golfregion nach Gro\u00dfbritannien zur\u00fcckkehrten, war der zivile Status an den Verbleib im Haushalt des Arbeitgebers gebunden, dem sie rechtlos ausgeliefert waren. Flohen sie vor \u00dcbergriffen oder absoluter Kasernierung, wurden sie zu Illegalen. Diese Bedrohung des Rechtsstatus von Migrantinnen ist insofern besonders bedeutsam, als wir heute allgemein von einer Feminisierung der Migration sprechen k\u00f6nnen. Feminisierung der Migration bedeutet nicht nur, dass vergleichsweise immer mehr Frauen auf der ganzen Welt wandern, sondern dass sich auch der Typ der Wanderung \u00e4ndert. Kennzeichnend f\u00fcr die neue Migrationssituation in Europa ist die Irregularisierung der Migrationsbewegungen im Zuge der Globalisierung, die zu neuen Mustern gegen\u00fcber den der klassischen Arbeitsmigrationen im Rahmen von Anwerbevertr\u00e4gen gef\u00fchrt haben. Wir denken zum Beispiel an die Situation derjenigen Frauen, die Saskia Sassen im Zusammenhang der <br \/>&#8222;Feminisierung des \u00dcberlebenskampfes&#8220; beschreibt. Ihrer Auffassung nach sind etliche Staaten, zum Beispiel der philippinische und thail\u00e4ndische, aktiv daran beteiligt, staatliche Eink\u00fcnfte, die durch m\u00e4nnliche Normalarbeit nicht mehr gew\u00e4hrleistet sind, durch Export weiblicher Arbeitskraft in jene L\u00e4nder zu sichern, in denen eine gro\u00dfe Nachfrage nach legalen oder illegalen Pfleget\u00e4tigkeiten besteht. Dadurch flie\u00dfen erhebliche Zahlungen sowohl an mehr oder weniger legale Vermittlungs-agenturen sowie an die Familien in die Herkunftsl\u00e4nder zur\u00fcck. Wir sehen aber auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und Ex- Jugoslawiens alleinreisende Frauen aus Polen, Rum\u00e4nien, der Slowakei, die als Pflegekr\u00e4fte in europ\u00e4ischen Haushalten arbeiten und damit gleichzeitig die im Herkunftsland gebliebenen Familien unterst\u00fctzen Die Frage ist: erw\u00e4chst diesen bislang oft illegal arbeitenden Frauen aus ihren in den Ankunftsregionen so unentbehrlichen Leistungen irgend ein Anspruch auf zivile, politische und soziale Rechte als Menschen und als B\u00fcrger?<\/p>\n<p>Frauen erkennen sich gegenseitig Menschenrechte zu<\/p>\n<p>Es ist die Frage, ob mit der Berufung auf Menschenrechte in Verbindung mit der Antidiskriminierungs-Richtlinie in Europa ein neues inklusives Konzept von Staatsb\u00fcrgerschaft zu entwickeln ist, auf das sich Einheimische wie Migranten unabh\u00e4ngig von ihrer Staatsangeh\u00f6rigkeit und ihrem Geschlecht beziehen k\u00f6nnen und das auch Reproduktionsarbeiten jenseits von Normalarbeitsverh\u00e4ltnissen zur Grundlage sozialer Rechte macht. Eine Aufwertung h\u00e4uslicher unbezahlter Pflegearbeit als<br \/>eigenst\u00e4ndige Quelle von Rechten erfolgte in der EU von oben aufgrund staatlicher Politik bislang nicht, wie Ute Gerhard und Anja Weckwert nachgewiesen haben. Druck von unten hat jedoch seit dem 19. Jahrhundert in Europa immer eine gro\u00dfe Rolle gespielt, um das Recht auf zivile, politische und soziale Teilhabe als Menschenrecht einzufordern und damit gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen herbeizuf\u00fchren. Ein in seiner Art v\u00f6llig neuartiges Beispiel daf\u00fcr sind die Erfolge der ersten Gewerkschaft f\u00fcr h\u00e4usliche Pflegekr\u00e4fte in London, der transnationalen und trans-ethnischen &#8222;United Workers Association&#8220; im Bereich von Domestic Care Work, \u00fcber die Bridget Anderson berichtet hat. In der offiziellen britischen Regelung (der Labour- Regierung!) zur Erlangung eines legalen Aufenthaltsstatus f\u00fcr ausl\u00e4ndische Hausangestellte war vorgesehen, dass ausgerechnet der fr\u00fchere Arbeitgeber, dem zu entfliehen der Migrantin gelungen war, die Legalit\u00e4t der Einreise bezeugen sollte. Die von der Gewerkschaft durchgesetzte Regelung schafft etwas v\u00f6llig Neues und bis dahin Unerh\u00f6rtes: \u00f6ffentliche und beh\u00f6rdlich wird anerkannt, dass sich Migrantinnnen selbst gegenseitig Rechte zubilligen, indem die legale Einreise durch die Dauer der Gewerkschaftsmitgliedschaft belegt wird. Somit wurde das zun\u00e4chst privat entstandene Netzwerk zu einem politisch wirksamen \u00f6ffentlichen Raum. Abstrakte Menschenrechte wurden in der Form ihrer gegenseitigen Zuerkennung zu einer Br\u00fccke der Erlangung von B\u00fcrgerrechten. Die Autorin Ursula Apitzsch ist Professorin f\u00fcr Soziologie und Politikwissenschaft an der Johann Wolfgang &#8211; Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt und Direktorin im Cornelia Goethe Centrum f\u00fcr Frauen- und Geschlechterforschung. Derzeit geh\u00f6rt sie einer transdisziplin\u00e4ren Arbeitsgruppe f\u00fcr Migrations- und Biografieforschung an. Sie hat zum Thema Migration international h\u00e4ufig publiziert.<\/p>\n<p>Eine Br\u00fccke zu den B\u00fcrgerrechten<\/p>\n<p>In der Reihe &#8222;Leitkultur Menschenrechte&#8220; von Humanistischer Union und Frankfurter Rundschau h\u00e4lt Prof. Apitzsch am kommenden Donnerstag, den 15. Februar, ab 20 Uhr im Caf\u00e9 Wiesengrund, Finkenhofstr. 17, Frankfurt a.M., den Vortrag &#8222;Migration, Menschenrechte und Geschlecht&#8220;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[86],"tags":[2607],"autoren":[2585],"class_list":["post-13130","presse","type-presse","status-publish","hentry","category-medienresonanz","tag-frankfurt-medienresonanz","autoren-ursula-apitzsch"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Eine Br\u00fccke zu den B\u00fcrgerrechten - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/pressemeldungen\/eine-bruecke-zu-den-buergerrechten\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Eine Br\u00fccke zu den B\u00fcrgerrechten - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"In Gro\u00dfbritannien k\u00f6nnen Einwanderinnen ihren Aufenthaltsstatus gegenseitig legalisieren Frankfurter Rundschau vom 12.02.2007 Was sind Menschenrechte wert, wenn man nichts hat als sie? 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