{"id":13172,"date":"2006-06-01T15:33:00","date_gmt":"2006-06-01T13:33:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/presse\/das-geschaeft-mit-der-naechstenliebe\/"},"modified":"2021-08-30T15:44:31","modified_gmt":"2021-08-30T13:44:31","slug":"das-geschaeft-mit-der-naechstenliebe","status":"publish","type":"presse","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/pressemeldungen\/das-geschaeft-mit-der-naechstenliebe\/","title":{"rendered":"Das Gesch\u00e4ft mit der N\u00e4chstenliebe"},"content":{"rendered":"<p>Die kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen sind l&auml;ngst Riesenunternehmen und der christliche Anspruch nur Fassade. Aus: Frankfurter Rundschau vom 01.06.2006.<\/p>\n<p>Das &#8222;Religi&ouml;se&#8220; sei wieder stark im Kommen, liest man allerorten, und als die Bundesfamilienministerin van der Leyen am 20. April in Berlin das &#8220; B&uuml;ndnis f&uuml;r Erziehung&#8220; vorstellte, wurde sie dabei von einer evangelischen Bisch&ouml;fin und einem katholischen Kardinal sekundiert. Begr&uuml;ndet wurde diese kirchliche Flankierung mit ihrem &#8220; dichten bundesweiten Netz an Betreuungs- und Bildungseinrichtungen, (die) auch in besonderer Weise soziale und moralische Aspekte (verkn&uuml;pfen). Im Bereich der Kinderg&auml;rten in freier Tr&auml;gerschaft stellen die kirchlichen Tr&auml;ger (Caritas und Diakonie) insgesamt 72,3 Prozent der Pl&auml;tze&#8220; , so die Ministerin. Ein sch&ouml;nes Beispiel, wie man mit richtigen Zahlen Nebelkerzen werfen kann. Es &#8220; fehlte&#8220; zum einen die Information, dass die freien Tr&auml;ger nur rund 60 Prozent aller Kita-Pl&auml;tze stellen, und zum anderen wur-den die &#8220; freien Tr&auml;ger&#8220; auf die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege begrenzt, so dass die richtige Information gewesen w&auml;re: Die beiden kirchlichen Tr&auml;ger stellen gemeinsam 37,5 Prozent aller Kita-Pl&auml;tze in Deutschland. Also nur etwas mehr als ein Drittel. Dazu kommt dann noch durch die Auswahl der B&uuml;ndnispartner die unverhohlene Absage an ein grundgesetzkonformes Erziehungsverst&auml;ndnis. Christliche Partikularwerte und Interessen werden gegen die weltanschauliche Neutralit&auml;t des Staates und die universalistischen Grundwerte in Stellung gebracht. Das breite Spektrum der Einrichtungen in kirchlicher Tr&auml;gerschaft (z.B. Kinderg&auml;rten, Krankenh&auml;user, Altenheime, Sozialstationen und Beratungsstellen) suggeriert einen hohen finanziellen Mitteleinsatz der Kirchen. Die Behauptung der besonderen Verkn&uuml;pfung von sozialen und moralischen Aspekten unterstellt eine exklusive normative Qualit&auml;t gegen&uuml;ber den nicht-konfessionellen Tr&auml;gern. Ein Schelm, der B&ouml;ses bei solchen selbstlosen Unterstellungen denkt. Doch wie ist es wirklich? Ist die Betreuung in kirchlichen Pflegeheimen besonders gut? Fallen kirchliche Einrichtungen durch besondere Ber&uuml;cksichtigung der Menschen- und B&uuml;rgerrechte auf? F&uuml;hrt die christliche N&auml;chstenliebe zu entsprechender R&uuml;cksichtnahme bei den finanziellen, physischen und psychischen Belastungsgrenzen der MitarbeiterInnen?<\/p>\n<p>Vorurteile im Sozialbereich<\/p>\n<p>Der Gesundheits- und Sozialbereich in Deutschland scheint eine Art Terra incognita zu sein, in dem viele von uns zwar einzelne Einrichtungen kennen, jedoch Ein- und &Uuml;berblick nicht vorhanden sind. Auf dem Boden dieser Unkenntnis k&ouml;nnen sich Stereotypen und Vorurteile erhalten, die mit der heutigen Realit&auml;t nur noch wenig zu tun haben. 1961 wurde in das Jugendhilfegesetz ein kurzer Absatz eingef&uuml;gt, der den so genannten &#8220; freien Tr&auml;gern&#8220; den Vorrang vor den staatlichen Tr&auml;gern einr&auml;umt. Dieses &#8220; Subsidiarit&auml;tsprinzip&#8220; wurde insbesondere von der organisierten katholischen &#8220; N&auml;chstenliebe&#8220; (Caritas) und der evangelischen &#8220; Br&uuml;derlichkeit&#8220; (Diakonie) genutzt, um zum gr&ouml;&szlig;ten privaten Arbeitgeberverbund in Europa aufzusteigen. 1960 hatten Caritasverband und Diakonisches Werk zusammen rund 300 000 MitarbeiterInnen. Die aktuellen Zahlen belaufen sich auf zusammen rund 950 000 Besch&auml;ftigte. Dazu kommen noch rund 300 000 weitere Mitarbeiter als Azubis, Honorarkr&auml;fte, Freiwillige des Sozialen Jahres etc., die von den Verb&auml;nden selber nicht als Besch&auml;ftigte gez&auml;hlt werden, da sie nicht hauptberuflich und unbefristet besch&auml;ftigt sind. Insgesamt sind es also zurzeit rund 1, 25 Millionen Menschen, die Lohn und Arbeit bei Caritas und Diakonie finden. Bereits f&uuml;r die offiziellen Mitarbeiterzahlen beider Wohlt&auml;tigkeitsverb&auml;nde gilt, dass jeder der beiden Organisationen f&uuml;r sich mehr Menschen besch&auml;ftigt als der Siemens-Konzern (426 000) oder der Daimler-Chrysler- Konzern (366 000) weltweit. Mit anderen Worten: Caritas und Diakonie sind unbekannte Giganten. Diese schnelle Vergr&ouml;&szlig;erung der Mitarbeiterzahl hat die innere Struktur der Verb&auml;nde und die Mentalit&auml;t der Mitarbeiter stark ver&auml;ndert. Aus einer geringen Zahl Hauptamtlicher, die von vielen Ehrenamtlichen und Nonnen wie Diakonissen umgeben waren, sind nun professionelle Dienste geworden, in die sich die Ehrenamtlichen nur noch schwierig einbinden lassen. Nonnen wie Diakonissen gibt es zudem kaum noch. Wie es einmal eine Nonne sagte: &#8220; Ja, wir gelten als katholische Einrichtung. Aber wir merken nichts mehr davon.&#8220; Oder, wie andere Stimmen sagen: &#8220; Wer bei der Kirche arbeitet, f&auml;llt vom Glauben ab.&#8220; Untersuchungen verdeutlichen: Schraubt man das Schild am Eingang ab, wird inhaltlich nicht mehr deutlich, wer Tr&auml;ger der Einrichtung ist. Beide Organisationen setzen mittlerweile ein Finanzvolumen von j&auml;hrlich insgesamt rund 45 Milliarden Euro um (z.B. Leistungsentgelte der Krankenkassen, der Pflegeversicherung oder private Bezahlung). Die vielf&auml;ltige Arbeit von Caritas und Diakonie kommt vor allem dem Image der beiden Kirchen zugute: &#8220; Die tun doch so viel Gutes.&#8220; Hinsichtlich der Finanzierung dieser Einrichtungen darf die best&auml;ndige Wiederholung: &#8220; Die Kirche ist der Tr&auml;ger von Kindertagesst&auml;tten, Krankenh&auml;usern, Altenheimen, etc.&#8220; jedoch nicht t&auml;uschen, da in wesentliche Bereiche &uuml;berhaupt kein Cent Kirchengeld flie&szlig;t und die gesamten kirchlichen Zusch&uuml;sse f&uuml;r Caritas und Diakonie nur 1,8 Prozent von deren Gesamtkosten abdecken.<\/p>\n<p>Nur wenig Geld aus Kirchensteuer<\/p>\n<p>Die Frage dieser geringen Eigen-Finanzierung hat dabei zwei entscheidende Aspekte: 1. Die Glaubw&uuml;rdigkeit des Tr&auml;gers. Da die<br \/>meisten Menschen meinen, dass die Kirchen, wie sie es selber auch immer darstellen, die sozialen Einrichtungen &uuml;berwiegend aus der Kirchensteuer finanzieren, w&uuml;rden (nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland, <a href=\"http:\/\/www.fowid.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.fowid.de<\/a>) rund die H&auml;lfte der Kirchenmitglieder aus der Kirche austreten, wenn die Kirchen diese Einrichtungen nur geringf&uuml;gig finanzieren. Genau das ist jedoch die Realit&auml;t. 2. Die Rechtm&auml;&szlig;igkeit eines Besitzanspruchs. Artikel 140 des Grundgesetzes (in Verbindung mit Artikel 137,3 der Weimarer Reichsverfassung) privilegiert die Kirchen u. a. in der Weise, dass sie ihre eigenen Einrichtungen selbstst&auml;ndig verwalten. Wenn also ein Krankenhaus, oder ein Altenheim, oder eine Kindertageseinrichtung ohne einen Cent aus der Kirchensteuer finanziert werden &#8211; ist es dann noch eine eigene Einrichtung der Kirchen? Die selbstst&auml;ndige Verwaltung der sozialen Einrichtungen durch die Kirchen hat tagt&auml;gliche Bedeutung f&uuml;r viele Menschen, weil in den konfessionellen Einrichtungen ein &#8220; Dritter Weg&#8220; der Mitarbeitervertretung gilt (kein Betriebsrat, kein Streikrecht, keine Mitbestimmung oder Informationsrecht). Dadurch k&ouml;nnen grundlegende B&uuml;rgerrechte den MitarbeiterInnen verweigert werden! Begr&uuml;ndung: Dienstgeber und Dienstnehmer sitzen im gleichen Boot der &#8220; Glaubensverk&uuml;ndigung&#8220; , das (vorgeblich) keine Gegens&auml;tze kennt. Der rechtfertigende R&uuml;ckgriff auf den &#8220; Tendenzschutz&#8220; im Betriebsverfassungsgesetz kann nicht greifen, weil dieses Gesetz ausdr&uuml;cklich keine Geltung f&uuml;r kirchliche Einrichtungen hat. W&auml;hrend bei der Caritas schon seit Jahrzehnten in den Klauseln der Arbeitsvertr&auml;ge unterschrieben wurden musste, dass man nach den Regeln der katholischen Kirche leben w&uuml;rde &#8211; alles andere bedeutete m&ouml;glicherweise die fristlose K&uuml;ndigung -, hatten es die evangelische Kirche und die Diakonie erheblich schwerer. Das hei&szlig;t, bisher hatten sie keinen Erfolg, derartige &#8222;Loyalit&auml;tsrichtlinien&#8220; f&uuml;r die MitarbeiterInnen in den Synoden durchzusetzen. Daf&uuml;r wird jetzt Abhilfe geschaffen. Das bereits von der rot-gr&uuml;nen Bundesregierung formulierte Antidiskriminierungsgesetz, das dieser Tage vom Bundeskabinett verabschiedet wurde, gibt den Kirchen und Weltanschauungsgemeinschaften das gesetzlich festgeschriebene Privileg, nach ihren eigenen ethischen Lehren &#8222;Loyalit&auml;tsanforderungen&#8220; <br \/>zu formulieren, die nicht als Diskriminierung gelten. Das bedeutet f&uuml;r die vielen MitarbeiterInnen beider Kirchen und bei Caritas wie Diakonie eine gesetzlich erlaubte Beschr&auml;nkung der individuellen Rechte der freien Religionsaus&uuml;bung, der Berufswahl, der sexuellen Selbstbestimmung, der freien Partnerwahl und Lebensform also Diskriminierung auf Grund eines Bundesgesetzes, das behauptet, gerade das verhindern zu wollen. Dies ist ein besonders fatales Beispiel f&uuml;r den Abbau von B&uuml;rger und Menschenrechten. In Deutschland. Aktuell. Der Autor Carsten Frerk ist promovierter Sozialwissenschaftler und freier Publizist.<br \/>Er hat sich in den vergangenen Jahren intensiv darum gek&uuml;mmert, etwas Licht in die undurchsichtigen Strukturen der Kirchen zu<br \/>bringen. Dazu hat er unter anderem zwei Sachb&uuml;cher ver&ouml;ffentlicht: &#8220; Finanzen und Verm&ouml;gen der Kirchen in Deutschland&#8220; sowie &#8222;Caritas und Diakonie in Deutschland&#8220; . Frerk gilt als einer der wenigen Experten au&szlig;erhalb der Kirchen. Zur Zeit ist er Leiter der &#8222;Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland&#8220; .<\/p>\n<p>Carsten Frerk wird in der Reihe &#8220; Leitkultur Menschenrechte&#8220; von Humanistischer Union und Frankfurter Rundschau am heutigen<br \/>Donnerstag, 1. Juni, ab 20 Uhr im Caf&eacute; Wiesengrund im Finkenhof, Finkenhofstr. 17, Frankfurt , einen Vortrag hierzu halten. <br \/>Alle Rechte vorbehalten &#8211; &copy; Redaktionsarchiv M. DuMont Schauberg<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[86],"tags":[2607],"autoren":[365],"class_list":["post-13172","presse","type-presse","status-publish","hentry","category-medienresonanz","tag-frankfurt-medienresonanz","autoren-carsten-frerk"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Das Gesch\u00e4ft mit der N\u00e4chstenliebe - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/pressemeldungen\/das-geschaeft-mit-der-naechstenliebe\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Das Gesch\u00e4ft mit der N\u00e4chstenliebe - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen sind l&auml;ngst Riesenunternehmen und der christliche Anspruch nur Fassade. 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