{"id":10167,"date":"2003-03-19T20:10:00","date_gmt":"2003-03-19T19:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/speicherung-ohne-ende-rasterfahndung-in-der-kritik-1\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:19","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:19","slug":"speicherung-ohne-ende-rasterfahndung-in-der-kritik-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2003\/publikation\/speicherung-ohne-ende-rasterfahndung-in-der-kritik-1\/","title":{"rendered":"Speicherung ohne Ende \u0096 Rasterfahndung in der Kritik"},"content":{"rendered":"<p>Tjark Sauer<\/p>\n<p>Grundrechte-Report 2003, S. 59-63<\/p>\n<p>Nachdem die pr&auml;ventive Rasterfahndung in Deutschland Ende 2001 erstmalig in allen Bundesl&auml;ndern angewendet wurde, ist die &laquo;computergest&uuml;tzte Fahndung&raquo; nach &laquo;islamischen Schl&auml;fern &raquo; noch nicht abgeschlossen. Zwar wurden bislang keine &laquo;Schl&auml;fer&raquo; gefunden &#8211; daf&uuml;r befinden sich noch Daten von vielen Hundert Studierenden in den Computerdateien der Landeskriminal&auml;mter und des Bundeskriminalamtes. Als Grund f&uuml;r diesen Zustand geben die Sicherheitsbeh&ouml;rden die noch ausstehende Rasterfahndung in Hessen an. In Hessen wurde die Rasterfahndung im Februar 2002 gerichtlich gestoppt. Auch nach einer Gesetzesversch&auml;rfung scheiterte das Hessische Innenminis terium an den Klagen ausl&auml;ndischer Studenten. Aber nicht nur in Hessen hat die Rasterfahndung zu einer F&uuml;lle von Rechtsfragen<br \/>gef&uuml;hrt.<\/p>\n<h5><span id=\"zur-zulaessigkeit-der-rasterfahndung\">Zur Zul&auml;s&shy;sig&shy;keit der Raster&shy;fahn&shy;dung<\/span><\/h5>\n<p>Die Rasterfahndungen m&uuml;ssen laut Gesetzestexten in den meisten Bundesl&auml;ndern &laquo;zur Abwehr einer gegenw&auml;rtigen Gefahr f&uuml;r den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes oder f&uuml;r Leib, Leben oder Freiheit einer Person&raquo; erforderlich sein. Der Rechtsstaat gebietet das Vorliegen einer gegenw&auml;rtigen Gefahr, also einer notstands&auml;hnlichen Situation als Voraussetzung f&uuml;r Grundrechtseingriffe, wie sie mit der Rasterfahndung einhergehen. Das hei&szlig;t, bei einem Eingriff in die Grundrechte vieler Unbeteiligter muss &laquo;die Einwirkung des sch&auml;digenden Ereignisses bereits begonnen haben oder die Einwirkung muss unmittelbar oder in allern&auml;chster Zeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bevorstehen&raquo; (Landgericht Wiesbaden).<\/p>\n<p>Im Februar 2002 hat das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt die Rasterfahndung in Hessen letztinstanzlich gestoppt. Das OLG Frankfurt best&auml;tigte damit einen Beschluss des Landgerichtes (LG) Wiesbaden. Das LG Wiesbaden hatte die Rechtsauffassung der Kl&auml;ger best&auml;tigt und klargestellt, das es sich bei der Rasterfahndung um eine Ma&szlig;nahme handelt, die &#8211; da sie eine Vielzahl von Unbeteiligten betrifft &#8211; nur unter engen Voraussetzungen zugelassen<br \/>ist.<\/p>\n<p>&Auml;hnlich hatte auch das Landgericht Berlin entschieden. Am 22. Januar 2002 gab das Landgericht Berlin beschwerdef&uuml;hrenden Studenten Recht und erkl&auml;rte die seit September 2001 durchgef&uuml;hrte Rasterfahndung an Hochschulen und anderen &ouml;ffentlichen Einrichtungen f&uuml;r rechtswidrig. Die Beschl&uuml;sse des Amts gerichts Tiergarten zur Anordnung der Rasterfahndung wurden aufgehoben. Das LG Berlin sah die Voraussetzungen f&uuml;r eine Rasterfahndung als nicht gegeben an und beurteilte die durch den Datenabgleich verursachten Grundrechtsbeschneidungen ebenfalls als unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig und damit unstatthaft.<\/p>\n<p>Der Beschluss des LG Berlin wurde jedoch vom Kammergericht Berlin aufgehoben und die Rasterfahndung aufgrund der Amtsgerichtsbeschl&uuml;sse f&uuml;r rechtm&auml;&szlig;ig erkl&auml;rt. Das Kammergericht begr&uuml;ndete, dass das Landgericht die Anforderungen an die Wahrscheinlichkeitsprognose f&uuml;r die gegenw&auml;rtige Gefahr &laquo;&uuml;berspannt &raquo; habe. Es m&uuml;sste vielmehr von einer &laquo;Dauergefahr&raquo; ausgegangen werden, bei der wegen der Schwere der m&ouml;glichen Gefahr die Anforderungen an die Prognose &laquo;eher gering&raquo; seien.<\/p>\n<p>Mit dieser &laquo;neuen&raquo; Definition der gegenw&auml;rtigen Gefahr begab sich das Kammergericht in eine problematische Situation. Waren die Gerichte in Hessen und Nordrhein-Westfalen noch von der Notwendigkeit des Vorliegens einer gegenw&auml;rtigen Gefahr &#8211; mit den damit verbundenen rechtsstaatlichen Konsequenzen &#8211; ausgegangen, f&uuml;hrt eine angenommene &laquo;Dauergefahr&raquo; mit der verbundenen Definition, je schwerer eine m&ouml;gliche Straftat umso geringer die Anforderungen an die Prognose, in ein rechtsstaatliches Dilemma.<\/p>\n<h5><span id=\"verschaerfungen-der-sicherheits-und-polizeigesetze\">Versch&auml;r&shy;fungen der Sicher&shy;heits- und Polizei&shy;ge&shy;setze<\/span><\/h5>\n<p>Aufgrund der Tatsache, dass die Innenminister von Hessen und Nordrhein-Westfalen die gerichtlichen Entscheidungen als &laquo;Niederlagen &raquo; und nicht als Mediatisierung der Exekutivmacht verstanden haben, wurden in beiden Bundesl&auml;ndern Gesetzesinitiativen gestartet, um die Rasterfahndung zu vereinfachen.<\/p>\n<p>W&auml;hrend die Gesetzes&auml;nderung in Nordrhein-Westfalen noch nicht abgeschlossen ist, hat die schwarz-gelbe Koalition bereits im August 2002 die Novelle des Hessischen Gesetz &uuml;ber die &ouml;ffentliche Sicherheit und Ordnung (vgl. &sect; 26 Abs. 1 HSOG) beschlossen. Sie enth&auml;lt zwei Neuerungen: die Absenkung der f&uuml;r die Durchf&uuml;hrung der Rasterfahndung notwendigen Gefahr und die Abschaffung des Richtervorbehaltes. F&uuml;r die Rasterfahndung in Hessen soll k&uuml;nftig nicht mehr das Vorliegen einer gegenw&auml;rtigen Gefahr notwendige Voraussetzung sein. Sie soll nun vielmehr bereits dann zum Einsatz kommen d&uuml;rfen, wenn sie zur Verh&uuml;tung von Straftaten erheblicher Bedeutung dienlich ist. Der Richtervorbehalt wurde zugunsten eines &laquo;Beh&ouml;rdenleitervorbehalts&raquo; aus dem Gesetz entfernt. Das hei&szlig;t, die Anordnungskompetenz wurde vom Richter auf den Beh&ouml;rdenleiter &uuml;bertragen, der jetzt mit Zustimmung des Landespolizeipr&auml;sidenten eine Rasterfahndung anordnen kann. Eine &laquo;externe Pr&uuml;fung&raquo; bzw. Mediatisierung geht somit verloren.<\/p>\n<h5><span id=\"skepsis-unter-studierenden-und-datenschuetzern\">Skepsis unter Studie&shy;renden und Daten&shy;sch&uuml;t&shy;zern<\/span><\/h5>\n<p>Nach einer Studie des Lehrstuhls f&uuml;r Soziologie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakult&auml;t der Universit&auml;t Erlangen- N&uuml;rnberg st&ouml;&szlig;t die Rasterfahndung an den Hochschulen auf gro&szlig;e Skepsis. Nicht wenige Studierende halten die Rasterfahndung f&uuml;r ineffizient, ungerechtfertigt und haben datenschutzrechtliche Bedenken. F&uuml;r gerechtfertigt befinden nur insgesamt ca. 40 Prozent der befragten Studierenden die Rasterfahndung, wobei auch hier viele Studierende von der Effizienz der Ma&szlig;nahme nicht &uuml;berzeugt sind. Insgesamt sind nur ca. 16 Prozent der Studierenden davon &uuml;berzeugt, dass die Rasterfahndung gerechtfertigt und effektiv ist, w&auml;hrend 51 Prozent sie f&uuml;r ungerechtfertigt halten. So k&ouml;nnen sich 45 Prozent der befragten Stu63 dierenden vorstellen, gegen die Rasterfahndung einzutreten, w&auml;hren nur 12 Prozent der Studierenden angaben, dass sie sich aktiv f&uuml;r sie positionieren w&uuml;rden.<\/p>\n<p>Nach Beendigung der Rasterfahndung in Berlin &uuml;bte der Berliner Beauftragte f&uuml;r Datenschutz und Informationsfreiheit Kritik an der Rasterfahndungspraxis. In einem &laquo;Sonderbericht &uuml;ber die Durchf&uuml;hrung besonderer Formen des Datenabgleichs (Rasterfahndung) &raquo; skizziert er den Ablauf der Rasterfahndung in Berlin. So stellt der Datenschutzbeauftragte fest, dass auch nach Abschluss der Ma&szlig;nahme in Berlin die angefallenen Daten nicht gel&ouml;scht sind und der Datenschutzbeauftragte nur unzureichend informiert ist.<\/p>\n<p>Auch der nieders&auml;chsische Landesbeauftragte f&uuml;r den Datenschutz &uuml;bt in seinem T&auml;tigkeitsbericht 2001&#8211;2002 Kritik an der Durchf&uuml;hrung der Rasterfahndung. So fand bereits vor In- Kraft-Treten des neuen Paragrafen zur Durchf&uuml;hrung der Rasterfahndung eine Rasterfahndung bei den Ausl&auml;nderbeh&ouml;rden statt. Dar&uuml;berhinaus wird von Datensch&uuml;tzern die Rasterung beim bzw. vom Bundeskriminalamt (BKA) infrage gestellt. Das BKA hatte auf der Grundlage des BKA-Gesetzes die Daten der Landeskriminal&auml;mter zum Abgleich in eine Verbunddatei &laquo;Schl&auml;fer&raquo; eingespeist und mit weiteren &#8211; selbst auf freiwilliger Basis erhobenen &#8211; Daten abgeglichen. Somit f&uuml;hrt das BKA de facto eine bundesweite Rasterfahndung durch. Daf&uuml;r d&uuml;rften aber die rechtlichen Voraussetzungen fehlen. Die Klage eines Oldenburger Studenten gegen diese Praxis wird hoffentlich eine Kl&auml;rung herbeif&uuml;hren.<\/p>\n<h5><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h5>\n<p>Beschluss des LG Wiesbaden 4 T 707\/01: http: \/\/www.stud.uni-giessen.de \/ asta \/ aktuelles_fs.html<br \/>Rechtsprechung zur Rasterfahndung: <a href=\"http:\/\/www.cilip.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.cilip.de<\/a> \/ terror<br \/>Studie des Lehrstuhls f&uuml;r Soziologie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakult&auml;t der Universit&auml;t Erlangen-N&uuml;rnberg: <a href=\"http:\/\/www.soziologie.wiso.uni-erlangen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.soziologie.wiso.uni-erlangen<\/a>. de \/ publikationen \/ sonstiges \/ s_02-04_rasterfahndung.pdf<br \/>http: \/\/www.datenschutz-berlin.de \/ infomat \/ sonderbericht \/ rasterfahndung.pdf<br \/>http: \/\/www.lfd.niedersachsen.de \/ functions \/downloadObject\/ 0,,c1419797_s20,00.pdf<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[],"publikationen":[1021],"class_list":["post-10167","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","publikationen-1021"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Speicherung ohne Ende \u0096 Rasterfahndung in der Kritik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2003\/publikation\/speicherung-ohne-ende-rasterfahndung-in-der-kritik-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Speicherung ohne Ende \u0096 Rasterfahndung in der Kritik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Tjark Sauer Grundrechte-Report 2003, S. 59-63 Nachdem die pr&auml;ventive Rasterfahndung in Deutschland Ende 2001 erstmalig in allen Bundesl&auml;ndern angewendet wurde, ist die &laquo;computergest&uuml;tzte Fahndung&raquo; nach &laquo;islamischen Schl&auml;fern &raquo; noch nicht abgeschlossen. 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