{"id":10080,"date":"1998-09-01T15:20:00","date_gmt":"1998-09-01T13:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/nicht-so-woertlich\/"},"modified":"1998-09-01T12:00:00","modified_gmt":"1998-09-01T10:00:00","slug":"nicht-so-woertlich","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/163\/publikation\/nicht-so-woertlich\/","title":{"rendered":"Nicht so w\u00f6rtlich?"},"content":{"rendered":"<p>Buchbesprechungen<\/p>\n<p>Mitteilungen Nr. 163, S. 88<\/p>\n<p>Reiner Engelmann und Urs M. Fiechtner (Hg.): Frei und gleich geboren. Ein Menschenrechte-Lesebuch., CH-Aarau: Sauerl\u00e4nder Verlag 1998, ISBN 3-7941-4343-4, 287 Seiten, 36,&#150; DM<\/p>\n<p>Der 50. Jahrestag der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte geht auch an dem Buchmarkt nicht spurlos vorbei. Einige bemerkenswerte Neuerscheinungen sind auch dabei. So zum Beispiel ein &#132;Menschrechte-Lesebuch&#147;, das Till M\u00fcller-Heidelberg Ende M\u00e4rz in Bingen vorstellte (Rede leicht gek\u00fcrzt):<\/p>\n<p>[&#8230;] Immer wieder haben Menschen und Staaten sich zu den unverbr\u00fcchlichen Menschenrechten bekannt &#8211; und sie doch immer wieder gebrochen, so dass der Kampf nie zu Ende geht, sich nie er\u00fcbrigt. Die [&#8230;] Menschenrechtserkl\u00e4rung der Vereinten Nationen von 1948, die in dichterisch gestalteter Form von Urs M. Fiechtner den Anfang und Ausgangspunkt des vorzustellenden Buches darstellt, ist nicht der Abschluss der Entwicklung. Ein Jahr sp\u00e4ter folgt das Grundgesetz mit seinem Grundrechtekatalog und dem Artikel 1: &#132;Die W\u00fcrde des Menschen inst unantastbar. Sie zu achten und zu sch\u00fctzen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.&#147; Der Europarat verabschiedet am 4. November 1950 die Stra\u00dfburger Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten, und 1969 folgen die Pakte der Vereinten Nationen \u00fcber b\u00fcrgerliche und politische Rechte sowie \u00fcber wirtschaftliche und kulturelle Rechte.<br \/>Und gegenw\u00e4rtig wird in der Europ\u00e4ischen Union gerungen um eine europ\u00e4ische Verfassung, um einen Grundrechts- und Menschenrechtskatalog.<br \/>Trotz dieser Vielzahl von Menschenrechtsverbriefungen berichtet Thorsten Urhahn in seinem Beitrag, dass bei ca. 180 UNO-Mitgliedsstaaten der Jahresbericht 1997 von Amnesty International \u00fcber Menschenrechtsverletzungen aus 152 Staaten zu klagen hat, \u00fcber Inhaftierung von gewaltlosen politischen Gefangenen in 94 Staaten, \u00fcber Folter und Misshandlungen in 124 Staaten. Warum? In einem faszinierenden 2-Personen-B\u00fchnenst\u00fcck zu Anfang und als Grundlage des Menschenrechte-Lesebuchs l\u00e4sst Urs M. Fiechtner einen Menschen die UNO-Menschenrechtserkl\u00e4rung vorlesen in Gegenwart eines Lautsprechers, Symbol des anonymen Staates. Nachdem der Mensch die Pr\u00e4ambel verlesen hat, mischt sich der Lautsprecher mit der Frage ein, was er da eigentlich tue.<br \/>&#132;Mensch: Ich lese aus der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte vor. Vom 10. Dezember 1948. Aus der Pr\u00e4ambel.<br \/>Lautsprecher: Und habe ich das denn erlaubt?<br \/>Mensch: Sie haben sie unterschrieben.<br \/>Lautsprecher: Im Ernst?<br \/>Mensch: Das weiss ich nicht. Aber sie haben unterschrieben.&#147;<br \/>Und nachdem so die gesamte Menschenrechtserkl\u00e4rung im Zwiegespr\u00e4ch vorgef\u00fchrt worden ist, gibt der Lautsprecher, unsere Staatengemeinschaft, seinen Schlusskommentar:<br \/>&#132;[&#8230;] Wenn es nicht anders geht, gebe ich auch zu, dass ich &#150; in einem schweren Augenblick &#150; dies alles unterschreiben musste. Aber es ist nicht w\u00f6rtlich zu verstehen. Du hast es selbst gesagt: Hier geht es nur um ein Ideal. Um dein Ideal. Dem mag man folgen oder nicht. Ich mag es nicht und bin zu mehr als ein paar Kompromissen nicht bereit. Ich weiche nur dem Druck, nicht der Vernunft. Was immer Du von mir verlangst, Du musst es Dir schon selber holen.<br \/>[&#8230;] Ich werde immer n\u00fctzliche Idioten finden, die meiner Fahne folgen und mir blind gehorsam sind und die, wo der Befehl allein nicht hilft, bereit sind, blindlings zuzuschlagen, um mir Gehorsam zu erzwingen.<br \/>Doch Du &#150; wieviele wirst Du finden, die ihre Angst beherrschen, um nicht von ihr beherrscht zu werden?&#147;<br \/>In acht Kapiteln berichtet das Buch \u00fcber verschiedene Aspekte der Menschenrechtsverletzungen: Politische Gefangenschaft, Folter, Todesstrafe, die Rechte der Kinder, Verschleppt und Verschwunden, Diskriminierung und Vorurteile, auf der Flucht, Umgang mit den T\u00e4tern. [&#8230;]<br \/>In seinem Bericht \u00fcber das Verschwindenlassen von politischen Gegnern unter der Milit\u00e4rdiktatur in Argentinien schreibt Osvaldo Bayer im Menschenrechte-Lesebuch: &#132;Als Verbrechen gegen die Menschenrechte gelten eben nur solche, die weit draussen vor den Landesgrenzen in fremden Regionen ver\u00fcbt werden.&#147; Der Menschenrechtsbericht der Bundesregierung befasst sich nur mit Menschenrechtsverletzungen weltweit. Der Menschenrechtsausschuss des Bundestages ist ein Unterausschuss des Ausw\u00e4rtigen Ausschusses. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung ist der Staatssekret\u00e4r Sch\u00e4fer im Aussenministerium. Dass es auch Menschenrechtsverletzungen in der Bundesrepublik Deutschland geben k\u00f6nnte, kommt in der Bundesregierung nicht vor. Das vorzustellende Buch macht deutlich, dass es so einfach nicht ist.<br \/>[&#8230;] Wenn ich sage, dass bei aller Bedr\u00fcckung dieses Buch doch gleichzeitig auch aufmunternd ist, dann mag als Beleg daf\u00fcr ein Zitat stehen, welches das Buch beendet und von Vaclav Havel stammt, dem Gr\u00fcnder der Charta 77, der B\u00fcrgerrechtsbewegung in der Tschecheslowakei und deren heutiger Pr\u00e4sident. Ein Zitat, welches f\u00fcr alle B\u00fcrgerrechtler, Menschenrechtsk\u00e4mpfer gilt, welches uns im t\u00e4glich frustrierenden und immer wieder vergeblichen Kampf f\u00fcr die Einhaltung der B\u00fcrger- und Menschenrechte aufrecht erh\u00e4lt.<br \/>&#132;Wer behauptet, ich sei ein Schw\u00e4rmer, der die Erde in ein Paradies verwandeln wolle, hat nicht Recht. Nur wenige haben so wenige Illusionen wie ich. Ich sp\u00fcre nur die Verantwortung, mich f\u00fcr das einzusetzen, was ich f\u00fcr gut und richtig halte. Ob es mir hin und wieder gelingt, tats\u00e4chlich etwas zum Besseren zu wenden, oder ob es mir \u00fcberhaupt nicht gelingt, etwas zu ver\u00e4ndern, das weiss ich selbstverst\u00e4ndlich nicht. Ich lasse beide M\u00f6glichkeiten zu.<br \/>Ich lasse nur eines nicht zu: Dass es grunds\u00e4tzlich keinen Sinn mache, das Gute anzustreben.&#147;<\/p>\n<p>Till M\u00fcller-Heidelberg<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[186],"publikationen":[971],"class_list":["post-10080","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-till-mueller-heidelberg","publikationen-971"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Nicht so w\u00f6rtlich? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/163\/publikation\/nicht-so-woertlich\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Nicht so w\u00f6rtlich? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Buchbesprechungen Mitteilungen Nr. 163, S. 88 Reiner Engelmann und Urs M. 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